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Was Mojos brauchen

Ab August 2009 habe ich bei uns das Projekt mobilen Journalismus (Mojo) aufgebaut. Mittlerweile ist es etabliert. Mit dem Rückblick auf meine Mojogeschichte verbinde ich Tipps für Neustarter – denn nicht jeder muss bei Null anfangen.

Hintergrund: Etliche Journalisten/Zeitungshäuser haben mich in den vergangenen zwei Jahren gefragt: Was braucht so ein mobiler Journalist eigentlich? Einige Chefredakteure entsandten Hospitanten, die mich einen Tag lang begleitet haben.

Grob gesagt: Die weichen Faktoren sind eigentlich die wichtigsten; eine starke, offene Persönlichkeit, starke Nerven und einen Chef, der hinter einem steht. Schade ist, dass ich von den externen CvDs oder Chefs immer nur gefragt wurde: Welche Ausstattung benutzen Sie? Diesen Punkt hat man ganz schnell abgehakt:

Die Ausstattung
- ein Auto (kann auch das eigene sein)
- einen internetfähigen Laptop
- ein Smartphone (damit man erreichbar ist, twittern etc kann)
- ein Schnittprogramm
- eine Videokamera mit externem Mikrofonzugang
- ein Reportermikrofon
- eine Fotokamera samt Blitz
- ein Stativ

Ein funktionierendes System
Aber alle Ausstattung nützt nichts, wenn man kein System vorfindet, in dem man arbeiten kann. Sowohl redaktionell/personell, als auch technisch/homepagemäßig gesehen. Das war anfangs mein größtes Problem (neben der neuen Technik Video).

Wir bei der Rhein-Zeitung hatten überhaupt keine Möglichkeit, dass ich meine Sachen von draußen selbst onlinestellen konnte – geschweige denn einen Platz, an dem User die Sachen auf Anhieb finden konnten (immerhin habe ich für zwölf Redaktionen gearbeitet – was in Bad Kreuznach geht, interessiert in Bad Ems nun wirklich kaum einen). Regionale Homepages hatten wir noch nicht. Auch kein Videoportal – lediglich ein prominent auf der HP positioniertes Videofenster. Aber wurde ein Video von mir eingestellt, war fünf Minuten später ein dpa-Film da und schwupps, ward mein Video nicht mehr gesehen. Auch das Anlegen und Verlinken von Texten und Bilderstrecken war kompliziert.

Mojo als Speerspitze der technischen Möglichkeiten
Auch deswegen wurde bei uns das Mojo-Projekt initiiert: Um technische Hürden oder Lücken aufzuzeigen, entsprechende Weichen zu stellen, damit multimediales Arbeiten überhaupt möglich ist. Musste ich meine Videos anfangs umständlich auf einen Redaktionsserver stellen, meine Onlinekollegen anbimmeln, damit die es hochladen – kann ich das heute von überall selbst steuern (das Netz muss natürlich vorhanden sein – auf dem Land ein Problem). Auch die regionalen Abspieler im Videoportal sind eine Hilfe. Dennoch haben auch wir noch einiges zu tun: Denn die Videos findet man zwar auf den Lokalredaktionshomepages gut, auf der Gesamt-HP allerdings nicht. Dort stehen sie sehr weit unten.

Kollegen überzeugen
Nicht zu vergessen ist die Akzeptanz unter den eigenen Kollegen: Wer sich ganz alleine aus der Riege der Schreiber löst (160 Redakteure), darf sich auf eine große Portion Skepsis und Widerstand gefasst machen (so sind Journalisten eben). Das war neben den technischen Hürden, die einen verzweifeln lassen, mit das Schwierigste am Aufbau dieses Mojo-Projekts: Die Kollegen auf dem Weg mitzunehmen. Womit wir wieder beim Anfang sind: Wer als erster Mojo in einem Medienhaus startet, muss starke Nerven haben. Klar zweifelt man an sich, wenn es alle anderen auch tun.

Ohne einen Fels wird der Mojo untergehen
Aber gerade darum sage ich: Chefs und CvDs, fragt nicht erst nach der Technik, sondern danach, was ein Mojo zu allererst braucht! Und das ist – es soll sich nicht nach Speichellecken anhören (Chefredakteur Christian Lindner weiß, dass ich alles andere als ein Ja-Sager bin) – einen starken, verlässlichen Chef! Wenn der Sturm geht, der Mojo seinen Kampf mit Technik und manchem Kollegen ficht, braucht es einen Menschen, der sich vor einen stellt, der einem Mut macht, aufrichtiges Feedback und menschliche Tipps gibt. Sich die Probleme anhört, sie professionell bewertet (auch wenn der Mojo grad um Worte ringt und rumstottert), und selbst Kritik vertragen kann. Ohne einen Fels wird der Mojo untergehen!

Nun ja. Und neben dem Chef selbst ist es natürlich der Mojo, der zum Gelingen beiträgt.

Neustarter brauchen Durchhaltevermögen
Ich habe für die ersten Gehversuche viel Kritik – auch aus der Branche (was für ein Wort!) – einstecken müssen (die ersten Gehversuche etc lest ihr in den ersten Blogeinträgen von 2009). Doch mittlerweile redet man darüber, dass es mobilen Journalismus gibt, nicht mehr, wie es angefangen hat. Und alle folgenden deutschen Häuser können auf die Rhein-Zeitung zeigen: Es braucht Gehversuche, um laufen zu können (diese Erfahrung macht nun wirklich JEDER Mensch in seinem Leben – viele vergessen das allzu gern).
Ein Neustarter muss sich darauf einstellen, dass es dauern kann, bis Kollegen akzeptieren und wertschätzen, dass sie nun einen mobilen Multimediakollegen haben, der Print und Online macht. Also braucht ein Mojo: Durchhaltevermögen.

Die Phase der Selbstzweifel
Neue Mojos sollten auch das wissen: Irgendwann bekommt man die Wucht der inneren Zweifel zu spüren. Ich habe anfangs sehr darunter gelitten. Denn ich bin Printredakteurin geworden, weil ich schreiben will. Weil ich glaube, dass Worte mir liegen. Das Worte meine Art sind, Geschichten zu erzählen – nicht meine Stimme (Radio), nicht Bilder (Fotograf), nicht mein Auftreten (Moderatorin) und erst recht nicht bewegte Bilder (Video/Fernsehen). Nun ja. Und dann betritt man Neuland, um sich weiterzuentwickeln. Da bin ich ganz schön mit mir ins Hadern gekommen. Denn plötzlich machte ich alles – und erzählte nur noch ganz wenige Geschichten mit Worten (ich wollte möglichst viele Videos machen, da ich bis Sommer 2010 die einzige war, die Lokalvideos gedreht hat). Aber das geht vorbei: Die Zweifel melden sich irgendwann seltener. Und die Arbeit macht Spaß, wenn man die Technik beherrscht. Es ist trotz allem gut, von dieser Phase gehört zu haben, um sie als Neustarter (Chef und Mojo) bewerten zu können.

Wir sind Kommunikationstalente
Nicht zu unterschätzen ist der Kommunikationsaufwand eines Mojos: Ich arbeite, seitdem ich einen Kollegen habe, “nur noch” mit acht Lokalredaktionen zusammen, mit der Nachrichtenredaktion und der Onlineredaktion. Das Gebiet ist riesig! Da man ständig unterwegs ist und keine feste Redaktion hat, in der man sitzt, Themen mitbekommt, muss man ständig mailen und telefonieren – auch um präsent zu bleiben. Wenn ich mir morgens ein Thema überlege, rufe ich in der jeweiligen Lokalredaktion an und spreche ab, was wie davon in Print erscheinen kann oder soll. Auch dem Mantel sage ich Bescheid, da der zumindest immer einen Videoanreißer bringt, manchmal aber auch eine ganze Geschichte übernehmen will (Austausch). Läuft irgendwo etwas auf, dann werde ich angerufen: Hast Du Zeit? Kannst Du hinfahren? Lieferst Du ein Bild, Text, Video? Skurrile und gute Themen entdeckt unser Social-Media-Mann im Netz. Er sitzt mit am Desk. Eine wahre Bereicherung.

Ein Mojo kann alles – aber nicht zur selben Zeit
Was anfangs ein Problem war und was wir gelernt haben: Ein Mojo kann zwar alles, macht aber nicht immer alles. Mit der Zeit bekommt man ein Gespür, welches Thema sich für welchen Kanal (Text, Bilder, Video, Blog) eignet. Und in Ausnahmefälle liefere ich auch alles – das frisst allerdings Zeit und Nerven. Deshalb: Ein komplettes Paket sollte man nicht an einem Tag produzieren – sondern nur in Ausnahmefällen.

Arbeiten in Selbstregie
Mein Projekt sollte den Typ des Reporters in seiner extremsten Ausformung verwirklichen. Deshalb gilt: Ich arbeite unabhängig, mache meinen eigenen Dienstplan – so kann ich flexibel auf Ereignisse reagieren, Themen anpacken, wenn sie anliegen, und freimachen, wenn’s passt (was bei so manchem 15-Stunden-Tag echt wichtig ist). Tipp: Freie Wochenenden schon langfristig planen. Ansonsten sagt man nie nein. Und wenn’s ganz dringend ist, können freie Wochenenden ja getauscht werden.

Hmmm, habe ich etwas vergessen?

Der Mojo als Marke des Medienhauses – eigenes Videoformat anpassen
Ja. Ganz wichtig: Ich sollte eine Marke für die Rhein-Zeitung werden. Was gehört dazu? Genau: Man braucht einen Markennamen (Mojo geht nicht, da Branchenbegriff). Ich bin Mojane, eine mobile Jane unterwegs im Dschungel der Region (den Namen habe ich mit meiner Twittercommunity gefunden).
Marken funktionieren im Netz, weil sie Identität stiften. Deshalb wollte ich auch ein eigenes Videoformat entwickeln. Da mein Mojo-Gebiet so riesig ist, wusste ich, dass Aktualität und ständiges Präsentsein nicht zu leisten sind. Also habe ich ein Videoformat geprägt, in dem ich immer wieder auftauche. In dem die Menschen mit mir Sachen erleben mich auf meinen Touren begleiten. Ich versuche dabei, ich selbst zu bleiben. Ich spreche, wie ich rede. Ich verhaspel mich, scherze mit Leuten, bin authentisch. Dafür muss man natürlich der Typ sein. Aber so schauen sich auch Westerwälder meine Videos aus Koblenz, Mainz oder Cochem an. Trotzdem sollte jeder sein eigenes Format entwickeln – das kommt mit der Zeit fast automatisch, wenn man sich immer wieder mal Feedback von Kollegen/Coaches holt.

Mojos sind offene Typen
Nun ja. Kommen wir zum Schluss und der Frage: Was muss der Mojo für ein Typ sein? Ich denke, dass er offen, zugänglich und kommunikativ sein sollte, selbstorganisiert und strukturiert arbeiten muss.
Ich würde sagen, dass ich das alles bin. Und: Ich bin ein Menschenfreund. So begegne ich den Protagonisten, die in meinen Videos auftauchen, mit Freude und Neugierde (manche nerven aber auch ;-) ). Ich glaube, dass ich durch diese Einstellung den Menschen die Angst davor nehme, mit mir zu sprechen, auch wenn die Kamera läuft.

Ihr merkt: Es reicht nicht, dem mobilen Reporter eine Ausrüstung zu beschaffen. Mojos brauchen ganz viel mehr.

Katrin Steinert

Lokalrundfunktage 2010: Unprofessionell aber/oder gut?

Ich beim Vortrag. Foto: Lokalrundfunktage

Ich beim Vortrag. Foto: Lokalrundfunktage

Mich rief eine Frau an: “Wir hätten Sie gerne als Referentin bei den Lokalrunfunktagen.” Warum mich – beim Rundfunk? “Wenn man sich mit der Zukunft des Lokaljournalismus beschäftigt, landet man im Internet automatisch auch bei Ihnen.” Gut. Was soll ich machen? “Erzählen Sie einfach von Ihrer Arbeit, zeigen Sie vielleicht Ihren Blog, Videos, Fotos.” Kein Vortrag? “Nein. Kein Vortrag. Lockere Diskussion.”
Denkste! Ich reise also nach Nürnberg. Beim Vorgespräch sagt der Moderator: “Sie haben dann 10 Minuten für Ihren Vortrag.” *schluck* Er hatte mir wohl auf Band gesprochen, was ich aber nie gehört habe. Also setze ich mich heute Morgen vor dem Frühstück hin und zauber mir spontan einen “Vortrag” aus meinem Kopffundus. Heißt: Power-Point-Präsentation mit Videolinks und auf Zetteln notierte Stichworte. Ich bin nervös. Aber als ich dann an der Reihe bin, spreche ich frei und glaube, dass der Vortrag ganz gut ankommt.
Ja, es gibt einige Hindernisse, aber Improvisation und Spontaneität sind in solchen Situationen alles: Der Rechner im Vortragsraum ist beispielsweise so lahm, dass er ewig braucht, meine drei Videos vorzuladen (was wir ja zumindest gemacht hatten): 24 Stunden Grüne Hölle – Teil 1, Heiner haut in die Seiten, Mojane schnappt sich Kurt Beck. Ich beginne zu reden, aber der Rechner öffnet meine Power-Point-Präsentation nicht (wir hatten vorher alles getestet!). Ich schnappe mir ein Mikro und erzähle schon mal. Zumindest die PP lässt sich irgendwann öffnen. Aber die Videos, die ja bereits geladen waren, kann ich nicht mehr anklicken. Egal. Ich erzähle, worum es darin geht und was ich mit den Videos zeigen will: Nah an den Menschen, einfach mal Sachen ausprobieren, wer draußen ist, begegnet auch Menschen wie dem Musikmacher Heiner oder überwindet sich und schnappt sich den Ministerpräsidenten, der wieder nur Phrasen dreschen will und konfrontiert ihn damit.
Foto: Lokalrundfunktage

Foto: Lokalrundfunktage

Was ich den Zuhörern vermitteln will: Ich bin die multimediale Speerspitze der Rhein-Zeitung, die einzige unter 160 Printredakteuren, die begonnen hat, multimedial und mobil zu arbeiten. Ich habe Wege und Workflows ausprobiert, habe dadurch Grenzen und Möglichkeiten ausgelotet, bin auf viel Widerstand gestoßen, oft hingefallen und wieder aufgestanden. Euch – werte Leser – habe ich mitgenommen auf diesem Wege. Ich habe gezeigt: Wer ein Medium gelernt hat, der kann sich weiterentwickeln, der kann experimentieren und ausprobieren, was er eigentlich noch kann. Das Tolle am Internet ist, dass eigentlich kein Stoff verloren geht: Ob es meine persönlichen Empfindungen bei Recherchen sind (Die Gnadenlosigkeit des Lebens über 80), Frust über die Unflexibilität der Deutschen Bahn bei schnellen Recherchen vor Ort, nicht gelungene Recherchen – dafür aber eine Bloggeschichte (WM-Gucken: Francisco und kein Spanier in Sicht) oder aber jede Menge Fotos und Videos. Ich glaube, dass ihr es zu schätzen wisst, dass eine Redakteurin auch nur ein Mensch ist und sich nicht als die Allwissende verkauft – wie es ja gerne etliche Kollegen in allen Medien tun. Ich glaube, dass gerade die Echtheit, Authentizität und ja, zuweilen auch misslungene Werke keine Schande sind, sondern zeigen, dass ich mich für euch und unser Haus bewege. Vorwärts gehe. Klar, ich kann auch recherchieren und schreiben – das habe ich gelernt. Aber genau das tue ich im Moment nicht ausschließlich – und finde das Multimedia-Projekt für alle Seiten eine Bereicherung.
Und was muss ich mir am Ende meines Vortrags von einem Besucher aus dem Publikum anhören? “Ich verstehe nicht, warum Sie so ein Jugend-forscht-Projekt daraus gemacht haben und Ihren Followern auf Facebook und Twitter diese Unprofessionalität zumuten! Warum haben Sie zu Anfang nicht eine kompakte, sechswöchige Ausbildung gemacht: zum Beispiel bei uns. Wir bilden professionell aus.”
Darauf möchte ich hier noch einmal antworten (Kurse und Seminare habe ich natürlich auch besucht): Wer mich fragt, warum ich diese “Unprofessionalität” meinen Facebook- und Twitter-Abonnenten zumute, der muss sich nicht wundern, dass er kaum Zulauf auf seiner Medienakademie hat. LERNE: Meine Follower haben selbst entschieden, mich interessant und gut zu finden. Sie wollen mich so wie ich bin, sie kritisieren, loben, regen an. MERKE: Professionelle Crossmedia-Ausbilder sollten wissen, dass Follower jederzeit wegklicken könnten und deshalb ganz freiwillig diese “Unprofessionalität” mögen und deshalb abonnieren – oder eben nicht.

Katrin Steinert