Redaktionsmanager und ihre Spielräume

Wer ist daran schuld, dass es in der deutschen Medienlandschaft, ob nun gedruckt oder im Netz, nicht mehr investigativen Journalismus gibt? Na wer wohl: „die Verleger“. Wer das, etwa bei Medienkongressen, behauptet, der erntet selten Widerspruch, sieht stattdessen viele Zuhörer nicken. Verleger sind bei solchen Treffen fast nie im Raum, und auch dieser Schwarze Peter lässt sich ihnen nicht nur deshalb gut ans feine Tuch ihrer grauen Anzüge heften: Wenn etwas nicht wie gewünscht läuft in den deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen, dann eignet sich die kleine Schar der Geschäftsführer, geschäftsführenden Gesellschafter oder Gesellschafter trefflich als Buhmann. Das passt meist ins Weltbild der Tagenden, und die Generalverdächtigen sind so herrlich angreifbar und komfortabel fern in einem.

Dr. Mercedes Bunz

Dr. Mercedes Bunz

Auch bei den hervorragenden Frankfurter Tagen des Online-Journalismus 2010 („Strg – Alt -Entf? Neustart für den Journalismus“) war dies wieder zu registrieren – wenngleich diese Thematik dort nicht im Mittelpunkt stand. Dr. Mercedes Bunz, bis Herbst 2009 Chefredakteurin von Tagesspiegel Online, seither „Reporter for Technology and Media“ beim Londoner Guardian, stieß dort in das so gern geblasene Horn: „Die Verleger“ müssten es den Redaktionen ermöglichen, mehr zu recherchieren. Bunz in ihrem nachhörenswerten, weil hilfreich konkreten Vortrag (dankenswerterweise per Video auf der Internet-Seite des Hessischen Rundfunks komplett dokumentiert) wörtlich: „Wenn die Verlage Redakteuren Zeit geben, zu recherchieren, dann ist er (= der Online-Journalismus) auch sehr gut.“ (Im Video ab Minute 3.30)

Das stimmt ein bisschen, und zugleich stimmt es weitgehend nicht. Natürlich: Medienunternehmen, die bewusst, zur Gewinnmaximierung oder aus der Not heraus, gerade so viel Personal beschäftigen, wie es braucht, um gleichsam nur die hohle Fassade einer Zeitung oder Zeitschrift auf den Markt zu bringen, tragen auf oberster Ebene die Schuld daran, dass diese Blätter ihrer publizistischen Aufgabe nicht gerecht werden können.

Die meisten Verlage in Deutschland aber leisten sich nach wie vor deutlich mehr als Rumpfmannschaften, nicht viel weniger auch inhaltlichen Anspruch. Und in all diesen Häusern liegt Verantwortung für engagierten Journalismus nicht auf der Ebene der Verleger, sondern bei den Journalisten selber. Genauer gesagt: beim Redaktionsmanagement. Hier wird faktisch die Entscheidung getroffen, ob Journalisten Zeit zum Recherchieren haben – oder mit zu viel Routinen blockiert werden.

Wer glaubt, dass Verleger etwa investigative Recherche anordnen oder verhindern, der verkennt die reale Aufgabenteilung in Verlagen. Verleger und Geschäftsführer sorgen für Ressourcen wie Personal und Geld, Technik und Papier. Für die Entscheidungen, was im Bereich der Redaktion mit diesen Ressourcen getan, gemacht und auch gelassen wird, beschäftigen Verlage Redaktionsmanager wie Chefredakteure, Ressortleiter und Lokalchefs. Diese entscheiden faktisch in viel stärkerem Maße, als außerhalb von Verlagen geglaubt wird, was ihr Medium mit und aus seinen Ressourcen macht – oder eben auch nicht.

Konkret: Wenn etwa ein Chefredakteur einer regionalen Tageszeitung – ob sie nun 80 oder 160 Redakteure hat – zur Erfüllung des publizistischen Auftrages seiner Publikation, zur Steigerung des Ansehens seines Blattes oder auch nur zum Aufbrechen verfestigter Redaktionsstrukturen ein mehrköpfiges Recherche-Ressort schaffen will, dann kann und wird er das tun.

Ein kluger Chefredakteur wird seinen Verlagschef über diesen Plan informieren – schon deshalb, weil ein solches Ressort erst einmal für Ärger, mittelfristig aber für Ruhm und Preis(e) sorgen wird. Und weil es gut ist, wenn der Verlag das, da informell eingebunden, erst gelassen, dann erfreut mit trägt.

Gleiches gälte die Verlagerung von Kapazitäten aus den immer noch vergleichsweise großen Print-Redaktionen in die digital arbeitenden Bereiche. Ein Chefredakteur, der das wirklich will, der schafft und macht das auch. Kein Chefredakteur aber sollte seinen Verleger oder Geschäftsführer fragen, was er denn bitte wo in seiner Redaktion oder im Blatt anders machen soll oder gar darf, um die personellen Ressourcen für seine investigative Truppe oder für mehr Leute im Online-Sektor freizuschaufeln. Ein Chefredakteur, der  solcherlei Rat erbittet, stellt sich selbst infrage.

Und Andersmachen, das geht in differenzierten Strukturen wie Redaktionen, in potenziell änderungsfreundlichen Produkten wie Tageszeitungen immer. Kaum ein Verleger wird die Seitenstruktur eines Mantels vorschreiben, und auch der Markt fordert kein ewig gleiches Quantum des bislang Gewohnten. Ein Chefredakteur, der will, kann Schwerpunkte nachhaltig anders setzen. Er kann etwa dafür sorgen, dass in seiner Redaktion weniger Tagessuppe gelöffelt und mehr Gehaltvolles destilliert wird.

Und das gilt nicht nur für Chefredakteure, sondern für viele Redaktionsmanager auch auf anderen Ebenen. Ressortleiter werden nicht wirklich – schon gar nicht von Verlegern – davon abgehalten, ihre Arbeit anders zu konzipieren, sich und ihre Redakteure ein Stück weit von scheinbarer Pflicht-Agenda zu befreien, ihre Seite(n) mit weniger, dafür wertigeren Texten zu füllen oder weniger Energie und Zeit in Standards zu investieren.

Auch Lokalchefs hätten es meist selbst in der Hand, mit ihren Teams anders zu arbeiten. Welcher Verleger verlangt von ihnen wirklich ausdrücklich, dass sie alle möglichen Termine und Themen ins Blatt hieven, die vor 30 Jahren zu Recht nie den Weg in die Zeitung gefunden haben? Welcher Chefredakteur würde einem engagierten Lokalchef den Rückhalt versagen, wenn der ihm mit einem schlüssigen Konzept glaubhaft belegt, künftig mit der selben Mannschaft in seiner Ausgabe nachhaltig mehr Klasse statt Masse zu bieten zu können, wenn der Umfang des Lokalteils von sieben auf fünf Seiten reduziert wird?

„Weniger vom Mehr, mehr vom Weniger“ – welcher Lokalredakteur, Lokalchef, Mantelredakteur, CvD oder Chefredakteur kann sich dieser Logik heute noch wirklich entziehen? Den meisten Journalisten ist doch längst klar: Der enorme Aufwand, der Tag für Tag, Nacht für Nacht für das herrliche Medium Tageszeitung betrieben wird, verlangt jetzt schon und auf Sicht erst recht, dass die quantitativen und qualitativen Hürden für Inhalte in gedruckten Medien wieder höher geschraubt werden müssen.

Sascha Lobo hat den ebenso faszinierenden wie gigantischen Produktionsprozess in einer Tageszeitungsdruckerei, der Journalisten vielleicht zu vertraut geworden ist, treffend verdichtet: „Zwanzig Tonnen Papier rasen durch hundert Tonnen Stahl.“ Journalisten – nicht nur, aber zuvorderst die Denker, Manager und Macher an den Spitzen der Redaktionen – sind gefordert, neu zu definieren, für welche Inhalte und Konzepte unsere zyklopenhaften Druckmaschinen rotieren sollen, mit welchen Botschaften wir im digitalen Zeitalter Abertonnen von Papier bedrucken und in die Welt schicken.

Journalisten vor allem müssen durchdenken und entscheiden, nach welchen Maßstäben unsere Redaktionen dafür Themen auswählen und sortieren, Texte konzipieren und schreiben. In welchen Organisationsformen wir das tun. Wie chancennutzend wir auf die Herausforderungen des Internets reagieren. Wie konsequent wir es schaffen, Ballast im Content unserer Blätter und im Tagesablauf unserer Redaktionen abzuwerfen. Wie es uns selbstbewusster als bisher gelingt, tatsächlichem oder angenommenem Druck von außen standzuhalten, dem Dauerfeuer wie den Versuchungen von Gruppeninteressen, Lobbyismus und PR zu widerstehen.

Damit wir etwa öfters, breiter und nachhaltiger investigativer recherchieren und schreiben können – auch und gerade in Zeiten, in denen Print und seine Inhalte auf dem Prüfstand stehen, in denen der Anteil des Lesermarktes am Umsatz vieler Zeitungshäuser den des Anzeigenmarktes bereits markant überholt hat.

Nein, Dr. Bunz und andere: Diese Verantwortung können, sollten und wollen wir nicht leichthin an „die Verleger“ weitergeben. Jeder Journalist mit Verantwortung in Redaktionen hat sich dieser Herausforderung zu stellen – und er hat in seinem Bereich alles zu tun, was ihm dafür möglich ist. Wenn die Redaktionsmanager ihre Spielräume komplett ausgereizt haben, können wir wieder nach den Schwarzen Petern und den passenden Revers suchen. Wahrscheinlich brauchen wir sie dann aber gar nicht mehr.

Christian Lindner

6 Gedanken zu „Redaktionsmanager und ihre Spielräume

  1. Hans Hermann Floeck

    Ob aus Gewinnmaximierung (oder aus anderen Gründen), es ist festzustellen das in den Lokalredaktionen immer weniger Leute vor Ort arbeiten. Gerade der Lokalteil, das Herz der Tageszeitung, ist für den Leser das wichtigste an der Heimatzeitung. Ich weis wovon ich spreche denn ich habe 35 Jahre als freier Mitarbeiter für die RLZ gearbeitet und miterlebt wie das Redaktionsmanagment immer wieder eingeengt wurde. Sparen war die oberste Devise.Ob das der richtige Weg ist? Leider steht das Honorar (Foto 10 Euro und 15 Cent pro Zeile) in keinem Verhältniss zum Zeitaufwand, teilweise fünf Stunden und mehr. Gleichzeitig musste ich feststellen das sehr gute Leute sich andere Betätigungsfelder erschlossen und dabei im Haues des Mittelrheinverlags in Ungnade fielen.
    Wünschenswert wäre ein Lokalteil der einen Bezug der RZ attraktiv macht und umfangreich über das Geschehen vor Ort berichtet. Leider sind dem Redaktionsmanagment oft die Hände gebunden. Fehlender Platz führt zu dem Ergebnis das es über manche Veranstaltungen, in denen sich Leser oder Vereine wiederfinden, nicht berichtet wird. In früheren Jahren hieß es einmal-die Leser-Blatt-Bindung- ist wichtig. Als Anmerkung-es hat mir immer Spaß gemacht über Lokale Ereignisse zu berichten, würde diese auch gerne weiterhin tun aber es rechnet sich nicht mehr. Hans Hermann Floeck

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  3. vera

    Das mag im Einzelnen alles richtig sein. Aber nicht die sachliche Betrachtung hat zu der stattfindenden hitzigen Kontroverse geführt, sondern die Blütenträume einiger Verleger, sich per Leistungsschutzrecht einen status quo ante zu sichern.

    Google ist böse, es sei denn, es dient dem eigenen Vorteil. Das Verhalten dieser Verleger ähnelt dem des Brandstifters, der ‚Feuer!‘ ruft, um dann mit Benzin zu löschen: Ginge es um die Sache, würden Suchmaschinen ausgeschlossen, und fertig. Es soll aber lieber – mit noch unabsehbaren Folgen – gesetzlich eingegriffen werden.
    Neuen Geschäftsmodellen, die die fantastischen Möglichkeiten des WWW nutzen, steht man weitgehend ablehnend gegenüber. Es wird ein fiktiver Kampf gegen ‚die Blogger‘ angezettelt, die in der Tat oft die aktuellere und beser recherchierte Meldung haben.

    All das haben sich in der Tat Verlagschefs ausgedacht, und bei aller ehrenwerten Verteidigung: Das haben sie auch auszubaden.

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  5. Peter Lausmann

    Schwerpunkte und Verdichtung zahlen sich vor allem dort aus, wo konseqente Quellengewinnung – und vor allem deren langfristige Pflege – zu einem Pfund im Blatt werden und nicht in der kleinteiligen Masse untergehen. Die Quelle, das exklusive Gespräch, die vertraulichen Hinweise im Hintergrund machen letztlich den Unterschied. Gut, dafür den nötigen Platz zu bekommen.

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