Der Deutschlandfunk raubt uns das Gedicht

Für alle, die unser Land nicht achselzuckend auf dem Weg in die Wüste der geistigen Verflachung einherschlurfen sehen wollen, sind sie wichtiger denn je: Die Oasen des Anspruchs, die Quellen der Qualität, die Schattenspender des Niveaus.

Welche Person oder Institution das in den Zeiten der Trivialisierung und Atemlosigkeit verkörpert, hängt – logisch – stark vom eigenen Standpunkt ab. Gerade in punkto Medien gehen die Meinungen, wer wirklich(e) Qualität bietet, weit auseinander. Ein Medium in Deutschland aber genießt – nicht in der Breite, wohl aber in einer sehr vielfältig zusammengesetzten Spitze unserer Gesellschaft – in dieser Hinsicht größte Akzeptanz: der Deutschlandfunk.

Das ist der Sender, in dem Nachrichten und Hintergründe breitesten Raum haben. Wo man noch auf die Kraft des Wortes und den Wert von Gedanken baut. Wo es zum Beginn des Tages statt Gedudel und Geplauder vier Stunden „Informationen am Morgen“ gibt, mit „Berichten, Interviews, Reportagen“, mit „Morgenandacht“, „Presseschau aus deutschen Zeitungen“ und „Börse“. Wo Interviews selbst zur Frühstückszeit gerne 15 Minuten dauern dürfen. Wo die Moderatoren Journalisten sind. Wo die Interviewer (fast) immer viel vom Thema verstehen. Wo die Fragenden wirklich fragen statt nur über Stichwort-Schollen zu hüpfen. Wo die Interviewten ausreden dürfen. Wo sich Gedanken mit Ruhe und Raum entwickeln können. Wo man nach dem Hören klüger als vorher ist.

Diese wohltuende und ganz andere Art von Morgen-Schau ist bezeichnend für das Programm des Deutschlandfunks den ganzen Tag über – bis hin zum allnächtlichen Senden von „National- und Europahymne“ um 23.57 Uhr.

Geradezu kongenial passte zu diesem Sendungsbewusstsein eine kecke Neuerung, die der DLF vor fünf Jahren in sein Programmschema hob: Drei Mal am Tag streuten die Kölner Radiomacher ein Gedicht in ihr Angebot – und zwar nicht an festen Plätzen, sondern eigensinnig flanierend. Mal hier, mal dort blitzte seither Lyrik auf. Gleichsam saß seitdem ein Wiesel auf einem Kiesel mitten in Bachgeriesel des Informationsstroms.

Angekündigt wurden diese programmatischen Exoten stets vom wohl nobelsten aller Jingles in der deutschen Radiolandschaft: Drei aufsteigende Cello-Töne – das war für Kenner das vibrierende Signal: Jetzt tut sie sich wieder unvermittelt auf – die Welt neben der Politik, dem Sport und der Wirtschaft. Jetzt raunen uns ganz andere Worte und Gedanken als gewohnt zu: Es gibt mehr als Umfragen, Tabellen und Renditen. Jetzt dürfen wir wieder daran denken: Es gibt ein Leben neben der Normalität.

Kurze Gedichte wurden dann geboten, maximal eine Minute lang. Immer gekonnt vorgetragen, erkennbar von guten Sprechern mit Gefühl für das Werk professionell in akustische Szene gesetzt. Auch die Auswahl verriet Liebe zum Stoff und Kennerschaft: Keine „Die 100 besten Gedichte“, nie einbalsamierend bildungsbürgerlich. Bisweilen ein angenehmes Wiedersehen mit vertrauten Bekannten, oft erfreulich junge Lyrik, meist eine Erweiterung des Horizonts durch neue Namen, noch nicht geläufige Texte. Wer wollte, konnte das Gedicht auf der Internetseite des Senders im „Lyrikkalender“ nachlesen – und mehr über Autor und Werk erfahren.

Nach fünf Jahren aber bricht sich ausgerechnet der Deutschlandfunk ausgerechnet dieses funkelnde Kleinod aus seiner Qualitäts-Krone: Mit Ende des Jahres 2010 beendet der DLF seine markante und längst zum Markenzeichen gewordene Lyrik-Reihe.

Die Transparenz, mit der der Sender zu dieser herzlosen Tat schritt, ist anerkennenswert: Programmdirektor Dr. Günter Müchler höchstselbst erläuterte am letzten Tag des Jahres in den „Informationen am Morgen“ in einem fünfminütigen Interview, warum der DLF in seinen täglich 24 Sendestunden der Lyrik nun keine drei Minuten Platz mehr einräumen mag. Seine Argumente aber waren weniger klar: „Weil auch das Beste mal zu Ende gehen muss“ – das ist mehr philosophisch als überzeugend.

Auch Müchlers Mengenlehre wird den Freunden der Lyrik nicht einleuchten: In fünf Jahren hat der DLF nun 1825 Gedichte gesendet, rechnet der Programmdirektor vor. Würde der Sender die Reihe fortsetzen, wäre er schon bald gezwungen, seine „Standards zu verändern“ – weil die Zahl von Gedichten, die nicht länger als eine Minute beanspruchen, „einfach endlich“ ist.

Genau an diesem Punkt bricht der Deutschlandfunk leider mit seinem Ansatz, mit der Lyrik in seinem Programm einen Kontrapunkt zu Alltag und Üblichkeit zu bieten. Lyrik – das ist eben kein Stoff wie jeder andere, auch für einen Radiosender nicht. Anders als Nachrichten, Presseschau & Co. verbraucht sich ein gutes Gedicht nicht. Es nutzt sich durch mehrmaliges Senden nicht ab. Was hätte dagegen gesprochen, nach fünf Jahren die 1825 Gedichte dann in neuer Folge eben noch mal zu senden, aufgelockert durch neue Funde aus den Paradiesgärtlein der Dichtkunst zeitgenössischer Autoren? Keinen Lyrikfreund hätte das gestört. Im Gegenteil: Wer Lyrik hören mag, der wird nie bekritteln, wenn er einen guten Text binnen einiger Jahre mehrfach hört.

So steht zu vermuten, dass der DLF seine Lyrik-Klaviatür, um mit Else Lasker-Schüler zu sprechen, in Wahrheit aus viel profaneren Gründen zerbrochen hat.

Vermutung 1: In komplexen und präzise getakteten Strukturen wie Sendeschemata sind variable und nicht fest einem Ressort zugeordnete Komponenten wie ein vagabundierendes Gedicht ein unbequemer Fremdkörper im Alltag – an den erinnert werden muss, der leicht vergessen wird, der den gewohnten Ablauf stört. (Jeder Zeitungsmacher, der mal versucht hat, dauerhaft und regelmäßig Lyrik in seinem Blatt zu etablieren, wird bestätigen können, dass das nicht nur für Radiosender gilt – und also keine Spur überheblich gemeint ist.)

Vermutung 2: Jüngere Lyrik und auch moderne Klassiker aus diesem Genre können nicht einfach so und schon gar nicht kostenneutral gesendet werden. Honorarfrei verbreiten werden können nur Gedichte von Autoren, die seit 70 Jahren tot sind. Wer auch Werke bringen möchte, die jünger sind, hat Kosten – oder Aufwand beim Verhandeln mit Verlagen und Lyrikern.

So wird die Lyrik-Reihe selbst beim DLF schlicht auf die schnöde Realität von Senderalltag und Urheberrecht geprallt sein. Und schon war er perdu, „der weiche Gang geschmeidig starker Schritte“ dieser feinen Idee, der Normalität täglich ein paar Minuten entschleunigende Lyrik entgegenzusetzen.

Wenn aber die Lyrik selbst beim Deutschlandfunk nun auch kein Haus mehr hat, dann wird ihr keiner mehr eines bauen…

Oder sollten wir Freunde der Lyrik die Direktoren dieses deutschen Senders fragen, ob auch dort die Erkenntnis gilt, die Heine einst unter der Überschrift „Weltlauf“ in die Worte goss:

„Wer nur wenig hat, dem wird

Auch das wenige genommen.“

Unumkehrbar? Auch und sogar beim DLF?

Deutschlandfunker, denkt Ihr noch mal nach?

Christian Lindner

5 Gedanken zu „Der Deutschlandfunk raubt uns das Gedicht

  1. Ulrich Klotz

    Sehr schöner Beitrag. Ich habe gerade in diesem Sinne den DLF-Programmdirektor angeschrieben und ihm den Mut zur Revision gewünscht …

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  2. Pingback: „Lyrikkalender‟-Sendung im Deutschlandfunk eingestellt | planet lyrik @ planetlyrik.de

  3. Pingback: [Td] Tag des ungehörten Gedichts - kulturnation.de

  4. Henrik Bröckelmann

    Das ist wirklich sehr schade. Ich bin zwar nicht wirklich ein „Schöngeist“ oder Lyrikkenner. Aber ich habe mich immer gefreut, wenn im DLF ein Gedicht „eingestreut“ wurde.

    Hoffentlich überdenkt der DLF das wirklich nochmal!

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  5. Jens Münster

    Ein toller Beitrag!

    Gedanken zur Zeit, träge wie der Wind, munter wie eine Lerche im Frühling: Der DLF ist immer noch ein Flaggschiff des Radiojournalismus der sympathischen Geschwindigkeit. Es macht Spaß, den Journalisten des Senders zuzuhören. Schade, wenn Lyrik nun aus dem letzten sie gesamtnational noch sendenden Programm verschwindet.

    Hoffnung keimt auf, retatierend und redundant zugleich: Die Kulturwellen von WDR, SWR Co. werden weiterhin dank ihres „journalistischen Ichs“ an der Ausstrahlung des „lyrischen Ichs“ festhalten können. Wieder einmal lohnen sich 17,98 Euro im Monat.

    Kraft des gedruckten Wortes, nicht so vergänglich wie der Schall des Lautsprechers: Print und Online haben analoge und digitalisierte Buchstaben. Coole Sache! Hier kann Lyrik noch besser wirken: Egal ob im Feuilleton der F.A.Z. oder im lokalen Kulturteil einer Regionalzeitung. Bei letzterem womöglich mit jahrezeitlich, politisch-heißen oder landeskundlich passenden Themen.

    So long, oder -nicht anglisiert-: Mfg – Mit freundlichen Grüßen.

    jmü

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