Medienwandel: Die Thesen von Christian Jakubetz und mein unperfektes Video

Wenn man etwas publiziert, sollte es Gehalt und Relevanz besitzen — zumal mit einer starken Marke im Hintergrund. Christian Jakubetz hat als Online-Experte, Journalist und Dozent zwei Tage lang junge Redakteure der Rhein-Zeitung dabei beraten. Sein Tenor, Punkt 1: Die Medienwelt wandelt sich massiv, kaum noch jemand ist ohne Facebook- oder mobilen Internet-Zugang unterwegs. Per Internet entstehen mit Video und Social Media  ganz andere Lesegewohnheiten. Im Kurzvideo (2:20 Min.) umschreibt er diesen Medienwandel und äußert sich zur Vorgehensweise der RZ:

Das war das Was. Aber es geht auch ums Wie.

Und damit kommen wir zu Punkt 2: Transparenz. Wenn man als Medienmacher der RZ so etwas wie dieses Video publiziert, sollte es grundlegende Dinge erfüllen. Das Auge, die Sehgewohnheiten der Internet-Leser und Zuschauer erwarten wegen der Erfahrung vom Fernsehen her Unverwackeltes. Die Einstiegsfrage eines Beitrags darf gerne knackig kurz sein und schneller auf den Punkt kommen. Und textlich darf da eine Einblendung gewiss auch mehr aussagen als die Zeile „Interview“.

Da bist Du zu langatmig

Kollegin Katrin Steiner hat mir Tipps und Hinweise gegeben, wie künftig solch ein Video besser zu gestalten ist, damit sein Gehalt besser beim Leser ankommt. „Ein Stativ!“ war ihre erste Reaktion auf dieses Video. „Da bist Du zu langatmig“, sagte sie zu meiner im Video zu hörenden Einstiegsfrage. Und in Sachen Bildaufbau gab sie mir den Tipp des Goldenen Schnitts: den Herrn Jakubetz, den ich mit einer Flip-Kamera kurz aufgenommen habe, hätte ich gerne auch weiter rechts im Bild platzieren können, empfahl sie.

Warum ich dieses Video dennoch publiziere? Weil ich weiß, dass die Kollegen draußen genau auf ähnliche Weise unterwegs sind. Wir fordern den Kollegen Journalisten im RZ-Land Einiges ab, wenn wir für bestimmte Themen auch das Video und den Zusammenschnitt zu einem vorzeigbaren Thema erwarten. Die Technik macht ja vieles einfacher. Anders als bei ARD und Co. sind dann keine Expertenteams unterwegs, die mitsamt Tontechniker, zwei Tagen Vorbereitungsmöglichkeit und sorgsam eingerichteter Sendefunkstrecke ihre gesammelten Informationen übermitteln. Da ist vieles Handarbeit. Es geht ums Lernen, Lernen, Lernen.

Hadern mit Fehlern

Wenn man Gehalt und Information in einem Video statt in einem Text am besten vermitteln kann, dann ist solch ein 2:20-Minuten-Schnitt vielleicht die bessere Wahl. Der Kollege Jakubetz hat hier ja nun tatsächlich etwas zu sagen. Und die RZMoJane und der RZMo sind als die beiden Videoexperten der Rhein-Zeitung täglich unterwegs und unternehmen das, worum es geht. Die Redaktion leistet sich diese beiden Spezialisten. Wenn vor der Loreley ein Tanker umkippt und die Bergungsarbeiten sich über Tage und vermutlich Wochen hinziehen, erstellen sie uns die Videos dazu, hadern mit merkwürdigen Fehlermeldungen beim Videoschnitt in Photoshop Premiere oder schlicht auch schwacher Funkanbindung beim Hochladen. Sie lassen uns per Twitter und Blog daran teilhaben.

Mit der Kraft einer mehrköpfigen Redaktion, und das ist der Punkt 3, entsteht eine neue Qualität. Anders als einzelne Blogger: Wir sprechen über unsere Beiträge, kritisieren uns gegenseitig, gewichten neu, platzieren um. Und geben uns gegenseitig Tipps und Verbesserungsvorschläge auch bei Videos. Als ich noch in der Ausbildung war, gab es Youtube noch nicht. Es gilt, weiter zu lernen, sich gegenseitig zu kritisieren.

Insofern bin ich allzeit Azubi, Webvideo ist nur teilzeitmäßig mein Fachgebiet. Aber als Medienmarke Rhein-Zeitung gilt es das zu entwickeln. Und wir Medienmacher müssen unsere Leserschaft daran teilhaben lassen, wie wir beständig weiterlernen. Sonst macht es jemand anders.

Diese Arbeit an den Nachrichten, das Entstehen von Beiträgen  transparent zu machen, ist Teil des eigentlichen Medienwandels: Live oder fast live dabei zu sein, wenn Nachrichten entstehen, wird zum Wesen des Webs. Leser online begleiten das, kommentieren uns, verbreiten weiter, kritisieren. Journalismus ist im Fluss. WWW als Rhein-Zeitung zu machen ist nicht nur, in der Zeitung und auf www.rhein-zeitung.de zusammenzufassen nach dem Motto: Was wirklich wichtig ist. Sondern auch: Wie etwas wurde, was wir zeigen. Das ist dann manchmal etwas wackelig, und beim nächsten Mal bin ich als Mitmacher etwas schlauer.

Und daran, liebe Leser, arbeiten wir.

Lesetipp, ein Buch!: Tom Rachman, „Die Unperfekten“ (Amazon-Link).

Marcus Schwarze

12 Gedanken zu „Medienwandel: Die Thesen von Christian Jakubetz und mein unperfektes Video

  1. Ralph Schneider

    @Horst: Experimente sind durchaus ok. Sie müssen allerdings Neues probieren.

    Die Experimentierphase mit verwackelten Flip-Videos ist Geschichte, der Trend heute geht zu Qualität und man experimentiert mit hochauflösenden DSLR-Kameras. Zumindest bei eine Interview-Format wie diesem gibt es keinen Grund, nicht mit besserem Equipment zu hantieren.

    Flip & Co haben ihre Stärke in spontanen, direkten, authentischen, intimen Situationen. So wählte Doral Chenoweth vom Columbus Dispatch die Flip (und nicht etwa die DSLR), um „The Man with the Golden Voice“ zu filmen – die Flip-Ästhetik ließ es wie ein zufälliges Fundstück aussehen.

    Was mich aber beim obigen Video mehr stört als das verwackelte Bild und der schlechte Ton, ist, dass Herr Jakubetz eigentlich nichts Neues erzählt und das Ganze darauf hinausläuft, dass sich die Rheinzeitung selbst lobt.

    Toll fand ich dagegen ein Video der MoJane, in dem sie einen LKW-Fahrer porträtiert, der mit 83 noch am Steuer sitzt. Pfiffige Idee, interessanter Inhalt, schön umgesetzt, technisch ok.

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  2. Marcus Schwarze

    @Paul Hahn
    Ein Facebook-Like-Button ist auf der Liste — empfehle für solche Listen zu erledigender Aufgaben übrigens wunderlist.

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  3. Marcus Schwarze

    @Horst
    Das Geld von ARD und Co. haben wir nicht. Daher nehmen wir stattdessen als Rhein-Zeitung unser Herz in die Hand und filmen und gestalten, was geht. Nicht nur die Technik macht vieles leichter, auch die Lesegewohnheiten ermöglichen es immer besser, sie, die Leser, zu erreichen. Umdenken ist doch längst im Gange. Und hier schon teilweise umgesetzt.

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  4. Horst

    Transparenz in allen Ehren, aber ich muss vehement Einspruch erheben: ich erwarte von einem Medium Qualität, keine Experimente und verwackelte Videos. Und dafür gibt es ausgebildete Kollegen: Kameramänner, Schnittexperten usw. (die natürlich ihr Geld kosten)

    Wenn sich die RZ mit Videos schmücken und profilieren will, dann soll sie gefälligst auch das entsprechende Geld in die Hand nehmen und qualifizierte Mitarbeiter darauf ansetzen, bzw. Mitarbeiter entsprechend ausbilden und mit Technik ausstatten.

    Ansonsten geht die Ausbeutung in dieser Brache immer weiter: der trimediale Reporter, der alles gleichzeitig können, machen und bearbeiten soll. Hauptsache effizient und billig…

    In den Verlagshäusern muss endlich ein Umdenken einsetzen, wenn wir uns nicht selbst überflüssig machen wollen.

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  6. Paul Hahn

    Ich find diese permanente Lernarbeit der SM-RZler einfach großartig und vorbildlich. Sie verbessert ganz deutlich die journalistische Relevanz der „normalen Tageszeitung“ RZ. Dass ich daneben immer noch gerne den Print mag, versteht sich von selbst.
    Gerne hätte ich hier in den Blogs und allen Online-Beiträgen die Möglichkeit, besonders like Beiträge direkt in Twitter oder Facebook zu verlinken, ohne etwas mühsam die Linkshorter zu suchen. Geht dat?

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  8. donnerkeilchen

    wer ist dieser experte, der die weisheit verkündet, Information müsse Gehalt und Relevanz haben? darüber hinaus wandele sich die Medienwelt massiv. EIn video müsse transparent sein, aha. Diese Weisheiten kann man auch am Bahnhofskiosk erfahren, da muß man kein Experte sein.

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  9. calceola

    Auch nach all den Jahren gilt immer noch der Satz: Content Rules!

    Natürlich können ganz viele das mit dem Video besser. Gerne auch mal Amateure die unendlich viel Zeit haben das Video zu bearbeiten, die jahrelang nächtens am Rechner sitzen und schneiden und machen und lernen. Heraus kommen dann so schreckliche Videos raus wie wir sie auf youtube jeden Tag sehen können.

    Aber in einer Redaktion geht es halt auch immer um Aktualität, ums Erster sein. Da sieht die Lernkurve halt anders aus. Was die Redakteure aber den Amateuren voraus haben sind die Jahre in der Redaktion, die Jahre auf Hundeausstellungen, Vereinssitzungen etc. Dort lernt man eine Geschichte zu erzählen oder den Inhalt von etwas zusammen zu fassen, einen Text zu erfassen. Video und Webvideo ist eine neue Technik, aber was zählt ist der und bleibt der Inhalt. Und dafür nehmen wir dann gerne mal etwas Wackeln und Langatmigkeit in Kauf.

    Also einfach weiter das machen was man gut kann un dmit dem Verbinden was neu ist.

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