Archiv der Kategorie: Sterbehilfe

Unsere Volontärin Silke Bauer begleitet eine todkranke Patientin, die von einer ehrenamtlichen Sterbebegleiterin und den Palliativschwestern vom Hospizdienst Obere Nahe betreut wird.

Das letzte Kartenspiel

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Vier Tage nach meinem Krankenhausbesuch bei Birgit finde ich eine Sprachnachricht von Yalda auf meinem Handy. Sie erzählt mir, dass die Ärzte bei Birgit Metastasen in der Lunge, in der Leber und im Kopf gefunden haben. Die Ärzte haben ihr außerdem einen ganzen Liter Wasser aus der Lunge gepumpt. Ich kann das kaum glauben, denn vor ein paar Wochen hieß es ja noch, dass auf dem MRT keinerlei neue Tumoren zu sehen wären. Yalda sagt, dass jetzt wieder eine Chemotherapie im Gespräch ist. Dabei hat Birgit doch vor nichts mehr Angst als vor der Chemo.

27. Januar

Anke hat mich zu sich bestellt, um mit mir die Lage zu besprechen. Sie erzählt mir auch, dass Birgit überlegt, es noch einmal mit der Chemotherapie zu versuchen, hält den Versuch aber für sinnlos. Sie befürchtet, dass Birgits letzte Tage von Schmerzen, Angst und Übelkeit geprägt sein werden. „Ich würde sie lieber ins Hospiz nach Bad Kreuznach bringen, wo man sie noch ein bisschen verwöhnen kann“, meint die Expertin. Aber sie überlässt die Entscheidung Birgit selbst. Die Leute vom Hospizdienst dürfen die Patienten zwar beraten, aber nicht in ihrer Wahl beeinflussen. Sie möchte nun von mir wissen, ob ich aussteigen oder die Patientin weiterhin besuchen möchte. Denn ab jetzt wird es nur noch abwärts gehen – Chemo hin oder her. Ich möchte weitermachen, denn Birgit ist mir ans Herz gewachsen. Aber ich habe auch Angst vor dem, was ich möglicherweise erleben werde. Anke gibt mir ein wenig psychologisches Rüstzeug mit auf den Weg. Ich soll mir klarmachen, dass Birgit keine Verwandte oder enge Freundin von mir ist und dass ihr Schicksal nicht meines ist. „Ich sag‘ mir immer: Selbst wenn ich nicht beim Hospizdienst arbeiten, sondern Brötchen verkaufen würde, müssten die Leute trotzdem sterben“, sagt sie. Der Gedanke hilft mir.

28. Januar

Yalda wird heute am späten Nachmittag zu Birgit ins Krankenhaus fahren und hat versprochen, ihr die Nägel zu machen. Das mag vielleicht im ersten Moment überraschen, denn die Fingernägel sind in einer solchen Situation ja nun wirklich Nebensache, aber inzwischen weiß ich, wie wichtig es ist, irgendetwas zu machen, das nichts mit dem Krebs oder dem Tod zu tun hat. Ich möchte Birgit auch besuchen und kaufe ihr nach der Arbeit ein Fläschchen knallroten Nagellack. Ich finde ausnahmsweise gleich einen Parkplatz am Krankenhaus und bin schon ein paar Schritte vom Auto entfernt, als mich eine Sprachnachricht von Yalda erreicht und ich drehe sofort wieder um, nachdem ich sie abgehört habe. Yalda hört sich mitgenommen an und erzählt, dass Birgit sich gerade dazu entschieden hat, keine Chemo mehr zu machen. Sie möchte in ein stationäres Hospiz. Eine ihrer Schwestern und ihre Nichte sind jetzt bei ihr und die Situation ist sehr emotional. „Überleg dir gut, ob du kommen möchtest“, sagt Yalda am Ende der Nachricht. Ich entscheide mich, nach Hause zu fahren und die Privatsphäre der Familie zu respektieren.

Einen Tag später bekomme ich eine SMS von Yalda: Sie richtet mir liebe Grüße von Birgit aus, die sich auf meinen Besuch am Freitag freut und mir ausrichten lässt, dass sie unser Lieblingsspiel Phase 10 dabei hat.

29. Januar

Als ich ins Krankenhaus komme, ist Birgit nicht in ihrem Zimmer. Draußen auf dem Flur sehe ich sie dann: Anke ist bei ihr und stützt sie beim Gehen. Bei ihrem Anblick verkrampft sich mein Magen sofort: Sie ist kaum wiederzuerkennen. Dabei habe ich sie erst vor einer Woche das letzte Mal gesehen. Sie wirkt noch dünner, das Gesicht ist eingefallen und die federleichten Haare sind ganz zerzaust. In meinem Kopf erscheint das Bild eines hilflosen Vogelkükens. Ihr Gesicht hellt sich auf, als sie mich sieht und ich bücke mich, um sie zu umarmen, während ich versuche, mich nicht zu blamieren, indem ich anfange zu weinen. Wir gehen zusammen in den Aufenthaltsraum, wo wir uns alle an einen Tisch setzen. Birgit legt den Kopf in Ankes Schoß und die streichelt ihr den Rücken. Dann schenkt sie ihr einen Stein, in den eine Mulde für den Daumen eingearbeitet ist. Den soll sie nehmen, wenn sie Angst hat. Dann kommt mein Einsatz und mir rollen die Tränen über das Gesicht. „Jetzt hat es sogar die Karla Kolumna erwischt“, meint Anke und wir lachen alle drei über den Vergleich mit der Kinderhörspieljournalistin, obwohl die Situation überhaupt nicht zum Lachen ist. Birgit drückt mich und meint „Was raus muss, muss raus“, und ich reiße mich zusammen, denn es kann ja wohl nicht sein, dass eine todgeweihte Frau die Reporterin trösten muss. Anke verschwindet irgendwo in den Irrungen und Wirrungen des Krankenhauses, um Birgit auf die Liste für das Hospiz in Bad Kreuznach setzen zu lassen und Birgit und ich bauen das Kartenspiel im Aufenthaltsraum auf. Yalda wird erst am Nachmittag kommen, aber wir finden schnell eine dritte Mitspielerin: Die ganze Zeit über war noch eine weitere Patientin im Raum, die sich gern zu uns setzt und uns mit ihren Kartenmischtechniken beeindruckt. Birgit fragt sie, ob sie auch Krebs hat. Hat sie. Bei ihr ist es die Leber. Unsere Runde wird noch größer, denn eine ehrenamtliche Krankenhausmitarbeiterin setzt sich zu uns. Anke kommt zurück und erzählt uns, dass Birgit auf dem achten Platz auf der Warteliste für das Hospiz gelandet ist.

Als das Mittagessen kommt, kann Birgit wieder nichts essen. Sie möchte lieber rauchen gehen und ich greife mir ihre Jacke und die Handschuhe und schiebe ihren Rollstuhl nach draußen, direkt vor den Haupteingang des Krankenhauses. Ich setze mich auf eine eiskalte Bank und wir unterhalten uns. Sie erzählt mir, dass die Ärzte ihr noch etwa fünf Monate geben. Ich möchte von ihr wissen, ob sie Angst hat. „Nein“, sagt sie. „Bist du denn nicht stinksauer, weil du so früh sterben musst?“, frage ich. „Nein, wieso denn? Niemand kann es sich aussuchen, ob er Krebs bekommt“, ist ihre Antwort. Aber sie bereut, dass sie keine Kinder hat. Und außerdem viel Zeit mit den falschen Männern verschwendete. Es quält sie, dass sie ihre Angehörigen zurücklässt, vor allem ihre pflegebedürftige Mutter. Um die hat sie sich viele Jahre lang gekümmert. Auch ihre alte Hundedame macht ihr Sorgen. „Ich hab‘ schon überlegt, ob ich sie einschläfern lasse“, sagt sie. Das zeigt, dass sie wirklich verzweifelt ist, denn ihre Queenie liebt sie über alles. „Ich werde sie über die Zeitung vermitteln“, verspreche ich ihr. Doch anscheinend wollen ihre Verwandten sich um das Tier kümmern.

Nachdem sie ihre Zigarette fertig geraucht hat, setzen wir uns in die Cafeteria, wo ich uns zwei Becher Kaffee besorge. Doch noch nicht mal den bekommt sie hinunter, obwohl sie Unmengen Zucker darin versenkt. Sie findet die Armbänder an meinem Handgelenk schön und ich streife sie ihr über. Sie ziert sich kurz, aber dann nimmt sie sie freudestrahlend an. Es ist schön, sie lächeln zu sehen. Ich rolle sie zurück in den Aufenthaltsraum, wo wir unser Kartenspiel beenden. Ich frage sie, ob sie Schmerzen hat und sie sagt ja. Ich sage den Krankenschwestern Bescheid, die sofort mit einer Morphiumspritze herbeieilen. Ich würde gern noch ein wenig bleiben, aber ich muss wieder in die Redaktion zurück. Ich besorge Birgit noch eine Fernsehzeitschrift und verabschiede mich von ihr.

Es ist das letzte Mal, dass ich sie sehe. Drei Tage später, am 1. Februar, stirbt Birgit um kurz vor 21 Uhr ohne Schmerzen im Krankenhaus. Ihre Familie und Yalda sind bis zur letzten Sekunde bei ihr. Es heißt, ihr Gesicht habe zum Schluss ganz friedlich ausgesehen.

Yalda Zand (v.l.), Anke Schwall, Heike Niemeier und Silke Bauer haben Birigt Schumann auf ihrem letzten Weg begleitet

Auf dem Bild sind zu sehen (von links): Yalda Zand (mit einem Foto von Birgit Schumann), Anke Schwall, Heike Niemeier und die Autorin. Foto: Reiner Drumm

Silke Bauer

Verdacht auf Thrombose

21. Januar

Anke, die Hospizdienstchefin, ruft mich an und erzählt mir, dass Birgit im Krankenhaus liegt. Verdacht auf Thrombose. Auch das noch. Bevor ich mich mit Palliativbegleitung auseinandergesetzt habe, war mir überhaupt nicht klar, dass Krebs viel mehr als nur Krebs bedeutet. Die ganzen Folgeerscheinungen sind unheimlich gefährlich. Birgit schläft viel und ist zu schwach, um mehr als nur ein paar Schritte zu gehen. Wahrscheinlich kommt die Thrombose davon. Zum Glück scheint die Patientin außer Gefahr zu sein, im Krankenhaus ist sie sicher gut aufgehoben. Ich erfahre, dass Birgit sich freuen würde, wenn ich sie besuche und deshalb fahre ich am Freitagmorgen zum Klinikum im Idar-Obersteiner Stadtteil Göttschied. Anke ist schon da und Birgit strahlt, als sie mich sieht. Ich umarme sie und gebe ihr eine Illustrierte, die ich am Krankenhauskiosk für sie gekauft habe. Manchmal sind Klatschgeschichten gut für die Seele. Birgit erzählt mir, dass sie wahrscheinlich doch keine Thrombose hatte. Ihre Füße sind aber zur Sicherheit in Thrombosestrümpfen eingepackt und sie bekommt Heparin-Spritzen zur Blutverdünnung. Sie hat ihre Rommeekarten dabei und als Yalda eintrudelt, verwandeln wir den kleinen Krankenzimmertisch in einen Spieltisch. Doch vorher möchte Birgit noch eine Zigarette rauchen und Yalda und ich helfen ihr in ihre Jacke und fahren sie durch die langen Krankenhausflure mit dem Rollstuhl nach draußen in den eiskalten Januarmorgen. Es erschreckt mich, wie schwach Birgit inzwischen ist. Sie sollte nicht zu lange in der Kälte bleiben.

Als wir wieder am Spieltisch sitzen, kommt eine Krankenschwester ins Zimmer: Es ist Zeit fürs Mittagessen. Doch sie hat den Warmhaltedeckel über der Suppe noch nicht ganz gelüftet, als Birgit schon das Gesicht verzieht und abwinkt. Essen ist für sie inzwischen zu einer Art Feind geworden, schon der Geruch löst bei ihr Übelkeit aus. „Schmerzen hast du aber keine, oder?“, frage ich beiläufig und lege ein paar Karten auf den Tisch. „Doch, hab ich“, sagt sie. Yalda blickt alarmiert von ihren Karten auf und macht sich auf den Weg, um eine Schwester zu suchen. Eine der wichtigsten Aufgaben des Hospizdienstes ist es, dafür zu sorgen, dass die Patienten niemals Schmerzen haben. „Du musst es uns immer sagen, wenn dir etwas wehtut“, sagt Yalda zu Birgit, als sie wieder ins Zimmer kommt und Birgit liefert die Begründung für ihr Schweigen: „Ich wollte keinem zur Last fallen.“ Es ist wirklich nicht zu fassen, dass eine Krebspatientin im Endstadium keinen einzigen Klagelaut von sich gibt. Ich schäme mich, wenn ich daran denke, wie miesepetrig ich bin, wenn ich Halsschmerzen oder Schnupfen habe. Ich werde mich nie wieder beschweren.

Schließlich kommt eine Krankenschwester ins Zimmer. Sie hat eine Morphiumspritze dabei und pikst Birgit die Nadel in den Bauch, der schon ganz zerstochen ist. Ich will wissen, ob das Morphium auch die Psyche verändert, aber Yalda sagt, dass die Dosis noch zu gering ist, um Halluzinationen auszulösen. Das Schmerzmittel wirkt schnell, schon nach wenigen Minuten entspannt sich Birgits Gesicht. Sie wird jetzt müde. Ihre Augen kann sie kaum noch offen halten und sie verwechselt unsere Namen. Sie möchte noch eine rauchen, bevor sie sich hinlegt, und wir fahren sie wieder durch die endlosen Korridore nach draußen. Ich verabschiede mich und verspreche, in der nächsten Woche wieder vorbeizukommen.

Silke Bauer

„Beim Fallen habe ich immer ein vierblättriges Kleeblatt gefunden“

 

Kurz vor Silvester

Weihnachten ist vorbei und ich sitze wieder in B.‘s Küche. Sie spielt zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Hospizbegleiterin Y. Rommee und lacht. Man spürt, dass sie aufblüht, wenn Besuch im Haus ist. Die Ablenkung scheint ihr gut zu tun. Doch sie sieht krank aus. Am Morgen hat sie sich wieder übergeben. Der Port ist immer noch entzündet, seit einer Woche hat sie darüber keine künstliche Nahrung mehr bekommen. Sie muss regelmäßig Trinknahrung zu sich nehmen. Seit ich sie kenne, quält sie ein Schluckauf, der nicht mehr weggehen will. Heute hat sie erfahren, dass sie in Pflegestufe eins eingestuft wurde. Sie bekommt jetzt Geld von der Pflegekasse. Einen Schwerbehindertenausweis hat sie ebenfalls.

Weihnachten war wohl ziemlich trostlos. „An einem Tag konnte ich nicht aufstehen“, erzählt sie mir. Ihre Schwester und die Nichte waren aber zu Besuch und haben ihr eine Figur geschenkt, die sie Y. und mir unbedingt zeigen möchte. Sie geht ins Wohnzimmer und kommt mit einem riesigen Schutzengel zurück. Hoffentlich bringt er ihr Glück.

Anfang Januar

Inzwischen freue ich mich richtig auf die Treffen mit B. Ich mache nun auch bei den Kartenspielen mit. Heute erklären mir B. und Y. Phase 10. Beim Spielen unterhalten wir uns und die beiden Frauen rauchen. Bei der Palliativbegleitung geht es nicht darum, den moralischen Zeigefinger zu heben und den Kranken irgendetwas zu verbieten oder auszureden. Dafür ist es erstens schon zu spät und zweitens sollen sich die Patienten wohlfühlen und noch so viel Lebensqualität wie möglich haben. B. erzählt mir, dass ihr ein Arzt sogar davon abgeraten hat, mit dem Rauchen aufzuhören, weil es ihrem geschwächten Körper nicht guttut, wenn sie ihm etwas Gewohntes entzieht. Ich frage B., ob sie denn nie mies drauf ist. „Es gibt schon Tage, an denen ich schlecht gelaunt bin, da will mich keiner kennen“, antwortet sie. „Das ist aber meistens, wenn ich nichts zu rauchen hatte.“

B. hat für Y. und mich einen Neujahrsglücksbringer: ein kleines Kleeblatt mit einem Marienkäfer drauf. „Ich hab früher beim Fallen immer ein vierblättriges Kleeblatt gefunden“, erzählt sie uns. Der Glückbringer liegt inzwischen auf meinem Schreibtisch und auch Y. hat ihren auf ihrem Arbeitsplatz platziert. Es ist so rührend, dass jemand, der so wenig hat und so krank ist, immer zuerst an andere denkt.

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Der Tod ist bei unseren Gesprächen seit einiger Zeit überhaupt kein Thema mehr. B. hat wieder Hoffnung geschöpft. Im letzten MRT haben die Ärzte keine neuen Tumoren entdeckt. Sie weiß zwar, dass der Krebs trotzdem noch da ist, doch sie spricht jetzt oft davon, dass sie wieder gesund wird und dass sie dann wieder arbeiten gehen möchte. Sie war früher bei der Army in Baumholder in der Kleiderkammer angestellt und wurde arbeitslos, als die Amerikaner während des Irakkriegs nach und nach wieder abgezogen wurden. Ich frage vorsichtig, ob es denn etwas gibt, das sie gern mal wieder machen möchte und sie erzählt uns, dass sie noch einmal das Meer sehen will. Es ist von uns aus nicht allzu weit bis an die belgische Küste und Y. schlägt vor, dass wir mit B. dorthin fahren, wenn es ein bisschen wärmer ist. Denn bei dem nasskalten Januarwetter holt sie sich schnell eine Erkältung, was gefährlich werden kann. „Vielleicht ist es ja im März ein bisschen wärmer“, meint Y.

Ich bin froh, dass B. momentan so zuversichtlich ist und hoffe, dass vielleicht ein Wunder geschieht und sie noch ein paar Jahre mit dem Krebs leben kann. Aber es kommt mir so vor, als ob die Ärzte ihr nicht die ganze Wahrheit gesagt haben. Ich bin mir nicht sicher, was besser ist: falsche Hoffnung oder die ungeschönte Wahrheit? Vielleicht verdrängt B. gerade die Realität. Wer könnte es ihr verdenken?

Silke Bauer

Die missglückte Klangmassage

sterbebegleiterin macht klangmassage

Nach der Fotosession will Y. der Patientin eine Klangmassage geben. Ich habe so etwas noch nie zuvor gesehen und bin insgeheim etwas skeptisch, doch wenn es B. gut tut – warum nicht? Auch sie hat noch nie etwas mit Klangmassagen zu tun gehabt, ist aber offen für diese neue Erfahrung und freut sich darauf. Y. hat eine große Schale mitgebracht: „Die besteht aus verschiedenen Metallen und wird in Tibet hergestellt“, erzählt sie. Y. ist sehr spirituell und betreibt sogar eine Praxis für Klangmassagen. Sie glaubt daran, dass die Seelen nach dem Tod noch eine Weile auf der Erde bleiben. Ich selbst bin zwar Atheistin, aber jeder kann ja glauben, an was er will. Das ist das Gute am Hospizdienst: Die Sterbebegleiter sind bunt gemischt. Obwohl der Vorsitzende ein evangelischer Pfarrer ist, ist es egal, ob man als Katholik, Protestant oder Muslim durchs Leben läuft, ob man als Hindu geboren wurde, an den Buddhismus glaubt oder an gar nichts. Das macht es leichter, für jeden Patienten einen passenden Begleiter zu finden.

Y. hat inzwischen B. gebeten, sich auf einen Küchenstuhl zu setzen und stellt die Schale zwischen B.‘s Füße. „Es soll sich immer so anfühlen, dass du ein gutes Gefühl hast“, erklärt sie B. Anscheinend verträgt nicht jeder die Massage. Unser Fotograf Reiner, B.‘s Mutter und ich starren gebannt auf die Szene. Eigentlich soll so eine Klangmassage ja in einem abgeschiedenen Raum stattfinden, wo die beiden Beteiligten ihre Ruhe haben. Aber Reiner soll ja noch ein Foto schießen. Deswegen hat sich Y. netterweise dazu bereit erklärt, das Ganze in der Küche abzuhalten. Y. klopft mit einem Klöppel gegen die Klangschale und eine Art Gong erfüllt die kleine Küche. „Der Gong gefällt mir besonders gut“, lässt B. verlauten und Y. probiert einen tieferen Ton aus, der B. noch besser gefällt. Sie hat die Augen geschlossen, während Reiner verstohlen um sie herumläuft, um ein Foto zu machen. Klick.

B.‘s kleiner Hund Queenie, der den ganzen Vormittag nur gedöst hat, beschließt, dass genau jetzt der ideale Zeitpunkt für eine kleine Runde durch die Küche ist. Während Y. weiter den Raum mit tiefen Tönen erfüllt, spaziert die Hundedame zur Klangschale und wirft einen Blick hinein. „Die meint, da wird Wasser reinkommen“, sagt die Mutter, die sich bis jetzt still verhalten hat. „Oder Futterproben“, meint B. „Psssst“, kommt es von Y, die hochkonzentriert ist.

Dann klingelt das Telefon. B.‘s Mutter hebt ab. Am anderen Ende der Leitung hört man eine Frau brüllen. Doch sie klingt nicht wütend, anscheinend ist es ihre normale Lautstärke. B.‘ s Mutter beginnt ein Telefonat mit der Dame. „Es ist grad ungünstig“, erklärt sie ihr. „Meine Tochter bekommt eine Klangmassage.“ Währenddessen macht Reiner noch schnell ein weiteres Bild. Klick.

Dann klingelt es an der Tür. Der Hund hat das Interesse an der Klangschale verloren und beginnt zu bellen. Die Mutter öffnet die Tür, während sie weiter telefoniert. Der Hund bellt lauter, denn es ist die Nachbarin, die immer mit ihm spazieren geht. Die Nachbarin weiß nichts von der Klangmassage und kommt laut redend in die Küche. „Was ist denn hier los?“, fragt sie erstaunt und bleibt stehen. „Das ist eine Klangmassage“, erklärt B.‘s Mutter ihr. „Das ist zur Entspannung.“

B. hat weiterhin die Augen geschlossen und auch Y. zeigt eine Engelsgeduld. Bestimmt würde sie uns gern mit dem Klöppel verprügeln. Ich an ihrer Stelle hätte uns längst schon alle rausgeworfen.

Dann naht das Ende der Klangmassage und B. soll die Augen wieder öffnen. „Die gehen aber so schwer wieder auf, die wollen jedes Mal wieder zugehen“, sagt sie. Die Klangmassage scheint ihr gut getan zu haben, trotz der vielen Störfaktoren. „Das war schön“, sagt sie. „Ich hab mich in die Schwingungen hineinversetzt.“ Und dann denkt sie wieder gleich an andere. „Das würde der Mama auch gut tun“, sagt sie zu Y. „Jetzt denk doch zuerst mal an dich“, antwortet die. Nächste Woche will sie wieder eine Klangmassage mit B. machen. Die soll dann allerdings 45 Minuten dauern und im Wohnzimmer stattfinden, wo keiner nerven kann.

 

Silke Bauer

21. Dezember: Die Fotosession

Heute ist bei B. wieder Full House angesagt. Unser Fotograf Reiner, die Sterbegleiterin Y. und ich sind zu Besuch. Doch heute geht es der Patientin nicht gut. Wir warten bei ihrer Mutter in der Küche, bis B. schließlich kommt. Sie musste sich übergeben und umziehen, erzählt sie. Ihr ist ständig übel. Obwohl die letzte Chemo schon einige Zeit her ist, hat sie immer noch einen metallischen Geschmack im Mund, der nicht mehr weggeht. Doch trotz allem scheint sie sich zu freuen, uns zu sehen. Y. hat B.‘s Lieblingsplätzchen dabei: selbstgemachte Schoko-Crossies. B. bedankt sich, doch die Lust auf Essen ist ihr schon lange vergangen. Immerhin: Gestern hat sie einen halben Kloß mit ein bisschen Apfelmus verspeist, erzählt sie uns. „Ich habe das Gefühl, dass mein Körper nur noch aus Wasser besteht“, sagt sie. Ihr Port, über den sie flüssige Nahrung bekommt, ist momentan entzündet und kann nicht benutzt werden. Krebs zieht so viele schlimme Nebenwirkungen nach sich. B. hat vor einigen Tagen erfahren, dass sie nun Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis hat.

Reiner soll heute ein paar Fotos machen. Ich schlage B. vor, dass wir sie anonymisieren können, sodass man sie nur von hinten oder von der Seite sieht. Ich möchte nicht, dass sie sich zu etwas überredet fühlt, wozu sie gar nicht bereit ist. „Kommt gar nicht in Frage“, erklärt sie energisch. „Es gibt nichts, wofür ich mich schämen muss.“ Reiner fragt B., ob sie ein paar Fotos aus Kindertagen raussuchen kann. Das lässt sie sich nicht zweimal sagen und bringt mehrere Fotoalben in die Küche. Auf vielen Bildern ist sie als strahlende junge Frau zu sehen. Rein äußerlich hat sie mit dieser Person nichts mehr gemeinsam. Vor ihrer Krebsdiagnose im Mai 2015 hat B. mal 170 Kilo gewogen. Jetzt sind es noch 70 Kilo. „Ich habe abgenommen wie ein Abreißkalender. Als ich vor ein paar Monaten mit meinem besten Freund nach Luxemburg wollte, sind wir an der Grenze kontrolliert worden. Die wollten mich nicht reinlassen und haben mir nicht geglaubt, dass das auf dem Foto ich bin“, erzählt sie. Schließlich glauben ihr die Beamten doch und lassen sie ins Land. Doch demnächst soll sie neue Fotos machen lassen. Angesichts ihrer Situation lässt mich das schlucken.

Als B. mit uns durch die Fotoalben blättert, blüht sie sichtlich auf und auch ihre Mutter scheint sich zu freuen. „Ich hatte eine schöne Kindheit“, sagt B. Man sieht die Familie bei Grillfesten, beim Wassertreten in Naumburg, inmitten der Haustiere … „Wir hatten immer viele Tiere“, erinnert sich B. „Hunde, Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen, Hamster …“. „Ich möchte Sie gern zusammen mit Ihrem Hund fotografieren“, schlägt Reiner ihr vor. B. nimmt die Dackeldame auf den Schoß und schmiegt ihren Kopf an das Tier. Der Anblick tut mir in der Seele weh.

Die Erinnerungen an ihre Kindheit tun B. gut

Silke Bauer

Kurz vor Weihnachten

17. Dezember

Heute steht ein weiterer Besuch bei B. an. Ich habe wieder nicht gut geschlafen und bin angespannt. Die Chefin des Hospizdiensts hat Urlaub, deswegen sieht heute ihre Kollegin nach der Patientin. Es wird voll an B.‘s Küchentisch, denn auch unser Fotograf Reiner ist dabei. Erst mal ohne Kamera. Er soll B. kennenlernen und Vertrauen aufbauen. Kein Problem für Reiner, der gut auf Menschen zugehen kann. B.‘s Dackeldame Queenie hat es sich auf meinem Schoß bequem gemacht. Der Patientin geht es heute den Umständen entsprechend gut. Das MRT hat ergeben, dass sie keinen weiteren Tumor hat. Ein Hoffnungsschimmer. Sie hat ihre Perücke aufgesetzt, eine schöne kupferfarbene Bobfrisur, und bietet uns Kaffee an. Ihre Mutter ist heute nicht da, sie ist auf einer Weihnachtsfeier für Senioren. „Im Kindergarten“, sagt B. und lacht. Sie scheint gern zu lachen, trotz allem. Als Reiner und die Palliativschwester schon gegangen sind, bleibe ich noch und unterhalte mich mit B., die ich immer sympathischer finde. Fast ist es so, als ob ich bei einer Freundin zu Besuch bin. Ob das gut ist? Sie stellt auch mir einige Fragen. Ob jemand aus meiner Familie an Krebs erkrankt ist. Wie alt ich bin. Meine Halskette mit dem Hufeisen gefällt ihr. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, sie ihr spontan zu schenken. Aber ich muss den Abstand wahren, ich beobachte und dokumentiere ja nur. Würden wir uns privat kennen, würde ich ab und zu mit ihrem Hund Gassi gehen, weil sie selbst kaum noch bis zum Briefkasten kommt. An Weihnachten seien sie und ihre Mutter allein, erfahre ich. Früher kamen immer alle zum Truthahnessen. Das ist schon lange nicht mehr so. Wären wir befreundet, würde ich B. an dem Tag besuchen oder zu mir nach Hause einladen. Aber ich möchte ja nicht Teil des Geschehens werden, sondern einen gesunden Abstand wahren. Das muss ich bei allen Themen, über die ich schreibe. Und hier ganz besonders.

Silke Bauer

Die Vorbereitungen

Anfang November

Nachdem ich mich entschieden habe, dass ich gerne die Leute vom Hospizdienst begleiten möchte, rufe ich erst einmal dort an und frage, ob eine Reportage überhaupt möglich ist. Die Frau am Telefon ist begeistert und sagt mir, ich solle am Montag ihre Chefin anrufen, die die Arbeit des Hospizdienstes koordiniert. Die würde sich auch sicherlich sehr freuen, dass sich die Presse für die Arbeit des Hospizdienstes interessiert. „Das ging ja einfach“, denke ich ein wenig erstaunt. Als ich montags die Chefin anrufe, ist diese nicht ganz so euphorisch, wie ich nach dem Telefonat erwartet hatte. Verständlich, denn die meisten Leute haben nur ganz selten oder nie etwas mit der Zeitung zu tun und wissen nicht, was sie erwartet. Die Koordinatorin, die selbst Palliative Care Managerin ist, möchte mich erst einmal persönlich kennenlernen und lädt mich zu einem Gespräch ein. Sie ist einverstanden, dass ich eine Reportage mache, warnt mich aber vor dem, was ich dort erleben werde. Die Herausforderung besteht außerdem darin, einen Patienten zu finden, der damit einverstanden ist, dass jemand über ihn schreibt. Auch der ehrenamtliche Sterbebegleiter muss einverstanden sein. Sie werde sich bei mir melden, wenn sie jemand Passendes gefunden habe, sagt sie zum Abschluss.

Anfang Dezember

Die Hospizdienst-Chefin ruft mich an und erzählt mir, dass sich eine Patientin bereit erklärt hat, von mir besucht zu werden. Auch die Sterbebegleiterin, die diesen Fall übernimmt, ist einverstanden. Jetzt wird es ernst und mich überkommt plötzlich ein ganz mulmiges Gefühl. Ein paar Tage später bin ich wieder zum Gespräch in der Hospizdienstzentrale und lerne dort die Sterbebegleiterin Y. kennen. Wir führen ein langes Gespräch und Y. erzählt mir, dass in ihrem Freundeskreis relativ kurz hintereinander Menschen gestorben sind. Um diese Schicksalsschläge zu verarbeiten und weil sie aufgrund einer beruflichen Umorientierung die Zeit dazu hat, hat sie sich dazu entschlossen, eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin zu machen. Da sie ihr letzter Einsatz besonders mitgenommen hat, musste sie mehrere Monate lang aussetzen. Ihre neue Patientin, die ich ebenfalls besuchen werde, hat sie erst einmal getroffen. Die Chefin fragt mich erneut, ob ich mir ein solches Projekt zutraue. „ Ich denke schon“, sage ich, aber zum ersten Mal bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob diese Nummer nicht doch zu groß für mich ist.

10. Dezember

Heute ist der Tag, an dem ich die Patientin B. kennenlerne. Gegen 11 Uhr treffe ich mich mit der Koordinatorin des Hospizdiensts und fahre mit ihr in den Stadtteil Oberstein. Ich habe nicht besonders gut geschlafen und bin ein wenig angespannt. Wieso habe ich mich nur auf so etwas eingelassen? Ich frage die Palliativschwester, was mich erwarten wird. Die Patientin sei ziemlich schwach, erzählt sie. Als wir an der Haustür klingeln, öffnet uns B. selbst die Tür. Sie sieht müde aus, ihre Haut ist blass und ihre kurzen Haare ganz dünn. Um ihre Beine tollt ein kleiner bellender Rauhaardackel. In der Küche ist ihre Mutter damit beschäftigt, die Spülmaschine einzuräumen. Eigentlich lebt B. in ihrer eigenen Wohnung, ein paar Etagen über ihrer Mutter. Doch inzwischen ist sie zu schwach, um die Treppen zu hinaufzugehen. Deswegen ist sie zu ihrer Mutter in den ersten Stock gezogen, einer netten alten Dame, die aber selbst pflegebedürftig ist. B. bittet uns erst einmal an den Küchentisch und bietet uns Kaffee an. Ich möchte nicht mit der Tür ins Haus fallen und lobe erst einmal den Kaffee, der wirklich gut ist. Viel besser als zu Hause, sage ich zu B. Das sei normal, Kaffee schmecke woanders immer besser, antwortet sie. Dann sitze ich verlegen da. Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll und frage, wie alt der Hund ist. 16 Jahre, erfahre ich. B. ist gar nicht verlegen und bietet mir das Du an. Ich solle einfach fragen, sagt sie und ich will wissen, wie es ihr geht. Heute habe sie einen guten Tag, erzählt sie mir. Sie werde über einen Port ernährt, fügt sie hinzu und zeigt auf eine Stelle über der Brust. Das Schlimmste seien die Schmerzen nach der vorletzten Chemo gewesen. Inzwischen bekommt sie Morphium. Eine Tablette morgens, eine am Abend. Die Chemotherapie ist längst abgeschlossen.

Nach und nach wird die Situation lockerer. Das Gespräch fließt dahin, manchmal stelle ich meine Fragen, manchmal lausche ich den Gesprächen zwischen den anderen drei Frauen. Die Krankheit und das Sterben stehen – zumindest heute – gar nicht im Vordergrund. Das erstaunt mich. Es geht um alles Mögliche: die keifende Nachbarin, die schon mehrmals in der Psychiatrie war, den Hund, der von einer Nachbarin Gassi geführt wird, den Exfreund, der jeden Tag anruft. „Pah, der …“, ruft die Mutter und verzieht das Gesicht. Alle müssen lachen. B. dreht sich um und greift zum Adventskalender, der auf einer Ablage steht. Ob ich eine Praline möchte, fragt sie mich. Ich bin gerührt, aber lehne dankend ab. Später bietet sie der Palliativschwester die Praline an, weil sie selbst schon lange nichts mehr essen mag. Die freut sich und nimmt das Angebot an. Mitten im Kauen stockt sie und schaut mich an. „Nicht, dass Sie jetzt schreiben, die Hospizfrau frisst der Patientin den Adventskalender leer“, sagt sie trocken und wir müssen wieder alle lachen. Ob wir uns auch duzen wollen, fragt sie mich. Klar, warum nicht.

Es erstaunt mich, dass eine Frau in einer solchen Situation einem Journalisten Einsicht gewährt. Ich weiß nicht, ob ich an ihrer Stelle das Gleiche täte. Ich wäre wahrscheinlich unausstehlich und voller Selbstmitleid. B. hingegen ist freundlich und wirkt mit sich im Reinen. Ich frage sie, ob sie das alles auch wirklich möchte. Auf jeden Fall, erfahre ich. „Es gibt keinen Grund, warum ich mich verstecken müsste“, sagt sie. Sie möchte, dass andere Palliativpatienten in der Zeitung lesen, dass es den Hospizdienst gibt. Sie selbst hat erst im Krankenhaus davon erfahren. „Ich bin sehr dankbar, dass sich diese Leute um mich kümmern.“

Als wir wieder im Auto sitzen, fragt mich die Hospizdienstleiterin, wie ich mich fühle. Stabil sage ich und bin erleichtert, weil es stimmt. Wenn sich etwas ändern sollte und ich feststelle, dass ich nachts über das Thema nachgrübele, soll ich sie anrufen, biete sie mir an. Reden hilft. Auch Notfalltropfen habe sie dabei, ruft sie mir noch nach, als ich aussteige, und lacht. Die brauche ich hoffentlich nicht, denke ich.

 

Silke Bauer

Der letzte Weg

In diesem Blog geht es nicht um Mode, Essen oder Musik, wie in den Blogs, die ich in meiner Freizeit manchmal lese. Hier geht es ums Sterben, ein Thema, das furchterregend ist und mit dem wir eigentlich alle nichts zu tun haben wollen. Dabei müssen wir leider alle irgendwann einmal sterben. Für eine Reportage begleite ich seit Mitte Dezember eine todkranke Frau, die von einer ehrenamtlichen Sterbebegleiterin und den Palliativschwestern vom Hospizdienst Obere Nahe betreut wird. Dieser hat seinen Sitz in Idar-Oberstein. Die Patientin ist erst 44 Jahre alt und hat Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium. Das Thema Palliativmedizin ist gerade sehr aktuell, denn erst im November 2015 hat der Bundestag ein Gesetz verabschiedet, das die Versorgung todkranker Menschen verbessern soll. Am 8. Dezember ist das Gesetz in Kraft getreten. Seit Beginn des neuen Jahres soll es mehr Geld für Palliativstationen, Hospize und ambulante Hospizdienste geben. Mehr als 200 Millionen Euro sind dafür eingeplant. Mich interessiert, was sich hinter dem Begriff Palliativmedizin verbirgt. Wie kümmert man sich um todkranke Menschen? Müssen sie Schmerzen aushalten oder tut man alles dafür, ihnen den Lebensabend so angenehm wie möglich zu gestalten? Was sind das für Menschen, die sich dafür entscheiden, in ihrer Freizeit Sterbende zu begleiten? Wie schaffen sie es, das Leid, das sie tagtäglich sehen, selbst zu verarbeiten?

Sterben wird im Fernsehen, Kinofilmen und Theaterstücken oftmals verzerrt dargestellt. Im Sommer besuchte ich eine Aufführung, in der es um die letzten Tage einer Krebspatientin ging. Diese Patientin hatte in der Geschichte einen Hirntumor und sprang aufgedreht über die Bühne, dann wieder brach sie weinend zusammen. Ab und zu hatte sie Schmerzen, verzog daraufhin ein wenig das Gesicht und nahm eine Schmerztablette, die ihre Schmerzen auf magische Weise nach wenigen Sekunden beseitigte. Kurz darauf sprang sie wieder manisch über die Bühne, bis sie am Ende des Stücks dramatisch zusammenbrach und auf der Stelle tot war. Natürlich kann in einem Theaterstück nicht einmal annähernd dargestellt werden, was eine unheilbare Krebserkrankung wirklich für die Patienten bedeutet. Aber dieser Unsinn hatte mit der Realität überhaupt nichts zu tun. Es hat mich geärgert, dass die Theatergruppe mit dem Thema so verantwortungslos umgegangen ist. Sterben ist nichts Heroisches. Es ist aber auch nichts, das ein Tabuthema sein sollte. Es ist ja nicht unanständig, sterben zu müssen. Manche meiner Freunde möchten nicht, dass ich ihnen von meinen Besuchen bei der Palliativpatientin erzähle. Man solle doch froh sein, dass man gesund ist und müsse sich nicht noch Sterbende suchen, die einen deprimieren. „Ich bin ja eher fürs Leben“, hat jemand aus meinem beruflichen Umfeld zu mir gesagt. Dabei gehört der Tod doch zum Leben.

Was mich bei meinen Besuchen bei der Patientin anfangs sehr gewundert hat, ist die Tatsache, dass der Tod zwischen Sterbebegleiterin und Patientin meistens gar kein Thema ist. Die Begleitung ist kein betreutes Weinen, auch wenn schon mal Tränen fließen. Die krebskranke Dame ist ein sehr positiver Mensch und genießt jeden Tag, der ihr noch bleibt. Der Hospizdienst hat ein Auge darauf, dass es ihr an nichts mangelt. Schmerzen muss sie keine erdulden, sie bekommt ausreichend Morphium und schläft sehr viel. Doch es ist ihr oft übel und sie kann kaum etwas essen. In wenigen Monaten hat sie 100 Kilo abgenommen. Wenn sie einen guten Tag hat, liebt sie es, mit ihrer Sterbebegleiterin, den Palliativschwestern, ihrer Mutter und auch mit mir Karten zu spielen, über die Nachbarn zu tratschen oder über Gott und die Welt zu reden. Ich möchte mit meinem Blog zeigen, was für eine wichtige Arbeit das Team vom Hospizdienst leistet. Denn nicht alle Menschen haben ein gutes soziales Netz, das sie an ihrem Lebensende auffängt. Fünf Palliativschwestern und mehr als 30 Ehrenamtliche kümmern sich um Menschen, die ohne sie alleine sterben müssten. All das ist für die Sterbenden kostenfrei. Das verdient unseren Respekt. Außerdem möchte ich von einer bemerkenswerten Frau erzählen, die trotz ihrer Erkrankung jeden einzelnen Tag genießt, der ihr noch bleibt und die immer tapfer ist, obwohl sie allen Grund hätte, sich hängenzulassen. Sie kann vielen von uns ein Vorbild sein.

Später werde ich eine Reportage über die Patientin und den Hospizdienst verfassen. Der Blog gibt nur einen Einblick in die Hintergrundrecherche und auch darüber, welche Auswirkungen das Thema auf mich als Reporterin und Menschen hat. Denn natürlich ist es kein einfaches Thema, das ich mir ausgesucht habe. Im Blog werde ich noch keine Namen nennen und die Patientin mit B. abkürzen. Auch die Palliativschwestern und die Sterbebegleiterin bleiben erst einmal anonym.

Silke Bauer