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Weihnachten 2015: Der Hotspot

Von Marcus Schwarze

20:00 Uhr (Papa-Meldung): Ihr könnt eure neue Xbox One und das neue Handy ausnahmsweise bis 22 Uhr nutzen, aber dann ist Schluss!

Allgemeines Kopfnicken.

20:15 Uhr (Admin-Meldung): Überprüfung der heimischen Zugangssperren abgeschlossen, alle Systeme on load und auf Standby. Geräte sind zugeordnet nach „Unbeschränkt“ (Eltern und WLAN-Strom-Schnittstellen), „Kinder“ (gesperrt zwischen 22 und 6.30 Uhr), „Gastzugang“.

22:00 Uhr (Admin-Meldung): Kinder-Geräte schalten Internet um 22 Uhr erfolgreich ab. Roger.

22:05 Uhr (Papa-Meldung): Bisschen stolz drauf, wie die Kids die heimischen Netzsperren umgehen. Technik-Kompetenz!

22:15 Uhr (Admin-Meldung): Ha! Fritz Box und ich haben’s denen jetzt mal gezeigt! Der Gastzugang verzeichnete irreguläre Aktivitäten. Jetzt hat der auch das Kinder-Profil verpasst bekommen.

22:30 Uhr (Admin-Meldung): Oha, was sind denn das da für neue Geräte auf der Stromleitung!?

22:45 Uhr (Papa-Meldung): Alle Strom-Geräte mit WLAN haben das Kinder-Profil zugeordnet bekommen. Läuft.

22:50 Uhr (Admin-Meldung): Über den Freifunk-Netzzugang erscheinen drei Geräte eingeloggt.

23:05 Uhr (Papa-Meldung): Der Freifunk-Netzzugang hat das Kinder-Profil zugeordnet bekommen. Es sollten nun keine Kinder-Aktivitäten im Netz mehr möglich sein.

23:15 Uhr (Admin-Meldung): Außer dem Admin und ein paar angeschlossenen Verteilern keine Geräte mehr im Netz aktiv! Kindersicherung läuft!

Getuschel aus den Kinderzimmern. Tastaturgeklapper.

23:30 Uhr (Papa-Meldung): Die Handys kommen JETZT SOFORT in die KÜCHE!

„Aber wie kommen wir denn dann ohne Hotspot ins Internet?“

 

 

Marcus Schwarze

„Schritt für Schritt ins Internet“ – mein neues Buch bei der Rhein-Zeitung jetzt erhältlich

Es ist da! Unser Buch „Schritt für Schritt ins Internet“ ist  in der Redaktion angekommen – und ab jetzt auch für Leser erhältlich. Gemeinsam mit Sandra Elgaß und Michael Fenstermacher geben wir von der Rhein-Zeitung in dem Buch Hilfe für den Einstieg ins Netz. Als Update fürs Jahr 2015.

Jüngster Neuzugang im Buchregal: "Schritt für Schritt ins Internet", Version 2015.

Jüngster Neuzugang im Buchregal: „Schritt für Schritt ins Internet“, Version 2015.

Für mich als Mitautor ist es das siebte Buch. Die früheren Bücher im ähnlichen Format entstanden bei meinem vorherigen Arbeitgeber. Wie vormals haben wir einen besonderen Wert auf leicht verständliche Sprache gelegt. Das Buch umfasst 240 Seiten, ist somit das dickste aus dieser Serie. Und wie das Titelbild zeigt: Wir sind älter geworden. Die Hände bekommen Falten. Darum geht es: jedermann mitzunehmen, der sich das Digitale erschließen möchte. Dies ist ein Buch der Anleitungen.

Aus dem Vorwort:

Liebe Leserin, lieber Lieber,

die Internet-Welle hat alle erfasst – kaum ein Lebensbereich kommt mehr ohne Verknüpfung mit Aspekten aus dem Netz aus. „Googel das doch mal“, „ich habe das gefacebookt“, „das habe ich im Internet gelesen“ – so lauten immer häufiger die Verben und Kennzeichen einer mehr und mehr vernetzten Gesellschaft. Kaum etwas davon hat die ältere Generation in der Schule gelernt. Wie man heute im Internet unterwegs ist, erschließt sich entweder durch „Learning by Doing“, also dem Ausprobieren am Gerät, oder durch gelegentliche Tipps vom Nachwuchs.

Oder in der Zeitung. Die Rhein-Zeitung hat seit dem ersten Kräuseln der digitalen Revolution vor anderthalb Jahrzehnten an vorderster Stelle ihre Leser an die Hand genommen. In Koblenz erfanden die Zeitungsmacher das E-Paper, die erste digitale Darstellung von Zeitungsinhalten. Hier wurde und wird Social Media gelebt, die enge Verbindung zwischen einer Redaktion und ihren Lesern über Facebook, Twitter und anderen Kanälen. Und hier berichten wir täglich über die jüngsten Entwicklungen der Internetbranche, die mehr und mehr eine gesellschaftliche Strömung wird.

Unsere Serie „Schritt für Schritt ins Internet“ hat dazu beigetragen. Jede zweite Woche haben meine Kollegin Sandra Elgaß und ich gemeinsam mit vielen helfenden Händen in den Ressorts Leben, Optik und Lektorat in ausführlichen Beiträgen ein Stück mehr von der virtuellen Welt erklärt, die in die alltägliche analoge Welt schwappt. Das Wissen über neue Techniken, Webseiten und Internet-Mechanismen gehört geteilt – es verkörpert mehr als einfaches Daddeln am Computer oder Mobiltelefon. Es bedeutet unseren Fortschritt als Gesellschaft.

Dieses Buch soll eine Hilfestellung sein. Es sammelt die wichtigsten Texte der Rhein-Zeitung für den Einstieg ins Netz und legt dabei Wert auf eine besonders verständliche Sprache. Wenn Sie sich mitnehmen lassen, begegnen Ihnen in der Dynamik des Netzes womöglich weitere offene Fragen; die Rhein-Zeitung ist Ihnen dabei über die Kanäle des Webs gerne behilflich. Sprechen Sie uns an: bei Facebook, Twitter oder per Mail.

Ihr Marcus Schwarze (marcus.schwarze@rhein-zeitung.net)
Redakteur Rhein-Zeitung
Mitglied der Chefredaktion und Leiter Digitales

Marcus Schwarze

Verschlüsselung, Hashtags, Breaking News: Wie das Netz 1836 zwischen Berlin und Koblenz erfunden wurde

Das Netzwerk diente der länderübergreifenden Kommunikation, war anfällig gegen Ausspähversuche und erforderte Verschlüsselung: Bereits 1836 gab es das Telegraphennetz als Vorläufer des Internets – mitsamt einem Troll und ersten ,,Breaking News“. 

Vor 178 Jahren dauerte im preußischen optischen Telegraph die Übermittlung einer 30 Wörter langen Nachricht – so viele Wörter wie in diesem Absatz – von Berlin nach Koblenz siebeneinhalb bis 90 Minuten.

Verlauf des Preußischen optischen Telegrafs um 1835. (CC BY-SA 2.5)

Verlauf des Preußischen optischen Telegrafs um 1835. (CC BY-SA 2.5)

Übermittelt wurden die Datenpakete per Sichtverbindung zwischen Stationsgebäuden, und zwar nach einem einheitlichen Netzwerkprotokoll, das damals in drei Bänden mit sogenannten Instructionen vom preußischen Kriegsministerium geregelt war. Das geht aus einer aufwendigen Darstellung der Interessengemeinschaft Optischer Telegraph 4 hervor (aus der ich im Folgenden im Wesentlichen zitiere).

Die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung wurde staatlich kontrolliert. Der Späh- und Kurbeldienst, wie er landläufig genannt wurde, bestand seinerzeit aus bis zu 200 Telegraphisten, die Dutzende von Stationen im Land bedienten. Heute würde man von Servern sprechen. Dabei handelte es sich um Gebäude mit jeweils einem etwa 20 Fuß (6,30 Meter) hohen Mast, an dem drei bewegliche Holz-Doppelarme angebracht waren. Mit Hilfe von Seilen konnten diese Arme in Winkeln von 0, 45, 90 und 135 Grad zum Mast gestellt werden – und so bis zu 4096 unterschiedliche Zeichen signalisieren.

Längsschnitt einer Telegrafenstation (Nr. 60, Ehrenbreitstein). Unten am Mast befinden sich die Steuerhebel. (Foto: Public Domain)

Längsschnitt einer Telegrafenstation (Nr. 60, Ehrenbreitstein). Unten am Mast befinden sich die Steuerhebel. (Foto: Public Domain)

Das Netz funktionierte tagsüber

Jeweils ein Späh- und ein Kurbeltelegraphist arbeiteten als Hauptbesatzung für sechs Stunden am Tag an jeder Station. Der eine beobachtete mit einem Fernrohr die zwei benachbarten Stationen, vier- oder fünfmal in der Minute; der andere gab die empfangenen Signale weiter. Im Schnitt waren die Stationen elf Kilometer voneinander entfernt. Mit den Kurbeln stellte der Kurbler die Holzkreuze so, dass bestimmte Figuren und damit Buchstaben und Zahlen, aber auch Sonderzeichen gebildet wurden – eine Art Hashtags für 57 Redesätze, 49 Orts- und Flussnamen, 16 Personennamen und noch vielen Steuerungswörtern mehr.

Stationen unterwegs funktionierten in der Regel wie ein Relais: Botschaften wurden nur verschlüsselt weitergereicht. Anschließend wurde kontrolliert, ob die nächste Station alles richtig verstanden hatte. Der Vorläufer des heutigen TCP/IP-Verfahrens im Internet war geboren.

Mit preußischer Genauigkeit wurde nach den Plänen von Carl Pistor und Franz August O’Etzel sogar ein Zeitstempel eingeführt: Zum Uhrenvergleich der insgesamt 62 Stationen zwischen Berlin und Koblenz wurde alle drei Tage einmal zu einer vollen Stunde ein Zeichen B4 durchgegeben. Dieses Zeichen wurde in Berlin wie von einem Timeserver ausgegeben und lief in knapp einer Minute bis nach Koblenz durch – und sofort wieder zurück. Nach ihr wurden die Schwarzwälder Uhren mit Schlagwerk in jeder Station gestellt.

Netzneutralität war in gewisser Weise schon damals ein Thema: Sie gab es bewusst nicht. Die „Berliner Zeit“ wurde mit Vorrang und höchster Konzentration verbreitet. Auch durfte nicht jeder mitmachen: Nur in Berlin, Köln und Koblenz konnten Nachrichten aufgegeben werden, und zwar von Personen und Behörden, die das Recht dazu vom König verliehen bekommen hatten. Ein Gesuch der Kaufmannschaft von Berlin aus dem Jahr 1834, Börsenkurse und Handelsnachrichten übermitteln zur dürfen, wurde vom Kriegsministerium abgelehnt. Das Wetter behinderte die Nachrichtenübermittlung zu Zeiten, Nebel, Regen oder Schneefall verhinderten immer wieder die Sicht auf die Signalgeber. Es war halt neunzehntes Jahrhundert.

Die Verschlüsselung der Nachrichten war Pflicht. Nur zwölf Ausgaben existierten von dem „Wörterbuch für die Telegraphisten-Korrespondenz“, mit dessen Hilfe die Signale chiffriert und dechiffriert werden konnten. Telegrafen wurden per Eid zur absoluten Verschwiegenheit über die weitergeleiteten Nachrichten verpflichtet. Das 22. Jahrhundert erschien offenbar schon damals erreichbar, aber – ach! –: Erst noch sollte das 21. Jahrhundert mit dem größten Angriff auf die Würde des Menschen nach Holocaust und Hiroshima  durchlebt und die schleichend herbeikommende unkontrollierbare Kontrollierbarkeit jedes Einzelnen abgewehrt werden.

Der erste Troll

Der erste jemals  dokumentierte Trollversuch im preußischen Telegraphennetz datierte am 31. August 1834 und lautete „Das ist uns doch egal“. Es war die Antwort auf den Beitrag: „Soeben ist Seine Majestät zur Besichtigung unserer Station eingetroffen.“ Wie König Friedrich Wilhelm II. reagierte, um den es ging, ist so wenig überliefert wie das weitere Schicksal des Trolls.

Nach Paris per Eilstafette

Die Internationalisierung des ersten deutschen Netzwerks gelang über den französischen Telegraphen von Paris bis Metz, von dort mit Eilstafette (also Reitern) über Saarbrücken bis Koblenz, und von dort per Telegraph nach Berlin. Breaking News wurden als „Citissime!“ (lateinisch: Aufs Schnellste!) gekenzeichnet, im Telegraphendeutsch mit dem Zeichen „B4.3 C4.3“.

Auch wurden Depeschen damals ganz ähnlich wie heute bei Twitter beim Weiterverbreiten verändert (Quelle Wikipedia):

Zur Zeiteinsparung wurden vor dem Codieren auch die im damaligen Schriftverkehr üblichen langen Floskeln und Adelsprädikate entfernt – allerdings musste beim Dechiffrieren einer Depesche ein Mindestmaß an Ausschmückungen wieder eingefügt werden. Nachrichten kamen daher im Wortlaut selten so an, wie sie aufgegeben wurden; Kürzungen ausschweifender Formulierungen bis auf die Hälfte der eingereichten Texte waren durchaus üblich.

Zeichen der Telegraphen-Schrift im 19. Jahrhundert.

Zeichen der Telegraphen-Schrift im 19. Jahrhundert.

Auch damals schon gab es Leute wie Snowden – jemanden, der eine eigentlich geheime Information an die Öffentlichkeit weitergab. Allerdings war das mit den staatlichen Stellen in aller Regel abgesprochen. Nach Vereinbarungen der Regierung mit der Kölnischen Zeitung und der Rhein-Mosel-Zeitung erhielten die Redaktionen viele belanglosen, aber auch bestimmte interessante Depeschen zum Abdruck, unter anderem diese:

An drei Abenden zog der Pöbel in Trupps durch die Straßen.  Die Bürgerschaft wirkte beruhigend.  Seit gestern ist alles ruhig und kein Zeichen der Erneuerung vorhanden.

So lautete die Depesche, die über den Telegraph am 17. März 1848 um 17 Uhr vom Berliner Innenminister ausging und um 18.30 Uhr beim Kölner Regierungspräsidenten einging.

Nach dieser geleakten Nachricht schrieb der Chronist der „Kölnischen Zeitung“:  „Man hatte bisher wohl zuweilen den Telegraphen hoch auf dem Turme seine langen Arme ausstrecken sehen, doch war seine Arbeit den Leuten ein Buch mit sieben Siegeln geblieben.  So staunte man, als man das Extrablatt der Kölnischen Zeitung mit jener Depesche in Händen hielt.  Man wunderte sich, wie schnell das Ding schreiben konnte, zwar auch wie schlecht es seinen Aufsatz stilisiert hatte.“

Am nächsten Tag brach, entgegen der deeskalierend erscheinenden Depesche, in Berlin die März-Revolution aus.

Und anderthalb Jahrhunderte später sollten die schon damals erprobten Mechanismen bei der Verbreitung von Nachrichten eine neue Mediengesellschaft begründen. Heute nennen wir es Outlook, Web und Internet.

Von Marcus Schwarze, Redakteur Rhein-Zeitung 

Marcus Schwarze

No-Spy-Abkommen? Es wird Zeit für ein zweites, besser verschlüsseltes Internet

Ein paar Sachen müssen noch erledigt werden: Installation von Windows 8 im Jahr 2014. (Foto: Schwarze)

Ein paar Sachen müssen noch erledigt werden: Installation von Windows 8 im Jahr 2014. (Fotos: Schwarze)

Es ist beschämend, dass das No-Spy-Abkommen zwischen Deutschland und den USA aufgrund des Widerstands der Amerikaner zu scheitern droht. Im Grunde betrifft dieser Vorgang jedermann in Deutschland.

Denn eigentlich sollte das Abkommen eine von allen Regeln entfesselte Überwachungsmaschinerie und eine Spionage eindämmen, die in den vergangenen Jahren wegen des Internets nie erahnte Ausmaße angenommen hat. Doch nun zeigen die Amerikaner den Deutschen, man muss das so hart sagen, den Stinkefinger.

Unter anderem von Koblenz aus haben US-amerikanische Geheimdienste in den vergangenen Jahrzehnten die Bundesrepublik überwacht, wie der Historiker Josef Foschepoth kürzlich in einem Vortrag darlegte (PDF, kostenpflichtig). Egal, ob es sich dabei um das Telefonat mit der Tante, den Brief an den Rechtsanwalt oder die E-Mail an die Zeitung handelte, stets konnten und können noch heute US-amerikanische Geheimdienste mithören, mitlesen, mitschneiden. Betroffen war bis vor Kurzem sogar die Bundeskanzlerin. Auch ihr Handy wurde vom amerikanischen Geheimdienst NSA abgehört. Die Empörung darüber, als das bekannt wurde, war so groß, dass Angela Merkel dem US-Präsidenten am Telefon die Leviten las und, wie von amerikanischer Seite verbreitet wurde, die NSA mit der Stasi verglich, dem Geheimdienst der DDR. Was für ein Vorgang.

Nicht nur hier hat sich die Kanzlerin getäuscht. Es ist noch schlimmer. Die Akten der Staatssicherheit der DDR umfassten gerade einmal 200 Aktenkilometer. Damit wäre die Festung Ehrenbreitstein nicht einmal zur Hälfte gefüllt. Würde man die von der NSA erfassten Daten ausdrucken, in Akten und Schränken unterbringen, so kämen 42 Billionen Aktenschränke zusammen. Zum Aufstellen bräuchte man eine Fläche größer als Europa.


Gehe zu Stasi versus NSA. Realisiert von OpenDataCity (CC-BY 3.0)

In Rechenzentren freilich schrumpfen solche unvorstellbaren Datenmassen auf wenige Tausend Server. Ebenso schrumpft die nach dem Zweiten Weltkrieg gewachsene Freundschaft zwischen Deutschen und Amerikanern. „Germany“ gehört aus Sicht der Amerikaner eben nicht zu den „Five Eyes“, einem exklusiven Klub von Ländern, deren Geheimdienste sich gegenseitig in die Karten gucken und einander respektieren.

Das müssen wir auch nicht. Wer heute einen abschließbaren Reisekoffer in den USA kauft, wird mit einem Zettel darauf hingewiesen, dass Zollbehörden schon vor Verkauf einen Generalschlüssel überlassen bekommen haben. Nichts anderes passiert zurzeit im Internet. Die Amerikaner haben einen Generalschlüssel und beharren darauf, dass das so bleibt.

 

Die Lösung kann nur sein, künftig Koffer aus eigener Herstellung zu kaufen; im übertragenen Sinne: ein zweites Internet zu begründen. Mithilfe moderner Verschlüsselungstechnik ist so etwas durchaus machbar, ohne neue Leitungen verlegen zu müssen. Dazu müsste man allerdings mit Selbstbewusstsein und Know-how einen europäischen Konsens über Bürgerrechte in der digitalen Gesellschaft herstellen. Bei dieser Aufgabe, einer Aufgabe der Politik, stehen wir noch ganz am Anfang.

Von Marcus Schwarze, Redakteur bei der Rhein-Zeitung

Marcus Schwarze

Zuruf | Digitale Zukunft: Von Lokaljournalisten, die auszogen, das Fürchten zu verlernen …

 

Viele Medienleute, so scheint es heute immer noch, greinen. Sie stehen wie der Ochs vorm Berg vor den Herausforderungen der digitalen Revolution – oft in Angst erstarrt, bewegungslos, perspektivlos: Wie stellen wir Zeitungsmenschen es im Zeitalter sinkender Auflagen nur an, dass wir nicht untergehen?!

 

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Aaaaaaaah! WAS MACHEN WIR DENN NUR?! Bild: © Maxi Posters

Man könnte aber auch umformulieren: Wie schafft es ein Medienhaus, aus den neuen Möglichkeiten, die die digitale Welt uns bieten, etwas zu machen? Was können wir bieten?

Da kann man jetzt so einiges drauf antworten: Eine neue Form der Nachrichtenverbreitung. Neue journalistische Spielarten. Gamification. eCommerce. Location based Services. Interactive Community. Interactive Ads. Blablabla.

Wer mit den ganzen Buzzwords was anfangen kann, ist zwar auf dem richtigen Weg. Worauf es aber wirklich ankommt, ist, dass diejenigen, die unser journalistisches Handwerk beherrschen, den Wandel in ihrer Branche akzeptieren, diese neuen Möglichkeiten erkennen und dazu selbst Ideen entwickeln. Sonst machen es andere. Und vielleicht welche, die vom Handwerk nix verstehen. Am Ende dieses Beitrags werde ich euch nochmal danach fragen. Alles dazwischen soll euch inspirieren!

 

Gestern: Content first. Heute: Content first. Zukunft: Content first.

 

Wenn nicht wir federführend in der digitalen, mobilen Welt wären, wäre das eher schlecht, denn auch unter den geänderten Prämissen neuer technischer Möglichkeiten kommt es auch hier vor allem auf eines an: die Einzigartigkeit und Qualität des Contents. Und das wird auch so bleiben.

 

Ein erster Schritt: Akzeptanz.

 

Die Verbreitung von Smartphones und Tablets nimmt zu. Unbestritten. Deshalb wandeln sich derzeit viele Branchen. Der lokale Handel steht vor der Frage, wie man mit der neuen Konkurrenz online umgehen soll und wie man die neuen Möglichkeiten nutzen kann. TV-Werber fragen sich, wie sie mit ihren Spots noch Menschen erreichen sollen, die leider jede Werbepause zum Mobilgerät greifen und ihre Aufmerksamkeit dem Surfen, Shoppen und Kommunizieren im Internet schenken. Schulen und Kindergärten stehen vor der Frage, wie ihren Schützlingen Medienkompetenz vermittelt werden kann. Gleichzeitig müssen sie auch für die Gefahren im Netz sensibilisiert werden.

„Das Internet als disruptive Basistechnologie nimmt Einfluss auf viele Branchen und Märkte und ermöglicht an vielen, wenn nicht allen Stellen neue Geschäftsprinzipien“, schreibt dazu Clayton M. Christensen schon 1997 in seinem Buch „Innovator’s Dilemma“ (S.17).

Und speziell über die Zeitungsbranche heißt es bei Christian Hoffmeister („Digitale Geschäftsmodelle richtig einschätzen“, Carl Hanser Verlag, München 2013, S. 6-7):

„Die Zeitungsbranche funktionierte jahrzehntelang stabil nach einem dominanten Modelldesign. Zeitungen waren periodische Print-Erzeugnisse, die über Kioske oder den Direktvertrieb distributiert wurden. Das Leistungserstellungsmodell basierte auf der Beschaffung von Inhalten, der Selektion aus der Masse an Inhalten entsprechend der Kundensegmente und der Produktion eines entsprechenden haptischen Produkts. Das Erlösmodell bestand aus einer Mischung aus Vermarktung des Werberaums und den direkten Erlösen durch Einnahmen aus dem Verkauf der gedruckten Zeitung an Leser.

Dieses Geschäftsmodell galt für alle Zeitungen, egal ob regional oder überregional, ob themenorientiert oder thematisch breitgefächert.

[…]

Von Zeit zu Zeit geschieht es aber, dass die stabilen Geschäftsmodellarchitekturen Risse bekommen und instabil werden. Manchmal werden sie so instabil, dass sie einstürzen und durch neue Modelle ersetzt werden. So befindet sich die Zeitungsbranche seit Jahren im Umbruch mit zum Teil dramatischen Konsequenzen.”

 

Und jetzt? Neues entdecken und Ideen entwickeln. Was ist so furchtbar daran?

 

Die Medienbranche schließlich fragt sich, wo der Ausweg aus der „Alles für umme online“-Mentalität ihrer Leser ist, und wie sie deren Aufmerksamkeit (zurück-) gewinnen können. Sie muss sich aber auch fragen, wie die sinkenden Einnahmen aus dem Anzeigenverkauf in ihren Printprodukten aufgefangen werden können. Das Modell Paywall in allen seinen Spielarten kann sicher nicht die Antwort sein.

 

Mobile, digitale Strategien: Facts & Best Practice

 

Dazu ein paar Zahlen und Ideen: 64 Prozent der Werbetreibenden wollen in mobile Werbung investieren, so die Ergebnisse einer US-Umfrage von Advertiser Perceptions. Gleichzeitig stört die Nutzer aber, wenn sie Werbung auf ihre Mobilgeräte bekommen – was meiner Ansicht nach daran liegt, dass es sich meist um langweilige Banner-Formate handelt. Eine Lösung: Interactive Ads nutzen unseren Entdecker- und Spieltrieb aus. Wir ändern die Lippenstiftfarbe des Models mit einem Tippen auf die rechts daneben abgebildeten Lippenstifte. Wir puzzeln uns die Autowerbung zusammen. Oder im Lokalen: Nach einem kleinen Multiple-Choice-Quiz zu regionalen Spezialitäten gewinnt der Nutzer eine Kleinigkeit aus einem der Shops, die sie anbieten.

 

Was auch bleibt: Guter Content kostet und erfordert Personal. Auch in der digitalen und mobilen Welt!

 

Gleichzeitig müssen sich die Entscheider in unserer Branche gerade da, wo das Produkt journalistischer und regionaler Content ist, eines abschminken: Nur weil die Veränderungen durch das Netz zu einem Großteil auf technischen Möglichkeiten basiert, bringt das nicht automatisch eine Automatisierung mit sich, was das eigentliche Produkt angeht. Mehr noch: Im obigen Beispiel muss es auch jeweils jemanden geben, der das Quiz entwirft, die lokalen Anbieter anspricht und überzeugt und das ganze fürs jeweilige Gerät programmiert.

 

Die kanadische La Presse investierte im großen Stil in ihren Content fürs Ipad

 

Dass das mit Investitionen einhergehen muss, zeigt sich auch am Beispiel der kanadischen La Presse, die (ziemlich viel) in ihre kostenlose (und erfolgreiche) Ipad-App investiert hat – über die Hälfte des Geldes übrigens in Personalkosten. (Vortrag auf dem Tablet & App Summit im Rahmen der World Publishing Expo in Berlin).

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Das gilt meiner Meinung nach besonders für regionale und lokale Medien: Digitale Produkte sind eher dann erfolgreich, wenn echte Lokal-Journalisten dahinterstehen und -arbeiten. Wenn sie in Kontakt mit den Menschen stehen. Wenn man das ihren Inhalten auch anmerkt. Das beweist die Rhein-Zeitung ja schon – als eine der ersten Zeitungen – seit Jahren. Oder hat es bisher jemand bereut, eigens einen Social Media-Redakteur eingesetzt zu haben? Dass andere Häuser nachziehen, ist Antwort genug.

 

Eine neue Darreichungsform im Journalismus: Die App Circa

 

Ganz ohne Personal wird es also nicht gehen. Content muss für einen bestimmten Kanal produziert und/oder wenigstens an die Nutzergewohnheiten des Kanals angepasst werden. Ein vieldiskutiertes Beispiel ist Circa, eine App für überregionale (vorwiegend US-) Nachrichten, die ein Journalisten-Team nach einem neuheitlichen Ansatz befüttert:

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Für Anthony De Rosa, Chefredakteur von Circa, war klar: News werden auf dem Smartphone anders konsumiert als über die Zeitung oder den Desktop. Die Leser wollen für den Überblick über die Hauptnachrichten nicht lange scrollen, um zu erfahren, was gerade passiert.

Deswegen werden die wichtigsten Nachrichten in kleine Schnipsel aufgeteilt und in kurzen, knackigen und klaren Sätzen auf den Punkt gebracht – immer ein Schnipsel/Fakt/Zitat/Bild pro Bildschirm. Über einen Zeitraum werden daraus Themen-Stories, weil immer ein neuer Schnipsel hinzukommt, wenn etwas passiert.

Auf dem Tablet und App-Summit in Berlin 2013 verneinte De Rosa meine Frage, ob das andere journalistische Arbeitsweisen mit sich brächte. Seine Journalisten würden genau so telefonieren, recherchieren, rausgehen und Quellen treffen, wie die Kollegen der althergebrachten Zeitung oder des Onlineportals.

 

Manchmal braucht es nur EINE gute Idee: Flipboard & Buzzfeed…

 

Auch (überregionale) Nachrichten-Apps mit neuen Bedien-Ansätzen und Design-Zutaten oder an die Vorlieben der Internetuser angepassten Inhalte sind bereits erfolgreich, zum Beispiel Flipboard und Buzzfeed:

Dabei macht Flipboard vor allem eine Innovation in Sachen Usability aus, die – fast schon tragisch, weil angelehnt an alte „Papier-Gewohnheiten“ – im Blättereffekt durch Wischen vom einen zum nächsten Screen besteht.

Buzzfeed auf der anderen Seite orientiert sich, was den Content angeht, sehr an den Nutzergewohnheiten im Netz. Da steht dann schon mal ein gut recherchierter Bericht eines eigenen (fest angestellten) Auslandskorrespondenten zur Syrienkrise neben einem Beitrag (eines ebenfalls fest angestellten Redakteurs), der die besten Katzenfotos der letzten Wochen mit lustigen Kommentaren versehen untereinanderreiht. Und als App funktioniert das ganze auch sehr gut – „Hey, schau mal wie lustig“, sagt der Schüler zum anderen im Bus und hält ihm den Katzenbeitrag auf seinem Smartphone vor die Nase.

 

Bild und die 1414-Community: Fotografieren Sie ihren Knackarsch – wir zahlen für die Bilder!

 

Das Modell von Bild und der App 1414 setzt derweil auf die Umkehrung von Produzent und Rezipient. Denn dank des Internets kann heute jeder veröffentlichen. Und viele tun es, siehe Facebook, trotz ungeklärtem oder gar fehlendem Schutz der Privatsphäre im Netz sehr gern. Die Kuratoren von 1414 rufen also Kampagnen aus: „Wie bunt ist euer Herbst? Macht ein Foto von eurer morgendlichen Kaffeetasse, eurem Haustier oder gar eurem Knackarsch und ladet es hoch.“ Für die besten Bilder lobt das Medienhaus Preise aus.

 

Leserreporter bei der WAZ: Honorierung für gute Fotos

 

Die WAZ-Gruppe fährt übrigens ein ähnliches Modell in Zusammenarbeit mit Scoopshot. Das Modell orientiert sich mehr in Richtung Leserreporter. Dabei werden Fotos sogar honoriert.

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Den Leserreporteransatz stellte die WAZ im Rahmen der diesjährigen World Publishing Expo am Media Port Social-Local-Mobile vor.

Auch regionale Kampagnen sind so denkbar – abseits von Unfällen & Co, bei denen nicht zuletzt der Rhein-Zeitung schon lange ihre Social Community zugute kommt. Zum Beispiel könnte man ausrufen: „Sendet uns ein Bild von jenen Ecken eurer Region, wo es für Radfahrer im Straßenverkehr gefährlich ist.“ Man muss nicht besonders visionär daherkommen, um zu merken, dass sich bei einer solchen Kampagne zusammen mit dem Umstand, dass Geodaten der Bilder ausgelesen werden können, ganz neue Möglichkeiten für den Lokaljournalismus – in online wie print – bieten. Und nur regionale und lokale Medien können solche Informationen adequat weiterbehandeln – mal ganz nebenbei.Denn wir sind da nahe dran und es interessiert unsere Leser in Rheinland-Pfalz/in unserer Stadt, nicht Leser aus einem anderen Bundesland.

 

Trial & Error, wohin man auch blickt!

 

Und für neue Ideen ist es mitnichten zu spät. Auch große Verlage machen heute nichts anderes als Trial & Error. Aber sie machen es.

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Quelle: Dsp-Partners App Datenbank – Klicken für die scharfe Ansicht!

Viele der Apps sind zwar verfügbar, aber eventuell noch nicht mit Leben gefüllt. Was schlussendlich funktioniert und was nicht, entscheidet sich am Markt. Ein Beispiel: Die App Last Minute von Springer. Hört sich super an. Braucht aber noch etwas Inhalt.

Blickt man zu red.web, der Softwareschmiede des Mittelrhein-Verlages, findet man auch hier schon gute Ideen, die regionale Verlagshäuser interessant finden dürften. Mit dem App-Publisher können Verlage eine App erwerben, die ihren Bedürfnissen und jenen ihrer Leser gleichermaßen entgegenkommt. Der Verlag kann sie relativ einfach kuratieren und Themendossiers oder die Berichterstattung zu aktuellen Ereignissen darin multimedial und schön aufbereitet bündeln und  kostenlos oder – weil exklusiv – kostenpflichtig anbieten. Eine langwierige Anmeldung im App-Store ist also nicht nötig. Für den Leser ist das alles leicht zu bedienen und angenehm zu konsumieren.

 

Es braucht EURE guten Ideen…Her damit!

 

Also, liebe Kollegen und liebe RZ-Community, ihr seht, es tut sich einiges – wollen wir da nicht mitmachen? Wenn ihr also beim Lesen eine gute Idee gehabt haben solltet, könntet ihr mir diese als Kommentar hinterlassen – ich würde mich – beruflich und aus Interesse – sehr darüber freuen!

 

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YES! Ich hab’s! Copyright Matt Groening

Nachtrag, 29.10.13, 10.40 Uhr: T3n hat hier Zitate erfolgreicher Unternehmer im Digitalbusiness zusammengestellt. Inspirierend. Und eines, das gut zu dem passt, was ich sagen will:

Jake Nickell, Threadless

„Don’t make decisions based on fear.“

Sandra Elgaß

Umgang mit E-Mails: Tipps fürs Filtern, Sortieren, Zeitsparen

Einen der besten Tipps zur Handhabung des eigenen E-Mail-Postfachs las ich neulich aus einem Beitrag von Sascha Lobo. Der empfahl, einfach sämtliche Mails automatisch in den Papierkorb verschieben zu lassen, die ein Wort „unsubscribe“ im Text enthalten. Das ist normalerweise das Wort, mit dem man auf ungewünschte Mails antworten soll.

Eine E-Mail am Tag, das wäre schön. Werden es Hunderte, helfen Filtern.

Eine E-Mail am Tag, das wäre schön. Werden es Hunderte, helfen Filter.

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Marcus Schwarze

Schritt für Schritt ins Internet, Teil 2: Der Browser ist das Fenster ins Web

Das sind die wichtigsten Browser: Internet Explorer, Mozilla Firefox, Safari, Opera (im Uhrzeigersinn von oben links) und Google Chrome (Mitte).

Das sind die wichtigsten Browser: Internet Explorer, Mozilla Firefox, Safari, Opera (im Uhrzeigersinn von oben links) und Google Chrome (Mitte).

Kaum ein Programm für den Computer ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten so erfolgreich gewesen wie der Browser. „Browsen“ heißt auf Deutsch „stöbern“, und tatsächlich taugt die Stöbersoftware ganz wunderbar zum ziellosen Herumstreunen im Internet. Weiterlesen

Marcus Schwarze

Schritt für Schritt ins Internet, Teil 1: Das benötigen Sie für den Einstieg

Es wird komplexer: Die Wege ins Web sind nicht mehr allein per DSL möglich.(Corinna Dumat / pixelio.de)

Es wird komplexer: Die Wege ins Web sind nicht mehr allein per DSL möglich.(Corinna Dumat / pixelio.de)

Im Beruf, privat, in unserem Leben — das Digitale erfasst immer mehr Bereiche des Alltags der Menschen. In einer neuen Serie geben wir Hilfestellung: beim Einstieg, beim Erforschen und beim Nutzen der digitalen Welt. Heute Teil 1: Der Einstieg ins Internet. Weiterlesen

Marcus Schwarze

Łukasz Piszczek. Oder: Der Moment, als mein Zehnjähriger Google entdeckte

Rechter Verteidiger bei Borussia Dortmund: Łukasz Piszczek  (Foto: Steindy, Lizenz: CC-BY-SA 3.0 http://t.co/qyJsdj018m)

Offenbar guter rechter Verteidiger bei Borussia Dortmund für FIFA 2013: Łukasz Piszczek (Foto: Steindy, Lizenz: CC-BY-SA 3.0 http://t.co/qyJsdj018m)

Dem Zehnjährigen für ein offenbar gravierendes Problem heutiger Zehnjähriger Google gezeigt. Seine Frage war: Kennst Du einen guten rechten Verteidiger von Borussia Dortmund? Für FIFA 13? Weiterlesen

Marcus Schwarze

Zuhruf | Der Kampf der (Selbst-)Gerechten? Wenn die Plagiatsjagd zum Geschäft wird

Der Gründer der Plattform VroniPlag, Martin Heidingsfelder, posiert will nach dem Rücktritt von Bundesbildungsministerin Annette Schavan nun die Doktorarbeit ihrer designierten Nachfolgerin Johanna Wanka (beide CDU) auf Plagiate überprüfen. Damit will er auch Geld verdienen. "Doch eigentlich gehört die Plagiatssuche an die Universitäten", sagt er.

Einer der Gründer der Plattform VroniPlag, Martin Heidingsfelder, will nach dem Rücktritt von Bundesbildungsministerin Annette Schavan nun die Doktorarbeit ihrer designierten Nachfolgerin Johanna Wanka (beide CDU) auf Plagiate überprüfen. Damit will er auch Geld verdienen. "Doch eigentlich gehört die Plagiatssuche an die Universitäten", sagt er.

„Hetzjagd“ und „politische Blutgrätsche“ schallt es von allen Seiten. Wie Trophäen hängen sie für immer beschädigt an den Wänden der Plagiatsjäger: die Guttenbergs, Koch-Mehrins und Schavans der Republik.

Doch nicht nur Doktoranden, sondern auch Beobachtern aus Medien und Wissenschaft sind die Aktivisten nicht selten sympathisch: Sie greifen selbst zur Schaufel und graben sie aus, die Leichen im Keller von Blendern und Karrieristen. Die Möglichkeit, mit den Mitteln des Internets Macht von unten auszuüben, wird immer attraktiver – und leichter umsetzbar.

Eine diffuse Sehnsucht nach Gerechtigkeit treibt sie an

Der Trend, im Netz nach Plagiaten in den Doktorarbeiten von Top-Politikern zu fahnden, ist ein Symptom. Dahinter steht eine diffuse Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Mitbestimmung. Man will den Mächtigen auf die Finger schauen, sich nicht für dumm verkaufen lassen. Für einige wenige winkt ein lukratives Geschäft. Die meisten Plagiatssucher sagen jedoch: Es geht uns lediglich um die Wiederherstellung wissenschaftlicher Redlichkeit. Den mittlerweile bekanntesten Plagiatsjäger, Geschäftsmann Martin Heidingsfelder, packte nach eigener Aussage das Jagdfieber, als er ein Plagiat in der Arbeit Karl-Theodor zu Guttenbergs entdeckte und auf Guttenplag, der Internetplattform, auf der sie kollektiv zerpflückt wurde, teilte.

Betrügern gemeinsam das Handwerk legen

Er fühlte sich wie viele mitverantwortlich, einem Betrüger das Handwerk gelegt zu haben – und auch noch einem, dem die Massen beinahe hysterisch zu Füßen lagen. Heidingsfelder ist einer der wenigen, die sich früh outeten. Andere schützt die Anonymität: Viele Plagiatsjäger haben promoviert oder sind noch an Universitäten tätig. Als Nestbeschmutzer wollen sie nicht gelten, ihre Karriere nicht gefährden. Der Zugang von Universitätsangehörigen zum Bibliotheksnetzwerk ist hilfreich. Außerdem müssen Plagiatsjäger Ahnung haben von wissenschaftlichen Standards und vor allem: viel Zeit und Kraft investieren. „Das ist kein ehrenrühriger Job“, sagt Heidingsfelder. „Ich habe viele Nachtschichten gemacht“, sagt auch Dr. Martin Klicken.
Klicken ist bei Vroniplag Wiki aktiv, dem Portal, auf dem die Plagiatsjäger anfangs Schavans Täuschungen dokumentierten. Auch er will anonym bleiben, Klicken ist sein Pseudonym. Er gibt an, Mitte 30 und promovierter Ingenieur zu sein. Zu seinen Beweggründen sagt er: „Die Plagiate bei Guttenberg und weiteren Fällen, an deren Dokumentation ich beteiligt war, sind so gravierend, dass dabei alles mit Füßen getreten wird, was die meisten Doktoranden unter teils großen Entbehrungen hochhalten. Als mir klar wurde, dass meine Empörung zwar von vielen geteilt wird, die Plagiatoren aber Umfang und Schwere der Verstöße herunterspielen können, beschloss ich, aktiv zu werden.“

Im November 2011 im Bundestag schwieg Schavan. Doch der anonyme Plagiatsjäger legte nach: "Mit Anonymität kann ich nicht umgehen", sagte Schavan dann und ging in die Offensive: Er solle sich zu erkennen geben. "Wer das Plagiat findet, ist doch egal", sagt Vroniplag Wiki-Aktivist Dr. Klicken.

Im November 2011 im Bundestag schwieg Schavan. Doch der anonyme Plagiatsjäger legte nach: "Mit Anonymität kann ich nicht umgehen", sagte Schavan dann und ging in die Offensive: Er solle sich zu erkennen geben. "Wer das Plagiat findet, ist doch egal", sagt Vroniplag Wiki-Aktivist Dr. Klicken.

Mehr als 40 Arbeiten überprüften die Vroniplag-Aktivisten bereits. Bei mehr als der Hälfte stellten sie auf mindestens 15 Prozent der Seiten Plagiate fest. Doch wie überprüft man eine Doktorarbeit aus dem Jahr 1980 wie die von Annette Schavan? „Das war sehr aufwendig“, sagt der Sprachwissenschaftler und Vroniplagger mit dem Pseudonym KayH in einem Interview. „Alle Bücher, die Frau Schavan im Literaturverzeichnis aufgeführt hat, mussten digitalisiert werden, sofern sie nicht schon bei Google Books verfügbar waren. Dazu weitere Werke, die thematisch passen und aus denen sich Frau Schavan bedient haben könnte. Dann wurde verglichen.“ Verdächtige Funde werden über Vroniplag in einem sogenannten Fragment geteilt. Dort stehen die Textstelle in der Arbeit Schavans und jene der Quelle direkt nebeneinander. Mehrere andere Netzaktivisten prüfen und bestätigen das Plagiat. Bei Schavan kommen am Ende auf mehr als 10 Prozent der Seiten Plagiate zusammen.

Unter den Plagiatsjägern tobt Krieg um die richtige Strategie

Doch mittlerweile bekämpfen sich Heidingsfelder und die Mitglieder von Vroniplag öffentlich. Dr. Klicken nennt Heidingsfelder auf Twitter einen „routinierten Hochstapler und Blender“. Heidingsfelder spricht von Mobbing. Heidingsfelder, alias Goalgetter, will Ergebnisse erzielen. „Politiker sollten ihr Mandat verlieren, wenn sie eines Plagiats überführt werden“, sagt er. Sie könnten sich nach einem Rücktritt ja wieder wählen lassen, „wenn die Wähler es ihnen verzeihen“. Und ja: Geld nehme er gern dafür. „Da ist nichts Schlimmes dran“, sagt er. Andere verstehen sich als ehrenamtliche Dokumentare und reagieren allergisch auf Heidingsfelders Auftritte in der Öffentlichkeit.

Bei Vroniplag wurde Heidingsfelder, der im März 2011 den entscheidenden Klick zur Gründung des Portals machte, deshalb bereits im November 2011 gesperrt. Auch dass er parallel zu den Untersuchungen eines Vroniplag-Mitglieds auf dessen Blog Schavanplag mit seiner eigenen Seite Schavanplag Wiki in die Presse drängte, verärgerte seine ehemaligen Mitstreiter. Klicken nennt das „Augenwischerei“. Heidingsfelder beteuert, er habe dem Blogger, der unter dem Pseudonym Robert Schmidt bekannt ist und – ebenfalls entgegen der Mehrheitsmeinung auf Vroniplag Wiki, die Schavan’sche Arbeit nicht so hoch zu hängen mit der Begründung, Schavans Plagiate seien weniger gravierend – weiter an der Schavan-Dokumentation arbeitete, nur helfen wollen. Er gibt zu: „Drei Plagiate habe ich bei Schavan selbst noch gefunden. Die meiste Arbeit hat aber Robert Schmidt gemacht.“ Aber um diese Streitereien soll es hier nicht gehen.

Plagiat bleibt Plagiat – egal, wer es findet

„Wer auf ein Plagiat hinweist, ist doch unerheblich“, sagt Klicken. „Ich kann es manchmal kaum glauben, wie frech plagiiert wird und wie oft die Unis das durchgehen lassen.“ Als Beispiel nennt er Detlev Dähnert, Honorarprofessor und Manager bei Vattenfall. Die Plagiatjäger dokumentierten auf Vroniplag Wiki, dass er fast 45 Prozent seiner Arbeit abgeschrieben hat. Doch die BTU Cottbus entschied zu seinen Gunsten. Klicken sagt: „Die Macht von Vroniplag wird überschätzt. Letztlich entscheidet die Presse, welche Fälle den Unis überhaupt zur Entscheidung vorgelegt werden.“ Einer, der das für sich nutzt, ist Martin Heidingsfelder. Natürlich hat er der Presse bereits angekündigt, auch die Doktorarbeit von Schavans Nachfolgerin als Bildungsministerin, Johanna Wanka (CDU), auf Herz und Nieren prüfen zu wollen.

Die Vroniplag-Aktiven distanzierten sich von Gründer Martin Heidingsfelder – weil er offen Schavans Rücktritt forderte, Mehrheitsentscheide der Vroniplagger nicht respektierte, weil er mit der Suche nach Plagiaten Geld verdienen will und dafür die Öffentlichkeit sucht.

Die Vroniplag-Aktiven distanzierten sich im Februar 2013 von Gründer Martin Heidingsfelder – weil er offen Schavans Rücktritt forderte, Mehrheitsentscheide der Vroniplagger nicht respektierte, weil er mit der Suche nach Plagiaten Geld verdienen will und dafür die Öffentlichkeit sucht.

Plagiate zu entdecke, ist eine Sache – sie zu verhindern, die eigentlich angezeigte Vorgehensweise

Es ist schon eine erschreckende Entwicklung: Wenn selbst Menschen, in deren Händen die Geschicke unseres Landes gelegt worden sind, durch eine anonyme Meute im Netz zum Rücktritt von ihren Ämtern gezwungen werden können – was bedeutet dies für „Lieschen Müller“? Natürlich wissen wir das schon: Fast jeder hat schon einmal mitbekommen, wie Menschen im Netz verleumdet werden können. Und wie wenig es vergisst. Ein paar prominente Fälle hat Marcus Schwarze in seinem Blog beschrieben. Das ist die generelle Entwicklung, und die macht zurecht Angst.

Ein Doktortitel indes, und da muss das Verständnis einiger mal deutlich zurechtgerückt werden, ist kein Accessoire und darf nicht als Karrieremotor missbraucht werden. Wer bereit ist, zu leisten, was dafür zu leisten ist, der soll ihn haben – und sich dann auch mit Recht mit einem wissenschaftlichen Titel, der nicht durch Karrieristen entwertet wird, schmücken dürfen.

Plagiatssuche gehört an die Unis – und die sollten dafür ordentlich ausgestattet werden

Ein Vorschlag, wie die Sache mit der Plagiatsjagd zumindest für alle zukünftigen Doktoren in geregeltere Bahnen gelenkt werden könnte, hat Martin Heidingsfelder mir gegenüber übrigens selbst gemacht: Natürlich geghört sie an die Unis. Ob er selbst den Job machen sollte, kann ich nicht beurteilen. Aber viele der Plagiatsjäger kommen ja bereits aus dem Bereich. Und natürlich muss eine Prüfung vor der Verleihung eines Doktorgrades stattfinden. Dafür, das zeigt der Zeitaufwand, den man für diese akribische Arbeit benötigt, brauchen sie Geld – auch wenn es mit den heutigen Mitteln etwas leichter sein dürfte, Plagiate aufzuspüren.

Wer einmal an der Uni als wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet hat (wie ich), kennt das: Kräften, die eigentlich wissenschaftlich wirken sollen, werden verwaltungstechnische Aufgaben zugeteilt. Es gibt ein Hauen und Stechen um ganze, halbe und Viertelstellen. Einige Professoren drängt es nicht mehr zu großem Fleiß – warum auch, wovor müssen sie sich denn fürchten? Auf jeden Fall nicht davor, dass jemand ihre Leistung allzu genau unter die Lupe nimmt.

Etwas ist faul im Hochschul-Staate Deutschland. Und für alle anderen Plagiatoren der Vergangenheit da draußen, fürchte ich, ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Wenn ich sie wäre, hätte ich auch Angst. Zurecht.

UPDATE, 14. Februar 2013, 18.12 Uhr: Ich wiederhole nochmal das, was sich auch in den Kommentaren unten rauslesen lässt: Martin Heidingsfelder hat den entscheidenden Klick zur Gründung des Portals Vroniplag Wiki gemacht. Weitere Beteiligte der ersten Stunde argumentieren, dass ein Portal, auf dem gemeinschaftlich gearbeitet werden soll, auch durch die außerdem Beteiligten erst zum Leben erweckt wird. Auch dieses Argument kann ich als internetaffine Person verstehen. Trotz der vielen Zeit, die ich mit Recherchen in den Tiefen von Vroniplag Wiki-Diskussionsseiten, Wikipedia-Diskussions- und Änderungsdokumentationsseiten und den mir von allen Seiten zugesandten Statistiken und Screenshots von Statistiken verbracht habe, kann ich das nicht abschließend beurteilen. Mein Artikel kann also nicht als Beleg für entweder die eine, oder die andere Gründertheorie herhalten. Ich bitte die Beteiligten, das zu respektieren.

Sandra Elgaß