Mit @Frauenfuss nach Analogien

@frauenfuss in Twitter

@frauenfuss in Twitter

Wer twittert, ist es gewohnt, mit solchen Vorurteilen konfrontiert zu werden: In Twitter, da werden doch nur Belanglosigkeiten nutzlos in die Welt gesendet, da beschäftigen sich Einsame lieber mit dem Internet als mit anderen Menschen, da regiert stammelnde und digitale Oberflächlichkeit.

Im Gespräch ist schwer dagegen anzukommen – auch deshalb, weil sich einem Faszination wie Effekte dieser „textbasierten Webcam des Internets“ (Mirko Lange, Talkabout) erst im Selbstversuch erschließen – und auch dann auch nicht in den ersten Tagen, sondern erst auf Sicht.

Zu den faszinierenden Effekten des Twitterns gehört die Erfahrung, wie intensiv die Wirkkräfte sind, die diese kurzen Textbotschaften stiften – und wie dynamisch die Beziehungen werden, die auf Basis dieser für Web2.0-Verhältnisse eher karg gestrickten Plattform wachsen. So reizt es auffällig viele Twitter, die Menschen kennen zu lernen, deren Botschaften sie verfolgen oder die ihre Tweets abonniert haben. Twitterer genießen es, aus Digitalien nach Analogien zu wechseln – und die meist via Netz geknüpften Kurz-Kontakte ganz klassisch zu vertiefen: Sich sehen, sich unterhalten. So mit Worten, ganz ohne iPhone.

Die wohl reizvollsten Kristallisationspunkte dieser Übersprungshandlungen hat die Grafikerin Michaela von Aichberger der deutschen Twitter-Szene geschenkt. Die seit April twitternde Künstlerin aus Erlangen („Frauenfuss“) hat im Juli damit begonnen, Abonnenten („Follower“) ihrer kleinen Botschaften („Tweets“) zu zeichnen – nicht während einer Sitzung von Angesicht zu Angesicht, sondern allein inspiriert von den Namen und Profilgestaltungen , von den Profilbildchen („Avatare“) und natürlich von den Texten der ihr anfangs meist unbekannten Twitterer.

@rheinzeitung von @frauenfuss illustriert

@rheinzeitung von @frauenfuss illustriert

Rund 250 derartige Fern-Portraits hat sie mittlerweile in schwarze Notizbücher (anfangs Marke Moleskine, jetzt wegen des „viel besseren Papiers“ Büchlein Made in Germany von brandbook.de) gemalt – so apart und treffend, so charakteristisch und so gekonnt, dass @Frauenfuss in der deutschsprachigen Twitter-Welt rasch populär und auch zu einem Liebling der Medien wurde, von Rhein-Zeitung bis 3Sat. Kaum zu bremsen ist die Begeisterung unter Twitterern, seit die sympathische Künstlerin begonnen hat, ihre „Ich male meine Follower“-Bilder in Ausstellungen zu zeigen, bei denen auch immer einige der gemalten Texter oder Musiker  lesen oder aufspielen. Die Premiere war in Nürnberg, derzeit frauenfusst es in Köln (noch bis 2. Januar), München und Hamburg müssen noch bis Anfang 2010 warten.

Zur Kölner Vernissage kamen mehrere hundert Twitterer, teils von weither, um die kultigen Portraits von @Frauenfuss zu sehen. Das quirlige Treiben im Mülheimer Kulturbunker zeigte aber auch: Viele Twitterer wollten dabei andere Kurzbotschafter live kennen lernen, bekannte wie den Wortakrobaten @vergraemer oder den schreibenden und biologisch kochenden Antiquar @wimbauer, interessante Twitterinnen wie @leah_herz oder @FrauinStoeckeln, bisweilen provokante wie den jungen Herrn @blattwerk, gerne aber auch Twitterer wie Dich und mich, @schusterjunge etwa oder @GartenLiteratur.

Für Nicht-Twitterer dürfte der Ablauf belustigend bis leicht befremdlich gewesen sein: Viele Vernissage-Besucher trugen Klebestreifen mit rätselhaften Namen wie @brainqueen oder @blattwerk @irenekapitaene oder @pottpoet auf ihrer Kleidung – Visitenkarten der digitalen Neuzeit. „Du bist also…“, „Bist ja gar nicht so ernst wie im Netz…“, „Da hinten ist der Scherzinfarkt, der mit dem Galgenstrick um den Hals…“ – die drei weiß gestrichenen Bunkerräume, von langen Reihen der schwarzen Rahmen mit den meist bunten Aichberger-Werken geadelt, summten geradezu von solchen Sätzen. „Ich twittere seit April…“, „Immer nur vom PC…“, „Was? Ich fast immer nur mit dem iPhone…“, „Mist, kein Netz hier drinnen…“, „Draußen auf dem Parkplatz haste G3…“, „Da drüben hängt Haekelschwein!“ – und natürlich, wir wollen es nicht verschweigen, auch die Frage wie zugleich Unfrage (fast) aller Twitterer: „Wie viele Follower hast’n Du?“

Und über allem schwebte @Frauenfuss als personifizierter gemeinsamer Nenner, alle verbindend und alles vernetzend: Glücklich, strahlend, lächelnd, lachend, begrüßend, begrüßt werdend, umarmend, froh über jeden Gekommenen, ob Kult-Twitterer oder erkennbar Newbie, bei allem Rummel und der selbst eingestandenen Neigung zur Hyperaktivität Ruhe verstrahlend, bei allem sich mehrenden Ruhm gewinnend uneitel und herrlich natürlich.

@Frauenfuss drängt sich nicht in den Mittelpunkt – und ist gleichwohl eine ideale Mitte für ein Treffen der so unterschiedlichen Menschen, denen das Schreiben und Senden von Texten, das Empfangen und Lesen von Texten via Twitter so viel bringt, dass sie sich brennend für die realen Menschen hinter den Nicknames und Avataren interessieren.

Twitter – das ist digitale Thermik für Texte und Texter. Und @Frauenfuss ist ein Glücksfall für die Szene. Dank ihrer Art und wegen ihrer art. Aber auch deshalb, weil Frauenfuss und ihre Treffen spielend alle Vorurteile gegen Twitter belegen.

Wer sich selbst ein Bild von Michaela von Aichberger machen, wer mehr von ihr sehen oder lesen möchte:

Eine wunderbar breite Foto-Reportage hat Michael von Aichberger via Twitpic ins Netz gestellt.

Der WDR hat einen guten Beitrag über Frauenfuss und ihre Vernissage gesendet – auch in der WDR-Mediathek zu finden.

Eintrag XXIV im „Logbuch des Ausserirdischen“ widmet sich der Vernissage lang und sehr farbig.

Und ich habe während der Vernissage ein kurzes Video-Interview mit ihr aufgezeichnet, das einen guten Eindruck von @Frauenfuss und ihrem Twittergipfeltreffen vermittelt.

Wer aber lesen will, wie es hinter der Bunker-Fasssade dieser „groß angelegten PR-Kampagne zur Mehrung von Michaela von Aichbergers Ruhm“ wirklich aussah, verschlinge Blattwerk.

Christian Lindner

9 Gedanken zu „Mit @Frauenfuss nach Analogien

  1. Pingback: Sagte ich schon, daß ich gemalt wurde?!?- Herr Wurzel

  2. Herbert Piel

    Ich gebe zu, ich habe mich lange gefragt, was es mit @frauenfuss so auf sich hat, aber diese pointierte Beschreibung der gerade stattgefundenen Vernissage hier im Blog, konnte mir diese spezielle „Art“ = Kunst, in der Twitterwelt begreiflich machen. Danke an CLI

    Antworten
  3. Pingback: Frau Frauenfuss hat mich aufgehängt! « Hyde and Seek

  4. @Dramaturg

    Toller und interessanter Bericht über das Event vom vergangenen Samstag, in dem ich mich wiedergefunden habe – nicht namentlich, aber von der Sache!
    Die regelmäßig-unregelmäßigen Treffen mit Twitterern in Köln und Umgebung haben sehr nette Kontakte ergeben und es bilden sich die ersten Freundschaften – toll!
    web2.0 goes RL!
    Danke an Dich für den Bericht und vor allem an Michaela!!!

    Antworten
  5. Christian Lindner

    @blattwerk: Sorry, stimmt. Hatte ohne Notizblock gearbeitet – deshalb die faktische Unschärfe an diesem Punkt. Habe in einem Update des Blogs jetzt Twitterern Namensstreifen angedichtet, die zweifelsfrei einen trugen. Und Blattwerk taucht nun an anderer Stelle mit anderer Bewertung auf. Und die wird er mögen.

    Antworten
  6. blattwerk

    Das ging ja flott. Schöne Rezension.

    Möchte allerdings ein kleines Detail richtigstellen: Ich habe bewusst _keinen_ Klebestreifen mit meinem Twitternamen getragen (und @brainqueen, soweit ich das sehe, auch nicht). Der Gedanke dahinter war, dass ich selbst die Kontrolle darüber haben wollte, wer mich erkennt und wer nicht – natürlich unter der Voraussetzung, dass mein Profilbild nicht mein wahres Gesicht zeigt.

    Antworten
  7. Sabrina Anna

    Ein wirkliche gelungene Beschreibung, was Twitter ausmacht und welche Wirkung es hat. Die Problematik der Erläuterungen dieses Mediums gegenüber aussenstehenden Personen ist wahrlich kein leichtes unterfangen und brachte auch mir schon zu oft Spot und Hohn.. Die Künstlerin Michaela von Aichberger hat es vor allem verstanden, dies mit ihrem Können und ihrer sympathischen Art zu verbinden. Wenn mir eines klar geworden ist in diesem Medium mit Namen Twitter, dann ist es sicherlich die Erkenntnis, dass es noch mehr aussergewöhnliche und talentierte Menschen gibt, als uns bedingt durch Schnelllebigkeit und Medienüberfluss nach aussen hin präsentiert wird..

    Antworten
  8. Pingback: Tweets die blog.rhein-zeitung.de » Blog Archive » Mit @Frauenfuss in Analogien erwähnt -- Topsy.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Captcha * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.