Warten auf Wunder in der Wüste: Die Briten und der Krieg

CHUCKMAN - GADAFFI - DEFENDING LIBYA TO LAST LIBYAN

Grafik: John Chuckman Blog (many thanks, John)

Gestern hat mir ein deutscher Freund in London erzählt, dass er im Büro von Engländern ausgespottet wurde. Es ging um Libyen. Die Briten können nicht begreifen, wie solch ein einflussreiches Land wie Deutschland (das sie offen respektieren) und solch eine „Powerfrau“ wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (die sie insgeheim bewundern) sich vor dem legitimen Kampf gegen den Diktator Gaddafi drücken können. „Die Untätigkeit ist auch eine Entscheidung, sie ist eine Politik, die Konsequenzen haben wird“, schrieb vor ein paar Tagen Ex-Premier Tony Blair in der „Times“. Autsch, ein Seitenhieb – ihr wisst schon, gegen wen.

Ich weiß nicht, ob in Deutschland gerade in jeder Kebab-Bude die Reichweite von „Tomahawk“-Marschflugkörpern diskutiert wird. In Großbritannien ist der Krieg jedenfalls sehr präsent. Er beherrscht die Titelseiten der Zeitungen, die TV-Nachrichten, die Talkshows, die Debatten im Parlament und die Gespräche in den sozialen Netzwerken. Manche finden die Angriffe gegen die libysche Flugabwehr so spannend wie Fußball. „Top Guns gegen Verrückten Hund – 1:0“ titelte heute die „Sun„. Ich bin nicht sicher, ob die jungen Leute, die vor ein paar Wochen die zehn Millionen Pfund teure Luxusvilla von Saif Gaddafi im Norden Londons besetzt haben, noch immer dort ausharren. Wenn ja, bloggen sie jetzt wahrscheinlich von dort stündlich ihre Kriegsanalysen in die weite Welt hinaus. Der „Daily Telegraph“ schrieb am vergangenen Freitag von einem 19-jährigen Engländer, der sogar sein Uni-Studium schmiss, um mit den Rebellen in Bengasi zu kämpfen. „Hoffentlich zeigen sie mir, wie man mit einem Gewehr schießt. Bislang habe ich nur Erfahrungen mit einem Wii“, gestand „Sam“ einem Reporter in der Wüste. Der Teenager konnte übrigens kein Wort Arabisch.

Warum ist diese Kampagne den Briten so wichtig? Es gibt sechs Gründe dafür. Erstens: Der Krieg ist ein gewaltiges multimediales Ereignis, das viele Menschen neugierig macht. Zweitens: Er lenkt von innenpolitischen Problemen, der Arbeitslosigkeit, den Steuererhöhungen, den Stellenkürzungen, den explodierenden Studiengebühren etc. ab. Das ist übrigens auch eine Erklärung, warum sich die britische Regierung so hineinsteigert. Drittens: Das Königreich, das wirtschaftlich und politisch zunehmend die globale Bedeutung verliert, will gerne in einer Offensive mit UN-Mandat den Ton angeben und sich wichtig fühlen. Viertens: Nach den mäßig erfolgreichen bis ruhmlosen Kriegen in Afghanistan und im Irak brauchen die britische Generäle einen Erfolg. Und die Bevölkerung, die anders als in Deutschland das Militär verehrt, gönnt es ihm gerne. Fünftens: Es gibt in London ein Gefühl der Scham, dass man Gaddafi und andere Diktatoren so lange toleriert, hofiert und für eigene Zwecke benutzt hat. Damit hängt auch der sechste Grund zusammen: Ich glaube, dass sich gerade das Wesen der britischen Außenpolitik ändert, in der Moral und Werte eine größere Rolle spielen werden. Es ist noch ein langer Weg, doch Cameron hat gerade einen ersten kleinen Schritt getan.

Das bedeutet nicht, dass die Briten einen langen Krieg führen wollen (und können). Die irakische Schmach sitzt tief. Ich sehe gerade, wie die Diskussion, ob man nicht zur Abkürzung der Operation „Odyssey Dawn“ einfach Gaddafi ermorden könnte, an Tiefe und Intensität gewinnt. Aus der Sicht vieler Briten wäre das ohnehin die beste Vergeltung für den Terroranschlag von Lockerbie 1988, der auf das Konto des Geheimdienstes geht. Manche Analysten nennen in diesem Zusammenhang ein weiteres Motiv: Je länger Gaddafi an der Macht bleibe, desto wahrscheinlicher werde eine Ost-West-Spaltung des instabilen Landes mit dem darauffolgenden Chaos, das keiner sehen will. Schließlich könnten die Rebellen mit zunehmender Dauer der Gefechte verstärkt zu terroristischen Kampftaktiken übergehen. Ob Cameron, Obama & Co Unbehagen bei dem Gedanken an eine mögliche neue Generation von arabischen Selbstmordattentätern haben? Wahrscheinlich schon.

Einen interessanten Gedanken las ich heute in einem BBC-Blog, wonach sich die Militärs in London die Kontrolle über der Küstenstadt Ajdabiya zum Mindestziel im Kampf gegen Gaddafi gemacht haben. Warum? Ajdabiya mit 75 000 Einwohnern ist ein wichtiger Knoten des weltweit größten unterirdischen Netzwerks von Leitungen, der die Städte und Siedlungen in der libyschen Wüste mit Wasser speist. Gaddafi nennt es das „achte Weltwunder“. Wasser soll der Schlüssel zum Sieg in diesem Krieg sein. Behält Gaddafi Ajdabiya unter Kontrolle, könnte er womöglich Bengasi verdursten lassen, das angeblich kaum noch Wasservorräte hat. Es würde mich gar nicht wundern, wenn jetzt die britischen SAS-Kommandos dort nach besten Zielen für die „Tomahawks“ suchen würden. Natürlich gibt in London niemand zu, dass die Spezialeinheiten zwischen den Fronten in Libyen aktiv sind. Offiziell heißt es: „Bodenkämpfe sind ausgeschlossen“. Wer, wenn nicht die SAS, hat aber gestern Alarm geschlagen, als die britischen Tornados zu einem 4800 Kilometer weiten Einsatz von einer RAF-Basis in Norfolk abhoben? Am Ziel des geplanten Raketenangriffs waren Zivilisten (angeblich auch CNN-Reporter). Als die „Schatten“ London darüber informierten, ordnete das Verteidigungsministerium den Abbruch der Mission an.

Es ist ein schwieriger Krieg. Natürlich hat der Despot in Tripolis aus Bosnien, dem Irak, Afghanistan und anderen Konflikten gelernt. Es gibt genügend Fanatiker um ihn herum. „Odyssey Dawn“ wird uns noch lange beschäftigen. Die angebliche arabische Einheit gegen Gaddafi ist eine Fata Morgana. Die Ressourcen der Koalition sind begrenzt. Es ist unmöglich, mit Raketen die Regierungstruppen zu bekämpfen, die sich in Misurate, Sirte und anderen Städten verschanzt haben. Es wird kein Wunder in der Wüste geben. Oder doch? Ich würde mich so gerne täuschen.

Für Libyen-Interessierte noch ein paar Twitter- und Internetquellen, die ich interessant finde:

– Interaktive Twitter-Karte der „arabischen Proteste“ im Londoner Guardian

– Britische Fregatte @HMS_Cumberland twittert (inoffiziell), Holländer @FMCNL hört Militärfunk der Alliierten ab

– interessaante Twitter-Quellen @LibyanTNC @lebeeya @bungdan @Libya_United

– witere Twitter-Quellen aus dem Kriegsgebiet: britischer Reporter @robcrilly, @OnlyOneLibya, @ChangeInLibya

– Luftwaffenfan David Cenciotti bloggt im Detail über „Odyssey Dawn“, gute Zusammenfassungen mit Bildern

– Übersicht der Waffen, die die Alliierten einsetzen

– gute interaktive Karte der Militäroperation im Guardian

– US-Kommandozentrale der OP Odyssey Dawn auf Twitter: @USAfricaCommand

– Zenga zenga, sheber sheber: Gaddafi zum Lachen (Musikvideo)

Alexei Makartsev

6 Gedanken zu „Warten auf Wunder in der Wüste: Die Briten und der Krieg

  1. Alexei Makartsev

    Danke für Eure Kommentare. Das wollte ich gerne sagen:
    Hara: Es ist natürlich rechtlich nicht zulässig. Ein britischer Militärexperte, den ich interviewt habe, sagte außerdem: „Die Beseitigung Gaddafis würde aus militärischer Sicht den Krieg abkürzen. Aber wer sagt denn, dass einer seiner Söhne, die ihm nachfolgen würden, die Kampfhandlungen sofort einstellen würde?“ Eine berechtigte Frage, finde ich.
    Michael L.: Finde ich nicht. Dem Ansehen Deutschlands hat die Enthaltung aus meiner Sicht nicht gut getan. Führungschaos entsteht u.a., weil die Operation so schnell geplant wurde – und weil die USA sich gerade zurückziehen, woibei die Briten ungerne den Franzosen die Führung überlassen wollen. Bald sollte sich dieses Chaos aber ordnen. Hoffe ich mal…
    Dentier: Absolut richtig. Aber das wissen die Briten auch – bis auf ein paar Heißköpfe in London.
    XiongShui: Ich habe auch ein Problem mit der Propaganda. Die Teilung Libyens ist eine reale Gefahr, das sagen auch meine Quellen. Was die Geldquellen angeht: So schnell werden sie wohl nicht versiegen. Gaddafi „sitzt“ angeblich auf einem Berg von 143,8 Tonnen Gold im Wert von 6,5 Mrd Dollar. Er muss es nur irgendwie ins Ausland schaffen, um es zu verkaufen – das ist allerdings ein Problem.

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  2. Jupp

    Wundert mich das gerade die Tommys laestern, meine irgendwo gelesen zu haben das einige Ihrer Mitbuerger gegen diesen Einsatz Ihrer Truppen demonstriert haben.

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  3. HARA

    Es ist für mich nur immer verwunderlich, wie sich Gaddafi und Co. öffentlich zeigen können, ohne einfach durch einen Scharfschützen erledigt zu werden. SAS und alle anderen Anti-Terroreinheiten haben doch gerade für solche Situationen ausgebildete Spezialisten in ihren Reihen. Es ist doch seit dem Altertum eine der einfachsten Strategien; Erledige die Führung des Gegners und der Krieg ist gewonnen. Was natürlich seit dem Irak noch viel stärker dann im Anschluss ins Gewicht fällt, ist die Frage nach einer vor der Entmachtung bereits vorhandenen Opposition. Da aber in Lybien die Aufständischen nicht nur aus Kuhhirten bestehen, sondern vielmehr führende Köpfe des Militärs und der Zivilverwaltung mit einschließt sollte Lybien, anders als der Irak, nach einer Befreiung nicht im Chaos untergehen.

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  4. Michael L.

    Ich hatte mich zuerst auch über die Enthaltung gewundert. Aber wenn man jetzt dieses Führungschaos sieht, so kann ich nur sagen „Gott sei dank“.

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  5. Dentier

    Mal was zum drüber nachdenken, kopiert aus Wikipedia:

    Die militärische Intervention zugunsten der Aufständischen verletzt das Gewaltverbot der UN-Charta und ist deshalb immer völkerrechtswidrig. Auch sonstige Unterstützung der Aufständischen stellt einen unzulässigen Eingriff in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates dar.

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  6. XiongShui

    Es gibt da auch noch eine (absurde ?) Theorie, nach der Merkel sich enthalten hat, um einen Dauersitz im Weltsicherheitsrat zu erlangen (Enthaltung bedeutet Zustimmung der ‚anderen‘ Staaten, welche dem Angriff skeptisch gegenüberstehen und damit eine Mehrheit). Auffällig ist jedenfalls, daß sich neben China und Russland gerade die drei Staaten enthalten haben, die einen dauerhaften Sitz im Sicherheitsrat wollen.

    Man weiß ja leider nicht, wieviel von den Bildern die wir sehen, Propaganda ist und wieviel echt. Wenn jedoch ein Cruise Missile mit einer Genaugkeit von 80 m treffen kann, besteht immerhin Hoffnung, der veralteten Technik von Gaddafi eine so entscheidende Schwächung beizubringen, daß die Rebellen nachher den Rest erledigen können. Zusammen mit dem Einfrieren von Gaddafis Konten sollte das hoffentlich reichen, dem blutigen Spuk in Libyen ein Ende zu bereiten.

    Völlig unübersichtlich wird die Lage allerdings, wenn das Land vor einem entscheidenden Erfolg der Rebellen auseinanderfällt – bisher hat Gaddafi die anderen Klans wohl mit Beredsamkeit und Geld bei der Stange gehalten. Wie das aussieht, wenn die Geldquellen versiegen, kann wohl niemand sagen.

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