Zuruf | Netzspaß (2): Der „Parent Rap“ – Christliche Videomacher erreichen Millionen im Netz

"Don't make me count to one, two, three..." The Parent Rap - Screenshot vom Video.

"Don't make me count to one, two, three..." The Parent Rap - Screenshot vom Video.

„In the beginning there was Youtube – now there is Godtube.“ Der „Parent Rap“ mit christlicher Botschaft in originellem Gewand verbreitet sich derzeit über Facebook und Youtube. Jetzt erreicht er auch Massen vor deutschen Bildschirmen.

Lustige, gute gemachte oder smarte Videos wie dieses erhalten mithilfe von Social Media unter Umständen durch ständiges Weiterempfehlen der Nutzer immense Aufmerksamkeit – werden also viral. Vielleicht sah Gott ja, dass das gut in seinem Sinne war. Einige seiner Anhänger sind zumindest  der Meinung.

Wenn man zwischen 25 und 35 ist, und keine nennenswerten Ambitionen in Richtung Familiengründung hat, ist man genervt: Alle Welt heiratet, kriegt Kinder oder beides. Auf Facebook entkommt man den Babyfotos nur schwer (außer mit der App unbaby.me, aber das erklärt euch Kollege Benjamin Fiege an anderer Stelle). Ein Video mit der Botschaft, wie lustig, schön und erfüllend Familie sein kann, hat also bei mir denkbar schlechte Chancen.

God goes viral – christliche Botschaften werden in originelle Videos mit Unterhaltungswert verpackt

Beim „The Parent Rap“-Video war das mal erfrischend anders – ein amerikanisches Normalo-Ehepaar macht harte Rap-Gesten, Machart und Setting sind professionellen Musikvideos des Genres nachempfunden, aber die Hydraulics bringen nicht den amerikanischen Luxussportwagen, sondern das Bobbycar zum Bouncen und mit Gangsta-Attitüde und provozierendem Gesichtsausdruck wird über den Familienalltag gerappt. Eine lustige Mischung. Dem Video gelang es jedenfalls in Nullkommanichts, das Thema für mich mit einer positiveren Grunderfahrung zu verbinden. Nach einer kleinen Recherche ist klar: Der Effekt ist berechnet. Die Urheber: christliche Missionare aus Amerika. Der Fisch im Netz: Ich.

Hinter dem Video steckt die amerikanische christliche Organisation „Bluefish TV“ aus Richardson, Texas. Ihre Mission: Videos mit christlicher Botschaft erstellen und gegen eine kleine Gebühr zum Download bereitstellen. Pfarrern, Pastoren und Gesprächskreisleitern der Kirche sollen sie helfen, mit den Menschen in der Gemeinde ins Gespräch zu kommen. Über 100 000 Kirchen-Verantwortliche sollen die Videos der Organisation um Chef Brian Mosley schon in ihre Arbeit eingebunden haben. Gleichzeitig verbreiten sich die besten Videos millionenfach über Social Media-Plattformen wie Facebook und erreichen so auch Menschen, die bei der Google-Suche niemals „smarte, christlich angehauchte Videos“ eintippen würden. Egal, was man allgemein davon hält, die christliche Missionierung der Massen im Internet anzustreben: Die christliche Kirche in Deutschland steckt in einer Krise. Vielleicht ist ein solches Engagement im Netz eine ganz gute Teilstrategie, um wieder bei den Menschen anzukommen.

Screenshot der amerikanischen christlichen Videoplattform Godtube.tv.

Screenshot der Startseite der amerikanischen christlichen Videoplattform Godtube.com.

Christliche Missionare in Amerika haben den Sprung ins digitale Zeitalter schon geschafft

In Amerika gibt es diese Art der digitalen Missionierung schon länger. Mit „The Parent Rap“ (siehe Video unten) hat Bluefish.tv jetzt einen ihrer größten Erfolge – das Video ist ein halbes Jahr alt, aber seit es am 23. Februar von einer Nutzerin auf Facebook eingestellt wurde, haben aktuell mindestens 447 842 Nutzer es geteilt (Stand: 13. März, 9.30 Uhr). Jetzt hat das Video es auf die Bildschirme deutscher Onliner geschafft. Minütlich trudeln nun Kommentare und Likes ein (aktuell über 17600 Kommentare, über 102 000 Likes). Über sechs Millionen Views erzielte in der Vergangenheit das Video eines vierjährigen Mädchens, das kichernd einen Bibel-Psalm rezitiert. Ihr Vater hat es aufgenommen und Bluefish.tv auf Godtube.tv, einer Videoplattform zum Teilen christllicher Videos mit familienfreundlichen Inhalten, gepostet. „Wir sind die christliche Antwort auf Youtube“, sagt Godtube-Gründer Chris Wyatt einmal in  einem Interview. Auf der Plattform finden sich Videos christlicher Bands, Comedians oder Parodien westlicher Musik mit umgedichteten Texten, die sich auf die ein oder andere Art mit dem christlichen Glaube auseinandersetzen. Dabei nutzt das Portal den Mitmach-Faktor, von dem auch Youtube lebt: Jeder darf Videos bei Godtube.tv hochladen (nach Wyatts Aussage werden sie alle geprüft). So erhält die Diskussion von Glaubensfragen crowdgesourcten Input und frische Ideen, die von jenen kommen, die sich damit intensiv beschäftigen: den Gläubigen selbst. Und die haben manchmal eben die besseren Ideen. Sie sorgen mit smartem Content für Aufmerksamkeit – Und mithilfe von Social Media erreicht das potentiell und mit positivem Unterton wieder eher jene Menschen, die der Kirche aus vielerlei Gründen (Kölner Klinikskandal; Missbrauchskandal) auch in Deutschland heute reihenweise den Rücken zukehren: Jugendliche und junge Erwachsene.

Christliche Videoportale in Deutschland – Interview mit dem Macher von Holytube.de: „Viral konnte die Kirche ja schon immer ;).“

Ein deutsches Pendant zu Godtube.tv ist zum Beispiel holytube.de, ein Seitenarm von den Machern von holysheep.de, eines explizit christlich motivierten Blogs, auf dem jeder Autor werden kann. Die Macher wollen der eigenen Aussage nach „Jugendleitern und Mitarbeitern einen deutschsprachigen Online-Materialordner voller kreativer Ideen und Tipps für eine gesunde Jugendarbeit“ an die Hand geben. Ich habe mal dem dem Holytube-Gründer, Blogger, Schulseelsorger und Theologen Andreas Fronius ein paar Fragen gestellt.

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Holytube-Gründer Andreas Fronius:  "Digital Natives gibt es eben auch innerhalb einer Kirche mit einem 2000 Jahre langen Anfahrtsweg. Die Kirche kommt, und "viral" konnte sie ja schon immer. ;)"

Holytube-Gründer Andreas Fronius: "Digital Natives gibt es eben auch innerhalb einer Kirche mit einem 2000 Jahre langen Anfahrtsweg. Die Kirche kommt, und "viral" konnte sie ja schon immer. ;)"

Hallo Andy! Seit wann gibt es Holytube.de, wer steckt dahinter?

Hallo Sandra, danke für die Frage. Hinter Holytube.de stecke ich (Andy Fronius, Schulseelsorger und Jugendleiter an der Freien Evangelischen Schule Lörrach) als Leiter mit einem Team aus Jugendreferenten verschiedener Kirchen und Freikirchen aus Deutschland. Die Seite haben wir vor einem halben Jahr ins Leben gerufen. Sie ist aus Holysheep.de, einem Blog für Jugendarbeit heraus entstanden.

Das Ziel von Holytube.de ist es, christliche Videos auf einer Plattform zusammenzufassen. Deshalb das Motto „Christliche Videos für dich ausgesucht“. Als Vorbild für das Projekt hat die amerikanische Webseite Godtube.com gedient. Der Mehrwert der Seite besteht darin, dass wir im Team Videos aussuchen, die sich auf den christlichen Glauben beziehen, kreativ und einfach „uplifting“ sind. Der Besucher soll ein positives Erlebnis haben, wenn er sich durch die Seite klickt, und schön wäre natürlich auch, wenn die Videos einen im persönlichen Glaubensleben weiterbringen.

Wie wird die Plattform finanziert?

Die Seiten sind mein persönliches Anliegen. Sie sind ein Hobby und ich sponsere die Webseiten aus dem eigenen Portemonnaie. Zur Zeit experimentieren wir auch mit Werbeanzeigen. Bin gespannt, wie sich das Modell für die Seiten entwickeln wird.

Nutzen Pastoren, Pfarrer oder Leiter christlicher Gesprächsgruppen Inhalte auf Holytube.de und Holysheep.de? Wenn ja, wie?

Ja. Die Videos von Holytube.de werden als Aufhänger für Andachten verwendet. Beliebt ist z.B. ein Song von Gungor mit dem Titel „God is not a white Man„. In dem Video geht es um Gottesbilder. Auf Holysheep finden Jugendleiter jeden Freitag ein neues Spiel für ihre Jugendstunden. Außerdem Inspiration für ihre Andachten. Da sind beispielsweise „christliche“ Witze und Predigtillustrationen oder Tipps zu grundsätzlichen Dingen in der christlichen Jugendarbeit.

Viele Inhalte auf Holytube demonstrieren einen lockeren, manchmal auch ein bisschen selbstironischen Umgang mit dem eigenen Glauben. Und das funktioniert ja ganz gut im Netz. Aber wo sind da für dich die Grenzen?

Christen sind ja Menschen, die begriffen haben, dass sie Gott brauchen. Sich das einzugestehen bedeutet, Schwäche zuzugeben. Solche Videos zeigen oft Christen, mit denen man sich identifizieren kann. Und das ist sympathisch. Ich denke zwei Dinge sind wichtig, damit man mit solchen Videos keine Grenze überschreitet. Erstens sollte man sich nicht über Gott lustig machen; wer weiß, ob man ihn nicht doch mal im Leben braucht. Und zweitens sollte hinter dem Video eine helfende, tröstende oder ermutigende Einstellung stehen.

Screenshot Holytube.de

Auf Holytube.de sammeln Andreas Fronius und sein ehrenamtliches Team Videos mit christlichem Bezug.

Auf dem Portal gibt es ja auch sehr viel Humoriges. Gab es schon mal etwas auf Holytube, an dem sich Gläubige gestoßen haben? Was machst du in so einem Fall?

Einen solchen Fall hatten wir bisher nur einmal. Da haben einige aus der Community aber nicht den Inhalt kritisiert, sondern standen dem Urheber, der sein Produkt mit dem Video bewarb, kritisch gegenüber. So ein Fall ist Ermessenssache. Ich möchte ja aufbauen und nicht zerstören, helfen und nicht schaden, zurufen und nicht buhrufen. Das kritisierte Video haben wir dann wegen der Werbung von der Seite genommen.

Wie weit ist die Kirche in Deutschland Deiner Meinung nach in Hinblick auf ihr Engagement in den neuen Medien?

Die Kirche kommt. Langsam aber sicher. Der Papst twittert(e). Kirchliche Jugendgruppen nutzen rege Facebookgruppen und Twitteraccounts regionaler Jugendarbeiten sprießen wie Pilze aus dem Boden. Digital Natives gibt es eben auch innerhalb einer Kirche mit einem 2000 Jahre langen Anfahrtsweg. Die Kirche kommt, und „viral“ konnte sie ja schon immer. 😉

Denkst Du, dass die Kirche in Deutschland mithilfe der neuen Medien und des Internets wieder mehr Menschen erreichen könnte?

Als Theologe und Webdesigner habe ich zwei Seiten einer Medaille kennengelernt. Wer eine gute Webseite machen möchte, braucht nicht nur ein gutes Medium, sondern auch guten Content. Theologen haben aus christlicher Sicht den besten Content, sie haben was von Jesus zu erzählen. Da bieten sich die neuen Medien gut an.

Hast Du dazu weitere Ideen/Pläne?

Ich würde gerne mehr im Video & Podcastingbereich dazulernen. Vielleicht kommt da was in den nächsten Jahren. Aber das ist momentan nur eine Idee.

Danke dafür, dass Du mir so fix für ein Interview zur Verfügung standest!

Bitte sehr!

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Wie es zum Portal für christliche Jugendarbeit, Holysheep.de, kam, erzählt Andreas Fronius auch in einem Radiointerview mit einem Schweizer Sender. Kennt ihr noch weitere religiös motivierte Seiten und Organisationen aus Deutschland, die in ähnlicher Weise im Netz präsent sind, sozusagen „Go(o)d Practice“-Beispiele? Dann postet mir einen Link im Kommentar, aber bitte: keine Inhalte posten, die die religiösen Gefühle der Allgemeinheit verletzen könnten.

Sandra Elgaß

306 Gedanken zu „Zuruf | Netzspaß (2): Der „Parent Rap“ – Christliche Videomacher erreichen Millionen im Netz

  1. Boris Schneider

    Ich finde die Idee an sich ziemlich gut. Damit wird vor allem die jüngere (aber auch ältere) Zielgruppe gut erreicht. Die Kirche muss, wie alle anderen auch, im Internet vertreten sein und „viral“ gehen 🙂

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  2. Sandra Elgaß

    Hallo Maxim P., danke für den Kommentar! Ich finde auch, dass viel zu selten über frische Ideen, die von innovativen und/oder jungen Leuten aus der Kirche kommen, berichtet wird. Da wollte ich mal einen Gegenpunkt setzen. Schön, dass das ankam!

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  3. Maxim P.

    Also ich finde es irgendwie witzig und auch ganz gut, denn leider werden durch die ganzen negativen Schlagzeilen der Kirche und der altmodischen Kirchenmitglieder solche Mitglieder die eine gute Gemeindearbeit machen und auch wie man sieht nett und witzig sind mit runtergezogen. Ich denke aber auch dass viele der altmodischen Kirchen Mitglieder das ganze nicht gut finden werden, den Rap naja das ist Geschmackssache. Rap ist sowieso nicht meine Musik und es ist schon recht albern…

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