Warum die Erde eine Scheibe und das iPad ein Geniestreich ist

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal ein Apple-Fan werde. Mir war die Marke zwar schon immer sympathisch, aber nach meinem Abschied von Microsoft-Produkten – vor 15 Jahren als hochfrustierter Windows-Softwareentwickler  – habe ich bei Linux meine Computerheimat gefunden. Linux war damals war schon stark auf Servern aller Art, aber für den Home-PC ohne Frickelwerk (aka: Kernel compilieren und noch schlimmeres) kaum einsetzbar. Das hat sich grundlegend geändert, zuletzt auch für die mobilen Computer. Vor vier Jahren war das noch nicht ganz soweit, weswegen ich mir als Firmen-Laptop – zur weiteren Vermeidung von Microsoft-Crashware – ein MacBook genehmigt hatte: Das am besten verpackte Unix aller Zeiten, wie sich zeigte.

Kult, welcher Kult? MoseS Jobs bringt seinem Volk den iPad.

Kult, welcher Kult? MoseS Jobs bringt seinem Volk den iPad.

Apple-Fan geworden bin ich erst vor kurzem, nach dem Erwerb meines iPhone. Dass es ein faszinierendes Produkt ist, wusste ich von befreundeten Apple-Apologeten, trotzdem hat mich meine anerzogene Sparsamkeit lange zögern lassen (das iPhone ist teuer, weil Apple und T-Mobile sich daran goldene Nasen verdienen). Nach Überwindung meiner Charakterschwäche und der Hinwendung zum iPhone-Konsum bin ich jetzt von dessen raffinierter Bedienbarkeit (Usability) ebenso begeistert, wie von der enormen Leistungsfähigkeit (Performance), der ständigen Verfügbarkeit (Mobilität) und dem expandierenden  App-Universum (hier gibt es viele gute Anwendungen kostenlos oder spottbillig). Soweit sind die Anderen (Googles Android) noch nicht, aber das kann ja noch werden.

Als Neufan habe ich vorgestern erstmalig Steve Jobs sagenumwobene Produkt-Inauguration live im Web verfolgt. Ich finde, er und seine Firma haben mit dem Tablet-PC iPad genau das richtige Produkt zur richtigen Zeit auf den Markt gebracht. Ich muss es nochmal schreiben: genau richtig.

Steve Jobs ist nämlich nicht nur ein schlauer, sondern auch ein erfahrener Computermann. Seit den 80er Jahren hat er viele schmerzhafte Erfahrungen mit richtigen Produkten gemacht, die er zur falschen Zeit auf den Markt brachte: Apples Lisa und die NeXT-Computer waren ihrer Zeit  Jahre voraus, floppten aber kommerziell..

„Der iPad ist kein ausgereiftes Produkt und wurde zu früh auf den Markt geworfen“, meint nun Profi-Blogger Matthias Schwenk in „carta“, bemängelt das Bildschirmformat 4:3 anstatt 16:9,  den fehlenden (Adobe-) Flash-Abspieler und ärgert sich über Apps statt offenem Internet.  Seine Leser haben ihm schon die richtigen Antworten gegeben, ich will hier nur zwei aus tiefster Überzeugung wiederholen: Flash ist die Pest im Web, ein proprietärer Sch…tandard. Das neueste HTML braucht sowas nicht mehr, die Browser können alleine Videos abspielen. Apps dagegen sind eine Alternative zu Web-Browser-Anwendungen und nicht deren Verdrängung. Um zu erleben, wie toll die beiden Möglichkeiten sich ergänzen, muss man nur ein iPhone oder einen iPod Touch in die Hand nehmen und ausprobieren.

Von welchem der beiden Herren würden Sie einen Gebrauchtwagen kaufen?

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Auch Spiegel-Online-Redakteur Konrad Lischka jammert auf allerhöchstem Niveau, aber er tut es humorvoll. Mit der Idee, seiner Oma ein iPad zu schenken, liegt er goldrichtig: Das iPad kann nämlich endlich die Omas und Opas und technophoben Frauen und Männer ins Web bringen. Eben weil es kein vollwertiger Computer ist, mit tausend Optionen und hundert parellel laufenden Anwendungen, Erweiterungskarten, Slots, Kabeln, Maus, Tastatur und im schlimmsten Fall (aus Redmont) mit ständig dräuendem Virus-Alarm und bedroht von Abstürzen. Ich habe leider keine Großeltern mehr, aber einen Onkel, der genau deswegen seinen PC nicht mehr benutzt. Ich werde ihm zwar kein iPad schenken (s.o. Sparsamkeit), aber ans Herz legen.

Das iPad ist nur eine Scheibe, genau wie die Erde. Auf unserem Planeten bewegt man sich meistens in einem kleinen Umfeld und kann die wahre Kugelform gar nicht wahrnehmen. Dewegen reicht ein flacher Stadtplan aus, um den Weg zu finden; der unhandliche Globus verstaubt im Regal.

In diesem Sinne ist Apples neue Scheibe genau richtig. Für die übrigen Gelegenheiten gibt es viele schöne Netbooks, Notebooks und für Viel-, Sach- und Bildbearbeiter die guten alten, brummenden Desktop-Rechner. Es muss ja auch nicht immer Apple sein…

An meinem Linux-Desktop mit ausgewachsener Tastatur und großen Bildschirmen habe ich diesen Blogeintrag geschrieben und die Bilder dazu montiert, nachdem ich vorher zwei Stunden lang gemütlich mit meinem iPhone auf der Couch liegend recherchiert hatte. Da wäre ein iPad natürlich augenschonender gewesen.

Man kann es drehen und wenden wie man will, dieses iPad. Es ist Apples neuester Geniestreich. Denn weniger ist manchmal mehr. Und Steve Jobs weiß genau, wann das so ist.

Weitere Links:

Beide Fotomontagen unter Verwendung von dpa-Bildern

Jochen Magnus

20 Gedanken zu „Warum die Erde eine Scheibe und das iPad ein Geniestreich ist

  1. simon

    Das Ipad ist eine Sensation. Sensationell wie jeder dafür Werbung macht. Wie immer hat Apple es geschafft Müll gut zu inszenieren.

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  2. Pingback: Tweets die blog.rhein-zeitung.de » Blog Archive » Warum die Erde eine Scheibe und das iPad ein Geniestreich ist erwähnt -- Topsy.com

  3. Michael

    „Der Einsatz von DRM beim iPad ist richtig eklig. Ich komme einfach nicht dem Gedanken klar, dass ein Unternehmen bestimmt, was ich mit meinem Computer machen darf und was nicht. Und dass ich dafür stolze Preise zahlen soll.

    Ich kann verstehen, wenn viele Konsumenten begeistert sind von Apples neustem Produkt (die PR ist mal wieder gut gemacht). Aber mich erinnert das mehr an eine Horde Schafe als an progressive Vordenker.“

    Genau das viel mir auch als erstes ein. Microsoft fing damit an, Apple und Google oder auch Amazon mit seinem eBook-Reader und wie sie noch alle heißen wollen das System der Kontrolle perfektionieren. Irgendwie ein Unding das jemand der Software oder Inhalte verkaufen will auf Gedeih und Verderb auf den System- oder Shop-Bereitsteller angewiesen und abhängig ist.
    Wo bleibt die kritische Berichterstattung über diese Themen?

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  4. Pingback: uberVU - social comments

  5. Ute

    Sowohl der Artikel als auch die Kommentare sind sehr interessant. Ja, wovon soll man seine Rechnungen bezahlen, wenn keiner mehr nichts fuer geleistete Arbeit einschliesslich Kopfarbeit zahlen moechte?

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  6. Matteo

    Sehr hübsch. Wird demnächst auch jede neue Waschmaschine von Miele oder das neue Kaffeemischgetränk von Starbucks derart mit medialer Berichterstattung gewürdigt wie jedes neue Technikdings von Apple? Vorberichterstattung, Liveticker, Nachberichterstattung: Sind denn jetzt alle durchgeknallt?

    Apple wirft ein neues Produkt auf den Markt, und selbst sonst seriöse Redaktionen leisten brav Produkt-PR erster Güte und räumen wie blöd ihre Nachrichtenplätze frei. Hurra, wir dürfen Software nur in Apples Appstore kaufen! Hurra, der freie Markt ist abgeschafft! Hurra, wir kaufen ein Gerät, über das Apple die volle Kontrolle behält! Open Source ist von gestern – heute zählt eine geschlossene Konsumkette! Halleluja.

    Ich bin gespannt, ob die Welt auch so begeistert wäre, wenn das neue Modell von Mercedes-Benz nur an Mercedes-Benz-Tankstellen befüllt werden könnte. Gut, einen Airback hat es nicht. Auch der Kofferraum kommt erst mit der dritten Generation. Aber der Wagen läuft zuverlässig und sieht einfach umwerfend aus. Oder wenn der DVD-Player von Sony nur DVDs von Sony abspielt – dafür aber sauschick aussieht und so viel kostet, dass er garantiert ein Statussymbol wird. Da will ich die Lobeshymnen dann aber auch lesen, und zwar auf der ersten Seite!

    Matteo

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  7. Markus Bussmann

    Endlich mal ein „ehrlicher“ Blogeintrag, der wirklich den Nutzwert hervorhebt und sich nicht daran aufhängt, dass das Ding ja doch keine eierlegende Wollmilchsau ist. Seit dem Vista-Debakel bin ich auch privat zwangsumgestiegen, nachdem ich im Job Mac kennenlernte. Erst fluchte ich ob der Einfachheit, dann verstand ich, dass es mich einfach produktiver machte. Und den „Blue-Screen-of -Death“ vermisse ich nicht, Unix mit der Cocoa-Oberfläche von Apple ist für die Mehrzahl der nicht professionellen Nutzer eben das Non-Plus-Ultra. Klar, die Kellerfrickler, die schon früher Autos toll fanden, die immer kaputt gingen, wird man damit nicht kriegen. Aber ich will arbeiten und es muss funktionieren – Apple liefert dafür das Werkzeug, das funktioniert. Das ist nicth viel, aber gerade das ist für mich die Kunst – selten hatte ich ein besseres „Cycle for the Mind“.

    Beim iPad gibt es aber noch eine Menge Änderungen: Super ist, dass das SDK Entwicklerset endlich Skype und andere iP-Telefonie freigibt, die dann nicht nur unter Wifi , sondern auch unterwegs mit dem 3G funktionieren – dass scheint mir irgendwie keiner verstanden zu haben – d.h. die Kosten für Telefonie werden sich erneut drastisch reduzieren – somit brauchen wir auch gar kein „Telefon“ mehr, dass Ding ist so viel praktischer. Schade, dass Videotelefonie noch nicht geht, dass wäre es natürlich gewesen, ich vermute mal, die Kamera kommt in ca. 1 Jahr – alles geht halt nicht sofort.

    Ansonsten ist das iPad eben kein voller Ersatz für Notebook oder Heavy-Duty Desktop – aber gibt es einen schöneren Ort zum Surfen, als mit allen vieren von sich gestreckt zu surfen? Filme im Bett gucken, statt den Laptop auf dem Bauch liegen zu haben mit der störenden Tastatur in diesem Moment. Und lesen!!! Kindle ist ja schon nicht schlecht, aber furchtbar dämlich zu bedienen. Kein Gerät scheint dies ähnlich gut zu können wie das iPad und das surfen mit dem TouchPad in der Größe wird die Leute überzeugen – für den Preis, ich kann mich nur wiederholen, ist es einfach eine tolle Sache. Hauptsache, die Telekom ist nicht zu blöd und versucht etwas anderes zu erreichen, als Apple mit AT&T erreicht hat: Freiheit beim Provider. Das ist schon mal ein Schritt nach vorne. Damals zahlte ich noch 400 Ocken für das iPhone zum Vertrag hinzu – jetzt krieg ich dafür das ganze Gerät?!?! Ist doch super und wenn T-Mobile nicht will – dann kaufe ich es mir halt in den Staaten – die haben keine Chance und sollen mal schön ihre Netzinfrastruktur auf Vordermann bringen – dafür zahlen wir schon genug.

    Auch können sich Künstler und Verlage schon jetzt bedanken: Im Gegensatz zu Google achtet Apple den Urheberschutz und sorgt für Einnahmen – spätestens damit macht sich Apple Freunde bei Kreativen, denn nur Idioten geben alles „für Umme“ im Internet her – womit soll der Künstler denn die Kartoffeln bei Aldi bezahlen?!?

    Das iPad ist keine Weltsensation, aber es wird sovielen ungeheuer hohen Erwartungen gerecht, dass man nur den Hut ziehen kann. Normalerweise liefern so erfolgreiche Firmen irgendwann nur noch Schrott ab – siehe Microsoft. Spätestens dann realisiert jeder, dass es die dämliche und schlampig programmierte Software aus Redmond war, die den Computer für die „ältere Generation“ zu einem Alptraum gemacht hat – nicht der Computer selbst.

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  8. bundesrainer

    Die FSF bringt es auf den Punkt:
    „Today, Apple launched a computer that will never belong to its owner.“
    http://www.defectivebydesign.org/blog/apple-ipad-drm-petition

    Der Einsatz von DRM beim iPad ist richtig eklig. Ich komme einfach nicht dem Gedanken klar, dass ein Unternehmen bestimmt, was ich mit meinem Computer machen darf und was nicht. Und dass ich dafür stolze Preise zahlen soll.

    Ich kann verstehen, wenn viele Konsumenten begeistert sind von Apples neustem Produkt (die PR ist mal wieder gut gemacht). Aber mich erinnert das mehr an eine Horde Schafe als an progressive Vordenker.

    Rainer

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  9. Rainer Zeimentz

    @rheinzeitung:Und ab wann gibt es die Rhein Zeitung als komfortables Epaper fürs ipad und Kindle? DAS wäre doch der konsequente Schritt nach der Epaper-Premiere 1991. Und die Welt wartet…..:-)

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  10. Oliver Andrich

    Ich steuere dann auch mal einen Link bei.

    http://netzwertig.com/2010/01/28/high-tech-marketing-warum-apple-in-einer-anderen-liga-spielt/

    Darin wird das Marketingkonzept, welches der Autor bei Apple vermutet, näher beleuchtet. Und die Aussagen von Jochen Magnus passen zu den Aussagen in diesem Artikel.

    Ich bin zwar ein Geek und Apple-Fanboy, aber denoch greifen die oben erwähnten Mechanismen auch bei mir. Mein iPhone funktioniert, ist schnell und macht mir jeden Tag grosse Freude. Wahrscheinlich werde ich mir also auch ein iPad kaufen, weil durchaus sinnvolle Anwendungen für mich sehe – Couch, Balkon, Bahn, Park, etc. pp.

    Schert es mich, dass Apple reguliert welche Anwendung ich nutzen kann? Nein. Ich habe noch nie über ein Jailbreak nachgedacht, wie es viele Geeks unmittelbar nach dem Auspacken tun. Es liegt vielleicht daran, dass mein iPhone (und selbiges würde auch für ein iPad gelten) einfach ein Telefon mit Apps sein soll. Ein SSH Server, ein Fileserver, etc. pp. ist absolut überflüssig darauf. 🙂

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    1. Jochen Magnus

      Hallo Oli,

      eine sehr interessante Analyse, auf die Du verweist! Aber ganz so starr ist die Einteilung nicht wirklich: Design kann diese Klassifizierung der Benutzer überspringen. Mancher eher konservativ Konsumierende wird wegen des guten Apple-Designs zum Early Adaptor. Mancher designbewusste Early Adaptor kauft keine „hässlichen“ Produkte, auch wenn sie ihn eigentlich faszinieren.

      Das Apples Produkte im technischen Sinne nichts besonderes sind, stimmt auch höchstens für die ersten Versionen, die Featureliste wird danach stets komplettiert. Und DRM: Angenehmer und familienfreundlicher, als es Apple aufgesetzt hat, gibt es das nicht. Es berücksichtigt sowohl die Wünsche der Rechteinhaber als die der Konsumenten; kostenlose Apps und notfalls der jailbreak (zum Beispiel der T-Mobile-Teathering-Sperre) erleichtern die Entscheidung pro Apple.

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  11. Stefan

    Und ohne Tastatur erreicht man endlich auch die Masse der Analphabeten bzw. all die z.B. Handwerker, die nicht täglich mit einer Tastatur umgehen.

    Und wenn Apple demnächst auch die Epaper-Rhein-Zeitung verkauft, dann brauche ich mich auch nicht mehr über Vertriebsprobleme der RZ ärgern. 😀

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