Herzlich willkommen, liebe Journalisten! Wir nennen es Arbeit

Das Leben auf dem Ponyhof: Nicht nur reiten musst Du selbst.

Das Leben auf dem Ponyhof: Nicht nur reiten musst Du selbst.

Einzelne Kommentare danach waren vernichtend: „sterbenslangweilig„, „sowas von 2008!„, „um das zu hören, bin ich hier?“ Das schrieben Teilnehmer nach dem Kongress „Besser Online 2011“ vom Deutschen Journalisten-Verband.

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Herzlich willkommen in der Zukunft! Eine Bestandsaufnahme der Journalistenbranche ist kein Ponyhof.

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Aber wir nennen das Arbeit. Ich saß da auch auf dem Podium, zum Thema Social Media aus Arbeitnehmerarbeitgebersicht, und ahnte, dass man mit bloßem Erzähltem und ohne Maus unter der Hand wenn überhaupt mehr Steigbügelhalter als Reiseführer wird. Reiten müssen die Leute selbst.

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Journalistische Arbeit im Web bedeutet nun mal so etwas Banales, sich mit Popcorn und Dosenbier auf den Wahlsonntag ab 17.55 Uhr vorzubereiten und dann den einen und den anderen besonders schlauen Tweet dazu veröffentlichen. Zumindest wenn man bis dahin frei hat. Das ist pures Nachrichtenvergnügen, frisch aus dem gar nicht mehr so jungen Unterhaltungsressort einer Zeitung, nämlich der zukunftsträchtigen „Online-Abteilung“ – und das nicht nur, wenn die Chefin vom Dienst gerade im Dienst ist. Journalistische Arbeit online bedeutet auch unter Zweipunktnullbedingungen, verdammte neue Inhalte heran zu schaffen. Und wenn es keine neuen Inhalte gibt, die altbekannten frisch zu verpacken. Da mag die eine oder andere neue Technik helfen, aber ohne gewitzte Tweets und Kabarett geht das nicht. Die Zeiten ändern sich, sie boulevardisieren – und schaffen nebenbei neuen Raum für seriösen Journalismus.

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Und es gibt auch 2011 weitere neue Techniken, die so interessant werden, dass wir sie viel häufiger einsetzen sollten. Sowie ältere Techniken, mit denen wir unsere Fehler machen müssen.

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Neue Online-Säue weitgehend ohne Beteiligung von Journalisten unterwegs

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Anders als Christian Jakubetz glaube ich durchaus, dass zurzeit neue Onlinesäue en masse durchs Dorf gejagt werden. Dies geschieht freilich ohne große Beteiligung durch Redaktionen, Verlage, selbstständige Journalisten. Oder Kongresse.

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Es sind die Leser, Mobilfunkunternehmen und US-Internet-Dienste, die uns Leser treiben: Der massive Wechsel der Lesegewohnheiten hin zu den Nachrichten auf der Handfläche ist das eine; der massive Wechsel zu neuen Ansichten darüber, was überhaupt eine Nachricht ist, das andere. Über den Bürosport von Facebook-Lese-Mitteilungen als zweite versteckte Startseite unter dem oberen Browserfenster hinaus geschieht Folgendes:

  • Da macht etwa der Focus online mit einer Geschichte auf über die besten Gerüchte ums nächste Apple-Handy. Der massiv unterteilte Text (Handwerk!), ein um viele Links angereichtertes Stück (Handwerk!), ein auf die Suchmaschine optimiertes Werk (Handwerk!) wird meistgeklickt. Und dabei ist es ist ganz egal, dass die Geschichte auf jedermanns Spekulationen, Ideen und Fehlinformationen basiert und sogar mit einem ausdrücklich als gefälscht markierten, geklauten Bild illustriert wird. Das ist ein anderes Handwerk als früher, zumindest kein journalistisches; unter Online-Gesichtspunkten aber ein außerordentlich effektives.
  • Da vermehrt, etabliert sich gar das Format des Live-Streamens von Nachrichten, textlich, grafisch und im Handyvideo. Dass bei der Kabel-1-Fernseh-Panne neulich sieben Minuten lang auch kein deutscher Live-Ticker dieses offenbar wichtigen deutschen Fußballspiels funktionierte, ist das kein Thema?
  • Und da erfinden ein paar coole Menschen das Twitter für Fotos, das allen rechtschaffenen Medien eine Fundgrube für neue Einblicke ins Verbreitungsgebiet gräbt.

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Wie erschließen wir diese Inhalte? Vermutlich nicht mit dem weiterhin in vielen Redaktionen vorgeschriebenen Internet Explorer aus der IT-Ecke. Und auch nicht auf Workshops, bei denen das drei Meter breite gebeamerte Browserfenster die Namen und Titel der Konferenzteilnehmer zeigt. Anstelle von Beispielen des Besprochenen.

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Wahrheit ist schneller als Realität

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Im harten Alltag eines Onliners dauert es mehr als die auf dem Kongress besprochenen fünf Minuten, online etwas zu reißen. Und wenn man bei dem viel zu viel auf dieser Veranstaltung gepriesenen Flattr-Button mal unter die Motorhaube schaut, fällt selbst ein Richard Gutjahr schon mal einen Monat aus den Top 25. Von wie vielen eigentlich: 2500? Und wie viel Onliner können eigentlich tatsächlich innerhalb einer halben Stunde einen Flattr-Button einbauen?

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Die Kritik an mangelnden Ideen fürs neue verbesserte Online möchte ich hiermit offiziell ernst nehmen. Und somit inständig zurückfragen: Wir haben folgende drei ganz normale Online-Geschichten vom heutigen Tage. Bei allen drei haben Redaktionen versucht, das Beste draus zu machen. Nun frage ich hier: Was und wie wäre daraus unter Idealbedingungen online zu machen gewesen? Was also wäre „Besser Online 2011“?

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  • „Feuerwehr-Großeinsatz: Riesiger Schaden nach Großbrand am Schlachthof“ – Die Kollegen der Ruhr-Nachrichten berichten mit diverser Online-Technik über einen Brand. Was wäre „besser online“ gewesen?
  • „Bewaffneter raubt Sparkasse in Anhausen aus – Polizei entdeckt Fluchtwagen“ – Wir von der Rhein-Zeitung berichten über einen Überfall. Was wäre „besser online“ gewesen?
  • „Unser Online-Buga-Bild der Woche“ – seit 20 Wochen erfreuen wir uns in der Redaktion und in der Leserschaft an schlicht schönen Bildern der Bundesgartenschau. Was wäre „besser online“ davon zu machen gewesen?

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Ich erwarte Ihre und Eure Vorschläge, liebes Online. Und: Herzlich willkommen zu „Besser Online“: Wir nennen es Arbeit.

Marcus Schwarze

4 Gedanken zu „Herzlich willkommen, liebe Journalisten! Wir nennen es Arbeit

  1. Pingback: Besser Online 2011 in Bonn - Betrachtung zweier Thesen von Jeff Jarvis | Lerg Media

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