Bundesbank addiert Forderungen – wer zahlt?

Viel heiße Luft: Nicht nur die Not leidenden Staaten finanzieren sich auf Pump. Auch der Privatsektor der Krisenstaaten. Deshalb steigen z.B. die Forderungen der Bundesbank an die EZB rasant an - sie liegen inzwischen bei mehr als 340 Milliarden Euro.

Viel heiße Luft: Nicht nur die Not leidenden Staaten finanzieren sich auf Pump. Auch der Privatsektor der Krisenstaaten. Deshalb steigen z.B. die Forderungen der Bundesbank an die EZB rasant an - sie liegen inzwischen bei mehr als 340 Milliarden Euro.

Während Politik und Wirtschaftsverbände noch darüber streiten, ob durch gemeinsame Anleihen aller Staaten der Währungsunion („Eurobonds“) die Schuldenkrise im Euro-Land zu beheben ist, taucht in Deutschland ein zusätzliches milliardenschweres Problem auf, das bislang tief in den Bilanzen der Bundesbank versteckt war. Sein Name trägt dazu bei, dass man lieber nicht genau hinschaut: Target2-Salden. Dabei muss man gar nicht ganz genau schauen, weil die Zahl, die dort steht, gigantisch groß ist: 344 Milliarden Euro. So hoch sind inzwischen die Forderungen der Bundesbank gegenüber der Europäischen Zentralbank (EZB) – im schlimmsten Fall des Zahlungsausfalls tragen die deutschen Steuerzahler daran ein Risiko von 28 Prozent, also immerhin 100 Milliarden Euro.

Woher kommen diese Forderungen? Sie sind ein Beweis für den Erfolg Deutschlands und das kranke Ungleichgewicht innerhalb der Wirtschaft des Euroraums. Während viele Menschen in den angeschlagenen Ländern vor allem Südeuropas ihr Geld im Ausland (auch bei uns) in Sicherheit gebracht und damit ihre Banken geschwächt haben, herrscht in deutschen Banken an flüssigen Mitteln kein Mangel.

Banken in Griechenland, Portugal, Spanien müssen sich Geld bei ihren Notenbanken borgen, um Kredite zu vergeben. Das ist ihr Geschäft, und es floriert unverändert. Der Privatsektor hat auch in Athen und Lissabon noch kein Problem, an (billige) Kredite zu kommen, während die Staaten kaum noch Geld borgen können. Also: Die Geschäftsbanken geben Kredite und besorgen sich die nötigen Mittel bei den nationalen Notenbanken. Die wiederum wenden sich an die EZB, wo Geld nach wie vor billig ist, und hinterlegen dort als Sicherheit zum Beispiel – ja, genau – Staatsanleihen. Was unserem Export kräftiges Wachstum beschert, baut sich gleichzeitig zu einem Riesenproblem auf. Denn es ist alles nur geborgt.

Ein vereinfachtes Beispiel: Eine Firma in Griechenland kauft in Deutschland eine Industrieanlage. Sie leiht sich die nötigen Millionen bei ihrer Bank. Die besorgt sich das Geld bei der nationalen Notenbank, die wiederum braucht dazu die EZB. Die Anlage wird geliefert und bezahlt. Aber es fließt kein Geld. Es fließen Forderungen. Bis ganz am Ende die echte Buchung auf dem Konto des deutschen Lieferanten landet. Seine Bank bekam es auf ihr Konto bei der Bundesbank gutgeschrieben, obwohl dort kein Geld angekommen ist, sondern eine Forderung. Die Bundesbank hat eine Forderung an die EZB verbucht (und die an die griechische Notenbank und die an die Geschäftsbank und die an den Kunden). Die Forderungen der Bundesbank an die EZB sammeln sich auf den Target2-Salden.

Normalerweise werden diese Forderungen ruckzuck ausgeglichen; möglichst innerhalb eines Tages. Anfangs summierten sie sich auf durchschnittlich um die 15 Milliarden Euro. Aber heute ist in den Krisenländern das Geld knapp. Die Forderungen werden nicht ausgeglichen. Im vergangenen Monat weisen die Target2-Salden der Bundesbank Forderungen in Höhe von mehr als 340 Milliarden Euro aus – fast 70 Milliarden mehr als im Juli 2010. 300 Milliarden mehr als Ende 2007, vor Lehman. Eine politische Entscheidung, das zuzulassen, gibt es nicht. Eine Höchstgrenze auch nicht. Die Alarmglocken bleiben still, weil eine Forderung an die EZB immer noch als unkaputtbar gilt – auf dem Papier.

Auf diese Weise finanziert die Bundesbank das Leistungsbilanzdefizit der Staaten am Rande des Eurolandes mit. Die Summe steigt und steigt, keiner bremst. Und wenn die Sicherheiten (z. B. griechische Staatsanleihen) platzen – womit durchaus zu rechnen ist – und die EZB die Forderungen an die nationalen (griechischen, portugiesischen, …) Notenbanken abschreibt, ist Deutschland mit knapp einem Drittel beteiligt. Zur Kasse gebeten werden die Steuerzahler, verdient haben die Unternehmen und die Banken.

Auch wenn sie kompliziert sind und einen abschreckenden Namen haben: Bevor die Politik sich um den nächsten Rettungsschirm für Pleiteländer kümmert, sollte sie mal einen Blick auf die Target2-Salden werfen. Und eine Bremse einbauen.

Joachim Türk

4 Gedanken zu „Bundesbank addiert Forderungen – wer zahlt?

  1. Dentier

    @Stefan so funktioniert das System EU aber nicht. Dort sollen Reiche noch reicher werden. Das funktioniert nur, wenn sie die Gewinne für die Instrieanlage einstreichen können, die die Allgemeinheit der Steuerzahler bezahlt. Was denken sie denn warum die Einkommensschere immer weiter auseinandergeht?

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  2. Stefan

    Alternativ sollten wir vielleicht die gelieferte Ware zurückfordern – statt dass der Steuerzahler quasi für die offenen Forderungen einspringt?!

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