Das letzte Kartenspiel

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Vier Tage nach meinem Krankenhausbesuch bei Birgit finde ich eine Sprachnachricht von Yalda auf meinem Handy. Sie erzählt mir, dass die Ärzte bei Birgit Metastasen in der Lunge, in der Leber und im Kopf gefunden haben. Die Ärzte haben ihr außerdem einen ganzen Liter Wasser aus der Lunge gepumpt. Ich kann das kaum glauben, denn vor ein paar Wochen hieß es ja noch, dass auf dem MRT keinerlei neue Tumoren zu sehen wären. Yalda sagt, dass jetzt wieder eine Chemotherapie im Gespräch ist. Dabei hat Birgit doch vor nichts mehr Angst als vor der Chemo.

27. Januar

Anke hat mich zu sich bestellt, um mit mir die Lage zu besprechen. Sie erzählt mir auch, dass Birgit überlegt, es noch einmal mit der Chemotherapie zu versuchen, hält den Versuch aber für sinnlos. Sie befürchtet, dass Birgits letzte Tage von Schmerzen, Angst und Übelkeit geprägt sein werden. „Ich würde sie lieber ins Hospiz nach Bad Kreuznach bringen, wo man sie noch ein bisschen verwöhnen kann“, meint die Expertin. Aber sie überlässt die Entscheidung Birgit selbst. Die Leute vom Hospizdienst dürfen die Patienten zwar beraten, aber nicht in ihrer Wahl beeinflussen. Sie möchte nun von mir wissen, ob ich aussteigen oder die Patientin weiterhin besuchen möchte. Denn ab jetzt wird es nur noch abwärts gehen – Chemo hin oder her. Ich möchte weitermachen, denn Birgit ist mir ans Herz gewachsen. Aber ich habe auch Angst vor dem, was ich möglicherweise erleben werde. Anke gibt mir ein wenig psychologisches Rüstzeug mit auf den Weg. Ich soll mir klarmachen, dass Birgit keine Verwandte oder enge Freundin von mir ist und dass ihr Schicksal nicht meines ist. „Ich sag‘ mir immer: Selbst wenn ich nicht beim Hospizdienst arbeiten, sondern Brötchen verkaufen würde, müssten die Leute trotzdem sterben“, sagt sie. Der Gedanke hilft mir.

28. Januar

Yalda wird heute am späten Nachmittag zu Birgit ins Krankenhaus fahren und hat versprochen, ihr die Nägel zu machen. Das mag vielleicht im ersten Moment überraschen, denn die Fingernägel sind in einer solchen Situation ja nun wirklich Nebensache, aber inzwischen weiß ich, wie wichtig es ist, irgendetwas zu machen, das nichts mit dem Krebs oder dem Tod zu tun hat. Ich möchte Birgit auch besuchen und kaufe ihr nach der Arbeit ein Fläschchen knallroten Nagellack. Ich finde ausnahmsweise gleich einen Parkplatz am Krankenhaus und bin schon ein paar Schritte vom Auto entfernt, als mich eine Sprachnachricht von Yalda erreicht und ich drehe sofort wieder um, nachdem ich sie abgehört habe. Yalda hört sich mitgenommen an und erzählt, dass Birgit sich gerade dazu entschieden hat, keine Chemo mehr zu machen. Sie möchte in ein stationäres Hospiz. Eine ihrer Schwestern und ihre Nichte sind jetzt bei ihr und die Situation ist sehr emotional. „Überleg dir gut, ob du kommen möchtest“, sagt Yalda am Ende der Nachricht. Ich entscheide mich, nach Hause zu fahren und die Privatsphäre der Familie zu respektieren.

Einen Tag später bekomme ich eine SMS von Yalda: Sie richtet mir liebe Grüße von Birgit aus, die sich auf meinen Besuch am Freitag freut und mir ausrichten lässt, dass sie unser Lieblingsspiel Phase 10 dabei hat.

29. Januar

Als ich ins Krankenhaus komme, ist Birgit nicht in ihrem Zimmer. Draußen auf dem Flur sehe ich sie dann: Anke ist bei ihr und stützt sie beim Gehen. Bei ihrem Anblick verkrampft sich mein Magen sofort: Sie ist kaum wiederzuerkennen. Dabei habe ich sie erst vor einer Woche das letzte Mal gesehen. Sie wirkt noch dünner, das Gesicht ist eingefallen und die federleichten Haare sind ganz zerzaust. In meinem Kopf erscheint das Bild eines hilflosen Vogelkükens. Ihr Gesicht hellt sich auf, als sie mich sieht und ich bücke mich, um sie zu umarmen, während ich versuche, mich nicht zu blamieren, indem ich anfange zu weinen. Wir gehen zusammen in den Aufenthaltsraum, wo wir uns alle an einen Tisch setzen. Birgit legt den Kopf in Ankes Schoß und die streichelt ihr den Rücken. Dann schenkt sie ihr einen Stein, in den eine Mulde für den Daumen eingearbeitet ist. Den soll sie nehmen, wenn sie Angst hat. Dann kommt mein Einsatz und mir rollen die Tränen über das Gesicht. „Jetzt hat es sogar die Karla Kolumna erwischt“, meint Anke und wir lachen alle drei über den Vergleich mit der Kinderhörspieljournalistin, obwohl die Situation überhaupt nicht zum Lachen ist. Birgit drückt mich und meint „Was raus muss, muss raus“, und ich reiße mich zusammen, denn es kann ja wohl nicht sein, dass eine todgeweihte Frau die Reporterin trösten muss. Anke verschwindet irgendwo in den Irrungen und Wirrungen des Krankenhauses, um Birgit auf die Liste für das Hospiz in Bad Kreuznach setzen zu lassen und Birgit und ich bauen das Kartenspiel im Aufenthaltsraum auf. Yalda wird erst am Nachmittag kommen, aber wir finden schnell eine dritte Mitspielerin: Die ganze Zeit über war noch eine weitere Patientin im Raum, die sich gern zu uns setzt und uns mit ihren Kartenmischtechniken beeindruckt. Birgit fragt sie, ob sie auch Krebs hat. Hat sie. Bei ihr ist es die Leber. Unsere Runde wird noch größer, denn eine ehrenamtliche Krankenhausmitarbeiterin setzt sich zu uns. Anke kommt zurück und erzählt uns, dass Birgit auf dem achten Platz auf der Warteliste für das Hospiz gelandet ist.

Als das Mittagessen kommt, kann Birgit wieder nichts essen. Sie möchte lieber rauchen gehen und ich greife mir ihre Jacke und die Handschuhe und schiebe ihren Rollstuhl nach draußen, direkt vor den Haupteingang des Krankenhauses. Ich setze mich auf eine eiskalte Bank und wir unterhalten uns. Sie erzählt mir, dass die Ärzte ihr noch etwa fünf Monate geben. Ich möchte von ihr wissen, ob sie Angst hat. „Nein“, sagt sie. „Bist du denn nicht stinksauer, weil du so früh sterben musst?“, frage ich. „Nein, wieso denn? Niemand kann es sich aussuchen, ob er Krebs bekommt“, ist ihre Antwort. Aber sie bereut, dass sie keine Kinder hat. Und außerdem viel Zeit mit den falschen Männern verschwendete. Es quält sie, dass sie ihre Angehörigen zurücklässt, vor allem ihre pflegebedürftige Mutter. Um die hat sie sich viele Jahre lang gekümmert. Auch ihre alte Hundedame macht ihr Sorgen. „Ich hab‘ schon überlegt, ob ich sie einschläfern lasse“, sagt sie. Das zeigt, dass sie wirklich verzweifelt ist, denn ihre Queenie liebt sie über alles. „Ich werde sie über die Zeitung vermitteln“, verspreche ich ihr. Doch anscheinend wollen ihre Verwandten sich um das Tier kümmern.

Nachdem sie ihre Zigarette fertig geraucht hat, setzen wir uns in die Cafeteria, wo ich uns zwei Becher Kaffee besorge. Doch noch nicht mal den bekommt sie hinunter, obwohl sie Unmengen Zucker darin versenkt. Sie findet die Armbänder an meinem Handgelenk schön und ich streife sie ihr über. Sie ziert sich kurz, aber dann nimmt sie sie freudestrahlend an. Es ist schön, sie lächeln zu sehen. Ich rolle sie zurück in den Aufenthaltsraum, wo wir unser Kartenspiel beenden. Ich frage sie, ob sie Schmerzen hat und sie sagt ja. Ich sage den Krankenschwestern Bescheid, die sofort mit einer Morphiumspritze herbeieilen. Ich würde gern noch ein wenig bleiben, aber ich muss wieder in die Redaktion zurück. Ich besorge Birgit noch eine Fernsehzeitschrift und verabschiede mich von ihr.

Es ist das letzte Mal, dass ich sie sehe. Drei Tage später, am 1. Februar, stirbt Birgit um kurz vor 21 Uhr ohne Schmerzen im Krankenhaus. Ihre Familie und Yalda sind bis zur letzten Sekunde bei ihr. Es heißt, ihr Gesicht habe zum Schluss ganz friedlich ausgesehen.

Yalda Zand (v.l.), Anke Schwall, Heike Niemeier und Silke Bauer haben Birigt Schumann auf ihrem letzten Weg begleitet

Auf dem Bild sind zu sehen (von links): Yalda Zand (mit einem Foto von Birgit Schumann), Anke Schwall, Heike Niemeier und die Autorin. Foto: Reiner Drumm

Silke Bauer

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