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Artikel inaktiver Autoren

Hartes Paygate: Rhein-Zeitung.de im Herbst 2016

Die großen Linien im Digitalen der Rhein-Zeitung zeigen weiterhin nach rechts oben – zumindest wenn man auf jene Zahlen schaut, die sich in Euro bemessen und unterm Strich stehen. So gab es im Herbst bei uns erneut Steigerungen im Digitalumsatz, sowohl über den Verkauf von Inhalten als auch über den Verkauf von Werbung. Weiterlesen

Marcus Schwarze

Bezahlschranke der Rhein-Zeitung: Die Paywall damals, heute und in Zukunft

Das Interesse an dem Paygate der Rhein-Zeitung ist insbesondere in der Medienbranche ungebrochen – wie immer wieder Anfragen von Fachmedien beweisen. Zeit, einmal etwas weiter auszuholen: „Heise Online“ hat gefragt, ob ich in einem Gastbeitrag zum 20-jährigen Bestehen des Dienstes einmal das Entstehen und die Zukunft der Paywalls beschreiben möchte. Der folgende Text erschien denn auch als Gastbeitrag zuerst auf Heise.de. Für diesen Blog habe ich ihn um ein paar mehr Daten, Grafiken und unsere aktuellen Paywallzahlen angereichert.
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Marcus Schwarze

Wie sich Rhein-Zeitung.de im April entwickelt hat

Das Paygate auf Rhein-Zeitung.de hat im April weiter Fahrt aufgenommen. In fast allen Kategorien gab es bei den verkauften Pässen Zuwachs, nur bei den Monatspässen sind die Zahlen rückläufig. Deutlich mehr als 3000 verkaufte Pässe verbuchten wir im April – bei einer steigender Zahl von Abonnenten, die sich eine Registrierung zulegen, um Rhein-Zeitung.de zu nutzen.
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Marcus Schwarze

Mehr Umsatz mit Content als mit Werbung: Das Paygate auf Rhein-Zeitung.de im ersten Quartal 2016

Bei der Rhein-Zeitung haben wir im Digitalen jetzt erstmals mehr Umsatz mit unseren Inhalten statt mit der Werbung gemacht. Seit Einführung der festen Bezahlschranke für so gut wie alle unsere Inhalte (das war im Februar 2015) legten wir nun bei nahezu allen wichtigen Kennzahlen im Jahresvergleich zu. Und das teilweise deutlich. Die Zahlen im Einzelnen:

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Marcus Schwarze

Das letzte Kartenspiel

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Vier Tage nach meinem Krankenhausbesuch bei Birgit finde ich eine Sprachnachricht von Yalda auf meinem Handy. Sie erzählt mir, dass die Ärzte bei Birgit Metastasen in der Lunge, in der Leber und im Kopf gefunden haben. Die Ärzte haben ihr außerdem einen ganzen Liter Wasser aus der Lunge gepumpt. Ich kann das kaum glauben, denn vor ein paar Wochen hieß es ja noch, dass auf dem MRT keinerlei neue Tumoren zu sehen wären. Yalda sagt, dass jetzt wieder eine Chemotherapie im Gespräch ist. Dabei hat Birgit doch vor nichts mehr Angst als vor der Chemo.

27. Januar

Anke hat mich zu sich bestellt, um mit mir die Lage zu besprechen. Sie erzählt mir auch, dass Birgit überlegt, es noch einmal mit der Chemotherapie zu versuchen, hält den Versuch aber für sinnlos. Sie befürchtet, dass Birgits letzte Tage von Schmerzen, Angst und Übelkeit geprägt sein werden. „Ich würde sie lieber ins Hospiz nach Bad Kreuznach bringen, wo man sie noch ein bisschen verwöhnen kann“, meint die Expertin. Aber sie überlässt die Entscheidung Birgit selbst. Die Leute vom Hospizdienst dürfen die Patienten zwar beraten, aber nicht in ihrer Wahl beeinflussen. Sie möchte nun von mir wissen, ob ich aussteigen oder die Patientin weiterhin besuchen möchte. Denn ab jetzt wird es nur noch abwärts gehen – Chemo hin oder her. Ich möchte weitermachen, denn Birgit ist mir ans Herz gewachsen. Aber ich habe auch Angst vor dem, was ich möglicherweise erleben werde. Anke gibt mir ein wenig psychologisches Rüstzeug mit auf den Weg. Ich soll mir klarmachen, dass Birgit keine Verwandte oder enge Freundin von mir ist und dass ihr Schicksal nicht meines ist. „Ich sag‘ mir immer: Selbst wenn ich nicht beim Hospizdienst arbeiten, sondern Brötchen verkaufen würde, müssten die Leute trotzdem sterben“, sagt sie. Der Gedanke hilft mir.

28. Januar

Yalda wird heute am späten Nachmittag zu Birgit ins Krankenhaus fahren und hat versprochen, ihr die Nägel zu machen. Das mag vielleicht im ersten Moment überraschen, denn die Fingernägel sind in einer solchen Situation ja nun wirklich Nebensache, aber inzwischen weiß ich, wie wichtig es ist, irgendetwas zu machen, das nichts mit dem Krebs oder dem Tod zu tun hat. Ich möchte Birgit auch besuchen und kaufe ihr nach der Arbeit ein Fläschchen knallroten Nagellack. Ich finde ausnahmsweise gleich einen Parkplatz am Krankenhaus und bin schon ein paar Schritte vom Auto entfernt, als mich eine Sprachnachricht von Yalda erreicht und ich drehe sofort wieder um, nachdem ich sie abgehört habe. Yalda hört sich mitgenommen an und erzählt, dass Birgit sich gerade dazu entschieden hat, keine Chemo mehr zu machen. Sie möchte in ein stationäres Hospiz. Eine ihrer Schwestern und ihre Nichte sind jetzt bei ihr und die Situation ist sehr emotional. „Überleg dir gut, ob du kommen möchtest“, sagt Yalda am Ende der Nachricht. Ich entscheide mich, nach Hause zu fahren und die Privatsphäre der Familie zu respektieren.

Einen Tag später bekomme ich eine SMS von Yalda: Sie richtet mir liebe Grüße von Birgit aus, die sich auf meinen Besuch am Freitag freut und mir ausrichten lässt, dass sie unser Lieblingsspiel Phase 10 dabei hat.

29. Januar

Als ich ins Krankenhaus komme, ist Birgit nicht in ihrem Zimmer. Draußen auf dem Flur sehe ich sie dann: Anke ist bei ihr und stützt sie beim Gehen. Bei ihrem Anblick verkrampft sich mein Magen sofort: Sie ist kaum wiederzuerkennen. Dabei habe ich sie erst vor einer Woche das letzte Mal gesehen. Sie wirkt noch dünner, das Gesicht ist eingefallen und die federleichten Haare sind ganz zerzaust. In meinem Kopf erscheint das Bild eines hilflosen Vogelkükens. Ihr Gesicht hellt sich auf, als sie mich sieht und ich bücke mich, um sie zu umarmen, während ich versuche, mich nicht zu blamieren, indem ich anfange zu weinen. Wir gehen zusammen in den Aufenthaltsraum, wo wir uns alle an einen Tisch setzen. Birgit legt den Kopf in Ankes Schoß und die streichelt ihr den Rücken. Dann schenkt sie ihr einen Stein, in den eine Mulde für den Daumen eingearbeitet ist. Den soll sie nehmen, wenn sie Angst hat. Dann kommt mein Einsatz und mir rollen die Tränen über das Gesicht. „Jetzt hat es sogar die Karla Kolumna erwischt“, meint Anke und wir lachen alle drei über den Vergleich mit der Kinderhörspieljournalistin, obwohl die Situation überhaupt nicht zum Lachen ist. Birgit drückt mich und meint „Was raus muss, muss raus“, und ich reiße mich zusammen, denn es kann ja wohl nicht sein, dass eine todgeweihte Frau die Reporterin trösten muss. Anke verschwindet irgendwo in den Irrungen und Wirrungen des Krankenhauses, um Birgit auf die Liste für das Hospiz in Bad Kreuznach setzen zu lassen und Birgit und ich bauen das Kartenspiel im Aufenthaltsraum auf. Yalda wird erst am Nachmittag kommen, aber wir finden schnell eine dritte Mitspielerin: Die ganze Zeit über war noch eine weitere Patientin im Raum, die sich gern zu uns setzt und uns mit ihren Kartenmischtechniken beeindruckt. Birgit fragt sie, ob sie auch Krebs hat. Hat sie. Bei ihr ist es die Leber. Unsere Runde wird noch größer, denn eine ehrenamtliche Krankenhausmitarbeiterin setzt sich zu uns. Anke kommt zurück und erzählt uns, dass Birgit auf dem achten Platz auf der Warteliste für das Hospiz gelandet ist.

Als das Mittagessen kommt, kann Birgit wieder nichts essen. Sie möchte lieber rauchen gehen und ich greife mir ihre Jacke und die Handschuhe und schiebe ihren Rollstuhl nach draußen, direkt vor den Haupteingang des Krankenhauses. Ich setze mich auf eine eiskalte Bank und wir unterhalten uns. Sie erzählt mir, dass die Ärzte ihr noch etwa fünf Monate geben. Ich möchte von ihr wissen, ob sie Angst hat. „Nein“, sagt sie. „Bist du denn nicht stinksauer, weil du so früh sterben musst?“, frage ich. „Nein, wieso denn? Niemand kann es sich aussuchen, ob er Krebs bekommt“, ist ihre Antwort. Aber sie bereut, dass sie keine Kinder hat. Und außerdem viel Zeit mit den falschen Männern verschwendete. Es quält sie, dass sie ihre Angehörigen zurücklässt, vor allem ihre pflegebedürftige Mutter. Um die hat sie sich viele Jahre lang gekümmert. Auch ihre alte Hundedame macht ihr Sorgen. „Ich hab‘ schon überlegt, ob ich sie einschläfern lasse“, sagt sie. Das zeigt, dass sie wirklich verzweifelt ist, denn ihre Queenie liebt sie über alles. „Ich werde sie über die Zeitung vermitteln“, verspreche ich ihr. Doch anscheinend wollen ihre Verwandten sich um das Tier kümmern.

Nachdem sie ihre Zigarette fertig geraucht hat, setzen wir uns in die Cafeteria, wo ich uns zwei Becher Kaffee besorge. Doch noch nicht mal den bekommt sie hinunter, obwohl sie Unmengen Zucker darin versenkt. Sie findet die Armbänder an meinem Handgelenk schön und ich streife sie ihr über. Sie ziert sich kurz, aber dann nimmt sie sie freudestrahlend an. Es ist schön, sie lächeln zu sehen. Ich rolle sie zurück in den Aufenthaltsraum, wo wir unser Kartenspiel beenden. Ich frage sie, ob sie Schmerzen hat und sie sagt ja. Ich sage den Krankenschwestern Bescheid, die sofort mit einer Morphiumspritze herbeieilen. Ich würde gern noch ein wenig bleiben, aber ich muss wieder in die Redaktion zurück. Ich besorge Birgit noch eine Fernsehzeitschrift und verabschiede mich von ihr.

Es ist das letzte Mal, dass ich sie sehe. Drei Tage später, am 1. Februar, stirbt Birgit um kurz vor 21 Uhr ohne Schmerzen im Krankenhaus. Ihre Familie und Yalda sind bis zur letzten Sekunde bei ihr. Es heißt, ihr Gesicht habe zum Schluss ganz friedlich ausgesehen.

Yalda Zand (v.l.), Anke Schwall, Heike Niemeier und Silke Bauer haben Birigt Schumann auf ihrem letzten Weg begleitet

Auf dem Bild sind zu sehen (von links): Yalda Zand (mit einem Foto von Birgit Schumann), Anke Schwall, Heike Niemeier und die Autorin. Foto: Reiner Drumm

Silke Bauer

Verdacht auf Thrombose

21. Januar

Anke, die Hospizdienstchefin, ruft mich an und erzählt mir, dass Birgit im Krankenhaus liegt. Verdacht auf Thrombose. Auch das noch. Bevor ich mich mit Palliativbegleitung auseinandergesetzt habe, war mir überhaupt nicht klar, dass Krebs viel mehr als nur Krebs bedeutet. Die ganzen Folgeerscheinungen sind unheimlich gefährlich. Birgit schläft viel und ist zu schwach, um mehr als nur ein paar Schritte zu gehen. Wahrscheinlich kommt die Thrombose davon. Zum Glück scheint die Patientin außer Gefahr zu sein, im Krankenhaus ist sie sicher gut aufgehoben. Ich erfahre, dass Birgit sich freuen würde, wenn ich sie besuche und deshalb fahre ich am Freitagmorgen zum Klinikum im Idar-Obersteiner Stadtteil Göttschied. Anke ist schon da und Birgit strahlt, als sie mich sieht. Ich umarme sie und gebe ihr eine Illustrierte, die ich am Krankenhauskiosk für sie gekauft habe. Manchmal sind Klatschgeschichten gut für die Seele. Birgit erzählt mir, dass sie wahrscheinlich doch keine Thrombose hatte. Ihre Füße sind aber zur Sicherheit in Thrombosestrümpfen eingepackt und sie bekommt Heparin-Spritzen zur Blutverdünnung. Sie hat ihre Rommeekarten dabei und als Yalda eintrudelt, verwandeln wir den kleinen Krankenzimmertisch in einen Spieltisch. Doch vorher möchte Birgit noch eine Zigarette rauchen und Yalda und ich helfen ihr in ihre Jacke und fahren sie durch die langen Krankenhausflure mit dem Rollstuhl nach draußen in den eiskalten Januarmorgen. Es erschreckt mich, wie schwach Birgit inzwischen ist. Sie sollte nicht zu lange in der Kälte bleiben.

Als wir wieder am Spieltisch sitzen, kommt eine Krankenschwester ins Zimmer: Es ist Zeit fürs Mittagessen. Doch sie hat den Warmhaltedeckel über der Suppe noch nicht ganz gelüftet, als Birgit schon das Gesicht verzieht und abwinkt. Essen ist für sie inzwischen zu einer Art Feind geworden, schon der Geruch löst bei ihr Übelkeit aus. „Schmerzen hast du aber keine, oder?“, frage ich beiläufig und lege ein paar Karten auf den Tisch. „Doch, hab ich“, sagt sie. Yalda blickt alarmiert von ihren Karten auf und macht sich auf den Weg, um eine Schwester zu suchen. Eine der wichtigsten Aufgaben des Hospizdienstes ist es, dafür zu sorgen, dass die Patienten niemals Schmerzen haben. „Du musst es uns immer sagen, wenn dir etwas wehtut“, sagt Yalda zu Birgit, als sie wieder ins Zimmer kommt und Birgit liefert die Begründung für ihr Schweigen: „Ich wollte keinem zur Last fallen.“ Es ist wirklich nicht zu fassen, dass eine Krebspatientin im Endstadium keinen einzigen Klagelaut von sich gibt. Ich schäme mich, wenn ich daran denke, wie miesepetrig ich bin, wenn ich Halsschmerzen oder Schnupfen habe. Ich werde mich nie wieder beschweren.

Schließlich kommt eine Krankenschwester ins Zimmer. Sie hat eine Morphiumspritze dabei und pikst Birgit die Nadel in den Bauch, der schon ganz zerstochen ist. Ich will wissen, ob das Morphium auch die Psyche verändert, aber Yalda sagt, dass die Dosis noch zu gering ist, um Halluzinationen auszulösen. Das Schmerzmittel wirkt schnell, schon nach wenigen Minuten entspannt sich Birgits Gesicht. Sie wird jetzt müde. Ihre Augen kann sie kaum noch offen halten und sie verwechselt unsere Namen. Sie möchte noch eine rauchen, bevor sie sich hinlegt, und wir fahren sie wieder durch die endlosen Korridore nach draußen. Ich verabschiede mich und verspreche, in der nächsten Woche wieder vorbeizukommen.

Silke Bauer

„Beim Fallen habe ich immer ein vierblättriges Kleeblatt gefunden“

 

Kurz vor Silvester

Weihnachten ist vorbei und ich sitze wieder in B.‘s Küche. Sie spielt zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Hospizbegleiterin Y. Rommee und lacht. Man spürt, dass sie aufblüht, wenn Besuch im Haus ist. Die Ablenkung scheint ihr gut zu tun. Doch sie sieht krank aus. Am Morgen hat sie sich wieder übergeben. Der Port ist immer noch entzündet, seit einer Woche hat sie darüber keine künstliche Nahrung mehr bekommen. Sie muss regelmäßig Trinknahrung zu sich nehmen. Seit ich sie kenne, quält sie ein Schluckauf, der nicht mehr weggehen will. Heute hat sie erfahren, dass sie in Pflegestufe eins eingestuft wurde. Sie bekommt jetzt Geld von der Pflegekasse. Einen Schwerbehindertenausweis hat sie ebenfalls.

Weihnachten war wohl ziemlich trostlos. „An einem Tag konnte ich nicht aufstehen“, erzählt sie mir. Ihre Schwester und die Nichte waren aber zu Besuch und haben ihr eine Figur geschenkt, die sie Y. und mir unbedingt zeigen möchte. Sie geht ins Wohnzimmer und kommt mit einem riesigen Schutzengel zurück. Hoffentlich bringt er ihr Glück.

Anfang Januar

Inzwischen freue ich mich richtig auf die Treffen mit B. Ich mache nun auch bei den Kartenspielen mit. Heute erklären mir B. und Y. Phase 10. Beim Spielen unterhalten wir uns und die beiden Frauen rauchen. Bei der Palliativbegleitung geht es nicht darum, den moralischen Zeigefinger zu heben und den Kranken irgendetwas zu verbieten oder auszureden. Dafür ist es erstens schon zu spät und zweitens sollen sich die Patienten wohlfühlen und noch so viel Lebensqualität wie möglich haben. B. erzählt mir, dass ihr ein Arzt sogar davon abgeraten hat, mit dem Rauchen aufzuhören, weil es ihrem geschwächten Körper nicht guttut, wenn sie ihm etwas Gewohntes entzieht. Ich frage B., ob sie denn nie mies drauf ist. „Es gibt schon Tage, an denen ich schlecht gelaunt bin, da will mich keiner kennen“, antwortet sie. „Das ist aber meistens, wenn ich nichts zu rauchen hatte.“

B. hat für Y. und mich einen Neujahrsglücksbringer: ein kleines Kleeblatt mit einem Marienkäfer drauf. „Ich hab früher beim Fallen immer ein vierblättriges Kleeblatt gefunden“, erzählt sie uns. Der Glückbringer liegt inzwischen auf meinem Schreibtisch und auch Y. hat ihren auf ihrem Arbeitsplatz platziert. Es ist so rührend, dass jemand, der so wenig hat und so krank ist, immer zuerst an andere denkt.

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Der Tod ist bei unseren Gesprächen seit einiger Zeit überhaupt kein Thema mehr. B. hat wieder Hoffnung geschöpft. Im letzten MRT haben die Ärzte keine neuen Tumoren entdeckt. Sie weiß zwar, dass der Krebs trotzdem noch da ist, doch sie spricht jetzt oft davon, dass sie wieder gesund wird und dass sie dann wieder arbeiten gehen möchte. Sie war früher bei der Army in Baumholder in der Kleiderkammer angestellt und wurde arbeitslos, als die Amerikaner während des Irakkriegs nach und nach wieder abgezogen wurden. Ich frage vorsichtig, ob es denn etwas gibt, das sie gern mal wieder machen möchte und sie erzählt uns, dass sie noch einmal das Meer sehen will. Es ist von uns aus nicht allzu weit bis an die belgische Küste und Y. schlägt vor, dass wir mit B. dorthin fahren, wenn es ein bisschen wärmer ist. Denn bei dem nasskalten Januarwetter holt sie sich schnell eine Erkältung, was gefährlich werden kann. „Vielleicht ist es ja im März ein bisschen wärmer“, meint Y.

Ich bin froh, dass B. momentan so zuversichtlich ist und hoffe, dass vielleicht ein Wunder geschieht und sie noch ein paar Jahre mit dem Krebs leben kann. Aber es kommt mir so vor, als ob die Ärzte ihr nicht die ganze Wahrheit gesagt haben. Ich bin mir nicht sicher, was besser ist: falsche Hoffnung oder die ungeschönte Wahrheit? Vielleicht verdrängt B. gerade die Realität. Wer könnte es ihr verdenken?

Silke Bauer

Die missglückte Klangmassage

sterbebegleiterin macht klangmassage

Nach der Fotosession will Y. der Patientin eine Klangmassage geben. Ich habe so etwas noch nie zuvor gesehen und bin insgeheim etwas skeptisch, doch wenn es B. gut tut – warum nicht? Auch sie hat noch nie etwas mit Klangmassagen zu tun gehabt, ist aber offen für diese neue Erfahrung und freut sich darauf. Y. hat eine große Schale mitgebracht: „Die besteht aus verschiedenen Metallen und wird in Tibet hergestellt“, erzählt sie. Y. ist sehr spirituell und betreibt sogar eine Praxis für Klangmassagen. Sie glaubt daran, dass die Seelen nach dem Tod noch eine Weile auf der Erde bleiben. Ich selbst bin zwar Atheistin, aber jeder kann ja glauben, an was er will. Das ist das Gute am Hospizdienst: Die Sterbebegleiter sind bunt gemischt. Obwohl der Vorsitzende ein evangelischer Pfarrer ist, ist es egal, ob man als Katholik, Protestant oder Muslim durchs Leben läuft, ob man als Hindu geboren wurde, an den Buddhismus glaubt oder an gar nichts. Das macht es leichter, für jeden Patienten einen passenden Begleiter zu finden.

Y. hat inzwischen B. gebeten, sich auf einen Küchenstuhl zu setzen und stellt die Schale zwischen B.‘s Füße. „Es soll sich immer so anfühlen, dass du ein gutes Gefühl hast“, erklärt sie B. Anscheinend verträgt nicht jeder die Massage. Unser Fotograf Reiner, B.‘s Mutter und ich starren gebannt auf die Szene. Eigentlich soll so eine Klangmassage ja in einem abgeschiedenen Raum stattfinden, wo die beiden Beteiligten ihre Ruhe haben. Aber Reiner soll ja noch ein Foto schießen. Deswegen hat sich Y. netterweise dazu bereit erklärt, das Ganze in der Küche abzuhalten. Y. klopft mit einem Klöppel gegen die Klangschale und eine Art Gong erfüllt die kleine Küche. „Der Gong gefällt mir besonders gut“, lässt B. verlauten und Y. probiert einen tieferen Ton aus, der B. noch besser gefällt. Sie hat die Augen geschlossen, während Reiner verstohlen um sie herumläuft, um ein Foto zu machen. Klick.

B.‘s kleiner Hund Queenie, der den ganzen Vormittag nur gedöst hat, beschließt, dass genau jetzt der ideale Zeitpunkt für eine kleine Runde durch die Küche ist. Während Y. weiter den Raum mit tiefen Tönen erfüllt, spaziert die Hundedame zur Klangschale und wirft einen Blick hinein. „Die meint, da wird Wasser reinkommen“, sagt die Mutter, die sich bis jetzt still verhalten hat. „Oder Futterproben“, meint B. „Psssst“, kommt es von Y, die hochkonzentriert ist.

Dann klingelt das Telefon. B.‘s Mutter hebt ab. Am anderen Ende der Leitung hört man eine Frau brüllen. Doch sie klingt nicht wütend, anscheinend ist es ihre normale Lautstärke. B.‘ s Mutter beginnt ein Telefonat mit der Dame. „Es ist grad ungünstig“, erklärt sie ihr. „Meine Tochter bekommt eine Klangmassage.“ Währenddessen macht Reiner noch schnell ein weiteres Bild. Klick.

Dann klingelt es an der Tür. Der Hund hat das Interesse an der Klangschale verloren und beginnt zu bellen. Die Mutter öffnet die Tür, während sie weiter telefoniert. Der Hund bellt lauter, denn es ist die Nachbarin, die immer mit ihm spazieren geht. Die Nachbarin weiß nichts von der Klangmassage und kommt laut redend in die Küche. „Was ist denn hier los?“, fragt sie erstaunt und bleibt stehen. „Das ist eine Klangmassage“, erklärt B.‘s Mutter ihr. „Das ist zur Entspannung.“

B. hat weiterhin die Augen geschlossen und auch Y. zeigt eine Engelsgeduld. Bestimmt würde sie uns gern mit dem Klöppel verprügeln. Ich an ihrer Stelle hätte uns längst schon alle rausgeworfen.

Dann naht das Ende der Klangmassage und B. soll die Augen wieder öffnen. „Die gehen aber so schwer wieder auf, die wollen jedes Mal wieder zugehen“, sagt sie. Die Klangmassage scheint ihr gut getan zu haben, trotz der vielen Störfaktoren. „Das war schön“, sagt sie. „Ich hab mich in die Schwingungen hineinversetzt.“ Und dann denkt sie wieder gleich an andere. „Das würde der Mama auch gut tun“, sagt sie zu Y. „Jetzt denk doch zuerst mal an dich“, antwortet die. Nächste Woche will sie wieder eine Klangmassage mit B. machen. Die soll dann allerdings 45 Minuten dauern und im Wohnzimmer stattfinden, wo keiner nerven kann.

 

Silke Bauer