Zuruf | Digitale Zukunft: Von Lokaljournalisten, die auszogen, das Fürchten zu verlernen …

 

Viele Medienleute, so scheint es heute immer noch, greinen. Sie stehen wie der Ochs vorm Berg vor den Herausforderungen der digitalen Revolution – oft in Angst erstarrt, bewegungslos, perspektivlos: Wie stellen wir Zeitungsmenschen es im Zeitalter sinkender Auflagen nur an, dass wir nicht untergehen?!

 

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Aaaaaaaah! WAS MACHEN WIR DENN NUR?! Bild: © Maxi Posters

Man könnte aber auch umformulieren: Wie schafft es ein Medienhaus, aus den neuen Möglichkeiten, die die digitale Welt uns bieten, etwas zu machen? Was können wir bieten?

Da kann man jetzt so einiges drauf antworten: Eine neue Form der Nachrichtenverbreitung. Neue journalistische Spielarten. Gamification. eCommerce. Location based Services. Interactive Community. Interactive Ads. Blablabla.

Wer mit den ganzen Buzzwords was anfangen kann, ist zwar auf dem richtigen Weg. Worauf es aber wirklich ankommt, ist, dass diejenigen, die unser journalistisches Handwerk beherrschen, den Wandel in ihrer Branche akzeptieren, diese neuen Möglichkeiten erkennen und dazu selbst Ideen entwickeln. Sonst machen es andere. Und vielleicht welche, die vom Handwerk nix verstehen. Am Ende dieses Beitrags werde ich euch nochmal danach fragen. Alles dazwischen soll euch inspirieren!

 

Gestern: Content first. Heute: Content first. Zukunft: Content first.

 

Wenn nicht wir federführend in der digitalen, mobilen Welt wären, wäre das eher schlecht, denn auch unter den geänderten Prämissen neuer technischer Möglichkeiten kommt es auch hier vor allem auf eines an: die Einzigartigkeit und Qualität des Contents. Und das wird auch so bleiben.

 

Ein erster Schritt: Akzeptanz.

 

Die Verbreitung von Smartphones und Tablets nimmt zu. Unbestritten. Deshalb wandeln sich derzeit viele Branchen. Der lokale Handel steht vor der Frage, wie man mit der neuen Konkurrenz online umgehen soll und wie man die neuen Möglichkeiten nutzen kann. TV-Werber fragen sich, wie sie mit ihren Spots noch Menschen erreichen sollen, die leider jede Werbepause zum Mobilgerät greifen und ihre Aufmerksamkeit dem Surfen, Shoppen und Kommunizieren im Internet schenken. Schulen und Kindergärten stehen vor der Frage, wie ihren Schützlingen Medienkompetenz vermittelt werden kann. Gleichzeitig müssen sie auch für die Gefahren im Netz sensibilisiert werden.

„Das Internet als disruptive Basistechnologie nimmt Einfluss auf viele Branchen und Märkte und ermöglicht an vielen, wenn nicht allen Stellen neue Geschäftsprinzipien“, schreibt dazu Clayton M. Christensen schon 1997 in seinem Buch „Innovator’s Dilemma“ (S.17).

Und speziell über die Zeitungsbranche heißt es bei Christian Hoffmeister („Digitale Geschäftsmodelle richtig einschätzen“, Carl Hanser Verlag, München 2013, S. 6-7):

„Die Zeitungsbranche funktionierte jahrzehntelang stabil nach einem dominanten Modelldesign. Zeitungen waren periodische Print-Erzeugnisse, die über Kioske oder den Direktvertrieb distributiert wurden. Das Leistungserstellungsmodell basierte auf der Beschaffung von Inhalten, der Selektion aus der Masse an Inhalten entsprechend der Kundensegmente und der Produktion eines entsprechenden haptischen Produkts. Das Erlösmodell bestand aus einer Mischung aus Vermarktung des Werberaums und den direkten Erlösen durch Einnahmen aus dem Verkauf der gedruckten Zeitung an Leser.

Dieses Geschäftsmodell galt für alle Zeitungen, egal ob regional oder überregional, ob themenorientiert oder thematisch breitgefächert.

[…]

Von Zeit zu Zeit geschieht es aber, dass die stabilen Geschäftsmodellarchitekturen Risse bekommen und instabil werden. Manchmal werden sie so instabil, dass sie einstürzen und durch neue Modelle ersetzt werden. So befindet sich die Zeitungsbranche seit Jahren im Umbruch mit zum Teil dramatischen Konsequenzen.”

 

Und jetzt? Neues entdecken und Ideen entwickeln. Was ist so furchtbar daran?

 

Die Medienbranche schließlich fragt sich, wo der Ausweg aus der „Alles für umme online“-Mentalität ihrer Leser ist, und wie sie deren Aufmerksamkeit (zurück-) gewinnen können. Sie muss sich aber auch fragen, wie die sinkenden Einnahmen aus dem Anzeigenverkauf in ihren Printprodukten aufgefangen werden können. Das Modell Paywall in allen seinen Spielarten kann sicher nicht die Antwort sein.

 

Mobile, digitale Strategien: Facts & Best Practice

 

Dazu ein paar Zahlen und Ideen: 64 Prozent der Werbetreibenden wollen in mobile Werbung investieren, so die Ergebnisse einer US-Umfrage von Advertiser Perceptions. Gleichzeitig stört die Nutzer aber, wenn sie Werbung auf ihre Mobilgeräte bekommen – was meiner Ansicht nach daran liegt, dass es sich meist um langweilige Banner-Formate handelt. Eine Lösung: Interactive Ads nutzen unseren Entdecker- und Spieltrieb aus. Wir ändern die Lippenstiftfarbe des Models mit einem Tippen auf die rechts daneben abgebildeten Lippenstifte. Wir puzzeln uns die Autowerbung zusammen. Oder im Lokalen: Nach einem kleinen Multiple-Choice-Quiz zu regionalen Spezialitäten gewinnt der Nutzer eine Kleinigkeit aus einem der Shops, die sie anbieten.

 

Was auch bleibt: Guter Content kostet und erfordert Personal. Auch in der digitalen und mobilen Welt!

 

Gleichzeitig müssen sich die Entscheider in unserer Branche gerade da, wo das Produkt journalistischer und regionaler Content ist, eines abschminken: Nur weil die Veränderungen durch das Netz zu einem Großteil auf technischen Möglichkeiten basiert, bringt das nicht automatisch eine Automatisierung mit sich, was das eigentliche Produkt angeht. Mehr noch: Im obigen Beispiel muss es auch jeweils jemanden geben, der das Quiz entwirft, die lokalen Anbieter anspricht und überzeugt und das ganze fürs jeweilige Gerät programmiert.

 

Die kanadische La Presse investierte im großen Stil in ihren Content fürs Ipad

 

Dass das mit Investitionen einhergehen muss, zeigt sich auch am Beispiel der kanadischen La Presse, die (ziemlich viel) in ihre kostenlose (und erfolgreiche) Ipad-App investiert hat – über die Hälfte des Geldes übrigens in Personalkosten. (Vortrag auf dem Tablet & App Summit im Rahmen der World Publishing Expo in Berlin).

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Das gilt meiner Meinung nach besonders für regionale und lokale Medien: Digitale Produkte sind eher dann erfolgreich, wenn echte Lokal-Journalisten dahinterstehen und -arbeiten. Wenn sie in Kontakt mit den Menschen stehen. Wenn man das ihren Inhalten auch anmerkt. Das beweist die Rhein-Zeitung ja schon – als eine der ersten Zeitungen – seit Jahren. Oder hat es bisher jemand bereut, eigens einen Social Media-Redakteur eingesetzt zu haben? Dass andere Häuser nachziehen, ist Antwort genug.

 

Eine neue Darreichungsform im Journalismus: Die App Circa

 

Ganz ohne Personal wird es also nicht gehen. Content muss für einen bestimmten Kanal produziert und/oder wenigstens an die Nutzergewohnheiten des Kanals angepasst werden. Ein vieldiskutiertes Beispiel ist Circa, eine App für überregionale (vorwiegend US-) Nachrichten, die ein Journalisten-Team nach einem neuheitlichen Ansatz befüttert:

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Für Anthony De Rosa, Chefredakteur von Circa, war klar: News werden auf dem Smartphone anders konsumiert als über die Zeitung oder den Desktop. Die Leser wollen für den Überblick über die Hauptnachrichten nicht lange scrollen, um zu erfahren, was gerade passiert.

Deswegen werden die wichtigsten Nachrichten in kleine Schnipsel aufgeteilt und in kurzen, knackigen und klaren Sätzen auf den Punkt gebracht – immer ein Schnipsel/Fakt/Zitat/Bild pro Bildschirm. Über einen Zeitraum werden daraus Themen-Stories, weil immer ein neuer Schnipsel hinzukommt, wenn etwas passiert.

Auf dem Tablet und App-Summit in Berlin 2013 verneinte De Rosa meine Frage, ob das andere journalistische Arbeitsweisen mit sich brächte. Seine Journalisten würden genau so telefonieren, recherchieren, rausgehen und Quellen treffen, wie die Kollegen der althergebrachten Zeitung oder des Onlineportals.

 

Manchmal braucht es nur EINE gute Idee: Flipboard & Buzzfeed…

 

Auch (überregionale) Nachrichten-Apps mit neuen Bedien-Ansätzen und Design-Zutaten oder an die Vorlieben der Internetuser angepassten Inhalte sind bereits erfolgreich, zum Beispiel Flipboard und Buzzfeed:

Dabei macht Flipboard vor allem eine Innovation in Sachen Usability aus, die – fast schon tragisch, weil angelehnt an alte „Papier-Gewohnheiten“ – im Blättereffekt durch Wischen vom einen zum nächsten Screen besteht.

Buzzfeed auf der anderen Seite orientiert sich, was den Content angeht, sehr an den Nutzergewohnheiten im Netz. Da steht dann schon mal ein gut recherchierter Bericht eines eigenen (fest angestellten) Auslandskorrespondenten zur Syrienkrise neben einem Beitrag (eines ebenfalls fest angestellten Redakteurs), der die besten Katzenfotos der letzten Wochen mit lustigen Kommentaren versehen untereinanderreiht. Und als App funktioniert das ganze auch sehr gut – „Hey, schau mal wie lustig“, sagt der Schüler zum anderen im Bus und hält ihm den Katzenbeitrag auf seinem Smartphone vor die Nase.

 

Bild und die 1414-Community: Fotografieren Sie ihren Knackarsch – wir zahlen für die Bilder!

 

Das Modell von Bild und der App 1414 setzt derweil auf die Umkehrung von Produzent und Rezipient. Denn dank des Internets kann heute jeder veröffentlichen. Und viele tun es, siehe Facebook, trotz ungeklärtem oder gar fehlendem Schutz der Privatsphäre im Netz sehr gern. Die Kuratoren von 1414 rufen also Kampagnen aus: „Wie bunt ist euer Herbst? Macht ein Foto von eurer morgendlichen Kaffeetasse, eurem Haustier oder gar eurem Knackarsch und ladet es hoch.“ Für die besten Bilder lobt das Medienhaus Preise aus.

 

Leserreporter bei der WAZ: Honorierung für gute Fotos

 

Die WAZ-Gruppe fährt übrigens ein ähnliches Modell in Zusammenarbeit mit Scoopshot. Das Modell orientiert sich mehr in Richtung Leserreporter. Dabei werden Fotos sogar honoriert.

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Den Leserreporteransatz stellte die WAZ im Rahmen der diesjährigen World Publishing Expo am Media Port Social-Local-Mobile vor.

Auch regionale Kampagnen sind so denkbar – abseits von Unfällen & Co, bei denen nicht zuletzt der Rhein-Zeitung schon lange ihre Social Community zugute kommt. Zum Beispiel könnte man ausrufen: „Sendet uns ein Bild von jenen Ecken eurer Region, wo es für Radfahrer im Straßenverkehr gefährlich ist.“ Man muss nicht besonders visionär daherkommen, um zu merken, dass sich bei einer solchen Kampagne zusammen mit dem Umstand, dass Geodaten der Bilder ausgelesen werden können, ganz neue Möglichkeiten für den Lokaljournalismus – in online wie print – bieten. Und nur regionale und lokale Medien können solche Informationen adequat weiterbehandeln – mal ganz nebenbei.Denn wir sind da nahe dran und es interessiert unsere Leser in Rheinland-Pfalz/in unserer Stadt, nicht Leser aus einem anderen Bundesland.

 

Trial & Error, wohin man auch blickt!

 

Und für neue Ideen ist es mitnichten zu spät. Auch große Verlage machen heute nichts anderes als Trial & Error. Aber sie machen es.

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Quelle: Dsp-Partners App Datenbank – Klicken für die scharfe Ansicht!

Viele der Apps sind zwar verfügbar, aber eventuell noch nicht mit Leben gefüllt. Was schlussendlich funktioniert und was nicht, entscheidet sich am Markt. Ein Beispiel: Die App Last Minute von Springer. Hört sich super an. Braucht aber noch etwas Inhalt.

Blickt man zu red.web, der Softwareschmiede des Mittelrhein-Verlages, findet man auch hier schon gute Ideen, die regionale Verlagshäuser interessant finden dürften. Mit dem App-Publisher können Verlage eine App erwerben, die ihren Bedürfnissen und jenen ihrer Leser gleichermaßen entgegenkommt. Der Verlag kann sie relativ einfach kuratieren und Themendossiers oder die Berichterstattung zu aktuellen Ereignissen darin multimedial und schön aufbereitet bündeln und  kostenlos oder – weil exklusiv – kostenpflichtig anbieten. Eine langwierige Anmeldung im App-Store ist also nicht nötig. Für den Leser ist das alles leicht zu bedienen und angenehm zu konsumieren.

 

Es braucht EURE guten Ideen…Her damit!

 

Also, liebe Kollegen und liebe RZ-Community, ihr seht, es tut sich einiges – wollen wir da nicht mitmachen? Wenn ihr also beim Lesen eine gute Idee gehabt haben solltet, könntet ihr mir diese als Kommentar hinterlassen – ich würde mich – beruflich und aus Interesse – sehr darüber freuen!

 

homer

YES! Ich hab’s! Copyright Matt Groening

Nachtrag, 29.10.13, 10.40 Uhr: T3n hat hier Zitate erfolgreicher Unternehmer im Digitalbusiness zusammengestellt. Inspirierend. Und eines, das gut zu dem passt, was ich sagen will:

Jake Nickell, Threadless

„Don’t make decisions based on fear.“

Sandra Elgaß

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