Bloggen und volontieren

Yannik02

Junge Blogger wie Yannick Schiep (2. von rechts, neben unserem Social Media-Redakteur Lars Wienand) am Desk der Rhein-Zeitung: 2011 werden solche Bilder bei der RZ ganz normal werden. Zwei unserer Volontärsplätze haben wir für Blogger reserviert.

Auf der einen Seite die Journalisten, auf der anderen Seite die Blogger. Dazwischen ein tiefer Graben, gefüllt mit dem Morast der beidseitigen Fremdheit. Einzig die Pfeile der Vorwürfe scheinen diese Kluft verlässlich zu überwinden: „Ohne die Arbeit der Journalisten hätten die Blogger doch gar keine Themen“, behauptet die klassische Journaille, „wir sind mittlerweile die wahren Journalisten“, kontern die digitalen Publizisten. Die da in den Verlagen – meist fest angestellt, oft vergleichsweise gut bezahlt und einflussreich – werfen denen da draußen im Netz vor, doch nur neidisch auf den Status der tradierten Journalisten zu sein und selbst in diese Sphären vordringen zu wollen. Und die da in der Szene der Blogger eint, bei allen Unterschieden, die Sicht, dass zu viele althergebrachte Journalisten das Netz nicht begriffen haben, es letztlich fürchten, an echter Kommunikation nicht interessiert sind – und ihrer Aufgabe nicht mehr gerecht werden.

Was stimmt denn nun? Und wer hat eher Recht – mein Lager der ob des Internets in Teilen irritierten Journalisten oder das wachsende Heer der dank des Internets publikationsfähigen Blogger? Das kann, will und werde ich nicht bewerten. Ich bin zwar über drei Jahrzehnte Journalist, mit Leidenschaft und Verve. Daraus aber resultiert keine Bewertungskompetenz in dieser Frage, sondern das Gegenteil: Wer sein Erleben, seine Werte, seine Profession zum Bewertungsmaßstab einer anderen Welt macht, wird eher irren als treffen – was übrigens auch für die Blogger gilt.

Im Kern aber möchte ich diese Frage aus einem anderen Grund nicht beantworten und damit bewerten. „Blogs contra Journalismus“, „Journalisten vs. Blogger“ – diese Debatte ist mir zu dogmatisch, zu akademisch, zu lager-zentriert. Sie ist selbstbespiegelnd und kreisdrehend, zeitraubend und fruchtlos. Der Austausch der gewohnten Unnettiquekeiten führt zu nichts – außer zur Zementierung der bekannten Lager. Hier die Journalisten, da die Blogger. Und dazwischen keine Brücken.

Einen anderen Ansatz finde ich viel spannender – auch wenn er die Status- und Stände-Debatte zwischen bisherigen und dazugekommenen Publizisten bislang nicht erkennbar prägt: „Lasst uns doch einfach mal austesten, was beide Seiten davon haben, wenn wir nicht übereinander, sondern miteinander reden.“ Sagt jetzt kein Netz-Guru und auch nicht die Nationale Initiative Printmedien, sondern einfach nur eine Regionalzeitung. Meine Zeitung. Die Rhein-Zeitung. Im Netz ganz bestimmt nicht der Inbegriff von digitaler Avantgarde, in der Praxis aber mit einem Vorteil gesegnet: Wir sind, wie viele Medienhäuser im Lokalen und Regionalen, hemmungslose Pragmatiker. Wenn wir etwas ausprobieren wollen, dann können wir das, dann machen wir das. Überwinden schnell scheinbare Grenzen. Und kommen rasch zu Erkenntnissen und Ergebnissen.

Statt auf Kongressen, in Branchenblättern oder in Foren weiteres Wasser auf die Müh(l)en des oben beschriebenen Grundsatzstreites zu kippen, haben wir uns in den vergangenen Monaten in diesem Sinne ganz konkret mit Bloggern und Blogs beschäftigt. Mit regionalen und überregionalen. Mit Bloggern am Anfang, in der Mitte und am Ende des „long tails“. Mit Arrivierten und Amateuren. Mit Knüwer und Prothmann ebenso wie mit lauten und leisen Bloggern aus dem RZ-Land, erleichtert und beschleunigt durch unser Wirken und Weben im Web2.0 – von Twitter bis zu unserem Multi-Blog.

Und siehe da, wir haben dabei ganz schnell ganz und höchst pragmatisch etwas gelernt – was wir vorher übersehen hatten: Blogger sind uns Zeitungsleuten potenziell überraschend nah – natürlich längst nicht alle, aber doch bemerkenswert viele. Sie arbeiten mit Sprache. Sie sind Freunde des Wortes. Sie ringen um Argumente. Sie lieben Debatte. Sie publizieren einer Idee wegen. Sie treibt um, was in ihrem Umfeld oder in ihrem Metier Thema ist. Sie empfangen. Sie senden. Sie sind also (auch) wie wir. Und vielleicht am wichtigsten: Sie sind da. Auch im RZ-Land.

Die Rhein-Zeitung hat deshalb angefangen, sich für Blogger zu öffnen. Wir haben sie zu uns eingeladen – von Abenden für Follower bis zu Projekten wie „Chefredakteur für einen Tag“ mit Sascha Lobo. Wir lesen gezielt Blogs aus unserer Region. Wir interessieren uns für die Menschen, die auf diese Weise publizieren. Lars Wienand, unser Redakteur für Social Media, holt junge Blogger für mehrwöchige Hospitanzen an unseren Desk, also an den Kommandostand für unsere medialen Aktivitäten im Analogen wie im Digitalen.

Das schafft neue Situationen – für beide Seiten: Wir Print-Profis lernen und profitieren von Bloggern wie Yannick Schiep (20), der mit seinem MacBook sechs Wochen an unserem Desk saß und dort viel für Rhein-Zeitung und rhein-zeitung.de arbeitete (hier sein Fazit in seinem Blog fairbloggt.de). Er fischte mit uns für Print und Online Classic mehrere Themen sehr früh aus dem Netz, von denen wir auf den klassischen Wegen gar nicht oder viel zu spät erfahren hätten. Blogger wie er wiederum lernen bei uns, dass Recherche per Telefon auch Vorteile haben kann – und dass die „Holzmedien“ gerade im Regionalen viel vitaler sind, als das so mancher Alpha-Blogger im Netz vermittelt.

Unsere Tests „Journalisten plus statt contra Blogger“ sind so gut verlaufen, dass wir jetzt auf das nächste Level springen: Die Rhein-Zeitung hat beschlossen, 2011 zwei ihrer Volontärsplätze für Blogger zu reservieren. Wir wollen im nächsten Jahr zwei junge (oder noch halbwegs junge) Blogger zwei Jahre volontieren lassen – mit dem Schwerpunkt Digitales, aber auch mit genügend Berührung zu unserer „Kohlenstoffwelt“.

Die Voraussetzungen für unser Digitales Volontariat sind nicht starr. Abi-Schnitt? Wichtiger ist für uns das Gefühl der Bewerber für Sprache, ihr Interesse an Dialog. Nicht oder noch nicht studiert? Ist nicht entscheidend. Abgeschlossenes Studium? Kann, aber muss nicht sein. Beruflicher Aus- oder Umsteiger? Gerne. Noch nie was für Print gemacht? Nicht schlimm, Zeitungsexperten haben wir genug. Im Januar noch nicht parat? Wir können im Januar ebenso wie im April starten. Nicht aus dem RZ-Land? Ob Mainz oder München – in den Raum Koblenz umziehen sollten unsere Blogger-Volontäre eh, weil das Arbeiten in einer crossmedialen Redaktion wichtiger Teil der Ausbildung sein wird. Und was wird aus dem eigenen Blog-Projekt? Mitbringen, weitermachen. Aber digital ausgerechnet für eine Regionalzeitung arbeiten? Unsere Webaffinität kann im Netz leicht ausgelotet werden – mit klaren Belegen dafür, was bei uns alles geht.

Noch Fragen? Oder schon ein Bewerbungssignal? Bitte nicht per Post, sondern nur digital. Je nach Belieben im Kommentarfeld oder per Mail an mich: christian.lindner „at“ rhein-zeitung.net

Christian Lindner

299 Gedanken zu „Bloggen und volontieren

  1. Pingback: Glanzlichter: Satansmühle der Eliten, Shirkys Wahrheitswahrnehmer und “Top Secret America” | Carta

  2. Stefan

    @Lindner: hoffentlich konnten Sie dem Interessenten auch Perspektiven vermitteln (wir brauchen auch regional gute Journalisten!).
    Also nicht, dass er zuerst mal unliebe User mobbt und löscht – zum Glück hier in unserem Blog noch nicht geschehen, im früheren RZ-Forum dagegen öfter.

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  3. Christian Lindner

    Unser Projekt „Bloggen und volontieren“ hatte schon erfreulich konkrete Folgen: Dieser Tage durfte ich eines der genialsten Bewerbungsgespräche der letzten zehn Jahre mit einem Volontariats-Interessenten führen – was an dem in jeder Hinsicht beeindruckend aufgestellten Bewerber lag.

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  4. Christian Lindner

    Die Rhein-Zeitung hat in den vergangenen zehn Jahren immer zwischen acht (bisweilen) und zehn (meist) Volontäre ausgebildet. Und mehr als die Hälfte davon übernommen.

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  5. Pingback: Glanzlichter 25 « … Kaffee bei mir?

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  7. Stefan

    Herr Lindner, wie das schreiben hört sich das gut an.

    Aber nach den Erfahrungen die wir z.B. in Mainz mit der MRZ in der Ära Ruch gemacht haben (und die Auflage ging ja auch von rund 12.000 auf 8.000 zurück), sind bei der RZ zwischen Worten und Taten Welten.
    Oder waren es – vielleicht haben Sie sich ja mittlerweile gebessert.

    Gruß Stefan

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  8. Christian Lindner

    Volontariate „für Blogger“ überwinden scheinbare Gegensätze.

    Wir fragen bei der Auswahl nicht mehr nach Print-Erfahrung und Praktika bei traditionellen Medien, sondern blicken auf Sprachgefühl, kreatives Texten, Dialogbereitschaft, „andere Sozialisierung“, Bezug zu anderen Themen und Welten, Interesse an der res publica – und auf die Offenheit, Grenzen zu überwinden.

    Wir suchen Publizisten, keine Techniker oder Admins.

    Und für solche Talente hat ein regionales Medienhaus mit großer Reichweite, langer Internet-Erfahrung und überprüfbarer Freude an Web2.0 viel Spiel- und Saatfläche gleichermaßen zu bieten.

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  9. Stefan

    Ich denke auch wie „not quite like Beathoven“:
    Lindner dachte bzw. formulierte noch gegensätzlich – Prantl hat das schon überwunden. Aber die „Provinzzeitung“ denkt auch nach – und das ist gut so. Und weiter so!

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  10. Not quite like Beethoven

    Ich sehe es ähnlich wie Simon Kremer oben. Allgemeine Zustimmung, aber „zwei Volo-Plätze für Blogger“ finde ich etwas merkwürdig. Sind etwa bei Volontariaten bislang Leute, die was publizistisches auf die Beine stellen oder die gute Schreiber sind und sich „Ausgänge“ suchen, übergangen worden? Für die RZ ist es sicher gut, nicht nur Talentierte, sondern digital Talentierte anzusprechen. Aber dennoch: „Für Blogger“ greift einen Gegensatz auf und verwendet ihn weiter, der eigentlich besser überwunden werden sollte. Wie Prantl ja auch sagt, wenn ich ihn richtig verstehe…

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  13. Simon Kremer

    Sehr interessanter Ansatz. Aber ist es überhaupt nötig, dies so explizit rauszustreichen? Besteht nicht dadurch auch die Gefahr, dass wir dadurch eine Zwei-Klassen-Gesellschaft an Journalisten beschwören? Weil der Stempel immer „Blogger“ sein wird? Finde die multimedialen Ansätze der RZ jedenfalls spannend. Und endlich mal eine Regionalzeitung, die keine Angst vorm Netz hat, sondern klug alle Kanäle bespielt. Könnt gerne noch mutiger werden, die Ressorucen dafür scheinen ja da zu sein. btw: Wo ist der „Like“-Button aus Facebook? Jedenfalls: Daumen hoch.

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  14. Stefan

    Jetzt haben wir also zweimal den Link zu Prantl – Nr. 5 vpn mir und dann auch noch mal Nr. 10 von Lindner.

    Jetzt sollten aber alle den auch lesen. 😀

    Und Lindner ließt die Blog-Kommentare wohl auch nicht immer?
    Stress? Wieso hat ein Chef Stress???

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  15. Christian Lindner

    Wie passend: Die Rhein-Zeitung lobt zwei Volontariate für Blogger aus – und Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung ruft am selben Tag via Internet dazu auf, keine nicht vorhandenen Gegensätze zwischen Bloggern und Journalisten zu konstruieren. Lesenswert, des Nachdenkens wert. Guter Journalismus eben, ganz unabhängig vom Verbreitungsweg.

    http://www.sueddeutsche.de/medien/serie-wozu-noch-journalismus-professioneller-edelblogger-1.967940-2

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  16. Paul Hahn

    Geniale Quer- und Vordenker der Rheinzeitung sorgen dafür, dass die Kooperation von Print und Web2.0 auf ein höheres Level gebracht wird.

    Zum Wohle aller geneigten Leser und zukunftsorientierten Blattmacher.

    Würd mich freuen, wenn auch Bloggerinnen eine Chance bekommen und alle andren Holzmedien ähnlich nachziehen.

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  17. Stefan

    Zum Thema habe ich gerade bei meinem täglichen Surfklick in der Süddeutschen etwas gefunden:

    http://www.sueddeutsche.de/medien/serie-wozu-noch-journalismus-professioneller-edelblogger-1.967940

    Ich hab‘ gerade nicht die Zeit es zu lesen und bewerten – aber generell scheint mir Prantl erst mal „sympathischer“ als Lindner (bei dem ich öfter auch etwas die Meinungsfreiheit bedroht sehe).
    Bin aber für „Ausnahmen“ oder neue Einsichten durchaus offen.

    Ich hoffe mir bis Donnerstag oder Freitag ein genaueres Urteil gebildet zu haben.

    Gruß Stefan

    Antworten
  18. Stefan

    Die Idee, Blogger statt gelernte Journalisten die Zeitung machen zu lassen, ist interessant. Vielleicht auch billiger.

    Nun bin ich wohl kein Blogger – nur ein Blog-Antworter.
    Aber warum nicht auch hier das Blog-Forum für „gute Leute wie Stefan“ freigeben – ich habe nix gegen ein Stefansblog, eines je Woche, Motto z.B. „Stefans quere Wochengedanken“.

    Antworten
  19. Andreas Toschka

    Glückwunsch Herr Lindner, auch hier setzen Sie mal wieder neue Maßstäbe für neue Wege im Printbereich…

    Vor 20 Jahren hätte ich Ihnen bestimmt ganz schnell meine Unterlagen ganz schnell zugemailt…

    Liebe junge Bloggerkollegen, ein Chance, die es zu nutzen gilt…

    Antworten
  20. Daniel Lücking

    Sehr geehrter Herr Lindner,

    hiermit ziehe ich offiziell die „kohlenstoffbasierte Bewerbung“ zurück, die Sie gern öffentlichkeitswirksam schreddern dürfen und verbleibe digital!
    Die Rheinzeitung setzt wieder einmal Akzente !

    Danke dafür!

    Antworten
  21. Markus Salzmann

    Interessanter Ansatz, kontradogmatisch und erfrischend.

    Hier wird ein weiterer, wichtiger Aspekt des „Web 2.0“ endlich so ernst genommen, dass er seinen Platz in einem wichtigen Tagesmedium erhält. Respekt für diesen Schritt.

    Wie es bei anderen Printmedien derzeit um die Integration von Blogmöglichkeiten steht, kann ich nicht beurteilen. Andere Medien – allen voran das ZDF – engagieren sich in diesem Bereich ja schon mehrere Jahre lang sehr erfolgreich.

    Und den Schritt innerhalb der RZ, kreativen Bloggern im Rahmen eines Volontariats die Möglichkeit zu geben sich einzubringen finde ich nur konsequent. Die Mitarbeiter der Rhein-Zeitung sind im Rahmen ihrer Redaktionstätigkeit ja bereits auf diversen anderen Ebenen – so zum Beispiel bei Twitter – aktiv und informativ unterwegs.

    Man darf gespannt sein.

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