"Bettina Wulff" abgefragt bei Google: Wie die Suchmaschine ihre eigenen Richtlinien verletzt

Bettina Wulff (Foto: Franz Richter, Wikimedia Commons)

Bettina Wulff (Foto: Franz Richter, Wikimedia Commons)

Die Computer sind nur so schlau wie die Menschen, die sie programmiert haben. So ist zu erklären, warum wir bei der Eingabe von „Peter Alt“, „Oliver Bier“ und bis vor Kurzem auch „Philipp L“ unlautere Autovervollständigungsvorschläge mit angeblichen sexuellen Orientierungen in der Google-Suche lesen konnten. Und so erklärt sich, warum wir bei der Suche nach „Bett“ noch heute wie schon im Dezember 2011 bei der Google-Suche nach „Bettina Wulff“ auf Vorschläge stießen, die auf Bilder einer Tina aus dem Rotlichtmillieu zeigten.

Das Kopfkino vervollständigt einen Zusammenhang, der unbewiesen, unlauter, üble Nachrede ist.

Google halt.

Wir Journalisten und der Google-Sprecher kommen damit klar, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Wir Journalisten haben das bis vergangenen Freitag nicht berichtet – Google hingegen schon. Und zwar seit Längerem, allerdings nur in der denkbar knappsten Weise: durch Verknüpfung der Suchwörter „Bett…“ und „Prostituierte“.

Der Algorithmus der Google-Suche zeige eben ein Spiegelbild der Suchbegriffe aller Nutzer, argumentiert Google-Sprecher Kay Oberbeck. „Google schlägt diese Begriffe nicht selbst vor – sämtliche in Autovervollständigung angezeigten Begriffe wurden zuvor von Google-Nutzern eingegeben“, zitiert die „Süddeutsche Zeitung“ den Sprecher.

Ist Google also eine unbeeinflussbar objektive Maschine? Wenn sich Google-Sprecher Oberbeck mit seinem „Spiegelbild“ da nicht mal täuscht: Das Spiegelbild ist, gelinde gesagt, verzerrt. Es blendet durchaus besondere Dinge aus. Eine Suche nach dem Wort „Sex“ offenbart beispielsweise nicht einen einzigen automatisch ergänzten Suchbegriff, obwohl „Sex“ vor einiger Zeit zu den Top 50 der Suchbegriffe in Deutschland gehört haben soll. Kaum zu glauben, dass es dazu nicht weitere geeignete Suchbegriffe gibt, die die Nutzer eingegeben haben. Und die die vermeintlich unbeeinflussbaren Google-Server ad hoc ergänzen könnten.

Der Grund ist schnell erklärt: Google erlaubt beileibe nicht alle automatischen Vervollständigungen. Google filtert nach subjektiven Kriterien:

Warum werden für ein bestimmtes Thema keine Vervollständigungen angezeigt? (…) Der Suchbegriff verstößt gegen die Richtlinien der automatischen Vervollständigung. Wir möchten Ihnen möglichst relevante Suchanfragen anbieten, schließen jedoch Begriffe aus, die in engem Zusammenhang mit Pornografie, Gewalt, Hassreden und Urheberrechtsverletzungen stehen.“

Das sagt hier nicht irgendein Internetversteher. Das erklärt das US-Unternehmen auf seiner eigenen Seite.

Irgendwo zwischen Hassreden und Urheberrechtsverletzungen, wenn nicht gar zwischen Pornografie und verbaler Gewalt dürfte der Begriff der Verleumdung im Fall Bettina Wulff vs. Google anzusiedeln sein. Ich vermute jedenfalls einen engen Zusammenhang zwischen „Bettina“, „Wulff“, „Escort“ und „Verleumdung“.

Es ist schon erstaunlich, dass Google Deutschland nicht einfach anerkennt, dass wahrscheinlich die internen, nicht weiter offen gelegten Richtlinien der automatischen Vervollständigung hier falsch angewendet wurden. Wer nach „Bettina Wulff Katzenpisse“ sucht, wird einen Schritt weiter derzeit auch fündig. Doch wurde ein Fundstück (Google nennt es „Ergebnis“) „aus Rechtsgründen“ entfernt, wie Felix Schwenzel herausgefunden hat. Es ist also möglich, in Google einzugreifen, bestimmte Kopfkinozusammenhänge zu unterbinden.

Das ist legitim und bestimmt sinnvoll. Das beweist aber auch: Es liegt im Bereich des Wahrscheinlichen, dass die Maschine zunächst einfach nur dumm Ergebnisse ausspuckt und sogar besonders dumm Begriffe vorschlägt, die erstens von keinem Beweis eines Zusammenhangs gespeist sind und zweitens selbst gegen Google-interne Richtlinien verstoßen. Drittens ist es durchaus möglich, dass Google das künftig einfach unterlässen könnte, als nächsten Begriff nach „Bett…“ einen der unlauteren Zusammenhänge anzubieten. Wenn die Menschen hinter Google das denn wollten.

Das planen die Menschen hinter Google aber derzeit nicht. Das ist wahrscheinlich auch angesichts der Komplexität von Sprache und schierer Anzahl von Sachverhalten in aller Welt kein Wunder; Google kann ja noch nicht mal eins plus eins zusammenzählen, sondern verlangt zwingend „1 plus 1“. Würde Google die Hürde für manuelle Eingriffe in seinen Such- und Vorschlagsalgorithmus nicht wie bisher besonders hoch legen, so könnte das Unternehmen vermutlich für alle Peter Alt…s dieser Welt und Oliver Bier…s eine eigene Callcenter-Rechtsabteilung von der Größe dreier Pentagons einrichten. Das wäre unbezahlbar. Maschinen sind günstiger.

Aber ist das auch unwünschbar und unerfüllbar, wenn Persönlichkeitsverletzungen von der Größe eines ungeheuerlichen Anwurfs „sie könnte eine Hure gewesen sein“ auftauchen? Auch mein Beitrag hier ist einer, der eine Frau ins weitere Gerede bringt, wenn auch geringfügig und hoffentlich in jeder Zeile distanziert-verständlich mit Blick auf die Medienpraxis; er dürfte auch bei Google auffindbar werden und in der Suche auf Rhein-Zeitung.de bei Verknüpfung entsprechender Begriffe. (Nur ist die automatisierte Vorschlagfunktion bei uns nicht so weit entwickelt wie bei Google.) Man könnte auch hinterfragen, warum solch eine brisante Nachricht „Bettina Wulff verklagt Google und Jauch“ zur besten Google- und Online-Sendezeit an einem Freitagabend auftaucht, wenn die meisten Redaktionen in den Feierabend gehen und die nächsten 36 Stunden über schwächer besetzte Onlineredaktionen und Algorithmen das Nachrichtenmaterial verarbeiten. Das würde aber ablenken.

„Ein Wissenschaftler kann nicht mit seinen Forschungen stoppen aus Furcht davor, was die Welt aus seinen Entdeckungen machen könnte“, sagte einmal ein berühmter Physiker. Die großartige Erfindung von Google als Universalsuchmaschine und vermutlich größte Errungenschaft der Menschen nach der Elektrizität darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass an einem Tag vermutlich im November oder Dezember 2011 irgendein Algorithmus einen Zusammenhang konstruierte, der einem Computervirus gleich im echten Leben von Köpfen zu Köpfen verbreitet worden war und der anschließend in einer automatisierten Datenbankzusammenstellung seinen Niederschlag fand — nur weil herausragend viele Internetnutzer nach Beweisen danach suchten. Das ist ein wahrscheinlich nicht bedachter Effekt.

An dem Ende dieser Effekte steht eine geborene Frau Körner aus Großburgwedel bei Hannover, die nicht mehr als viele Wahrheiten über sich veröffentlicht sehen möchte und vor allem weniger Unwahrheiten. Kopfkino generieren zu können, wie es Google zurzeit in vielen Fällen wunderbar gelingt, heißt auch Verantwortung. Und wenn es einmal nicht wunderbar gelingt, sondern schlicht eine Frechheit unbewiesener Zusammenhänge andeutet, dann könnte auch mal am Freitagabend ein Googlemensch das rote Telefon in seiner Zentrale anrufen.

Aber manchmal sind die Menschen eben nur so schlau wie die Computer, die sie befragen.

[Update: Autocomplete-Urteile deutscher Gerichte pro Google, Wulffs Anwälte stehen seit einem halben Jahr in Kontakt mit Google – siehe http://ku-rz.de/wulfftoene]

Von Marcus Schwarze, Redakteur Rhein-Zeitung

Marcus Schwarze

277 Gedanken zu „"Bettina Wulff" abgefragt bei Google: Wie die Suchmaschine ihre eigenen Richtlinien verletzt

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