„Beim Fallen habe ich immer ein vierblättriges Kleeblatt gefunden“

 

Kurz vor Silvester

Weihnachten ist vorbei und ich sitze wieder in B.‘s Küche. Sie spielt zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Hospizbegleiterin Y. Rommee und lacht. Man spürt, dass sie aufblüht, wenn Besuch im Haus ist. Die Ablenkung scheint ihr gut zu tun. Doch sie sieht krank aus. Am Morgen hat sie sich wieder übergeben. Der Port ist immer noch entzündet, seit einer Woche hat sie darüber keine künstliche Nahrung mehr bekommen. Sie muss regelmäßig Trinknahrung zu sich nehmen. Seit ich sie kenne, quält sie ein Schluckauf, der nicht mehr weggehen will. Heute hat sie erfahren, dass sie in Pflegestufe eins eingestuft wurde. Sie bekommt jetzt Geld von der Pflegekasse. Einen Schwerbehindertenausweis hat sie ebenfalls.

Weihnachten war wohl ziemlich trostlos. „An einem Tag konnte ich nicht aufstehen“, erzählt sie mir. Ihre Schwester und die Nichte waren aber zu Besuch und haben ihr eine Figur geschenkt, die sie Y. und mir unbedingt zeigen möchte. Sie geht ins Wohnzimmer und kommt mit einem riesigen Schutzengel zurück. Hoffentlich bringt er ihr Glück.

Anfang Januar

Inzwischen freue ich mich richtig auf die Treffen mit B. Ich mache nun auch bei den Kartenspielen mit. Heute erklären mir B. und Y. Phase 10. Beim Spielen unterhalten wir uns und die beiden Frauen rauchen. Bei der Palliativbegleitung geht es nicht darum, den moralischen Zeigefinger zu heben und den Kranken irgendetwas zu verbieten oder auszureden. Dafür ist es erstens schon zu spät und zweitens sollen sich die Patienten wohlfühlen und noch so viel Lebensqualität wie möglich haben. B. erzählt mir, dass ihr ein Arzt sogar davon abgeraten hat, mit dem Rauchen aufzuhören, weil es ihrem geschwächten Körper nicht guttut, wenn sie ihm etwas Gewohntes entzieht. Ich frage B., ob sie denn nie mies drauf ist. „Es gibt schon Tage, an denen ich schlecht gelaunt bin, da will mich keiner kennen“, antwortet sie. „Das ist aber meistens, wenn ich nichts zu rauchen hatte.“

B. hat für Y. und mich einen Neujahrsglücksbringer: ein kleines Kleeblatt mit einem Marienkäfer drauf. „Ich hab früher beim Fallen immer ein vierblättriges Kleeblatt gefunden“, erzählt sie uns. Der Glückbringer liegt inzwischen auf meinem Schreibtisch und auch Y. hat ihren auf ihrem Arbeitsplatz platziert. Es ist so rührend, dass jemand, der so wenig hat und so krank ist, immer zuerst an andere denkt.

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Der Tod ist bei unseren Gesprächen seit einiger Zeit überhaupt kein Thema mehr. B. hat wieder Hoffnung geschöpft. Im letzten MRT haben die Ärzte keine neuen Tumoren entdeckt. Sie weiß zwar, dass der Krebs trotzdem noch da ist, doch sie spricht jetzt oft davon, dass sie wieder gesund wird und dass sie dann wieder arbeiten gehen möchte. Sie war früher bei der Army in Baumholder in der Kleiderkammer angestellt und wurde arbeitslos, als die Amerikaner während des Irakkriegs nach und nach wieder abgezogen wurden. Ich frage vorsichtig, ob es denn etwas gibt, das sie gern mal wieder machen möchte und sie erzählt uns, dass sie noch einmal das Meer sehen will. Es ist von uns aus nicht allzu weit bis an die belgische Küste und Y. schlägt vor, dass wir mit B. dorthin fahren, wenn es ein bisschen wärmer ist. Denn bei dem nasskalten Januarwetter holt sie sich schnell eine Erkältung, was gefährlich werden kann. „Vielleicht ist es ja im März ein bisschen wärmer“, meint Y.

Ich bin froh, dass B. momentan so zuversichtlich ist und hoffe, dass vielleicht ein Wunder geschieht und sie noch ein paar Jahre mit dem Krebs leben kann. Aber es kommt mir so vor, als ob die Ärzte ihr nicht die ganze Wahrheit gesagt haben. Ich bin mir nicht sicher, was besser ist: falsche Hoffnung oder die ungeschönte Wahrheit? Vielleicht verdrängt B. gerade die Realität. Wer könnte es ihr verdenken?

Silke Bauer

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