Ich kann keine Torwarthandschuhe mehr bestellen

Dass es den Hallenfußball-Torwart Sascha Nicolay in Zukunft nicht mehr geben wird, habe ich an dieser Stelle ja schon angekündigt, doch jetzt fürchte ich, dass ich auch im Freien nicht mehr im Tor spielen kann. Nein, nein – nicht unbedingt wegen altersbedingter Verschleißerscheinungen an den Extremitäten oder dem Torso, sondern weil ich keine Torwarthandschuhe mehr bestellen kann.

Eigentlich wollte ich nur wie immer das Modell „Serie A“ der Firma Reusch bestellen. Seit nunmehr 21 Jahren spiele ich mit diesem Modell im Kasten. Wie immer wollte ich meinen Lieblings-Handschuh-Lieferanten in Garmisch-Partenkirchen anrufen und zwei, drei Paar „Serie A“ bestellen. Doch dann bin ich auf den unglücksseligen Gedanken gekommen, die Handschuhe auf der Internetseite der Firma zu ordern – und musste feststellen: „Serie A“ gibt es nicht mehr – also glaube ich. Im online-Katalog findet sich zwar ein wahrer Handschuh-Wust, aber keine „Serie A“.

Um zu verstehen, warum mir Serie-A-Torwarthandschuhe der Firma Reusch so wichtig sind, hier ein kurzer Exkurs in die Geschichte. Dass ich überhaupt Torwart geworden bin, liegt einerseits an Ronnie Hellström, dem legendären Schweden im FCK-Kasten, an Axel Weyand, meinem Jugendtrainer bei der Spvgg Wildenburg, der mich per Befehl „du gehst ins Tor“, einfach so in die Hütte verfrachtet hat, und daran, dass Torhüter eben Handschuhe tragen. Das fand ich immer klasse. Schon bevor ich in offiziellen Jugendteams gespielt habe, habe ich Torwarthandschuhe besessen. Auf der Wiese war es damit einfach leichter, Bälle abzuwehren, außerdem fühlte man sich doch ein bisschen mehr wie Ronnie Hellström, Toni Schumacher, Norbert Nigbur, Gerhard Heinze, Fred Bockholt, Wolfgang Kleff, Wolfgang Kneib, Helmut Roleder (ich höre jetzt auf Torhüter aus den späten 70ern und frühen 80ern aufzuzählen, weil es ja um Torwarthandschuhe geht)…

Vor meinem ersten offiziellen Jugendspiel überhaupt (in Kirschweiler für die Spvgg Wildenburg (3:1 gewonnen, Tore, wen es interessiert: Dirk Heß und Lutz Kohlhass (2)) habe ich ein paar nagelneue Torwarthandschuhe geschenkt bekommen. Und zwar von meiner Oma in Kusel. Die war die Dinger kaufen. Sie waren schwarz mit rotem Gummibelag, und – wenn ich mir das Logo auf dem Torwarthandschuh-Rücken ins Gedächtnis zurückrufe – von der Firma Uhlsport. Ich mochte die Dinger sehr, weil sie zu groß waren und so wunderbar rochen. Meine Oma hatte sie nach dem Kauf nämlich in ihre Handtasche gesteckt. Dort ist dann ihr Nagellackentferner aus- und über die neuen Handschuhe gelaufen. Viel Zeit habe ich danach vor jedem Einsatz mit Handschuhschnüffeln verbracht – keine Ahnung, ob das Doping war.

Irgendwann sind die Dinger kaputt gegangen, und ich habe neue gebraucht und wieder von der Oma bekommen. Die waren weiß, mit blauem Belag und haben nicht so wunderbar nach Nagellackentferner geduftet, sondern nach Kunstleder gestunken. Ich habe die Teile nicht gemocht und deeshalb aus Protest keine Bälle mehr gehalten. Mein Jugendtrainer – der schon erwähnte Axel Weyand, selbst Torwart, hat sofort erkannt, dass meine Formkrise alleine mit den Handschuhen zusammenhing, und hat mich in ein Sporthaus in Rhaunen geschleppt. „Jetzt kaufen wir mal ‚gescheite‘ Handschuhe“, hat er gesagt. Bekommen habe ich meine ersten Torwarthandschuhe mit Klettverschluss (heute heißt das glaube ich „wrist-bandage). Die Dinger waren blau mit weißer Aufsschrift – und sie wurden in der Bundesliga von Jean-Marie Pfaff getragen, weshalb ein gewaltiges „P“ auf dem Handrücken prangte. Pfaff mochte ich nicht, sondern Hellström oder, wenn es denn kein Schwede oder FCKler sein sollte, Toni Schumacher. Pfaffs Handschuhe fand ich aber klasse. Blöderweise sind die irgendwann auch kaputt gegangen, und ich habe wieder einmal neue gebracht. Die waren weiß, mit rotem Belag, hatten Klettverschluss und waren von Uhlsport. Eine emotionale Bindung hatte ich zu ihnen nicht. Erst wieder zu den nächsten.

Die habe ich in Kaiserslautern gekauft, bekam sie von meinen Eltern bezahlt, und sie wurden mir vom Sportgeschäftsbesitzer empfohlen. Der hieß Sepp Stabel, war Ex-Bundesliga-Torhüter und beim FCK früher die Nummer zwei hinter – Ronnie Hellström. Dieser Mann war deshalb total vertrauenswürdig, obwohl auch er mir Jean-Marie-Pfaff-Handschuhe verkauft hat. Die waren gelb-schwarz, und zum erstenmal hatte ich Handschuhe mit diesem wunderbaren weißen Innenbelag, der wie Uhu klebte. Gut, wenn der Staub von den Hartplätzen meiner Jugendzeit dran haften blieb, dann klebte gar nix, dann waren die Bäller glitschiger als wenn ich keine Handschuhe angezogen hätte. Aber zu einem Torwart gehören Handschuhe – auch wenn sie glatt und von Jean-Marie Pfaff sind. Die Dinger habe ich geliebt, aber auch sie sind einfach irgendwann kaputt gegangen. Ich habe dann blaue Handschuhe von Adidas, die Toni Schuhmacher beworben hat, ausprobiert und muss sagen. Großartig die Dinger – nur geliebt habe ich sie nicht. Liebe habe ich nur zu Reusch-Handschuhen entwickelt, und fortan habe ich nur noch mit Modellen dieser Firma gespielt.

Übrigens möchte ich festhalten, dass Modelle von Uhlsport, adidas, Erbacher, Puma, Nike und weiß der Himmel von welchen anderen Fabrikaten (viele habe ich im Training ausprobiert und auch dort getragen) zweifellos keinen Deut schlechter waren. Ich habe halt einfach Reusch-Handschuhe bevorzugt.  Die Torhüter, die sie trugen, spielten nach und nach keine Rolle mehr. Wichtiger war der Schriftzug der Firma, der quer über dem Handrücken prangte. Großartig und professionell sah das aus.

Bis ins Jahr 1988 habe ich Torwarthandschuhe in Sportgeschäften gekauft, dann ist mir der erste Katalog jener Spezialfirma in Garmisch-Partenkirchen in die Hände gefallen. Und fortan habe ich Handschuhe nur noch bestellt. Bei jeder Bestellung habe ich ein anderes Modell angefordert, bis sich 1994 zum ersten Mal „Serie A“ getragen habe. Fortan wollte ich nur noch „Serie A“. Die Optik des Handschuhs wechselte, aber der Schnitt blieb immer gleich. Meine Finger haben ihn so sehr geliebt, dass sie „Serie A“ quasi geheiratet haben. Zu Beginn unserer Liaison gehörte „Serie A“ zu den Hochpreismodellen. Nach und nach ist er in der Preishierarchie nach hinten gerückt – aber meine Liebe zu ihm wurde nur größer. Auch, weil er ohne Firlefanz wie Finger-Safe ode sowas auskam. Einfach großartig dieses Handschuhmodell – ungefähr 387 Paar habe ich davon gekauft und meinen Handschuhversandhändler damit reich gemacht. So reich, dass er seine Handschuhe nun sogar online verkaufen kann.

Und jetzt finde ich im Online-Katalog „Serie A “ nicht mehr…

Ich muss mich für ein anderes Modell entscheiden, aber wie soll das gehen. Ich spiele seit mehr als 30 Jahren im Tor, fühle mich aber seit ich den Online-Torwarthandschuh-Katalog gesehen habe, nicht mehr kompetent.

Ich kann mich einfach nicht entscheiden, ob ich eher das Modell „Waorani“, „Raptor“, „Toruk“ oder doch „Keon“ wählen soll. Das Problem liegt nicht nur in der Wahl des Modells, ich muss schließlich auch noch entscheiden, ob mir nun die Technologien „Pro Flex“, „Expanted Finger Tips“, „Shockshield Advanced“ oder doch eher „Pull Loop“ beziehungsweise „AirVentSystem“ wichtig sind. Alles entscheidend freilich ist der Schnitt: Nehme ich jetzt „Dual Rolled Expanse Cut ESS“ oder „Surround Cut ESS“? Ich weiß einfach nicht, was ich nehmen soll, und ich weiß einfach auch nicht, ob ich ohne „Serie A“ überhaupt noch Bälle halten kann. Ich bin wie meine Torwarthandschuhe anscheinend ein Torwartauslaufmodell.

Vielleicht sollte ich jetzt doch endlich meine letzten „Serie-A-Modelle“ an den Nagel hängen, nicht mehr über schwer verständlichen Handschuh-Online-Katalogen grübeln und Feldspieler werden. Auch, wenn es keine schwarzen Fußballschuhe mehr gibt…

 

Sascha Nicolay

Ein Gedanke zu „Ich kann keine Torwarthandschuhe mehr bestellen

  1. Ralf MP

    Hallo Sascha, toller Blog, auch wenn er schon zwei Jahre alt ist. Habe ihn gefunden,als ich mal wieder „Jean-Marie Pfaff“, mein Idol, gegoogelt habe. Hoffe, du liest das hier noch! Wir haben nämlich fast 1:1 den gleichen Werdegang hingelegt, zumindest was die Handschuhe angeht! Und soweit auseinander leben wir auch nicht, ich komme aus der Eifel! Meine ersten Handschuhe waren die blau-weißen Pfaff, ich glaube, die hatten den breitgerillten Belag und waren mir viele Nummern zu groß. Ich weiß noch, dass mein damliger Torwarttrainer meinte, dass nicht mal er solch teure Handschuhe besitze (59,90 DM)!!!! Danach kamen die gelben Pfaff mit dem weißen Belag, der aber sehr schnell kaputt ging. Das Modell habe ich mir übrigens vor ca. 2 Jahren nachbauen lassen (allerdings mit blauer Negativschnitt-Innenhand, wie Pfaff sie im Landescup-Finale 87 trug…) es gibt so einen Online-Händler, der Handschuhe wunschgerecht anfertigt. Die Reusch mit dem breiten Schriftzug habe ich geliebt, danach viele Jahre immer die Reusch Bundesliga gekauft (waren damals glaube ich gleich mit der Seria A), aus den gleichen Grüden wie Du: Kein Schnickschnack, weißer Belag, fertig!!! Und bestellt habe ich die natürlich bis in die später 90er hinein auch in Garmisch-Partenkirchen! Mit Reusch habe ich dann aber Schluss gemacht, da die mir dann irgendwann gar nicht mehr gefallen haben. Der High-Tech- Quatsch und die bunten wirren Techno-Muster haben mir jede Lust an Reusch genommen. Es folgten viele Jahre Adidas und die letzten Jahre dann doch noch Uhlsport; mit deren „Fangmaschine HN Pro“ komme ich super zurecht.
    Heute spiele ich immer noch mit 45 – wenns sein muss – Eifel Kreisliga C und habe immer noch den Handschuh-Tick….Ich habe JMP vor einigen Jahren mal getroffen und ihn auf Retro-Handschuhe angesprochen….er meinte, das wäre am Laufen,aber das war wohl eine Ente….deshalb habe ich mir die Handschuhe auch selbst anfertigen lassen. Sie sind übrigens auf der Website des Händlers abgebildet habe ich eben gesehen. Den Link habe ich unten drangehängt. OK, wollte das alles mal loswerden, denn Dein Blog hat mich sehr an mich selbst erinnert. Ich schwelge auch ab und zu in der Vergangenheit und wenn ich heute neue Handschuhe bekomme, was mache ich wohl: Richtig, die Augen zu, Handschuhe vors Gesicht und tief einatmen. Der Geruch der Jugend…
    Übrigens: Mein erstes BL-Spiel im Stadion war FCK gegen Bayern (3:2, ca. 1982), bei dem Pfaff zur Halbzeit mit gebrochener Nase raus musste…..und Breitner hinterher meinte, man könne die Punkte künftig sofort per Brief nach Lautern schicken. War aus meiner Sicht Gott sei Dank die falsche Einschätzung……grins….

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