Die missglückte Klangmassage

sterbebegleiterin macht klangmassage

Nach der Fotosession will Y. der Patientin eine Klangmassage geben. Ich habe so etwas noch nie zuvor gesehen und bin insgeheim etwas skeptisch, doch wenn es B. gut tut – warum nicht? Auch sie hat noch nie etwas mit Klangmassagen zu tun gehabt, ist aber offen für diese neue Erfahrung und freut sich darauf. Y. hat eine große Schale mitgebracht: „Die besteht aus verschiedenen Metallen und wird in Tibet hergestellt“, erzählt sie. Y. ist sehr spirituell und betreibt sogar eine Praxis für Klangmassagen. Sie glaubt daran, dass die Seelen nach dem Tod noch eine Weile auf der Erde bleiben. Ich selbst bin zwar Atheistin, aber jeder kann ja glauben, an was er will. Das ist das Gute am Hospizdienst: Die Sterbebegleiter sind bunt gemischt. Obwohl der Vorsitzende ein evangelischer Pfarrer ist, ist es egal, ob man als Katholik, Protestant oder Muslim durchs Leben läuft, ob man als Hindu geboren wurde, an den Buddhismus glaubt oder an gar nichts. Das macht es leichter, für jeden Patienten einen passenden Begleiter zu finden.

Y. hat inzwischen B. gebeten, sich auf einen Küchenstuhl zu setzen und stellt die Schale zwischen B.‘s Füße. „Es soll sich immer so anfühlen, dass du ein gutes Gefühl hast“, erklärt sie B. Anscheinend verträgt nicht jeder die Massage. Unser Fotograf Reiner, B.‘s Mutter und ich starren gebannt auf die Szene. Eigentlich soll so eine Klangmassage ja in einem abgeschiedenen Raum stattfinden, wo die beiden Beteiligten ihre Ruhe haben. Aber Reiner soll ja noch ein Foto schießen. Deswegen hat sich Y. netterweise dazu bereit erklärt, das Ganze in der Küche abzuhalten. Y. klopft mit einem Klöppel gegen die Klangschale und eine Art Gong erfüllt die kleine Küche. „Der Gong gefällt mir besonders gut“, lässt B. verlauten und Y. probiert einen tieferen Ton aus, der B. noch besser gefällt. Sie hat die Augen geschlossen, während Reiner verstohlen um sie herumläuft, um ein Foto zu machen. Klick.

B.‘s kleiner Hund Queenie, der den ganzen Vormittag nur gedöst hat, beschließt, dass genau jetzt der ideale Zeitpunkt für eine kleine Runde durch die Küche ist. Während Y. weiter den Raum mit tiefen Tönen erfüllt, spaziert die Hundedame zur Klangschale und wirft einen Blick hinein. „Die meint, da wird Wasser reinkommen“, sagt die Mutter, die sich bis jetzt still verhalten hat. „Oder Futterproben“, meint B. „Psssst“, kommt es von Y, die hochkonzentriert ist.

Dann klingelt das Telefon. B.‘s Mutter hebt ab. Am anderen Ende der Leitung hört man eine Frau brüllen. Doch sie klingt nicht wütend, anscheinend ist es ihre normale Lautstärke. B.‘ s Mutter beginnt ein Telefonat mit der Dame. „Es ist grad ungünstig“, erklärt sie ihr. „Meine Tochter bekommt eine Klangmassage.“ Währenddessen macht Reiner noch schnell ein weiteres Bild. Klick.

Dann klingelt es an der Tür. Der Hund hat das Interesse an der Klangschale verloren und beginnt zu bellen. Die Mutter öffnet die Tür, während sie weiter telefoniert. Der Hund bellt lauter, denn es ist die Nachbarin, die immer mit ihm spazieren geht. Die Nachbarin weiß nichts von der Klangmassage und kommt laut redend in die Küche. „Was ist denn hier los?“, fragt sie erstaunt und bleibt stehen. „Das ist eine Klangmassage“, erklärt B.‘s Mutter ihr. „Das ist zur Entspannung.“

B. hat weiterhin die Augen geschlossen und auch Y. zeigt eine Engelsgeduld. Bestimmt würde sie uns gern mit dem Klöppel verprügeln. Ich an ihrer Stelle hätte uns längst schon alle rausgeworfen.

Dann naht das Ende der Klangmassage und B. soll die Augen wieder öffnen. „Die gehen aber so schwer wieder auf, die wollen jedes Mal wieder zugehen“, sagt sie. Die Klangmassage scheint ihr gut getan zu haben, trotz der vielen Störfaktoren. „Das war schön“, sagt sie. „Ich hab mich in die Schwingungen hineinversetzt.“ Und dann denkt sie wieder gleich an andere. „Das würde der Mama auch gut tun“, sagt sie zu Y. „Jetzt denk doch zuerst mal an dich“, antwortet die. Nächste Woche will sie wieder eine Klangmassage mit B. machen. Die soll dann allerdings 45 Minuten dauern und im Wohnzimmer stattfinden, wo keiner nerven kann.

 

Silke Bauer

2 Gedanken zu „Die missglückte Klangmassage

  1. Waltraud

    Ich bin von der Unwirksamkeit von diesen ganzen Naturheilverfahren und dem ganzen Hokospokus wirklich überzeugt. Natürlich kann ein Placebo-Effekt gemessen werden. Allerdings würde dieser z.B. bei Homöopathie auch eintreten, wenn die Patienten Tictac essen.

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    1. Silke Bauer Beitragsautor

      Sehr geehrte Frau Escher,

      danke für Ihren Kommentar. Möglicherweise liegt ein kleines Missverständnis vor: Die Klangmassage war nicht zur Heilung gedacht. Der ambulante Hospizdienst kümmert sich ausschließlich um todkranke Patienten. Ihr Handeln ist nicht mehr kurativ, sondern palliativ ausgerichtet. Das heißt, dass Symptome wie Angst, Unruhe, Schmerzen und Übelkeit gelindert werden sollen, damit die letzten Wochen für die Patienten erträglich sind. Es ist nur ein Zufall, dass die ehrenamtliche Sterbebegleiterin sich mit Klangmassagen befasst. Es war ein Versuch, die Patientin zu entspannen. Nicht mehr und nicht weniger. Ich kann Ihnen versichern, dass beim Hospizdienst keine Scharlatane beschäftigt sind, die alternative Heilungsmethoden propagieren.

      Ich wünsche Ihnen frohe Ostern!

      Mit freundlichen Grüßen
      Silke Bauer

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