Schlagwort-Archiv: Kinder

Weihnachten 2015: Der Hotspot

Von Marcus Schwarze

20:00 Uhr (Papa-Meldung): Ihr könnt eure neue Xbox One und das neue Handy ausnahmsweise bis 22 Uhr nutzen, aber dann ist Schluss!

Allgemeines Kopfnicken.

20:15 Uhr (Admin-Meldung): Überprüfung der heimischen Zugangssperren abgeschlossen, alle Systeme on load und auf Standby. Geräte sind zugeordnet nach „Unbeschränkt“ (Eltern und WLAN-Strom-Schnittstellen), „Kinder“ (gesperrt zwischen 22 und 6.30 Uhr), „Gastzugang“.

22:00 Uhr (Admin-Meldung): Kinder-Geräte schalten Internet um 22 Uhr erfolgreich ab. Roger.

22:05 Uhr (Papa-Meldung): Bisschen stolz drauf, wie die Kids die heimischen Netzsperren umgehen. Technik-Kompetenz!

22:15 Uhr (Admin-Meldung): Ha! Fritz Box und ich haben’s denen jetzt mal gezeigt! Der Gastzugang verzeichnete irreguläre Aktivitäten. Jetzt hat der auch das Kinder-Profil verpasst bekommen.

22:30 Uhr (Admin-Meldung): Oha, was sind denn das da für neue Geräte auf der Stromleitung!?

22:45 Uhr (Papa-Meldung): Alle Strom-Geräte mit WLAN haben das Kinder-Profil zugeordnet bekommen. Läuft.

22:50 Uhr (Admin-Meldung): Über den Freifunk-Netzzugang erscheinen drei Geräte eingeloggt.

23:05 Uhr (Papa-Meldung): Der Freifunk-Netzzugang hat das Kinder-Profil zugeordnet bekommen. Es sollten nun keine Kinder-Aktivitäten im Netz mehr möglich sein.

23:15 Uhr (Admin-Meldung): Außer dem Admin und ein paar angeschlossenen Verteilern keine Geräte mehr im Netz aktiv! Kindersicherung läuft!

Getuschel aus den Kinderzimmern. Tastaturgeklapper.

23:30 Uhr (Papa-Meldung): Die Handys kommen JETZT SOFORT in die KÜCHE!

„Aber wie kommen wir denn dann ohne Hotspot ins Internet?“

 

 

Marcus Schwarze

Zuruf | Spieletipp: Wer früher stirbt, ist länger tot – wetten?

Bei Lemming Mafia wird auf die Platzierung der Lemminge gewettet – und für den gewünschten Ausgang auch mal ins Rennen eingegriffen. Foto: Elgaß

Wären die Hauptfiguren in diesem Spiel Mafiosi, ginge es vielleicht darum, Geld anzuhäufen oder – im schlimmsten Fall – die anderen Mafiosi auszuschalten. Aber wir haben es hier mit Lemming-Mafiosi zu tun. Und die wollen sich ganz nach Walt Disney vom Bootssteg stürzen.

Doch welcher der verschiedenfarbig behüteten Nagetiergangster schafft es wohl als Erster? Darauf wetten die Spieler in Lemming Mafia.

Doch den Ausgang des Rennens vorherzusehen, ist gar nicht so einfach. Denn die drei bis sechs Spieler können zu jeder Zeit Einfluss auf die lebensmüden Kleinverbrecher nehmen. Und das sollten sie auch – denn der Erfolg der Spieler hängt nicht nur von einer möglichst guten Wette auf die Reihenfolge der am Bootssteg versenkten Lemminge ab. Die Spieler erhalten zudem Punkte für Aufträge, die sie für den Lemming-Mafiaboss erfüllen müssen. Die heißen dann zum Beispiel: „Der rote Lemming wird mindestens Dritter“, „Lila platziert sich vor Grau“, „Lila und/oder Grün scheiden aus“ oder „Der Gewinner trägt keinen Betonklotz am Bein“.

Bei Lemming Mafia wird auf die Platzierung der Lemminge gewettet – und für den gewünschten Ausgang auch mal ins Rennen eingegriffen. Foto: Elgaß

Bei Lemming Mafia wird auf die Platzierung der Lemminge gewettet – und für den gewünschten Ausgang auch mal ins Rennen eingegriffen. Foto: Elgaß

Mit den beiden Farbwürfeln entscheidet sich, welchen Lemming ein Spieler in seinem Zug bewegen darf. Hat er sich festgelegt, kann er jeweils zwischen drei Feldern wählen, die alle wiederum zu Ereignissen führen, die zum Beispiel die Lemminge auf ihrem Weg zum Bootssteg beschleunigen oder behindern. Ein Fluchtauto sorgt für ersteres. Landet der Lemming auf einem Betonmischer-Feld, erhält er einen von zwei möglichen Klötzen ans Bein. Das ist für jeden Spieler sinnvoll, der den Auftrag hat, einen Lemming zum vorzeitigen Ausscheiden zu zwingen – denn mehr als zwei Klötze am Bein bedeuten das vorzeitige Aus.

Zieht ein Spieler einen Lemming auf das Feld des Mafiabosses, kann er Aufträge zurückgeben, die er nicht mehr erfüllen kann, weil die anderen Spieler beispielsweise dafür gesorgt haben, dass der eigene Gewinnertyp leider nicht vorankommt oder gar durch massig Beton an den Hacken ausscheiden musste. Ein zurückgegebener Auftrag sorgt nämlich nicht für Minuspunkte. Ein nicht erfüllter dagegen schon.

Immer dann, wenn ein Lemming auf ein Buchmacher-Feld zieht, dürfen die Spieler auf die Reihenfolge der Bootsstegstürze wetten. Dann legen sie, wenn sie wollen, eine ihrer sechs farbigen Wettkarten ab. Legt ein Spieler also bei der ersten Gelegenheit die rote Wettkarte ab, glaubt er, dass der rote Lemming-Mafiosi das Ziel als Letzter erreicht. Legt er bei der nächsten Gelegenheit die grüne Karte darauf, wettet er, dass der grüne Lemming Vorletzter wird. Doch Vorsicht: Wer am Ende nicht alle seine Wettkarten abgelegt hat, erhält keine Punkte. Allerdings sollte man sich auch nicht zu früh zu sicher sein – denn die Reihenfolge der lebensmüden Nager kann sich immer schnell ändern. Deshalb sollte man nicht jede Wettgelegenheit auch nutzen.

BewertungLemming Mafia ist ein Spiel mit der liebevollen Handschrift von Cartoonist Joscha Sauer aus dem Jahr 2009, das der ganzen Familie immer wieder Spaß macht. Zwar ist es beim Hersteller Kosmos ausverkauft. Allerdings erhält man es noch ohne Probleme von verschiedenen professionellen oder privaten Verkäufern, zum Beispiel über Ebay (www.ku-rz.de/lemmingmafia).

Sandra Elgaß

Nach Marathon der Passworteingaben: Wie ich einmal auf Schadsoftware hereinfiel

Software zum Entfernen von Schadsoftware: Nicht immer arbeiten diese Programme mit lauteren Absichten.

Software zum Entfernen von Schadsoftware: Nicht immer arbeiten diese Programme mit lauteren Absichten.

Mehr als 20 Jahre Erfahrung mit Computern und Systemen haben mich nicht davor bewahrt, versehentlich auf dem Rechner eines der Kinder Schadprogramme zuzulassen. Dabei war, vermeintlich, alles generalstabsmäßig vorbereitet: Eine schnelle neue SSD-Festplatte, eine bessere Grafikkarte und ein stärkeres Netzteil machten den drei Jahre alten Rechner richtig flott. Ein neues Windows 8.1 habe ich mitsamt „Family Security“ installiert – auf dass wir Eltern auch weiterhin die Mediennutzung kontrollieren können.

Denkste. Schon nach einer Viertelstunde Betrieb warnte der frisch installierte Computer den Nachwuchs, dass er die Installation von Malware (einem Schadprogramm) verhindert habe. Gut, das war Sinn und Zweck: Die Sicherheitseinstellungen haben wie erhofft gefruchtet. Dass in der Folge allerdings alle paar Minuten ich als elterlicher Administrator immer wieder aufs Neue per Passworteingabemarathon jeden nächsten Schritt bestätigen sollte, führte nach ein paar Tagen zu dieser Fehlentscheidung: Nur für ein paar Stunden durfte der Nachwuchs dann ausnahmsweise per Einstellung auch als Administrator weitermachen.

Eine Update-Anforderung später war es geschehen. Java empfahl ein x-tes Update für die Sicherheit, und der ausdrücklich gewarnte Nachwuchs googelte und las auf gutefrage.net, dass das Update auf einer bestimmten Webseite zu haben sei. Es war leider die falsche Seite. Wenige Klicks später war die sorgsam eingestellte Google-Startseite durch ein Werbeprogramm ersetzt. Reklame für Flirtfair und andere nackige Webinhalte drang ins Kinderzimmer. Ein obskures, aber von mir nie vorgesehenes neues „Protector“-Programm tat wie eine Antivirensoftware und empfahl richtigerweise die Entseuchung des PCs – freischaltbar allerdings nur für 39 Euro. „Scareware“ nennen das die Experten, angstmachende Software.

So verbrachte ich den Tag nach Weihnachten mit dem Download einer anderen, mir als seriös bekannten Internet Security Suite, machte das Kind wieder zum Kind auch aus Windows-Sicht und stelle mich darauf ein, künftig wieder alle paar Minuten nach dem Eltern-Kennwort gefragt zu werden.

Und es reift die Erkenntnis: Doppelkopf ist auch ein schönes Spiel – am Tisch, nicht am Schirm.

Marcus Schwarze

Keine Zeit zum Spielen

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Rachael Ryan (l.) die jüngste Direktorin einer britischen Bestattungsfirma. Foto: privat

Nur auf den ersten Blick ist Rachael Ryan so wie andere junge Mädchen. Die attraktive Brünette mit langen lockigen Haaren schmachtet im Internet den „süßen“ Taucher Tom Daley an, plaudert gerne über Reality-TV und twittert Fotos von ihrem Hund Charly. Doch die 17-jährige Schülerin aus Newport ist ein Ausnahmefall unter britischen Teenagern. Nach dem Unterricht und in den Ferien verwandelt sich Rachael in eine Unternehmerin mit Zylinderhut, Jackett und Krawatte, die regelmäßig weinende Kunden trösten und Trauerreden planen muss. Sie nimmt ihren Job buchstäblich todernst.

Mit 13 Jahren sah die Waliserin ihre erste Leiche, einen Mann, der „einfach zu schlafen schien, wie mein Papa auf dem Sofa“. Sie erschrak sich nicht. Mit 15 Jahren lernte sie, wie man Verstorbene herrichtet. Mit 16 bekam sie von ihrem Vater zum Geburtstag eine Torte in Form eines Sargs überreicht. Das passende Geschenk zum Dessert war eine Stelle als Direktorin im Familienunternehmen Michael G Ryan Son & Daughters. Heute ist Rachael Ryan angeblich die jüngste Bestatterin Großbritanniens. Die „Sensenfrau“, wie sie scherzhaft von ihren Freunden genannt wird, liebt ihren „faszinierenden“ Job, sie träumt jedoch von einer späteren Karriere als Sängerin.

Britische Jugendliche haben viel zu tun. Die Schultage sind lang, nach Hausaufgaben, Sport und Wohltätigkeit bleibt von der Freizeit kaum etwas übrig. Und manche ruft sogar noch das große Geschäft. Diese kleinen Inselbewohner haben keine Zeit, um ihre Kindheit zu genießen, weil sie bereits ab der Grundschule ans Geldverdienen denken. Das ist keineswegs verpönt. 2011 pries der Premier David Cameron auf einer Preisverleihung die tüchtigen Teens als „risikofreundliche und energische“ Geschäftsleute, die den „zukünftigen Wohlstand unseres Landes sichern“ würden. Einer von ihnen ist Henry Patterson (9), der auf Fototerminen in Streifenanzug erscheint und den „Wall Street“-Banker Gordon Gekko zu seinen Vorbildern zählt.

Henrys erste Geschäftsidee war es, Dünger in Tüten für jeweils ein Pfund anzubieten. Da war er gerade sieben. Der Sohn eines Marketingfachmanns kaufte daraufhin in Wohltätigkeitsläden gespendete Sachen und versteigerte sie auf eBay. Im Januar gründete Henry mit Hilfe seiner Mutter die Online-Handelsmarke „Not before tea“ (Nicht vor dem Tee) die Kinder mit Alien-Fruchtgummi, UFO-Keksen und anderen Süßigkeiten in selbst designten Einmachgläsern glücklich macht. Das Geschäft soll florieren, und der Grundschüler zahlt nach eigenen Worten fünf Prozent seiner Einnahmen auf ein Bankkonto ein, um mit dem gesparten Geld später einen Film drehen zu können. In der Schule verteilt Henry stolz Visitenkarten mit der Aufschrift „Creative Director“. Als jüngstes Mitglied der Handelskammer von Bedfordshire seit 1877 kann er sich das erlauben.

Doch der Erfolg des Mini-Gekko verblasst im Vergleich mit der glänzenden Karriere von Mollie Price. Die Waliserin (7) hat es geschafft, seit Ende 2010 drei große Süßigkeitenläden in ihrer Heimatstadt zu eröffnen. Auf dem Papier gehört die Firma „Mollie’s“ der 36-jährigen Becky Price, doch die Mutter der Unternehmerin behauptet, keine wichtige Entscheidung ohne ihre Tochter treffen zu können. „Sie steht jeden Sonntag um fünf auf und begleitet mich zu den Großhändlern in Birmingham, wo sie unser neues Sortiment auswählt“, sagte Price in einem Interview. Manchmal testet Mollie erst die Bonbons, Zuckerwatte und Lutscher an ihren Freunden. Was den Kindern schmeckt, findet den Weg in die Regale der Handelskette. Nach Angaben des „Shropshire Star“ will das erfolgreiche Unternehmen aus Welshpool weiter expandieren. „Wir Kinder haben eben die besten Ideen“, sagte der Lokalzeitung stolz seine kleine Chefin.

Alexei Makartsev

Wirbel um neue Roma-Abschiebung

(Foto: dpa)

(Foto: dpa)

Von Sylvie Stephan, Paris

Frankreichs neue sozialistische Regierung steht in der Kritik, die umstrittene Roma-Politik von Nicolas Sarkozy fortzusetzen. Seit einer Woche vergeht kaum ein Tag, da nicht ein neues illegales Lager im Land niedergerissen wird. Ob im Großraum Lyon, in Paris, Marseille oder, wie zuletzt in Lille – die Bilder gleichen sich: Hunderte Familien, darunter zahlreiche Kinder, werden, meist im Morgengrauen, zum Verlassen ihrer Camps gezwungen. Rund 240 Roma wurden bereits nach Rumänien ausgeflogen. Während die konservative Opposition die Aktion begrüßt, schlagen Menschenrechtsorganisationen Alarm.

„Wir sind bestürzt, viele Kinder werden unter freiem Himmel schlafen müssen“, erklärte Yann Lafolie vom Roma-Hilfsverein L’Atelier Solidaire, nach der jüngsten Räumung von zwei Lagern in der Nähe der nordfranzösischen Stadt Lille. Rund 200 Menschen standen auf der Straße, nachdem die Polizei zunächst eine Siedlung in Hellemmes und dann in Villeneuve d’Ascq auflöste. Zahlreiche Wohnwagen wurden abgeschleppt, Fernsehbilder zeigten Familien anschließend im Gras sitzen oder wie sie versuchten, ihre Habseligkeiten in Einkaufswägen davon zuschieben.

Innenminister Manuel Valls vom rechten sozialistischen Parteiflügel begründete die Aktion mit Sicherheits- und Gesundheitsproblemen. „Unhygienische Lager sind nicht hinnehmbar“, sagte der für seine Härte bekannte Valls und erklärte, die improvisierte Unterbringung Hunderter Menschen auf engem Raum sei gefährlich. Außerdem hatten sich, wie in Villeneuve d’Ascq, die Anwohner beschwert. „Die Spannungen waren untragbar geworden“, erklärte die stellvertretende Bürgermeisterin Mayvonne Girard.

Wenngleich die Räumungen – anders als vielfach in der Vergangenheit – auf gerichtliche Anordnung hin erfolgten, kritisieren Hilfsvereine, dass die Vertriebenen anschließend sich selbst überlassen blieben, was jegliche medizinische und soziale Betreuung unmöglich mache. „Was wir nicht akzeptieren können, ist, dass man die Menschen einfach rausschmeißt, ohne ihnen zu sagen, wo sie hingehen können“, schimpft Roseline Tiset von der französischen Menschenrechtsliga. „Wir haben uns von Präsident Hollande nach seinen Erklärungen mehr erhofft.“

Im Wahlkampf hatte Hollande eigentlich versprochen, mit der umstrittenen Politik seines Vorgängers zu brechen und im Fall einer Lagerauflösung „alternative Lösungen“ zugesagt. Diese aber blieben aus, bemängelte Malik Salemkour vom Verband „Romeurope“ und warf der Regierung dieselbe „gefährliche“ und „unnütze“ Politik „wie in der Vergangenheit“ vor. Im Sommer 2010 hatte der damalige französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy mit seiner Linie, massenhaft Roma auszuweisen, europaweit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

Die Ärzteorganisation „Médecins du Monde“ kam im vergangenen Jahr allerdings zu dem Schluss, dass trotz des harten Vorgehens die Zahl der Roma in Frankreich mit rund 15.000 unverändert hochbleibe. Demnach kommen die Menschen auch nach Abschiebungen immer wieder zurück und leben nach wie vor auf staubigen Geländen unter Autobahnbrücken, auf Parkplätzen – doch dies, unter noch schwierigeren Bedingungen als zuvor.

Das Kind vom Bahnhof Paris

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The Oscars are coming… Heute Nacht lecken sich in Los Angeles wieder alle die Finger nach den goldenen Staturen. Der Film mit den meisten Nominierungen heißt „Hugo Cabret“. Unter anderem steht er auf der Liste für den „Besten Film“ „Beste visuelle Effekte“ „Beste Kamera“ und Martin Scorsese möchte natürlich den Oscar für die „Beste Regie“ abstauben. Ganze 11 Nominierungen hat „Hugo Cabret“ bekommen – das waren 11 gute Gründe für mich, den Film mal näher unter die Lupe zu nehmen. Mein Urteil: Hugo bekäme von mir zumindest den Oscar für die beste Gutenachtgeschichte.

Hugo Cabret ist zwölf Jahre alt und wohnt in den verwinkelten Geheimgängen hinter den Mauern des Pariser Bahnhofs. Sein Vater kam bei einem Feuer ums Leben und sein versoffener Onkel, der sich eigentlich um ihn kümmern sollte, ist verschollen. Wenn er nicht gerade eine der vielen Uhren des Bahnhofs wartet, hugo4dann schleicht er zwischen den Passagieren herum, klaut sich dampfende Croissants vom Blech und beobachtet die Bahnhofsmitarbeiter. Sein ärgster Feind: der Bahnhofsvorsteher, der mit seinem Rottweiler auf der Jagd nach Unruhestifter und Waisenkindern ist.

Der geheimnisvolle Apparat

Und Hugo hat ein Geheimnis. Denn er ist im Besitz eines Automaten-Menschens, den sein Vater einst in einem Museum fand. Doch die Maschine ist kaputt und Hugo weiß nicht, wofür das aufwendige Stück eigentlich da ist. Da es sie das Einzige ist, was ihm von seinem Vater geblieben ist, setzt er alles daran, sie zu reparieren. Dafür braucht er jedoch viele Ersatzteile und einen herzförmigen Schlüssel – zu beidem verhilft ihm unverhofft seine Bekanntschaft mit dem schrulligen Besitzer eines Spielzeugladens.

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Och, wie süß!

Es dauert, bis der Film an Fahrt aufnimmt – es ist mehr wie ein langsames Anfahren eines Zuges, der dann gemächlich durch eine zauberhafte Landschaft tuckert. Ab und zu holpert er ein bisschen, wird schneller, nimmt ein paar Kurven, bevor er im nächsten Bahnhof die Zuggäste wohlbehalten absetzt. Die Geschichte ist niedlich, mit Figuren, wie aus einem Kinderbuch. Der heruntergekommene Straßenjunge mit den strahlend blauen Augen, der vermeintlich böse Stationsvorsteher, das naiv fröhliche, herzensgute Mädchen und natürlich der verschrobene, alte Mann aus dem Spielzeugladen, der eigentlich ein ganz anderer ist.

Exkurs in Filmgeschichte

Zunächst dachte ich, dass sich die Geschichte hauptsächlich um den Jungen und seinen geheimnisvollen Automaten dreht. Doch im Laufe des Films ist mir bewusst geworden, dass die beiden eigentlich nur eine charmante Brücke zum eigentlichen Thema des Films sind, nämlich einer kleinen Lektion in Filmgeschichte.hugo7 Martin Scorsese nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise zu den Anfängen des Kinos, den Stars der Stummfilme und beschreibt den Zauber, wie Träume auf der Leinwand wahr werden können.

Abschließendes Urteil:
„Hugo Cabret“ ist die perfekte Gutenachtgeschichte zum Anschauen. Der Film bringt weder den Puls zum Rasen noch andere Gefühlswallungen hervor, hat markante Hauptfiguren, eine klare, detailverliebt gestaltete Kulisse und eine Stimmung, die mitschwingt, wie ein Wiegenlied. Mir persönlich war das Ganze ein bisschen zu langweilig, die Figuren zu übertrieben in ihrer Art und die Geschichte etwas zu konstruiert. Dennoch, der Einblick in die Anfänge des Films ist sehenswert und „Hugo“ tut sicher niemandem weh: Groß und Klein können hier eine schöne Zeit verbringen.

3-D-Check:
Als die Bilder laufen lernten, reichte es noch aus, auf der Leinwand einen Zug in den Bahnhof einfahren zu lassen, um die Zuschauer, vor Angst überrollt zu werden, aufspringen zu lassen. Heute lässt selbst 3-D die meisten Menschen schon wieder kalt. Bei „Hugo Cabret“ hat mich die Technik auch nicht vollends überzeugt – allerdings: Setzt man die Brille auf, tut sich ein Fenster in eine andere Zeit auf. Der Zuschauer wird entführt in eine detailverliebt gestaltete, verwunschene Version des Paris der 30er Jahre. Herausschnellende Effekte gibt es kaum, „Hugo’s“ 3-D-Effekte sind unterschwelliger Natur. Da sind gut gelungene Überblendungen, herumwirbelnde Blätter und jede Menge rotierender Zahnräder, die einem das Gefühl geben, mitten in einer Uhr zu sitzen. Ich glaube, der Film wäre auch gut ohne 3-D-Technik ausgekommen, aber es ist sicherlich eine schöne Gelegenheit, Kinder an die neue Art des Filmeschauens heranzuführen.

Hugo Bewertung

Christina Nover

Bildungspaket: Keiner will die Wundertüte

Wer denkt sich bloß solche Wohltaten aus wie das Bildungspaket, das keiner haben will? Dieses Bündel kann doch nur ein Verein zum Schutz bürokratischer Hemmnisse oder ein Ärmelschonerfabrikant geschnürt haben. Ausgerechnet die Ärmsten, die am wenigsten Gebildeten, die am wenigsten der deutschen Sprache Mächtigen sollen nicht nur den Wert einer Vereinsmitgliedschaft erkennen, den richtigen Verein wählen, das Geld für Sportklamotten oder Musikinstrumente aufbringen, sondern auch noch die paar Beitrags-Euro alle drei Monate im Job-Center beantragen. Bevor wir jedoch in Trauer darüber versinken, dass 1,6 Milliarden Euro angeboten aber nicht abgerufen werden: Das Päckchen ist ohnehin nicht geeignet, den Bildungsnotstand zu bekämpfen. Schicken wir es an den Absender zurück.

Erfolgreiche Bildung (in einem Sinne, der über das Faktenregime des Lehrplans hinaus geht) beginnt in der Familie. Und genau da hakt es. Kinder, die von Geburt an Kurs nehmen auf die Fortsetzung ihrer Hartz-IV-Dynastie, haben selten Eltern, die sich um eine bessere Bildung ihrer Kinder sorgen. Das fehlende Interesse am Bildungspaket fußt auf fehlendem Interesse an Bildung und einem Bürokratiemonster.

In der Hälfte der Familien mit Migrationshintergrund werden den Kindern keine Geschichten erzählt, jedes dritte Elternpaar liest nie vor. In bildungsschwachen deutschen Familien dürften sich diese Erkenntnisse der Stiftung Lesen wahrscheinlich wiederholen. Damit fehlt den Kindern der wichtigste Schlüssel zum Erwerb von Grundkompetenzen: die Sprache. Daran ändert das Bildungspaket auch dann nichts, wenn die Entscheidungswege verkürzt, die Zuteilung von Nachhilfe und warmem Essen vereinfacht würde.

Was wirklich fehlt, ist längt bekannt: eine zumindest teilweise Betreuung der Kinder aus schwierigen Verhältnissen fast von Geburt an. Den vielen Eltern helfen, die mit der Erziehung ihrer Kleinen schlicht überfordert sind. Die Angebote an Ganztagsbetreuung ausbauen. Das dürfte zwar teurer sein als das Bildungspaket, aber wirken – benachteiligte Kinder, die in Krippen gehen, wechseln häufiger aufs Gymnasium, sagt die Bertelsmann-Stiftung.

Weil wir die sozialen Folgen nicht bezahlen und aus demografischen Gründen auf kein einziges kluges Kind verzichten können, dürfen wir es uns nicht erlauben, Kinder aus armen Familien am Rand der Gesellschaft zu lassen. Das erfordert aber ein deutliches beherzteres Vorgehen, als teure Wundertüten namens Bildungspaket möglichst kompliziert verwalten zu lassen. Zurück zum Absender; neu machen. Bis dahin: Setzen! Mangelhaft!

Joachim Türk