Erinnerung an einen Dudelsackspieler

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Bil Millin bei den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag des D-Day. (Foto: dpa)

„Ich werde sein Dudelsackpfeifen niemals vergessen“, erinnert sich ein britischer Kriegsveteran. „Es erfüllte uns mit Stolz und es erinnerte uns an unsere Familien, für die wir gekämpft haben“. Bill Millin war der einzige Soldat, der bei der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 („D-Day“) die deutschen Stellungen in einem Schottenrock angriff. Dabei hatte der tapfere 21-Jährige keine Waffen mit außer des traditionellen Highland-Messers und seines Musikinstruments. Im Kugelhagel lief „Piper Bill“ auf dem umkämpften Strand bei Ouistreham auf und ab und blies bekannte Lieder, um die Moral der Truppe zu stärken. Der legendäre Schotte, der 1962 im US-Kriegsfilm „The Longest Day“ verewigt worden war, ist am Dienstag mit 88 Jahren in der Grafschaft Dorset gestorben.

Er kehrte in seinen letzten Lebensjahren immer wieder an jenen berühmten „Sword Beach“ im französischen Norden zurück, wo seine Brigade an einem Tag 280 Männer verlor. Bill Millin konnte bis zuletzt nicht verstehen, wie er den „D-Day“ überlebt hatte. „Ich war kein Held. Das waren die Soldaten hinter mir“, pflegte der bescheidene Pensionär zu sagen. Das sehen die Einwohner des Dorfes Colleville-Montgomery anders, die zum Gedenken an „Piper Bill“ 2011 eine bronzene Statue ihres trötenden Befreiers enthüllen wollen.

Bill Millin aus Glasgow hatte noch vor Kriegsbeginn als Berufssoldat bei der Highland-Infanterie mit dem Dudelsack blasen angefangen. Er meldete sich an die Front als „persönlicher Spieler“ des Brigadegenerals Lord Lovat, der dem jungen Soldaten 1944 durch eine Befehlsverweigerung zu Ruhm und Ehre verhalf. Die Schotten hatten im Ersten Weltkrieg oft zu Dudelsackklängen gekämpft, allerdings hatte London aus Sicherheitsgründen den Einsatz der Blasinstrumente am D-Day verboten. Der von Churchill geschätzte Lovat wollte die Deutschen jedoch unbedingt mit musikalischer Begleitung angreifen. „Der englische Befehl gilt für uns Schotten nicht”, entschied er. Als sie in die See stachen und Millin im Ärmelkanal laut zu spielen begann, warfen auf anderen Schiffen die überraschten britischen Soldaten vor Freude ihre Mützen in die Luft.

So erinnerte sich „Piper Bill“ an die schlimmste Schlacht seines Lebens: „Ich dachte nicht an den Feind. Mir war so schlecht auf dem Schiff, ich war froh, ans Ufer gehen zu dürfen“. Während um ihn herum seine Kameraden tödlich getroffen wurden, während andere Soldaten sich hektisch im Sand eingruben, watete Millin neben Lord Lovat durch die Wellen und spielte „Hieland Laddie“. Als er fertig war, hörte er durch den Lärm einen Schrei: „Noch ein Lied!“ So ging er am Wasser entlang und pfiff „The Road to the Isles“. Der Schotte bekam keinen Kratzer ab, nur sein Dudelsack wurde von Splittern getroffen. Nach der Schlacht fragte „Piper Bill“ einen deutschen Gefangenen, warum die Scharfschützen nicht auf ihn geschossen haben. „Alle dachten, du bist verrückt“, lautete die Antwort.

Millin beendete den Krieg bei Lübeck. Er arbeitete später als Krankenpfleger. Seine Geschichte wurde weltweit bekannt, als „The Longest Day“ mit John Wayne und Sean Connery zwei Oscars bekam. Der „Verrückte“ wurde im Kriegsstreifen vom „Offiziellen Dudelsackspieler“ der britischen Königinmutter verkörpert. Seit einem Hirnschlag 2003 war „Piper Bill“ an seinen Rollstuhl gefesselt, den er „Bills Streitwagen“ nannte. Vor dem Tod bat er seinen Sohn, seine Asche über dem „Sword Beach“ zu zerstreuen, wo seine Freunde begraben liegen.

Alexei Makartsev

2 Gedanken zu „Erinnerung an einen Dudelsackspieler

  1. Philippa Durst

    Besten Quellen zufolge ist Bill Millin nur indirekt aus Glasgow. Er ist in Regina, Saktetchewan, Canada geboren. Von dort sind seine Eltern 1925 nach Schottland ausgewandert nach Shettleston bei Glasgow. Aber viel wichtiger erscheint mir, daß er zu einem Ölzweig oder einer Friedenstaube geworden ist zwischen den Kriegsmächten. Nicht alle Deutschen, die nicht auf ihn geschossen haben, haben ihn wohl für dumm gehalten. Bei manchen war es vielleicht auch Mitgefühl mit einem Wehrlosen. Das adelt die vielbeschimpften Kriegsverbrecher im Nachinein. Nicht ein Schuß hat ihn getroffen, nur seinen Dudelsack. Für den hatte Piper Bill übrigens einen Ersatz im Rucksack. Mit dem hat er weitergespielt auf Sword Beach.

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