Schlagwort-Archiv: Journalismus

Hartes Paygate: Rhein-Zeitung.de im Herbst 2016

Die großen Linien im Digitalen der Rhein-Zeitung zeigen weiterhin nach rechts oben – zumindest wenn man auf jene Zahlen schaut, die sich in Euro bemessen und unterm Strich stehen. So gab es im Herbst bei uns erneut Steigerungen im Digitalumsatz, sowohl über den Verkauf von Inhalten als auch über den Verkauf von Werbung. Weiterlesen

Marcus Schwarze

#bcko15: Christian de Vries erklärt Barcamp-Teilnehmern journalistische Sprache

 Wer macht was wann wo wie warum? Mit diesem einfachen Satz hat Christian de Vries auf dem Barcamp in Koblenz erklärt, wie Blogger künftig ihre Leser besser fesseln können.

Vor 20 Bloggern nannte de Vries einfache Regeln, die beim Schreiben besserer Texte helfen. Dazu zählt, die W-Fragen gleich zu Beginn zu beantworten. Daneben empfahl er,

  • bis zu 14 Wörter in einem Satz zu verwenden
  • Kommata sparsam zu verwenden
  • Abkürzungen zu vermeiden
  • beim Schreiben fürs Netz kurze Absätze zu verwenden
  • Zwischenüberschriften zu verwenden
  • Gliederungspunkte einzubauen.

Zwischenüberschriften helfen

Durch die Verwendung von Zwischenüberschriften werden Texte besser gegliedert und helfen dem Leser, den nächsten Absatz bereits auf einen Blick zu erfassen.


Auch ein Bild hilft, die Geschichte zu verstehen. Wenn die Tafel vorher geputzt wurde. Und es hilft, den Sponsoren am Ende eines Textes nicht zu danken. Sagte der Journalist.

Marcus Schwarze

Die WM der Selfies war nur der Anfang: Hier kommt der neue automatische Journalismus

Vermutlich trennen uns noch Monate, höchstens ein, zwei Jahre vom automatischen Journalismus. Dann übernehmen Maschinen einen Teil der Berichterstattung. Und sie wird  durchaus lesens- und sehenswert sein. Ansätze dazu hat die Fußball-WM 2014 gezeigt.

In Tweetdeck lassen sich nicht nur Hashtags beobachten, sondern auch nur jene Beiträge filtern, die eine gewisse Anzahl Favorisierungen (Favs) und Weiterverbreitungen erhalten haben (RTs). Daraus entsteht ein neuer Blick auf die Veröffentlichungen.

In Tweetdeck lassen sich nicht nur Hashtags beobachten, sondern auch nur jene Beiträge filtern, die eine gewisse Anzahl Favorisierungen (Favs) und Weiterverbreitungen erhalten haben (RTs). Daraus entsteht ein neuer Blick auf die Veröffentlichungen – gezeigt werden nur jene mit größter Aufmerksamkeit. Da ist zwar noch ein Pornolink dabei, aber mit etwas weiterem Gehirnschmalz dürfte sich auch der für ein jugendfreies sehenswertes Lese- und Sehprogramm verfeinern lassen. (Screenshot: Marcus Schwarze)

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Marcus Schwarze

Zuruf | Digitale Zukunft: Von Lokaljournalisten, die auszogen, das Fürchten zu verlernen …

 

Viele Medienleute, so scheint es heute immer noch, greinen. Sie stehen wie der Ochs vorm Berg vor den Herausforderungen der digitalen Revolution – oft in Angst erstarrt, bewegungslos, perspektivlos: Wie stellen wir Zeitungsmenschen es im Zeitalter sinkender Auflagen nur an, dass wir nicht untergehen?!

 

simpsionismo

Aaaaaaaah! WAS MACHEN WIR DENN NUR?! Bild: © Maxi Posters

Man könnte aber auch umformulieren: Wie schafft es ein Medienhaus, aus den neuen Möglichkeiten, die die digitale Welt uns bieten, etwas zu machen? Was können wir bieten?

Da kann man jetzt so einiges drauf antworten: Eine neue Form der Nachrichtenverbreitung. Neue journalistische Spielarten. Gamification. eCommerce. Location based Services. Interactive Community. Interactive Ads. Blablabla.

Wer mit den ganzen Buzzwords was anfangen kann, ist zwar auf dem richtigen Weg. Worauf es aber wirklich ankommt, ist, dass diejenigen, die unser journalistisches Handwerk beherrschen, den Wandel in ihrer Branche akzeptieren, diese neuen Möglichkeiten erkennen und dazu selbst Ideen entwickeln. Sonst machen es andere. Und vielleicht welche, die vom Handwerk nix verstehen. Am Ende dieses Beitrags werde ich euch nochmal danach fragen. Alles dazwischen soll euch inspirieren!

 

Gestern: Content first. Heute: Content first. Zukunft: Content first.

 

Wenn nicht wir federführend in der digitalen, mobilen Welt wären, wäre das eher schlecht, denn auch unter den geänderten Prämissen neuer technischer Möglichkeiten kommt es auch hier vor allem auf eines an: die Einzigartigkeit und Qualität des Contents. Und das wird auch so bleiben.

 

Ein erster Schritt: Akzeptanz.

 

Die Verbreitung von Smartphones und Tablets nimmt zu. Unbestritten. Deshalb wandeln sich derzeit viele Branchen. Der lokale Handel steht vor der Frage, wie man mit der neuen Konkurrenz online umgehen soll und wie man die neuen Möglichkeiten nutzen kann. TV-Werber fragen sich, wie sie mit ihren Spots noch Menschen erreichen sollen, die leider jede Werbepause zum Mobilgerät greifen und ihre Aufmerksamkeit dem Surfen, Shoppen und Kommunizieren im Internet schenken. Schulen und Kindergärten stehen vor der Frage, wie ihren Schützlingen Medienkompetenz vermittelt werden kann. Gleichzeitig müssen sie auch für die Gefahren im Netz sensibilisiert werden.

„Das Internet als disruptive Basistechnologie nimmt Einfluss auf viele Branchen und Märkte und ermöglicht an vielen, wenn nicht allen Stellen neue Geschäftsprinzipien“, schreibt dazu Clayton M. Christensen schon 1997 in seinem Buch „Innovator’s Dilemma“ (S.17).

Und speziell über die Zeitungsbranche heißt es bei Christian Hoffmeister („Digitale Geschäftsmodelle richtig einschätzen“, Carl Hanser Verlag, München 2013, S. 6-7):

„Die Zeitungsbranche funktionierte jahrzehntelang stabil nach einem dominanten Modelldesign. Zeitungen waren periodische Print-Erzeugnisse, die über Kioske oder den Direktvertrieb distributiert wurden. Das Leistungserstellungsmodell basierte auf der Beschaffung von Inhalten, der Selektion aus der Masse an Inhalten entsprechend der Kundensegmente und der Produktion eines entsprechenden haptischen Produkts. Das Erlösmodell bestand aus einer Mischung aus Vermarktung des Werberaums und den direkten Erlösen durch Einnahmen aus dem Verkauf der gedruckten Zeitung an Leser.

Dieses Geschäftsmodell galt für alle Zeitungen, egal ob regional oder überregional, ob themenorientiert oder thematisch breitgefächert.

[…]

Von Zeit zu Zeit geschieht es aber, dass die stabilen Geschäftsmodellarchitekturen Risse bekommen und instabil werden. Manchmal werden sie so instabil, dass sie einstürzen und durch neue Modelle ersetzt werden. So befindet sich die Zeitungsbranche seit Jahren im Umbruch mit zum Teil dramatischen Konsequenzen.”

 

Und jetzt? Neues entdecken und Ideen entwickeln. Was ist so furchtbar daran?

 

Die Medienbranche schließlich fragt sich, wo der Ausweg aus der „Alles für umme online“-Mentalität ihrer Leser ist, und wie sie deren Aufmerksamkeit (zurück-) gewinnen können. Sie muss sich aber auch fragen, wie die sinkenden Einnahmen aus dem Anzeigenverkauf in ihren Printprodukten aufgefangen werden können. Das Modell Paywall in allen seinen Spielarten kann sicher nicht die Antwort sein.

 

Mobile, digitale Strategien: Facts & Best Practice

 

Dazu ein paar Zahlen und Ideen: 64 Prozent der Werbetreibenden wollen in mobile Werbung investieren, so die Ergebnisse einer US-Umfrage von Advertiser Perceptions. Gleichzeitig stört die Nutzer aber, wenn sie Werbung auf ihre Mobilgeräte bekommen – was meiner Ansicht nach daran liegt, dass es sich meist um langweilige Banner-Formate handelt. Eine Lösung: Interactive Ads nutzen unseren Entdecker- und Spieltrieb aus. Wir ändern die Lippenstiftfarbe des Models mit einem Tippen auf die rechts daneben abgebildeten Lippenstifte. Wir puzzeln uns die Autowerbung zusammen. Oder im Lokalen: Nach einem kleinen Multiple-Choice-Quiz zu regionalen Spezialitäten gewinnt der Nutzer eine Kleinigkeit aus einem der Shops, die sie anbieten.

 

Was auch bleibt: Guter Content kostet und erfordert Personal. Auch in der digitalen und mobilen Welt!

 

Gleichzeitig müssen sich die Entscheider in unserer Branche gerade da, wo das Produkt journalistischer und regionaler Content ist, eines abschminken: Nur weil die Veränderungen durch das Netz zu einem Großteil auf technischen Möglichkeiten basiert, bringt das nicht automatisch eine Automatisierung mit sich, was das eigentliche Produkt angeht. Mehr noch: Im obigen Beispiel muss es auch jeweils jemanden geben, der das Quiz entwirft, die lokalen Anbieter anspricht und überzeugt und das ganze fürs jeweilige Gerät programmiert.

 

Die kanadische La Presse investierte im großen Stil in ihren Content fürs Ipad

 

Dass das mit Investitionen einhergehen muss, zeigt sich auch am Beispiel der kanadischen La Presse, die (ziemlich viel) in ihre kostenlose (und erfolgreiche) Ipad-App investiert hat – über die Hälfte des Geldes übrigens in Personalkosten. (Vortrag auf dem Tablet & App Summit im Rahmen der World Publishing Expo in Berlin).

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Das gilt meiner Meinung nach besonders für regionale und lokale Medien: Digitale Produkte sind eher dann erfolgreich, wenn echte Lokal-Journalisten dahinterstehen und -arbeiten. Wenn sie in Kontakt mit den Menschen stehen. Wenn man das ihren Inhalten auch anmerkt. Das beweist die Rhein-Zeitung ja schon – als eine der ersten Zeitungen – seit Jahren. Oder hat es bisher jemand bereut, eigens einen Social Media-Redakteur eingesetzt zu haben? Dass andere Häuser nachziehen, ist Antwort genug.

 

Eine neue Darreichungsform im Journalismus: Die App Circa

 

Ganz ohne Personal wird es also nicht gehen. Content muss für einen bestimmten Kanal produziert und/oder wenigstens an die Nutzergewohnheiten des Kanals angepasst werden. Ein vieldiskutiertes Beispiel ist Circa, eine App für überregionale (vorwiegend US-) Nachrichten, die ein Journalisten-Team nach einem neuheitlichen Ansatz befüttert:

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Für Anthony De Rosa, Chefredakteur von Circa, war klar: News werden auf dem Smartphone anders konsumiert als über die Zeitung oder den Desktop. Die Leser wollen für den Überblick über die Hauptnachrichten nicht lange scrollen, um zu erfahren, was gerade passiert.

Deswegen werden die wichtigsten Nachrichten in kleine Schnipsel aufgeteilt und in kurzen, knackigen und klaren Sätzen auf den Punkt gebracht – immer ein Schnipsel/Fakt/Zitat/Bild pro Bildschirm. Über einen Zeitraum werden daraus Themen-Stories, weil immer ein neuer Schnipsel hinzukommt, wenn etwas passiert.

Auf dem Tablet und App-Summit in Berlin 2013 verneinte De Rosa meine Frage, ob das andere journalistische Arbeitsweisen mit sich brächte. Seine Journalisten würden genau so telefonieren, recherchieren, rausgehen und Quellen treffen, wie die Kollegen der althergebrachten Zeitung oder des Onlineportals.

 

Manchmal braucht es nur EINE gute Idee: Flipboard & Buzzfeed…

 

Auch (überregionale) Nachrichten-Apps mit neuen Bedien-Ansätzen und Design-Zutaten oder an die Vorlieben der Internetuser angepassten Inhalte sind bereits erfolgreich, zum Beispiel Flipboard und Buzzfeed:

Dabei macht Flipboard vor allem eine Innovation in Sachen Usability aus, die – fast schon tragisch, weil angelehnt an alte „Papier-Gewohnheiten“ – im Blättereffekt durch Wischen vom einen zum nächsten Screen besteht.

Buzzfeed auf der anderen Seite orientiert sich, was den Content angeht, sehr an den Nutzergewohnheiten im Netz. Da steht dann schon mal ein gut recherchierter Bericht eines eigenen (fest angestellten) Auslandskorrespondenten zur Syrienkrise neben einem Beitrag (eines ebenfalls fest angestellten Redakteurs), der die besten Katzenfotos der letzten Wochen mit lustigen Kommentaren versehen untereinanderreiht. Und als App funktioniert das ganze auch sehr gut – „Hey, schau mal wie lustig“, sagt der Schüler zum anderen im Bus und hält ihm den Katzenbeitrag auf seinem Smartphone vor die Nase.

 

Bild und die 1414-Community: Fotografieren Sie ihren Knackarsch – wir zahlen für die Bilder!

 

Das Modell von Bild und der App 1414 setzt derweil auf die Umkehrung von Produzent und Rezipient. Denn dank des Internets kann heute jeder veröffentlichen. Und viele tun es, siehe Facebook, trotz ungeklärtem oder gar fehlendem Schutz der Privatsphäre im Netz sehr gern. Die Kuratoren von 1414 rufen also Kampagnen aus: „Wie bunt ist euer Herbst? Macht ein Foto von eurer morgendlichen Kaffeetasse, eurem Haustier oder gar eurem Knackarsch und ladet es hoch.“ Für die besten Bilder lobt das Medienhaus Preise aus.

 

Leserreporter bei der WAZ: Honorierung für gute Fotos

 

Die WAZ-Gruppe fährt übrigens ein ähnliches Modell in Zusammenarbeit mit Scoopshot. Das Modell orientiert sich mehr in Richtung Leserreporter. Dabei werden Fotos sogar honoriert.

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Den Leserreporteransatz stellte die WAZ im Rahmen der diesjährigen World Publishing Expo am Media Port Social-Local-Mobile vor.

Auch regionale Kampagnen sind so denkbar – abseits von Unfällen & Co, bei denen nicht zuletzt der Rhein-Zeitung schon lange ihre Social Community zugute kommt. Zum Beispiel könnte man ausrufen: „Sendet uns ein Bild von jenen Ecken eurer Region, wo es für Radfahrer im Straßenverkehr gefährlich ist.“ Man muss nicht besonders visionär daherkommen, um zu merken, dass sich bei einer solchen Kampagne zusammen mit dem Umstand, dass Geodaten der Bilder ausgelesen werden können, ganz neue Möglichkeiten für den Lokaljournalismus – in online wie print – bieten. Und nur regionale und lokale Medien können solche Informationen adequat weiterbehandeln – mal ganz nebenbei.Denn wir sind da nahe dran und es interessiert unsere Leser in Rheinland-Pfalz/in unserer Stadt, nicht Leser aus einem anderen Bundesland.

 

Trial & Error, wohin man auch blickt!

 

Und für neue Ideen ist es mitnichten zu spät. Auch große Verlage machen heute nichts anderes als Trial & Error. Aber sie machen es.

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Quelle: Dsp-Partners App Datenbank – Klicken für die scharfe Ansicht!

Viele der Apps sind zwar verfügbar, aber eventuell noch nicht mit Leben gefüllt. Was schlussendlich funktioniert und was nicht, entscheidet sich am Markt. Ein Beispiel: Die App Last Minute von Springer. Hört sich super an. Braucht aber noch etwas Inhalt.

Blickt man zu red.web, der Softwareschmiede des Mittelrhein-Verlages, findet man auch hier schon gute Ideen, die regionale Verlagshäuser interessant finden dürften. Mit dem App-Publisher können Verlage eine App erwerben, die ihren Bedürfnissen und jenen ihrer Leser gleichermaßen entgegenkommt. Der Verlag kann sie relativ einfach kuratieren und Themendossiers oder die Berichterstattung zu aktuellen Ereignissen darin multimedial und schön aufbereitet bündeln und  kostenlos oder – weil exklusiv – kostenpflichtig anbieten. Eine langwierige Anmeldung im App-Store ist also nicht nötig. Für den Leser ist das alles leicht zu bedienen und angenehm zu konsumieren.

 

Es braucht EURE guten Ideen…Her damit!

 

Also, liebe Kollegen und liebe RZ-Community, ihr seht, es tut sich einiges – wollen wir da nicht mitmachen? Wenn ihr also beim Lesen eine gute Idee gehabt haben solltet, könntet ihr mir diese als Kommentar hinterlassen – ich würde mich – beruflich und aus Interesse – sehr darüber freuen!

 

homer

YES! Ich hab’s! Copyright Matt Groening

Nachtrag, 29.10.13, 10.40 Uhr: T3n hat hier Zitate erfolgreicher Unternehmer im Digitalbusiness zusammengestellt. Inspirierend. Und eines, das gut zu dem passt, was ich sagen will:

Jake Nickell, Threadless

„Don’t make decisions based on fear.“

Sandra Elgaß

Zuruf | Sagt's mir: Darf eine Zeitung vom Polizeieinsatz live twittern?

LivetwitterGerade habe ich Echtzeitjournalismus noch verteidigt. Dabei habe ich nicht an laufende Polizeieinsätze gedacht – da ist das heikel. Dann renne ich zufällig in einen, direkt vor meiner Haustür – gerade kurz nach Dienstschluss bei der Rhein-Zeitung. Tickern oder nicht? Habe ich das gut gemacht? Was wäre anders besser? Wenn ihr dazu eine Meinung habt, her damit.

Sandra Elgaß

Buhruf | „Echtzeitberichterstattung“-Motzer: Nehmt den Stock raus & entdeckt Neuland (Gnihi, hab‘ Neuland gesagt)!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das banalste aller Videos - aber live: Hagel in Koblenz. Ist das nun das Ende unserer Demokratie?

Das banalste aller Videos – aber live: Hagel in Koblenz. Ist das nun das Ende unserer Demokratie?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wirre Gedanken zu „Echtzeit-Journalismus beim Obama-Besuch Auf der Damentoilette wurde ein Ring gefunden„, von Edo Reents, erschienen auf Faz.net am 19.06.2013.

Neuland – Au Weia, da war aber einer sauer. Wut, das ist eine schöne Aktivierungsenergie für einen markigen Text, das habe ich in meiner Ausbildung nun auch ein paar Mal bemerkt. Warum nun ist Edo Reents auf der Homepage der FAZ so der Kragen geplatzt? Er würde wahrscheinlich sagen: Weil der Echtzeitjournalismus den Qualitätsjournalismus oder wahlweise unsere ganze Demokratie bedroht. (Ja was denn nun eigentlich, Herr Reents?) Ich würde sagen: Weil er sich im Neuland wohl noch orientieren muss. Oder etwas härter: Er hat das Prinzip Live-Ticker entdeckt und versteht es vielleicht noch nicht.
Dabei gebe ich zu: In einem hat Reents recht! „Beim Obama-Besuch überbieten sich die elektronischen Medien im Vermelden von Banalitäten“, schreibt er. Stimmt. Ich gehe sogar noch weiter: Gerade in Live-Tickern oder in anderen Formaten, die ein Ereignis live online begleiten, ist das sogar ein Stilmittel.

Was ist diese neue Darstellungsform „Live-Ticker“ eigentlich? Und wie bedroht sie unsere Demokratie?

Was ist denn der Reiz eines Live-Tickers? Wohl doch, dass er der Blick eines Beobachters vor Ort sein will. Weil der Konsument nicht selbst dabei sein kann, wird der Tickerer zu seinen Augen, Ohren, zur Nase und ja, auch ein bisschen zum kleinen Clown im Hinterkopf, der die Ereignisse mit Humor versetzt, mit Albernheit, mit Spontanassoziationen. Auch der Blick hinter die Kulissen ist für jeden spannend, der nicht dabei sein kann. Sicher hat der ein oder andere Leser des Obama-Live-Tickers geschmunzelt, als der Journalist jene Begebenheit aufgriff, die Reents so albern fand, dass er sie zur Überschrift seines Artikels machte, weil sie „ohne jeden Gehalt ist und sich im Ton des Neckischen“ äußerte: „12.06 Uhr: Gerade eine lustige Durchsage im Kanzleramt: ,Auf der Damentoilette wurde ein Ring gefunden!‘“ Wann bin ich Normalmensch denn bitte schon mal im Kanzleramt, wenn gleichzeitig der amerikanische Präsident da rumläuft? Und wenn ich es wäre: Wahrscheinlich fänd ich die Durchsage ähnlich lustig. Ein Live-Ticker, der das zum Programm macht, ist erst ein guter Live-Ticker. Das merke ich nicht zuletzt, weil ich bei der Rhein-Zeitung in dieser Richtung viel sehen und ausprobieren durfte. Da merkt man auch, was nicht funktioniert.

Da schickte mich die Rhein-Zeitung doch glatt als Ein-Frau-Unternehmen an dem Tag in den Mainzer Landtag, an dem Kurt Beck verabschiedet wurde. „Ticker mal“, lautete die Ansage. Was dabei herauskam, waren Meldungen im (manchmal weniger als) 10-Minuten-Takt. Für annähernd 10 Stunden. Sicher waren sie nicht alle nötig. Sie waren auch nicht alle wichtig. Ausgewählt waren sie meist gar nicht. Vieles war banal. Ich habe getickert, was mir über den Weg lief. Ich tickerte, wenn Journalisten sich um Plätze prügelten oder Steckdosen organisiert werden mussten, wenn aus dem Vorhof ein Limousinengarten wurde, wenn es Häppchen gab, wenn wichtige Leute wichtige Reden hielten und historische Aussagen machten (machen sollten). Fazit: Wann immer ich auf mein Wissen zurückgriff, Gäste, Aussagen in einen Kontext zu setzen versuchte oder die Aussagen wichtiger Menschen live zitierte, wurde es meist laaaaaaangweilig.

Dagegen bestätigte mir ein Leser via Twitter, dass es immer dann nett wurde, wenn mir eine kreative Idee kam (was als Ein-Mann-Ticker mal echt ’ne Leistung ist – auch eine Lehre: Nie wieder alleine. Wir brauchen Fotos, Videos, Zitate. Das müssen mindestens zwei drei bis vier Leute machen. Aber das ist ein anderes Thema) oder mir der Schalk im Nacken saß: „Bester Satz des Live-Tickers“, twitterte mir ein Follower, „‚15.00 Uhr: Kurt Beck hat sein Mittagessen verspeist.'“

Der Ticker-Journalist kann auch nach Hause gehen und dann wieder Qualitätsjournalismus machen, oder nicht?

Ja, Journalisten haben die Aufgabe, Informationen zu filtern, in einen Kontext zu setzen, zu werten. JA DOCH! Aber was spricht bitte dagegen, dass sie nach einem Live-Ticker nach Hause gehen können, um dort einen „ordentlichen“ Artikel nachzuschieben? Ja, warum soll es denn bitte nicht Menschen geben, die eben nur tolle und unterhaltsame Live-Ticker machen?! Und Journalisten, die ihre Aufgabe so wahrnehmen, dass die FAZ’schen Standards erreicht werden?

Außerdem kann ich mir gut vorstellen, dass ein Live-Ticker auch Gehaltvolles liefert. Dann springt eben die Video-Journalistin auf der Demo rum und kriegt die historische Aussage von Politiker XY zum Thema GAGA in den Kasten. Den dazugehörigen Tickertext erstellt der Fachjournalist, der sich auf GAGA spezialisiert hat und in der Redaktion fernab der Demo mit denen draußen in Kontakt ist. Weil er mit Scribble Live, CoveritLive, Tumblr & Co arbeitet oder eben einfach angerufen wird. Warum sollte man nicht im Live-Ticker interessante Artikel aus der Vergangenheit verlinken und dadurch Gehalt schaffen? Warum sollten solche Tickermeldungen nicht neben jenen stehen, in denen der Journalist mal ähnlich albern denkt wie Lieschen Müller?

Oh, oh, Geistesblitz: Eine Chance, an Lieschen Müller ranzukommen?

Da fällt mir grad ein: Wenn Lieschen Müller weiß, dass sie in der Art unterhalten wird, wenn sie den Ticker verfolgt … Also verfolgt sie vielleicht auch, was sonst noch geliefert wird. Ist das nicht auch eine Chance für Journalisten, die Gehaltvolles an den Mann und die Frau bringen möchte? Hmmmm.

Liebe Leute: Nehmt den Stock raus & entdeckt Neuland (Gnihi, ich hab‘ Neuland gesagt)!

Meinen Seminarteilnehmern (meistens Jugendliche) sage ich ja immer: Wenn ihr kritisiert, bleibt konstruktiv. Liefert immer auch einen Verbesserungsvorschlag mit. Reden sie sich in Rage, vergessen sie das schon mal. Das ist menschlich. Genauso wie, gern unterhalten zu werden. Eine Gefahr für die Demokratie sind Banalitäten-Jäger und -konsumenten aber noch lange nicht. Solange Journalisten auch noch das machen, was Online-Live-Formaten vielleicht oft (noch) abgeht. „Der Echtzeit-Journalismus wirkt auf die Demokratie verheerend, weil er immer weniger Raum und Zeit dafür lässt, die Dinge so sortieren, Abstand zu ihnen zu gewinnen und sie zu werten“, schreibt Reents. Als ob Live-Formate den ganzen Rest verdrängen würden oder die Aufmerksamkeit aller restlos aufsaugen könnten, bis nichts mehr für den hart arbeitenden, traditionellen Journalisten bleibt. Nein! Wenn etwas Qualität hat, wird das auch erkannt. Und bekommt auch Publikum. Das andere ist halt alles Neuland für uns euch.

Ein Update (21.6.2013, 10.22 Uhr) als PS.: Wenn mehr Kollegen Live-Ticker nicht als Terrain für Praktikanten und Freie, sondern als Aufgabe gestandener und versierter (Fach-) Kollegen in gut bezahlter Festanstellung begreifen würden, könnte sich das Format schnell professionalisieren und hätte dann wahrscheinlich auch mehr Gehalt. Da müssten sich die Traditionalisten aber auch weiterentwickeln. Den Widerstand dagegen sieht man in der Branche aber leider an jeder Ecke viel zu häufig, nicht nur bei Herrn Reents von der FAZ.

Sandra Elgaß

Zum Schnapstrinken verdammt

Rum_Diary_PosterJohnny Depp torkelt betrunken an weißen Sandstränden herum – das kennen wir schon aus der „Fluch der Karibik“-Reihe, als er als exzentrischer Captain Jack Sparrow die Massen begeisterte. Sein neuer Film „Rum Diary“ spielt zwar vor einer ebenso beeindruckenden Kulisse, die schräge Verfilmung des biografisch angehauchten Romans des Autors und Journalisten Hunter S. Thompson ist aber ziemlich schwere Kost: Langweilig, abstoßend und sicher kein luftig leichter Sommerfilm.

Der Journalist Paul Kemp (Johnny Depp) heuert Ende der 50er-Jahre bei einer amerikanischen Zeitung in Puerto Rico an. Eigentlich soll er dem Blatt wieder ein bisschen Glanz zurückgeben, doch der Chefredakteur erkennt in ihm direkt eine weitere Schnapsdrossel, die er bezahlen muss. Statt kritische Reportagen über den Raubbau an der karibischen Insel zu schreiben, soll Kemp schließlich Wohlfühlgeschichten für amerikanische Touristen und Investoren verfassen. Wenig davon angetan, gibt sich Kemp dem Rum, Hahnenkämpfen, schnellen Autos und schönen Frauen hin.

Alkoholkonsum am laufenden Band

In „Rum Diary“ vergehen keine fünf Minuten, in denen nicht irgendein Bier- oder Schnapsglas gefüllt, Rumflaschen geleert oder fragwürdige Mixturen zu sich genommen werden. Dazu kommen jede Menge Schweißflecken, dreckige Wohnungen und korrupte Journalisten, die jeglichen Stolz abgelegt haben. Das ist bitter. rum_diary-SzeneEin bisschen Erholung verschaffen lediglich Traumstrände und wohlgebräunte Damen in knappen Sommerbe-kleidungen, die auf Strandpartys um die Wette strahlen. Ausgestattet mit Originalkostümen und Retrooptik dank 16-Millimeter-Film, ist „Rum Diary“ zeitweise durchaus sehenswert.

Viele skurrile Typen

Eine mit Glitzersteinen besetzte Schildkröte, ein auseinander-fallendes Auto und allerlei kuriose Situationen, die Kemp zusammen mit dem Fotografen Bob Sala erlebt, bergen Potenzial für einige Lacher. Schwierig wird es da schon mit dem Auftritt der Voodoo-Zauberin, die einen der schrägsten Auftritte im ganzen Film abliefert. Zu den skurrilen Typen gehört auch der ehemalige Topschreiber der Zeitung Moburg, erschreckend authentisch gespielt von Giovanni Ribisi, der jedem Bahnhofspenner Konkurrenz machen würde. Stockbesoffen, Kleidung, die vom Dreck steht, die Hose, die halb vom Hintern rutscht – den passenden Geruch dazu hat jeder sofort in der Nase. Und gerade auf ihn legt Kemp mehrmals all seine Hoffnungen.

Scheitern auf ganzer Linie

Rum-Diary-szene Es ist deprimierend, zuzusehen, wie Kemp während des Films Höhen und Tiefen erlebt, sein Leben aber schließlich gegen die Wand fährt. Für mich besonders hart anzuschauen war, wie er vollkommen daran scheitert, seinen journalistischen Ansprüchen gerecht zu werden. Egal, welche kritische Geschichte er dem Chefredakteur vorlegt, sie wird abgewiesen. Selbst, als er durch den aalglatten PR-Berater Sanderson (Aaron Eckhart) Einblick in die üblen Machenschaften der weißen Bosse von Puerto Rico erhält, hat er keine Chance, sie aufzudecken. Die Zeitung, die er wieder in besseres Fahrwasser bringen sollte, ist zum Sinken verdammt.

Abschließendes Urteil: Der Mix aus Sozialdrama, Trinkerfilm und stylisher Komödie im Retrolook will alles sein und kann meiner Meinung nach doch keinen wirklich glücklich machen. Vor allem, da Johnny Depp so gar nicht an frühere Leistungen anknüpfen kann. Fans von „Fear and Loathing in Las Vegas“ (1998), in dem Johnny Depp ebenfalls ein Alter Ego von Thompsen spielt, wird „Rum Diary“ viel zu harmlos sein, unbedarften Kinogängern hingegen dürften die ständigen Saufgelage mit all ihren unschönen Seiten böse aufstoßen. Als Schaumkrone kommt hinzu, dass die Handlung einfach überhaupt keine Fahrt aufnimmt, vor sich dahinvegetiert und mich an den Rande des Einschlafens gebracht hat.

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Christina Nover

Journalist Zufall

die vierte macht moritz bleibtreu

Man nehme ein bisschen von „Das Experiment“, ein bisschen von „Baader Meinhof Komplex“, ein Spritzer von „Zettl“ und zum Schluss noch einen Schuss eines beliebigen Schatzjägerfilms; verquirlt das Ganze und schon haben wir die „Vierte Macht“. Ein Polit-Thriller, mit viel Zeigefinger, schlechtem russischen Akzent und einer Menge Wodka. Sicher nicht der beste, aber auch nicht der schlechteste von Moritz Bleibtreus Filmen …

Ein Deutscher mischt Moskau auf

Paul Jensen kann zwar kein Russisch, soll aber trotzdem irgendwie die Klatschseite eines russischen Magazins auf Vordermann bringen. Ganz ohne Hintergrund hat es den deutschen Journalisten nicht nach Moskau verschlagen, denn sein Vater hat früher lange Zeit für das Magazin gearbeitet. Der Fotograf Chris (Max Riemelt) bringt ihm das russische Nachtleben und die wichtigen Persönlichkeiten der Szene näher – doch bald schon wird Paul auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Mitten auf der Straße wird vor ihm ein anderer Journalist erschossen.

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Weil Paul seiner Kollegin imponieren will, setzt er einen kurzen Nachruf auf seine Klatschseite und landet so im Visier des Geheimdienstes. Ab diesem Zeitpunkt läuft für Paul alles aus dem Ruder. Er wird Zeuge einer Bombenexplosion in der Moskauer U-Bahn und wacht im Gefängnis auf. Plötzlich steht er unter Terrorverdacht und muss sich in der überfüllten Zelle Freunde machen, um zu überleben. Doch selbst, als er schließlich rauskommt, will er nicht schnellstmöglich nach Good Old Germany – nein! Er möchte vorher noch ein Zeichen setzen.

So arbeiten Journalisten?

„Die vierte Macht“ erschien mir als ein „Muss-Film“ für jemanden aus meinem Berufsstand, leider hatte das, was ich sehen durfte, weniger mit investigativem Journalismus, sondern mehr mit „Kommissar Zufall“ zu tun. Der verlorene Junge, der sich vom politischen Journalismus abgewendet hat, wird durch seine Erlebnisse im Gefängnis bekehrt und findet die fehlenden Puzzlestücke für seine Enthüllungs-Story rein zufällig im Chaos des Arbeitszimmers seines verstorbenen Vaters.

Doch Paul hat nicht nur Glück, er ist auch einfach wahnsinnig talentiert. Denn er schafft es ganz locker, den „Artikel des Jahrhunderts“ eben einfach mal so auf einem Hotelrechner runterzutippen. In kürzester Zeit und ohne etwas nachlesen zu müssen, schreibt er seinen Text, der dann auch ohne Gegenlesen abgedruckt werden kann. Eben ein echtes Meisterwerk, das natürlich jeder, aber auch wirklich jeder unbedingt lesen will. Da kann ich nur sagen: Hut ab!

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Gutes und schlechtes Schauspiel

Der Film war durchaus spannend und hat auch zum Nachdenken angeregt, aber war doch streckenweise sehr langatmig. Die schauspielerische Leistung ist anerkennenswert, gerade Moritz Bleibtreu macht eine gute Figur auch ohne gute Figur. Seine Performance im Gefängnis ist wirklich gut – die Angst in den Augen, die Hilflosigkeit im Gesicht, man nimmt ihn den verzweifelten Gefangenen voll und ganz ab. Schwierig fand ich hingegen den Auftritt von Max Riemelt – dessen russischer Akzent so aufgesetzt rüber kam, dass er schon fast komisch war.

Abschließendes Urteil:
Ich war schon ein bisschen enttäuscht über die deutsche Produktion. Das Grundgerüst der Geschichte ist gut, in der Umsetzung ist es aber ein bisschen zu schwerfällig, ein bisschen unglaubwürdig, ein bisschen zu gewollt. Der Punkt, an dem ich den Film nicht mehr richtig ernst nehmen konnte, war der, als Paul plötzlich zum Rätsellöser wird und auf unglaubwürdigste Art das Vermächtnis seines Vaters aufspürt. Wer sich davon nicht abschrecken lässt: „Die vierte Macht“ ist sehenswert. Düster, kritisch und gut gespielt.

Bewertung vM

Christina Nover

Fünf Tage Recherche für einen Text

Wer Tagungen und Kongresse der Medienbranche besucht, kennt diese schwarz-weiß-malende Behauptung: „Qualitätsmedien“ sind nach Meinung vieler Diskutanten per se die Blätter, die bundesweit verbreitet werden. FAZ, SZ und Welt, Spiegel, Zeit und Stern: Die Grenzzieher der Medienlandschaft heften diesen ein paar wenigen weiteren Publikation regelmäßig das Prädikat „Qualität“ an.

Journalisten und Managern von regionalen Medienhäusern schwillt dabei regelmäßig der Kamm. Nein, nicht deshalb, weil sie auch gerne vom Odem des Niveauvollen schlechthin umweht würden. Und auch nicht deshalb, weil diese rhetorischen Prädikatsvergaben in der Regel entlarvend pauschal sind und fast nie hinterfragt werden. Sondern deshalb, weil die Regionalzeitungen bei dieser Qualitätssortierung ebenso generalisierend als das Gegenteil dieser Güte herhalten müssen.

Für viele Bewerter der deutschen Medienlandschaften scheint in Marmor gemeißelt: Qualitätsjournalismus gebe es doch nur noch in der Bundesliga der deutschen Medien samt einiger Abteilungen der Öffentlich-Rechtlichen. In der medialen Regionalliga (die in punkto Reichweite um ein Vielfaches bedeutsamer ist) hingegen wird die Anspruchslosigkeit und Preisgabe der meisten journalistischen Tugenden verortet.

Wer das auf den Podien der Medienkongresse sagt, erntet Kopfnicken. „Früher war das noch besser. Und die Chefredakteure ohne Qualitätsbewusstsein. Und diese renditeversessenen Verleger.“ Wer all das anzweifelt oder gar das Gegenteil behauptet, kann testen, wie schnell man einen ganzen Saal gegen sich aufbringen kann.

In den Teilen des Netzes, die sich mit den Medien dieser Republik, ihren Strömungen und ihren Machern beschäftigen, wird dieses undifferenzierte Einteilen leicht variiert: Den überregionalen Blättern begegnet das Netz kritischer, den regionalen Medien aber nicht minder herablassend.

Einige digitale Medien-Publizisten werden nicht müde, lokale und regionale Medienhäuser des generellen Bohrens dünner Brettchen zu zeihen. Mancher berichtet dabei gestützt auf persönliche Erfahrungen in der Welt der Lokalredaktionen, andere treiben erkennbar persönliche Fehden mit dem Medienmilieu an, in dem sie einst selber lokal wirkten. Auch einen griffigen Fachbegriff gibt es mittlerweile für die Einteilung in scheinbar Gut (da oben in Hamburg, Berlin und München sowie in Lokalblogs) und scheinbar Mau (im Lokalprint in der Fläche allüberall): Alles nur „Bratwurst-Journalismus“, prothmannt es den Machern der Regionalzeitungen entgegen.

Dabei weiß jeder Praktiker und letztlich auch jeder wache Konsument medialer Erzeugnisse, dass die Medienwelt so einfach nicht in Qualität und Murks einzuteilen ist. Glanz und Elend des Journalismus finden sich in den bundesweit agierenden Blättern ebenso wie im Regionalen und Lokalen. Und bleiernes Mittelmaß belastet auch mediale Dickschiffe.

Ungerecht, ja unprofessionell werden die Kritikaster des lokalen und regionalen Journalismus, wenn sie – geblendet durch ihre Vorurteile – die Leistungen in der Fläche von Aachen bis Zwickau gar nicht mehr wahrzunehmen vermögen. Die Basher des Lokaljournalismus übersehen schlicht, dass es dort neben viel Trimmtrab auch publizistischen Spitzensport gibt. Und die oft erhobene Klage-These, im Lokalen und Regionalen gebe es wegen des wirtschaftlichen Drucks keine Zeit mehr für Recherche, spiegelt seinerseits schlampige Recherche dieser Kritiker wieder.

Kombo_Journal

Man sehe es mir nach, wenn ich als Beleg dafür ein in mehrfacher Hinsicht Mut machendes Beispiel aus meiner Zeitung, der Rhein-Zeitung in Koblenz, anführe. Hartmut Wagner, einer unserer vielen talentierten jungen Reporter, ist vor einigen Wochen mit der Frage auf mich zugekommen, ob er fünf Tage für eine Recherche der besonderen Art freigestellt werden kann. Ein markanter „Berber“ in Koblenz war Wagner aufgefallen – und er wollte wissen, warum dieser „Lobo“ auf der Straße lebt und wie er dort überlebt. Wagner wollte dafür volle fünf Tage mit dem Obdachlosen teilen. Essen und Schlafen, Kameraden und Konflikte, Geldbeschaffung und Caritas – alles wollte unser Reporter aus der Perspektive des Betroffenen erleben. Um zu verstehen. Um es möglichst treffend beschreiben zu können.

Fünf Tage Freistellung? Für eine Sozial-Story? Bei einer Regionalzeitung? Ich garantiere: Keiner der Kritiker unserer Gattung würde glauben, dass und wie einfach das durchgeht. Ich habe Hartmut Wagner sofort grünes Licht für seinen Plan gegeben – ohne weitere Rückfragen. Und ich habe ihm zugesichert, dass er den Platz für seine Geschichte bekommt, die er haben möchte. Nicht im Koblenzer Lokalteil, sondern in der Gesamtausgabe.

Fünf Tage lebte Wagner danach im Berber-Milieu. Sie brachten ihn an die Grenze der Belastbarkeit, mehr als einmal verfluchte er seinen Plan. Als er voller Eindrücke wieder auftauchte, gaben wir ihm auch genügend Zeit zum Nachdenken, Konzipieren und Schreiben. Er schenkte uns im Gegenzug 720 Zeilen in Form eines Tagebuchs seiner Woche mit „Lobo“ – die so bewegend waren, dass wir dafür gerne drei Seiten im Wochenend-Journal ausgaben, darunter die Titelseite dieses Buches.

Rückblickend: Fünf Tage Recherche – in einer Minute genehmigt. Weil die Idee des jungen Kollegen bestechend gut war. Drei Seiten prominenter Platz dafür – eine rasche Entscheidung unseres Deskchefs Manfred Ruch und unseres Journal-Chefs Michael Defrancesco ohne jedes Feilschen. Weil Wagners Stück brillant geschrieben war, die Länge brauchte und auch trug.

Warum ich das schreibe? Weil ich weiß, dass viele Führungskräfte vieler Regionalzeitungen in Deutschland  bewusst Freiräume für Recherche, Reportage und Investigatives schaffen. Weil ich sehe, dass viele Regionalzeitungen gezielt auch Spitzenleistungen fördern – zumal dann, wenn Journalisten aus dem eigenen Haus Initiative zeigen und selbst Qualität wollen. Und weil ich möchte, dass sich auch die Kritiker unserer Gattung ein Bild davon machen.

Ich lade Sie ein: Lesen Sie Hartmut Wagners große Reportage „Lobo, der Wolf vom Zentralplatz“. Ich bin mir sicher: Der Text wird Sie berühren. Und vielleicht werden einige von Ihnen nach der Lektüre etwas differenzierter über die Arbeit von Lokaljournalisten denken.

Christian Lindner

Rote Lauscher: die dunkle Seite der (Medien)Macht

NoW

„Drei feindliche Zeitungen sind mehr zu fürchten als 1000 Bajonette“, sagte Napoleon Bonaparte. Das wissen auch die britischen Stars und Politiker, die ihre bissige Presse oft aus Furcht mit Samthandschuhen anfassen. Vor allem Rupert Murdochs Blätter „The Sun“ und „News of the World“ (NoW) definieren im Königreich immer wieder den Begriff „Medienmacht“ neu und lassen dabei die Prominenten zittern. Zurzeit machen die roten Revolverblätter die regierenden Tories nervös, die mit ihrer Unterstützung 2010 die Wahl gewonnen haben. Der Grund: Premier David Cameron steht einigen Schlüsselspielern in Murdochs Imperium nahe, die sich scheinbar auf die „dunkle Seite der (Medien)Macht“ geschlagen haben. Darum musste sich der Tory-Chef heute im Parlament „katastrophale Fehleinschätzungen“ vorwerfen lassen.

Der Ärger begann für Cameron gestern in Kabul. Eigentlich wollte er dort über die Fortschritte im Kampf gegen die Taliban sprechen. Stattdessen beantwortete der britische Regierungschef auf einer Pressekonferenz mit Premier Hamid Karzai kritische Fragen zu einem Skandal in der Heimat, der das Ansehen seiner Regierung zunehmend bedroht. „Schockierend… wirklich entsetzlich. Die Polizei muss in diesem Fall ohne Angst und ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten ermitteln“, sagte verärgert der schwitzende Cameron in der afghanischen Sommerhitze, während sich gerade in London die Opposition und die Medien auf seine Freundin Rebekah Brooks stürzten.

Merkt euch diesen Namen. Als Chefin von Murdochs Medienkonzern „News International“ gehört die 43-jährige Engländerin mit der auffälligen, leuchtend roten Lockenfrisur zu den mächtigsten Frauen Großbritanniens. Brooks ist angeblich ein gerne gesehener Gast im Palast ebenso wie bei Cameron in der Downing Street, der mit der ersten Frau an der Spitze der „Sun“ (2003 bis 2009) gemeinsam Weihnachten gefeiert haben soll. Jetzt fragen sich aber viele Briten, ob ihr Regierungschef nicht bei seinen Freunden wählerischer sein sollte. Denn Brooks steht im Verdacht, 2002 als Chefredakteurin von „News of the World“ in einem tragischen Mordfall illegale Recherchepraktiken ihrer Redakteure gebilligt oder zumindest toleriert zu haben.

Milly

Milly Dowlerentführt, belauscht, ermordet

Die 13 Jahre alte Milly Dowler aus Walton-on-Thames in der Grafschaft Surrey wurde in März 2002 auf dem Heimweg von der Schule entführt. Erst sechs Monate später fand die Polizei die nackte Leiche des vermissten Teenagers in einem Waldstück. Millys Mörder, der 43-jährige Türsteher Levy Bellfield, wurde vor zwei Wochen zu lebenslanger Haft verurteilt. Am Montag wurde bekannt, dass ein Privatdetektiv namens Glenn Mulcaire sich im Auftrag von NoW vor neun Jahren Zugang zu Millys Handy-Mailbox verschafft hatte, um die Zeitung mit vertraulichen Details über die andauernde Suche nach dem Mädchen zu versorgen. Mulcaire soll  jedoch nicht nur die verzweifelten Nachrichten der Eltern und Freunde auf der Mailbox abgehört, sondern auch manche davon heimlich gelöscht haben, um Platz im Speicher des älteren Mobiltelefons für neue Mitteilungen zu schaffen. Das hatte auf dem Höhepunkt der Suche die nichts ahnende Familie des Opfers und die Ermittler zu der falschen Annahme geführt, dass Milly noch am Leben und im Besitz ihres Telefons sei. Die Polizei glaubt jetzt, dass Mulcaire Beweise vernichtet und sogar unwissentlich dem Mörder geholfen haben könnte. Es ist eine überraschende neue Wende im größten Medienskandal der letzten Jahre, der seit Januar den Scotland Yard beschäftigt.

NoW1

Murdochs Erfolgsblätter

Er begann 2005, als Murdochs Massenblatt mit einer Auflage von 3,3 Millionen Exemplaren intime Details über Prinz William veröffentlichte, die der Öffentlichkeit unbekannt waren. Die Queen hatte daraufhin die Polizei alarmiert. Es stellte sich heraus, dass der damalige Hofberichterstatter von NoW, Clive Goodman, regelmäßig die Handyverbindungen der Royals gehackt hatte. Außerdem brach Goodman mit Hilfe von privaten Ermittlern in die Handy-Mailboxen von 3000 Briten ein, darunter die Filmstars Hugh Grant, Sienna Miller und Jude Law, der Ex-Fußballer Paul Gascoigne und der Abgeordnete Chris Bryant. Goodman und Mulcaire kamen 2007 ins Gefängnis. Die Affäre kochte danach auf kleiner Flamme, bis das Wochenblatt Anfang 2011 gestand, erneut Millers Telefonate belauscht zu haben.

NoW hat inzwischen 100 000 Pfund als Entschädigung an die Schauspielerin gezahlt. Im Januar trat sein früherer Chefredakteur Andy Coulson vom Posten des PR-Chefs in Downing Street Zehn zurück. Die Polizei verhaftete außerdem vier Ex-Reporter von NoW und eine Agenturjournalistin, die auf einen Prozess warten. „News of the World“ sorgte zuletzt im Juni für Schlagzeilen, als der bekannte Parlamentarier Tom Watson Murdochs Presse geheimdienstliche Aktivitäten vorwarf. Nach Watsons Informationen, die auch vom „Guardian“ bestätigt werden, haben Mulcaire und andere Detektive für NoW auch den früheren Premier Tony Blair und den Zentralbankchef Mervyn King belauscht. Sie sollen außerdem die Bankkonten von Prinz Edward und Kate Middleton gehackt haben. Ziemlich hoher Aufwand für ein wenig Klatsch und Tratsch, nicht wahr? „Ich stand unter Druck: Die wollten permanent neue Informationen haben“, sagt heute Mulcaire, dem es angeblich furchtbar leid tut. Kaum zu glauben, aber er nennt sein illegales Schnüffeln weiter „investigativer Journalismus“. So viel zu den Gepflogenheiten des britsichen Boulevards…

Brooks

Rebekah Brooks – Camerons Freundin steht unter Kritik

Im Rahmen der „Operation Weeting“ arbeiten 50 Ermittler seit Januar mit Hochdruck daran, um den Fall von „News of the World“ aufzuklären, der immer verworrener wird. Die neuen Vorwürfe im Aufsehen erregenden Fall Dowler setzten nun die Zeitung mächtig unter Druck. NoW bestreitet, systematisch das Gesetz gebrochen zu haben. „Diese Informationen sind schockierend, und sie machen mich krank“, sagte Rebekah Brooks in einer Erklärung. „Ich hoffe, alle verstehen, dass ich als Chefredakteurin damals diese schrecklichen Aktionen weder sanktioniert noch darüber überhaupt gewusst habe“. Sie will aber nicht gehen. Während in London heute die Fetzen flogen, nannte der zerknirschte Murdoch die NoW-Hackeraffäre „betrüblich und inakzeptabel“.

Zu spät. Einer nach dem anderen haben sich die alarmierten Werbekunden von NoW verabschiedet: Erst Ford, dann Virgin, Lloyds, Co-Op, Vauxhall und Halifax. Das dürfte weh tun. Das Interessante ist, dass zuvor einige Twitterer im Netz Murdoch den Krieg erklärt hatten. Sie erzeugten ein gewaltiges negatives Echo. Möglicherweise hat es die Entscheidung der erschrockenen Konzerne beeinflußt, die nicht länger mit Journalisten zusammen arbeiten wollen, denen manche Parlamentarier heute „komplettes moralisches Versagen“ vorgeworfen haben. In einer „Notdebatte“ über die roten Lauscher ging Cameron in Defensive und versprach die Einrichung einer Untersuchungskommission ein – nach dem Ende der Polizeiermittlungen. Das Problem ist nur, dass der Scotland Yard zunächst gegen sich selbst ermitteln muss. Wie heute bekannt wurde, standen angeblich mehrere korrumpierte Polizisten auf der Gehaltsliste von Andy Coulson, als dieser NoW geleitet hat. Sie sollen von der Zeitung illegal Zehntausende Pfund für Informationen über Stars erhalten haben. Die Metropolitan Police will diesen Informationen nun nachgehen.

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Rupert Murdoch: Bald nichts zu lachen?

Die Enthüllungslavine rollt weiter: Jetzt melden sich die Hinterbliebenen der Opfer bei den Bombenanschlägen in London (7.7.2005) zu Wort. Auch ihre Handyverbindungen wurden in den Tagen der größten britischen Terror-Tragödie von „News of the World“ gehackt. „Das ist entsetzlich“, sagte ein Betroffener. Außerdem soll NoW die Eltern zweier zehnjährigen Mädchen abgehört haben, die 2002 von einem Pädophilen getötet wurden. Schlimmer geht es nicht mehr. Oh doch, deutet „News International“ an. In der Lauschaffäre könnte noch mehr Dreck hochkommen, sagen die Experten. Der Skandal um den Schmuddeljournalismus wird die Briten (und uns Korrespondenten in London) also noch eine ganze Weile beschäftigen.

Alexei Makartsev