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Bezahlschranke der Rhein-Zeitung: Die Paywall damals, heute und in Zukunft

Das Interesse an dem Paygate der Rhein-Zeitung ist insbesondere in der Medienbranche ungebrochen – wie immer wieder Anfragen von Fachmedien beweisen. Zeit, einmal etwas weiter auszuholen: „Heise Online“ hat gefragt, ob ich in einem Gastbeitrag zum 20-jährigen Bestehen des Dienstes einmal das Entstehen und die Zukunft der Paywalls beschreiben möchte. Der folgende Text erschien denn auch als Gastbeitrag zuerst auf Heise.de. Für diesen Blog habe ich ihn um ein paar mehr Daten, Grafiken und unsere aktuellen Paywallzahlen angereichert.
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Marcus Schwarze

Favoriten im August 2012

Diese Themen und Tweets fand ich im August 2012 bemerkenswert.
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Marcus Schwarze

Computerzeitschrift "c't" wird 25: Wo das DVD-Laufwerk als Türstopper dient

Erstausgabe der "c't" 1983.

Sie ist eine der renommiertesten Computerzeitschriften Europas: Die „c’t“ aus Hannover feiert mit ihrer Ausgabe am kommenden Montag ihren 25. Geburtstag. Ein Besuch in der Redaktion im Stadtteil Kleefeld. Von Marcus Schwarze

Kommenden Montag gibt es wieder so eine Nachricht: „8-Euro-Stromkostenmessgerät mit Messfehler“ wird es voraussichtlich in der Computerzeitschrift „c’t“ heißen. Die Experten in der Helstorfer Straße 7 in Hannover haben sich ein kürzlich angebotenes Strommessgerät von Aldi besorgt und auf Herz und Nieren untersucht. Ihr Fazit: „gravierende Messfehler“, das Gerät tauge nur für bestimmte Verbraucherklassen. Wieder einmal legt sich das Magazin mit einem großen der Industrie an. Die „c’t“ wird das vergleichsweise unspektakulär veröffentlichen.

Vor inzwischen 25 Jahren wurde die „c’t“ gegründet, ihr erster und noch heute amtierender Chefredakteur Christian Persson legte damals gemeinsam mit nur drei Kollegen los – mit einem Beileger zur inzwischen eingestellten Elektronik-Zeitschrift „Elrad“. Als Hauptaufgabe gab der Verlag damals wie auch heute noch Telefonbücher heraus, die Aktivitäten für Computermagazine lagen nicht im Fokus.  „Wir konnten einfach drauflosarbeiten“, sagt Persson. Er wundert sich im Rückblick noch heute über ein Gespräch mit dem Verleger, als er mal nachfragte, ob das denn alles so in Ordnung sei, was die junge Redaktion so mache. Wenn etwas schief liefe, werde er sich schon melden, sagte der Verlagsherausgeber damals. „Wir hatten und haben Riesenglück in diesem mittelständischen Familienunternehmen“, sagt Persson. Die Unabhängigkeit der „c’t“-Redaktion ist seitdem verbürgt, Persson zwischenzeitlich zum Mitherausgeber aufgestiegen.

Mittlerweile zählt die „c’t“ mehr als 90 Köpfe in der Redaktion – mehr als jedes andere Computermagazin europaweit. Die „c’t“ gilt mit einer Auflage von 363.000 Exemplaren, darunter zwei Drittel im Abonnement, als kerngesundes Zentralorgan der Berichterstattung über die großen und kleinen Ereignisse in der IT-Industrie. „c’t“, das stand anfangs für „computing today“, inzwischen ist daraus das „magazin für computertechnik“ geworden. Vor allem Entscheider gelten als Zielpublikum. Der Internetauftritt Heise Online flankiert die gedruckte Ausgabe und ist für viele in der Branche Pflichtlektüre. Das Online-Angebot schreibt laut Chefredakteur „richtige“ schwarze Zahlen.

Warum die „c’t“ manchmal Normen missachtet

In der „c’t“ werden mittlerweile zweiwöchentlich Hardware, Software und computernahe Dienstleistungen getestet. Der besondere Geist der Redaktion lautet: Testsieger gibt es nicht, jedenfalls keine, die sich auf den ersten Blick erschließen – sondern nur einzelne herauszuarbeitende Stärken und Schwächen von Produkten. Statt dessen will die 90-köpfige Redaktion ihre Leser ernst nehmen, ihnen das Basismaterial für ein eigenes Urteil erlauben. Die Geräte und Technik werden mit Blick auf den Nutzen für die Käufer untersucht und vermessen, immer nach dem Motto: Wir hatten halt mehr Zeit, uns damit zu beschäftigen. Das dann zu lesen, ist manchmal auch Arbeit. „Wir haben sehr kompetente Leute, die auch in Messlabors arbeiten könnten“, sagt der Chefredakteur. Einer seiner Mitarbeiter in der Kantine bestätigt später: Manchmal gibt es schon sprachliche schwerverständliche fachliche Formulierungen – der Präzision geschuldet.

Zum ausgiebigen Testen gehört gelegentlich, international verbindliche Normen zu missachten, wenn sie aus Sicht der Redaktion unsinnig erscheinen – etwa wenn es darum geht, die Lautheit eines Computers oder einer Festplatte anzugeben. Anstatt aus einem Meter Entfernung misst die „c’t“ beispielsweise aus nur einem halben Meter – weil es praxisnäher ist.

Den Sachen auf den Grund zu gehen, gehört dabei zur redaktionellen Ehre. Als in den neunziger Jahren die US-Firma Syncronis das Programm „SoftRAM“ zur angeblichen Verdopplung des Windows-Speichers auf den Markt brachte, urteilte die „c’t“ nach intensiven Tests kurz und präzise mit dem Urteil „wirkungslos“ und „Placebo-Software“. Trotz juristischen Streits um Unterlassung solcher Aussagen beharrte die Redaktion auf ihrem Urteil. Sie berichtete in der nächsten Ausgabe weiter unter der Überschrift „Placebo forte“. Später wurde die Software weltweit vom Markt genommen.

Aufgedeckt – die Mogelpackung USB-Sticks

Aufgedeckt hat die „c’t“-Redaktion auch einen Skandal um USB-Sticks, die zu Zehntausenden statt der aufgedruckten beispielsweise zwei Gigabyte nur ein Gigabyte an Daten speicherten – und so programmiert waren, bei Überschreiten der Ein-Gigabyte-Schwelle heimlich einfach ältere Daten zu überschreiben. Betroffen waren bestimmte Sticks von Emtec aus Saturn-Märkten, aus dem Mediamarkt sowie von Real. Der „c’t“-Redakteur Harald Bögeholz entwickelte h2benchw, um USB-Sticks auf diese Manipulation hin zu testen. Dumm gelaufen ist die Sache allerdings, als bekannt wurde, dass auch eine hauseigene Werbeaktion für neue Abonnenten auf solche Mogelpackungen von USB-Sticks hereingefallen war. Das Testprogramm h2benchw hat sich mittlerweile zu einer Art Industriestandard zum Bewerten der Geschwindigkeit von Festplatten gemausert.

Mindestens einmal hat sich die „c’t“ auch mit Intel angelegt, zu einer Zeit, als das US-Unternehmen für die Verwendung des „Intel inside“-Logos in Anzeigen die Werbung anderer Unternehmen bezuschusste. Nachdem die Heisianer vorab über den neuen Pentium-II-Prozessor berichtet hatten, was dem US-Unternehmen unangenehm war, strichen die Intel-Manager kurzerhand die Zuschüsse für Werbepartner, und die „c’t“ landete gemeinsam mit der „PC Professionell“ auf einer schwarzen Liste. Es kam zu einem Gespräch mit dem Heise-Verleger, das dem Vernehmen nach nur eine Minute dauerte und sehr deutlich gewesen sein soll – und aus der anschließenden negativen Berichterstattung von John Markoff in der „New York Times“ und der Webseite „Tom’s Hardware-Guide“ über den Vorfall lernten die Intel-Manager, dass sie besser nicht versuchen sollten, die Presse zu beeinflussen. Seitdem versteht man sich auch in Hannover wieder mit Intel und in Santa Clara in Kalifornien wieder mit Heise, im „Prozessorgeflüster“ geben Redakteure wie Andreas Stiller regelmäßig den Takt vor.

Herrlich seriöse Aprilscherze im Blatt

Nicht unbedingt vertrauen die Heisianer dabei den sogenannten Teststellungen  der Unternehmen. So wie beim Pentium-II-Prozessor, der an der Pressestelle von Intel vorbei vorab über andere Kanäle besorgt worden war, läuft es häufig aus gutem Grund: Allgemein ist es Usus, dass die IT-Firmen der Presse ihre Geräte vorab zur Verfügung stellen; der eine oder andere hat dann durchaus besonders getunte oder extra auf Fehlerfreiheit durchgesehene Produkte an die Redaktion zugeschickt – der Grund, warum die Redaktion immer mal wieder einzelne Geräte anonym kauft und sich nicht auf die Marketingstrategen verlässt. So wie aktuell das G-Phone, das Handy von Google und T-Mobile: Der Korrespondent des Blatts hat das Gerät in den USA samt Vertrag besorgt, in Hannover wird es von den Kollegen Jörg Wirtgen und Daniel Lüders (nicht verwandt oder verschwägert mit dem gleichnamigen hannoverschen Torwart) getestet. Ihr Fazit, vornehm ausgedrückt: „Das G1 macht neugierig aufs G2.“ Seit dem iPhone von Apple sind die Ansprüche an das mobile Internet eben stark gestiegen

Die „c’t“ lehrte ihre Leser, dass Computer- und Internetthemen durchaus nicht humorfrei sein müssen. So gehört neben der obligatorischen „Schlagseite“ mit einem regelmäßigen Comic stets  in der ersten Aprilausgabe des Jahres ein gewiefter Aprilscherz in den Redaktionsplan. Da wird dann herrlich seriös über die Einführung einer Internetsteuer und über Forschungsarbeiten zum inversen Licht berichtet. Als allerdings einmal als Aprilscherz über angeblich geplante Autonummernschilder mit per Funk scanbaren Etiketten berichtet wurde, die für eine „bessere“ Überwachung der Öffentlichkeit geplant seien, musste die Redaktion kurz darauf einräumen: „Ein Aprilscherz wird Realität“ – und zwar nicht in Deutschland, sondern in Malaysia.

Die „c’t“ kann sich darüber hinaus rühmen, die deutsche Sprache bereichert zu haben: Als es darum ging, die Wirkungsweise von Suchmaschinen zu veranschaulichen und den Lesern Tipps für ein besseres sogenanntes Suchmaschinenmarketing zu geben, erfand die „c’t“ kurzerhand die bis dahin unbekannte Art der „Hommingberger Gepardenforelle“ – ein Kunstwort, das inzwischen mehr als 90.000-fach bei Google sichtbar wird. Die Redaktion suchte halt einen neutralen, noch nicht benutzten Begriff, um zu schauen, wie er in der Webwelt von Suchmaschinen aufgenommen wurde, und wie Internet-Seiten technisch gestaltet sein müssten, damit Google & Co. diese Seiten möglichst prominent platzierten. Tausende Internetbegeisterter und Webseitenprogrammierer machten mit.

Wie sich die „c’t“ mit ihren Lesern reibt

Frei von Konflikten mit ihren Lesern ist freilich auch die „c’t“-Redaktion nicht. Als kürzlich ein Teil der Onlineforen aus den ersten Jahren unter anderem aus Datenschutzgründen gelöscht werden sollte, gab es einen Aufschrei in der Internet-Leserschaft. Viele Teilnehmer der ersten Jahre fühlten einen Teil der Biografie gleich mitgelöscht, und das Vertrauen in den Verlag wurde bei manchen massiv gestört – schließlich hatten sich viele Leser äußerst intensiv mit Beiträgen im Heise-Forum beschäftigt und teilweise viel Gehirnschmalz investiert. Dieses Soziotop Heise-Forum, das mit seinen Hunderttausenden Beiträgen auch etwas über die Geschichte der IT-Industrie weltweit erzählt, einfach löschen? Nicht mit den Lesern von heise.de. „Das haben wir falsch eingeschätzt“, sagt Persson.

Der Protest gegen die geplante Aktion wurde schließlich so groß, dass die Redaktion die Pläne zurücknahm und abspeckte. Doch der Fehler ist gemacht: „Das Heise-Forum wird nach dieser Sache nicht mehr dasselbe Forum sein“, warnte etwa Twister, eine Netzaktivistin der ersten Stunde. „Heise kokettiert nicht aus Zufall mit seinem Renomee, mit seinem Image. Heise haftet [aber] neben der Info-Welt auch das Anarchistische, das Schräge, das Miteinander [an]. So sollte es bleiben.“

Doch c’t-Chefredakteur Persson beharrt darauf, eine Art Verfallsdatum nach zwei Jahren für Forumsbeiträge einzuführen. „Viele Teilnehmer sind Jugendliche, wie wir wissen. Es gibt viele Beispiele, dass Chefs in den Personalabteilungen nach Bewerbern googeln. Wir als Forumsbetreiber haben eine Mitverantwortung“, sagt der Chef. Es mehrten sich die Bitten von Lesern, Pseudonyme für frühere Forumsbeiträge, die ihre Urheber heute als Jugendsünden empfinden, zu ändern, damit sie in den Suchmaschinen unauffindbar werden. „Ist schon wieder Freitag“, heißt es sehr häufig, wenn neben manchen fachlich hintergründigen Antworten auf Veröffentlichungen der Redaktion auch viele als unqualifiziert empfundene Beiträge („Erster!“) aus der Leserschaft kommen.

Geplant ist nun, dass Leser nach einer gewissen Karenzzeit ihre eigenen Beiträge von früher löschen können. Dass dadurch auch langwierige Forumsstränge („Threads“) unterbrochen und zerstört werden, müsse man in Kauf nehmen. „Der Datenschutz hat Vorrang.“

Anarchie in der „c’t“-Redaktion – Schreibtischblicke

Wenn man in die Redaktionsräume in der Helstorfer Straße blickt, möchte man die Charakterisierung von Anarchie in der Redaktion sofort unterschreiben. In vielen der von Männern dominierten Redaktionsräumen herrscht ein Schreibtischchaos, als hätte ein Vierjähriger Papas Computerschrank geplündert. Es wimmelt nur so von Kabeln, Tastaturen, Bildschirmen, Zeitschriften und vor allem Kartons von Geräten. Da dient schon mal ein ausgemustertes DVD-Laufwerk als Türstopper, auf Schreibtischen stapeln sich Zeitschriften, offene PCs und waghalsig verkabelte Mainboardkonstrukte. Fast überall liegen Anleitungen und Dokumentationen von Gadgets, dem Technikschnickschnack der heutigen Zeit herum. „Der logistische Aufwand für die Lieferungen von Testgeräten ist enorm“, erzählt Persson.

Doch stets sei die „c’t“ pünktlich fertig geworden. Probleme gab es nur, als die anfangs monatlich erscheinende Zeitschrift mit der Ausgabe 4/97 auf stattliche 614 Seiten und damit 1142 Gramm Gewicht angewachsen war. Der Postversand dieser „Schinken“-Ausgabe an in die Abonnenten war damals nur mit Sondergenehmigung der Post in Bonn möglich – und Anlass für die Redaktion, bald auf eine 14-tägliche Erscheinungsweise umzustellen.

Die Verbindung des Mammuts Print zum Internet scheint dabei dem Heise-Verlag wie kaum einem anderen Medium gelungen zu sein. Die Online-Redaktion von Heise.de besteht gerade einmal aus vier Redakteuren – dafür arbeiten aber alle Redakteure der Print-Ausgabe online mit und sind gehalten, täglich und aktuell online zu berichten. Welches Betriebssystem und welche Textsoftware die Mitarbeiter dafür benutzen, ist egal: Die Linuxer schreiben im Programm vi oder OpenOffice, Windows-Nutzer auch mal in Word, Apple-Fachleute in iwork oder was auch immer. Das Redaktionssystem von Heise.de basiert auf dem Browser und ist großteils selbstgeschrieben.

Welchen Computer die „c’t“ empfiehlt

Und der Chef? Persson arbeitet seit acht Jahren auf einem alten Apple Cube. Seine Redaktion hat erst kürzlich den Apple als den „besseren PC“, ohne Fragezeichen, in einer Titelgeschichte bezeichnet. Auf vielen Seiten und im Editorial beschrieben die „c’t“-Fachleute den gegenwärtigen Stand der Technik und seine Nutzung draußen als verkehrte Welt: Der Apple-Rechner mit seinem Bedienkonzept gilt vielen in der Redaktion als das besonders einfach zu bedienendes Arbeitsgerät, während der klassische Windows-PC eher etwas für Schrauber und Spezialisten ist – und das, obwohl er weltweit dominiert. Dass sich der Apple dennoch noch nicht durchgesetzt hat und bei einem Marktanteil unter zehn Prozent ist, ficht den Fachmann nicht an. Apple-Geräte seien im Alltag für viele Kreative die besseren Geräte.

Sorge bereitet dem „c’t“-Chefredakteur das Wesen des Internets, erfolgreiche Informationen und Dienste stets kostenlos bereitzustellen – damit könnten Anzeigenkunden langfristig Gewicht und Einflussmöglichkeiten auf Tendenzen in der Berichterstattung bekommen. Dagegen gelte es sich weiterhin zu wehren. Einen Weg sieht er darin, seine Redaktion künftig verstärkt mit Videos über das Testgeschehen informieren zu lassen – und zwar nicht in der bisher üblichen TV-Qualität, wie sie die „c’t“ schon seit einigen Jahren gemeinsam mit dem Hessischen Rundfunk wöchentlich produziert, sondern webgerecht mit der Hand-Kamera.

Das darf dann durchaus mal wackeln. Ein bisschen anarchisch, das soll die „c’t“ trotz aller trockenen Daten und Fakten schließlich bleiben.

Von Marcus Schwarze

Marcus Schwarze