19 Regeln für Fußballschiedsrichter: Wie es mit dem Abenteuer am Wochenende ganz sicher klappt

Fußball-Schiedsrichter haben es bekanntlich nicht leicht, aber viele scheinen es auch grundsätzlich gerne nicht leicht zu haben und machen es sich Wochenende für Wochenende offenbar absichtlich schwer. Mir scheint, dass manche Schiedsrichter auf den Platz gehen, um Wochenende für Wochenende ein kleines Abenteuer zu erleben. Für alle Abenteurer unter den Referees hier also eine kleine Anleitung, wie es bestimmt klappt mit dem Adrenalinschub.

1. Komme mit mürrischem Gesicht zum Sportgelände – mit einem Gesicht, das signalisiert, „warum bin ich dazu verdammt, ausgerechnet hier am hintersten und finstersten Ort auf der Welt zu pfeifen?“

2. Fordere die Verantwortlichen beider Vereine per Befehl dazu auf, exakt 15 Minuten vor dem Anpfiff in der Kabine zur Passkontrolle zu erscheinen. Den Hinweis, dass es dort stickig ist und die vorher spielende zweite Mannschaft dann dort duscht und deshalb die Passkontrolle besser im Freien vor der Kabine stattfinden würde, ignorierst Du entweder oder weist ihn barsch zurück – am besten mit der Drohung das Spiel gegebenenfalls nicht anpfeifen zu wollen.

3. Stelle Dich mit dem immer gleichen, am besten auswendig gelernten, Sprüchlein vor. Etwa so: „Guten Tag, mein Name ist Stanislaus Schmidt, ich bin heute Ihr Schiedsrichter und bin dazu da, den Regeln Geltung zu verschaffen. Ich erwarte ein faires Spiel von Ihnen.“ Besonders gut kommt  der Spruch, wenn Du die Mannschaft zum vierten Mal in der laufenden Saison pfeifst oder zum zweiten Mal innerhalb einer Woche.

4. Kontrolliere die Ausrüstung genau. Zuerst die, die Regeln vorschreiben: Achte also darauf, dass keine weißen Bandagen schwarze Stutzen halten, dass keine lila Unterziehhosen unter den gelben Hosen zu sehen sind, dass niemand irgendwo am Körper ein Piercing hat, dass die Schienbeinschützer echt sind und die zum Schienbein passende Größe haben. Wichtig ist auch, dass Du die Stollenlänge nachmisst. Dann bestehst Du auch auf nicht unbedingt durch Regeln gedeckte Einhaltung Deiner Kleidervorschriften. Also: Torhüter müssen die Stutzen über den langen Hosen tragen, oder das Trikot gehört in und nicht über die Hose.

5. Die Passkontrolle selbst führst Du peinlich genau durch. Du kontrollierst Vor- und Nachname, schaust, ob das Passfoto noch aktuell und korrekt abgestempelt ist. Lass Dir von jedem Spieler auf ein weißes Blatt eine Unterschrift geben und vergleiche sie mit der auf dem Spielerpass. Selbstverständlich fragst Du bei jedem Spieler die Passnummer ab und erteilst einen strengen Verweis, wenn sie der Spieler nicht auswendig kann.

6. Beim Einlaufen achte darauf, dass die Spieler der Größe nach geordnet sind.

7. Pfeife an – und zwar mit einem lauten durchdringenden Pfiff zwei Zentimeter neben dem Ohr eines Spielers.

8. Suche Dir vor oder in den ersten Minuten eines Spiels die sympathischere Mannschaft aus, die Du bei Kleinigkeiten bevorteilen kannst. Einwurf immer nach rechts, Fouls im Mittelfeld nur für Mannschaft A usw.

9. Während des Spiels lässt Dir das Regelwerk so unendlich viele Möglichkeiten, das Abenteuer mehr oder weniger abenteuerlich zu gestalten, dass eine Aufzählung hier den Rahmen sprengen würde. Klappen wird es immer, wenn Du…

– Zweikämpfe von Mannschaft A anders bewertet als jene von Mannschaft B.

– Elfmeter einfach gar nicht gibst oder umgekehrt bei jedem Körperkontakt, am besten noch bei Mannschaft A anders entscheidest als bei Mannschaft B.

– Fouls nicht ahndest, aber dafür immer ein offenes Ohr für die Kommentare der Spieler hast. Also: nie Gelb oder Rot für Fouls geben, aber jeden Kommentar knallhart und unnachsichtig, mit der ganzen Härte des Regelwerks bestrafen.

– Abseits entweder immer oder nie pfeifst. Oder Du lässt weiterlaufen, wenn der Angreifer gut sichtbar acht Meter im Abseits steht. Aber Du pfeifst sofort, wenn der Angreifer von hinten angelaufen kommt, im Moment der Ballabgabe gut zehn Meter nicht im Abseits, bei der Annahme aber sieben Meter im Abseits steht.

10. Freistöße sind bei Dir immer frei und müssen nicht angepfiffen werden, außer ab und zu. Wann „ab“ und wann „zu“ ist, entscheidest Du natürlich willkürlich.

11. Diskutiere jede Entscheidung lautstark mit den Zuschauern – und wenn sie nicht einsichtig sind, verweise einen, mehrere oder alle des Sportplatzes.

12. Es gibt nichts Langweiligeres als klare Fußballspiele. Also bevor das 3:0 zu fallen droht, entscheide auf Elfmeter für die zurückliegende Mannschaft. Achte darauf, dass dann auch unbedingt ein Tor fällt. Also notfalls muss der Strafstoß wiederholt werden. Wenn Du ein besonders nettes Abenteuer suchst, entscheide nach dem 1:2 per Elfmeter zwei Minuten später gleich nochmal auf Strafstoß. Und vergiss die Roten Karten vor dem Elfer und nach der Ausführung und dem 2:2 für die wütende Mannschaft nicht, die Du gerade von der Siegerstraße geschubst hast.

13. Erkenne beim Stand von 4:3 für die Heimmannschaft ein Foul im Strafraum, das sonst niemand – aber wirklich niemand, auch keiner von der Gastmannschaft – gesehen hat und entscheide auf Elfmeter. Sollte der Torwart den Elfmeter halten, kannst Du ihn ja immer noch wiederholen lassen. Du kannst ihn aber auch wiederholen lassen, wenn der Ball drin war, weil Du mit Adleraugen gesehen hast, wie ein Mitspieler des Elfmeterschützen zu früh in den Strafraum gerannt ist. Wenn die Wiederholung dann verschossen wird, ist das Abenteuer beinahe perfekt…

14. Schicke immer mindestens einen der beiden Trainer von der Bank hinter die Barriere oder auf die Tribüne.

15. Eine Rechts-Links-Schwäche ist hilfreich. Entscheide also auf Freistoß und deute nach links. Kurz vor der Ausführung wird Dir bewusst, dass Du die Seiten verwechselt hast, und natürlich zeigst Du schnell in die andere Richtung.

16. Wichtig ist, dass ein Spiel immer mit einer umstrittenen Entscheidung – besser ist eine offensichtlich falsche Entscheidung – endet, die zu einem Tor führt, das die betroffene Mannschaft Punkte kostet. Vergiss nicht, den Platz als Letzter zu verlassen, damit Du alle Meckereien und Beleidigungen auch mitbekommst. Die ahndest Du entweder sofort mit Rot oder merkst sie Dir, um sie dann in der Kabine in einem Sonderbericht peinlich genau zu Papier zu bringen. Mit der Wahrheit musst Du es dabei im Übrigen nicht so genau nehmen. Das Sportgericht wird Dir später – wenn es ein Verein tatsächlich auf eine Verhandlung ankommen lässt – in etwa 99,96 Prozent der Fälle recht geben.

17. Nach einem – nennen wir es – komplizierten Spiel suchst Du die Grillhütte auf und trinkst mit der Heimmannschat ein Bier, der Du grade per Elfmeter zum Sieg verholfen hast. Oder Du gehst ins Sportheim der Heimmannschaft, die Du gerade durch geschicktes Verteilen der Roten Karten in die Unterzahl und die Niederlage geschickt hast. Dort diskutierst Du lautstark mit den anderen Besuchern des Sportheims.

18. Vorwürfe konterst Du entweder aggressiv und laut und mit Drohungen. Oder subtil. Du sagst also Dinge wie: „Ich pfeife nicht immer den Regeln entsprechend, aber mit Fingerspitzengefühl“. Vorwürfe wegen eines nicht gegebnen Elfmeters konterst Du mit einer konstruktiven Spielkritik. Etwa: „Ich konnte einfach nicht pfeifen, weil keine Mannschaft ein Tor verdient hatte.“ So wirst Du quasi zum Fußballgott.

19. Vor, während und nach dem Spiel fordere immer und überall Respekt ein. Verhalte Dich aber selbst möglichst überall respektlos.

20. Wichtiger Hinweis des Autors: Schiedsrichtern ist wie Fastnacht. Es ist eine ernste Angelegenheit! Deshalb an alle, die jetzt mit knallrotem Kopf und voller Wut diese 19 Anmaßungen auseinandernehmen und darauf hinweisen, dass es Schiedsrichter schon schwer genug haben und dass es so wenige gibt und dass man es doch selber machen soll usw. : Diese Regeln stellen natürlich eine nicht ganz ernst gemeinte  Überspitzung dar.

Ich stelle ich fest: Es gibt sehr viele, sehr gute Schiedsrichter – aber viel zu viele sind auch Woche für Woche auf Abenteuersuche…

Sascha Nicolay

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