Social Media in der Redaktion: Der zündende Link ist ein stetiger Funke

Wie stark sich Social Media in den Redaktionsalltag einnistet, haben wir bei der Rhein-Zeitung in den vergangenen Tagen hautnah erlebt. Vier Beispiele.

Die meistgeklickten Text bei Rhein-Zeitung.de: Social-Media-Themen finden starke Beachtung.

Die meistgeklickten Text bei Rhein-Zeitung.de: Social-Media-Themen finden starke Beachtung.

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Freitag. Die an Fahrt aufnehmende Protestbewegung um Anonymous hat meine Online-Kollegin Sandra Elgaß ermuntert, einen Text über das Phänomen der diffusen Weborganisation zu verfassen. Gespeist aus Kontakten im Netz entstand am Newsdesk auch durch ihre hörbaren telefonischen Recherchen am Platz nebenan der berechtigte Eindruck, dass da mehr hintersteckt als ein Internet-Gimmick. Der Text unserer Volontärin wurde mit Hilfe unseres Redakteurs Christian Kunst zum Aufmacher befördert – ohne Pressekonferenz und einschneidendem Ereignis; Anlass war dieser allseits bemerkte schleichende Prozess, dass mit Anonymous etwas in Gang kommt, das nun einmal an gebührender Stelle festzuhalten ist: auf dem ersten Platz der Zeitung. Für unseren Nachrichtenchef und die Kollegen am Desk nichts Besonderes mehr: der Aufmacher diesmal von einer Kollegin aus dem Online-Ressort. Wichtige Themen kommen aus dem Netz.

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Wochenende/Montag. Die #0zapftis-Geschichte um den vom Chaos Computer Club entkleideten Staatstrojaner sorgte natürlich auch bei der Rhein-Zeitung für Aufmacher und mehrere „Themen des Tages“ in der Zeitung und online. Die Arbeit daran war eine ausschließlich netzbasierte: Noch während der Themenabstimmung mit unserer Korrespondentin in Berlin und beim Schreiben der letzten Fassung des Tages war ein offenes Tweetdeck-Fenster mitsamt einer eingestellten Suchspalte „#0zapftis“ unerlässlich; sonst wäre uns beispielsweise der Stand vom Nachmittag („Trojaner stammt angeblich aus Bayern“) nur einen Zweispalter auf der Titelseite wert gewesen. Tatsächlicher Stand am Ende: „Der Trojaner – ein Bayer„.

Der Trojaner war ein Bayer: Das Internetthema an erster Stelle der Zeitung.

Der Trojaner war ein Bayer: Das Internetthema an erster Stelle der Zeitung.

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Reaktion bei Google+ auf unsere Berichterstattung: Das schwierige Thema "Trojaner" funktioniert womöglich auch in gedruckter Fassung.

Reaktion bei Google+ auf unsere Berichterstattung: Das schwierige Thema "Trojaner" funktioniert offensichtlich auch in gedruckter Fassung.

Das Thema wurde einmal mehr Print-Aufmacher, weil wir nicht zuletzt über Twitter entscheidend früher als „normalerweise“ von zahlreichen Details Kenntnis erlangt hatten — bis hin zur Bestätigung, dass die umstrittene Software von der Firma DigiTask hergestellt worden ist und wie viel Geld sie dafür pro Installation haben wollte. Da hatten wir einen Tag später das Gefühl, dass selbst ein Online-Medium wie Spiegel Online aus unserer Printausgabe abgeschrieben hat. Social Media macht uns besser.

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Montagabend. Die Geschichte über eine vermisste junge Frau macht bei Facebook die Runde — in riesigem Tempo und immenser Größenordnung. „Das stellt eindeutig alles in den Schatten, was es bisher auf Facebook gab. Selbst die Pro-Guttenberg-Seite sieht da in ihren ersten Wachstumstagen lächerlich aus“, urteilt hinter den Kulissen mir gegenüber der Mainzer Medienunternehmer Tobias Huch, der die Pro-Guttenberg-Seite mitorganisiert hatte. Innerhalb von fünf Stunden wurde der Facebook-Beitrag über die Vermisste 58.000-mal geteilt, alle fünf Minuten fanden 2000 bis 4000 weitere Facebook-Teilnehmer den Beitrag so interessant, dass sie ihn weiterverbreiteten. „Die Welle hört gar nicht mehr auf“, sagte Huch am Abend.

Die Rhein-Zeitung bei Facebook.

Die Rhein-Zeitung bei Facebook.

.Das Thema aber hat zu diesem Zeitpunkt meines Wissens keine andere Redaktion im Blick. Für Rhein-Zeitung.de haben wir uns am nächsten Morgen zunächst bei der Polizei rückversichert, bevor wir einen recherchierten und später mehrfach überschriebenen Text dazu veröffentlichten. Damit nahm die Geschichte in der Social-Media-Welt plötzlich einen offiziellen Charakter an. Das spürten wir umgehend an den Zugriffszahlen.

Als die Vermisste am Mittag wohlbehalten gefunden wurde, war es natürlich erneut eine wichtige Geschichte. Das zuvor unanonymisiert veröffentlichte Suchbild der Frau haben wir verpixelt, ihren Namen aus unseren Veröffentlichungen redaktionell entfernt. Und unsere Leserschaft fand über Facebook von ganz allein den neuen Stand, verbreitete ihn erneut, während wir das Thema weitersponnen. Als am Abend SAT.1 mit der Geschichte herauskam, dass da eine Frau vermisst werde, die nun, hört, hört, bei Facebook gesucht wird, namen uns Leser das Hinweisen an die Kollegen  ab, dass sie laut Rhein-Zeitung vom Mittag bereits wohlbehalten gefunden wurde. Das Tempo erhöht sich weiter, und was bedeutsam ist für viele Menschen, verlagert sich.

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Dienstag. Ein privat betriebenes Fanforum zum Nürburgring steht vor Gericht wegen einer umstrittenen Veröffentlichung. Wir berichten über das Verfahren, der Betreiber Mike Frison hatte 60.000 Beiträge offline gestellt. Nun soll das Forum wieder online gehen — dank der Mithilfe zahlreicher Spender, die die Prozesskosten mittragen. Die Öffentlichkeit des Prozesses ist auch unsere Öffentlichkeit. Das spüren wir erneut an den Zugriffszahlen auf die Artikel unserer Reporter Frieder Bluhm und Jan Lindner. Und wir sehen es an den per Facebook verbreiteten Links auf diesen Artikel. Der Link allein zeichnet die Redaktion nicht aus; wir müssen dabei sein, mittendrin schreiben, Überprüftes als verlässlicher Augenzeuge selbst offiziell machen.

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Diese fünf Tage im Oktober 2011 zusammengefasst

Drucken oder empfehlen? Die "3 Tsd." unter einem Artikel bedeuten uns viel.

Drucken oder empfehlen? Die "3 Tsd." unter einem Artikel bedeuten uns viel.

Wir haben Internetquatsch, der sich zur Protestbewegung entwickelt; Behörden, die im Internet einen zu unterbindenden Quatsch machen; Menschenschicksale, die berühren; und Gesprächsbedarf, der vor Gericht mit barer Münze aus dem Netz durchgesetzt wird.

Und am Ende solcher vier, fünf Tage finde ich eine Internetumfrage aus diesen Tagen, mit deren vorläufigem Ergebnis mich meine Leser als Tüpfelchen auf dem i überraschen: Ein ernster Vorgang, der keine Scherze erlaubt.

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Das haben die mir, das haben wir uns geantwortet. Die Frage war gemünzt auf die internetaffin gemeinte Überlegung (Popcorn!, Einself!) wie man sich am besten vor dem Staatstrojaner schützt. Ha! Vor einer Woche war das noch ein neues lustiges Wort. Wolfgang Blau von Zeit Online erklärt nebenan beim NDR, warum Redaktionen selbstverständlich Social Media für ihre Berichterstattung nutzen — und wir aber auch aufpassen müssen, uns nicht mitreißen oder besser gesagt: hinreißen zu lassen.

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Ja, es wird ernst: Die Netzthemen sind keine Nerd-Themen mehr. Der zündende Link ist ein stetiger Funke.

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Update: Aus mehreren tausend eingesandten Fotos von der Bundesgartenschau haben wir die 100 beeindruckendsten ausgewählt. Auch das ist Social Media.

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Marcus Schwarze

9 Gedanken zu „Social Media in der Redaktion: Der zündende Link ist ein stetiger Funke

  1. Pingback: Media Future: Das Netz der Selbermacher » t3n Magazin

  2. Sandra Elgaß

    @Martin: Auch hierin sehe ich die Aufgabe von Medien: Bei einem ähnlichen Fall vor kurzer Zeit – Mädchen vermisst, Familie stellt Vermisstenanzeige in Facebook ein – wurde nicht nur die Anzeige hunderttausendfach auf Facebook geteilt, sondern viele Facebook-User riefen bei der Polizei an, um zu fragen, ob die Anzeige echt sei. So viele, dass echte Hinweise nicht mehr durchkamen, weil die Leitungen blockiert waren. Dass wir die Anzeige verifiziert haben und darüber Auskunft gegeben haben, hat dies meines Erachtens erheblich vermindert. Da niemand bei dieser anderen Anzeige wusste, ob sie echt war, haben (Un-) Lustige nach kurzer Zeit ein Fake-Profil des Mädchens aufgemacht – wohlgemerkt mit ihrem echten Foto – und sie darin extrem verunglimpft. Auch dies gilt es durch schnelles reagieren und informieren zu verhindern. Außerdem haben wir an dem Thema angeknüpft und mit einem Medienrechtler gesprochen, um zu klären und darüber informieren zu können, welche Konsequenzen es hat, wenn man so etwas auf Facebook teilt – als ganz normaler User, der helfen möchte. Auch das sehe ich als unsere Aufgabe als „die Medien“ an.

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  3. Ralph Adameit

    Und warum gibt es ausgerechnet in diesem Beitrag keine Links auf die Artikel? Finde ich unlogisch/schade. Hätte das gerne nachgelesen.

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  4. Martin Krigar

    Grundsätzlich sind viele Initiativen der RZ ja gut. Aber muss ausgerechnet die Geschichte einer 13-Jährigen – die zu Hause wegläuft, irgendwie erwartungsgemäß im privaten Umfeld wieder auftaucht, trotzdem zum facebook-„Star“ avanciert und von der RZ zur „jungen Frau“ verklärt wird – ein gelungenes Beispiel für das Zusammenspiel von social media und traditionellen Medien sein? Für die Öffentlichkeit mag das ja klick-interessant sein. Aber Journalisten bilden sich doch immer noch ein, den tatsächlichen Wert einer Nachricht einordnen zu können – hier gerade mit Blick auf das Mädchen, das offenkundig ganz andere Probleme hat… Wer seine User-Zahlen derart feiert, sollte hinterher nicht behaupten, er habe nur im Blick auf die gute Sache (hier die Suche nach einer Vermissten) mitgemacht.

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  7. Sabrina

    Und wir haben neben Schicksalen, einer Kultur der Protestbewegung sowie staatlichen Peinlichkeiten noch etwas: Unternehmen, die auf diesen Zug aufspringen wollen und es sich bereits recht erfolgreich im Social Media Bereich etabliert haben. Werbung verbreitet sich viral im Netz. Die Darth Vader Variante von VW hat über 40 Mio Views erzielt.

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