Neue Vorratsdatenspeicherung: in Fußballstadien jede Bewegung von Fans hochaufgelöst filmen

Die Panomera-Kamera filmt aus zwölf Linsensystemen eine komplette Tribüne - und erlaubt es live oder im Nachhinein, auf jeden einzelnen Fan zu zoomen. (Foto: Dallmeier)

Die Panomera-Kamera filmt aus zwölf Linsensystemen eine komplette Tribüne – und erlaubt es live oder im Nachhinein, auf jeden einzelnen Fan zu zoomen. (Foto: Dallmeier)

Eine Geschichte meines Kollegen Lars Wienand hat in der vergangenen Woche zuwenig Aufmerksamkeit bekommen: Vereine der Fußball-Bundesliga arbeiten nach seinen Recherchen an grundlegend neuen Formen der Videoüberwachung ihrer Fans. Mit höchstauflösenden neuartigen Kameraverfahren werden Tribünen in Fußballstadien künftig so stark überwacht, dass noch im Nachhinein die Biermarke auf dem Becher jedes Fans entzifferbar wird. Juristen sträuben sich die Haare: „Der Rechtsstaat funktioniert nicht so, dass der Unschuldige seine Unschuld beweisen muss.“

Mit Hilfe spezieller Kameras der Firma Dallmeier electronic aus Regensburg werden Tribünen im Stadion bereits jetzt während des Spiels gefilmt. Eine solche Kamera besteht dabei aus zwölf einzelnen Linsensystemen – und ist in der Lage, „live oder nachträglich aus jedem Bereich einzelne Fans herauszuzoomen und theoretisch zu ermitteln, ob sie gerade eine Bratwurst essen oder eine Currywurst“, schrieb Wienand.

Die Panomera-Technik nimmt dabei laut Firmenprospekt bis zu 51 Megapixel große Bilder mit bis zu 30 Bildern pro Sekunde auf. Auf eine Entfernung von 160 Metern seien noch Personen zu erkennen;  bei herkömmlicher Bauweise der Kamera müsste man laut Martin Theis von Dallmeier sogar von einer 200-Megapixel-Kamera sprechen. Im Gegensatz zu sogenannten PTZ-Kameras muss sich der Operator nicht mehr zwischen Übersichtsbild und Detailaufnahme entscheiden, sondern hat stets Zugriff zum Geschehen sowohl in der Übersicht als auch herangezoomt zum Detail. „Bewegungen von Objekten, wie beispielsweise Personen oder Fahrzeuge, können so über lange Strecken ohne Aufzeichnungslücken oder Kamerawechsel nachvollzogen werden“, wirbt Dallmeier. Wie viel Terabyte an Daten dabei anfallen, ist unklar – der Preis einer Installation im Stadion beträgt bis zu 300.000 Euro. Fraglich ist auch, wie lange die Videodaten gespeichert werden und wer darauf Zugriff hat.

Vergleich zwischen einer 12-Megapixel-Kamera (links) und dem Panomera-System. (Foto: Dallmeier)

Vergleich zwischen einer 12-Megapixel-Kamera (links) und dem Panomera-System. (Foto: Dallmeier)

Eingesetzt wird das System nach Angaben von Dallmeier bereits in Dortmund, Leverkusen, Köln, Mönchengladbach, Regensburg, Berlin und Braunschweig. In Leverkusen sollen mit Hilfe der Speichertechnik 15 Anhänger identifiziert worden sein, die Raketen gezündet haben sollen. Beim 1. FC Köln werden nach Unternehmensangaben 12,5 Bilder pro Sekunde und 2,8 Millarden Pixel pro Sekunde übertragen. Die Aufzeichnung findet auf IPS-2400-Servern statt (PDF). „Bei Bedarf können die Daten auch ausgelagert und beliebig lange archiviert werden“, hieß es bei Stadionwelt-Business.  Bilder auffälliger Personen könnten dabei in Sekundenschnelle an Mobiltelefone der Polizisten im Stadion verteilt werden.

Der Jurist Nikolas Westkamp hält die Überwachung für überzogen: „Alle Fans im Stadion werden verdachtsunabhängig einer hoheitlichen Überwachung unterzogen, wie es das bei privaten Veranstaltungen sonst nirgendwo gibt“, sagte er der Rhein-Zeitung. „Der Rechtsstaat funktioniert nicht so, dass der Unschuldige seine Unschuld beweisen muss.“

Bereits vor anderthalb Jahren gab es Pläne, ähnlich wie 2012 in Sao Paulo (Video) Aufnahmen von Gesichtern im Stadion mit Bildern aus einer Datei „Gewalttäter Sport“ abzugleichen. In dieser Kartei werden in Duisburg nach Angaben von „Spiegel Online“ etwa 13.000 Personen erfasst. Ein Feldversuch im Jahr 2011, bei drei Heimspielen des Karlsruher SC in Videoströmen Gesichter zu erkennen, wurde nach Protesten von Fans abgesagt. Der baden-württembergische Innenminister Reinhold Gall (SPD) teilte seinerzeit mit, die „Kombination von Videotechnik und automatisierter Gesichtserkennung eignet sich in besonderer Weise zur Identifizierung von Personen“. Allerdings sah er als Antwort auf eine parlamentarische Anfrage (PDF) zweier Landtagsabgeordnete rechtliche Probleme für derartige Überwachungsmethoden: „Das Polizeigesetz enthält keine Rechtsgrundlage“. 

Besondere Vorsicht sei beim Einsatz dieser Techniken an „sensiblen“ Orten geboten – wie „Fußballstadien, Friedhöfen oder Flughäfen“.

Von Marcus Schwarze, Redakteur Rhein-Zeitung

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Marcus Schwarze

213 Gedanken zu „Neue Vorratsdatenspeicherung: in Fußballstadien jede Bewegung von Fans hochaufgelöst filmen

  1. Fan0815

    Tja, ganz einfaches Mittel dagegen: dem Stadion fernbleiben. Mal sehen wer den längeren Atem hat wenn die ersten Spiele *komplett* ohne Publikum stattfinden…

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