Zuruf | Buchtipps: Kinder im Netz begleiten – aus Papier, versprochen!

Sind Ihre Kinder oder Schüler Digital Natives und bewegen sich im Internet wie selbstverständlich, während Sie selbst vor Begriffen wie teilen, liken, posten, Chronik und Timeline stehen wie der Ochs vorm Berg? Dann sollten Sie vielleicht versuchen, zum Digital Immigrant zu werden. Sich jedoch alles ganz allein zu erschließen, ist gar nicht so leicht und kostet Zeit. Schön, dass es mittlerweile Literatur gibt, die dabei helfen kann.

Denn die meisten Fachautoren sind sich einig: Wer auch hier seiner Geleitpflicht als Eltern, Großeltern oder Lehrer nachkommen will, der muss ins Neuland einwandern.

featured-imageBehutsam bei der Hand nehmen – Das Facebookbuch für Eltern

Menschen, die mit sozialen Netzwerken aufgewachsen sind, hinterfragen nicht ihren Sinn. Außenstehende tun das umso mehr: Warum bitte sollte man Fotos von seinem Mittagessen knipsen und im Netz anderen zeigen? „Wir wissen aus zahlreichen Elternabenden, dass es Eltern oftmals schwerfällt, das jugendliche Mediennutzungsverhalten nachzuvollziehen“, schreiben die Medienpädagogen Tobias Albers-Heinemann und Björn Friedrich in der Einleitung zu „Das Facebookbuch für Eltern“.

Ihr Ziel:einen Einblick in den jugendlichen Medienalltag ermöglichen, mögliche Stolperfallen und Schattenseiten aufzeigen, die im Netz und vor allem auf Facebook lauern und auch, Eltern ein paar Grundkenntnisse zum Umgang mit dem sozialen Netzwerk Facebook zu vermitteln.

Letzteres ist vor allem praktisch für jene, die nicht erst noch überzeugt werden müssen, dass für ihre Kinder die digitale Welt einen natürlichen und nicht mehr wegzudenkenden Lebensraum darstellt und die wissen, dass Erziehungsberechtigte auch hier eine Rolle spielen müssen.

Mittels vieler Screenshots von der Benutzeroberfläche des Netzwerks erklären die Autoren die Grundfunktionen bei Facebook. In einem weiteren Kapitel gehen sie sehr praxisnah auf Fragen ein, die sich Eltern ganz konkret im (Erziehungs)alltag stellen: Mein Kind will einen Facebook-Account, was tun? Verbieten? Gemeinsam einsteigen? Begleiten oder kontrollieren? Wie lehrt man sein Kind den verantwortlichen Umgang mit seinen Daten? Wie lange sollte man Kinder vor den Computer lassen und so weiter. Es ist nur konsequent, dass sie in einem weiteren Kapitel ausführlich erklären, wie man die Einstellungen zur Privatsphäre in Facebook vornimmt.

Wer sich dafür interessiert, was Eltern tun können, um ihren Kindern auch in Sachen Facebook auf Augenhöhe begegnen zu können, wie mit Cybermobbing umgegangen werden kann und welche Gefahren auf Facebook lauern, der kann getrost zum „Facebookbuch für Eltern“ greifen.

Tobias Albers-Heinemann, Björn Friedrich: Das Facebookbuch für Eltern, 333 Seiten, O'Reilly Verlag.

netzgemüseNetzgemüse – Über die Aufzucht und Pflege der Generation Internet

Etwas anders gehen die Autoren von „Netzgemüse“ an das Thema Jugendliche und Internet heran. Tanja und Johnny Haeusler sind verheiratet und standen und stehen gemeinsam mit ihren Kindern, dem „Netzgemüse“, vor Herausforderungen, die viele Eltern heute kennen dürften. Doch sie haben kein reines Fachbuch geschrieben, sondern sie erzählen Geschichten, und das so humorvoll und mitreißend, dass man ihr Buch – wie einen spannenden Roman – gar nicht mehr aus der Hand legen will. In vielen kleinen Anekdoten erlebt der Leser mit, wie Johnny Haeusler Pornovideos auf dem Smartphone eines Klassenkameraden seines Elfjährigen fand und was daraufhin passierte, oder welche Erfahrungen ihr Sohn als YouTube-Regisseur machte und was er daraus lernte. Gleichzeitig kommen die Autoren gut recherchiert daher, wenn sie zum Beispiel eine dubiose Form des Micropayments aufdecken oder die Geschichte des Formats der Lehrvideos („Tutorials“) auf YouTube nachvollziehen.

Die Perspektive der Jugendlichen und die der Eltern wird vermittelt. Am Ende ist deutlich, dass die Kinder auf ihrem Weg durch die Onlinewelt bei einfühlsamer Begleitung durch die Eltern ähnlich hilfreiche Lektionen erfahren wie Generation vor ihnen im „richtigen“ Leben auch.

Das Buch von Tanja und Johnny Haeusler vermittelt ein Gefühl für die Netzkultur, mit der Kinder heute wie selbstverständlich aufwachsen, gibt aber gleichzeitig viele nützliche Tipps und lebensnahe, humorvoll und auch entsprechend locker präsentierte Geschichten über die Aufzucht und Pflege des „Netzgemüses“ preis. Deshalb ist ihr Buch auch für kinderlose „Digital Immigrants“ oder Lehrende eine Bereicherung.

Johnny Haeusler, Tanja Haeusler: Netzgemüse: Aufzucht und Pflege der Generation Internet, 288 Seiten, Goldmann Verlag

Chancen von Social Media in der Schule

Es ist klar, dass die Jugendlichen, für die das Internet nicht technische Plattform, sondern ein Teil des Lebens ist, auch in der Schule nicht offline sind. Sie nutzen das Netz jedoch nicht nur zu Albernheiten, sondern auch zum Lernen: Per Handykamera lassen sich knifflige Aufgaben mit Mitschülern teilen, um konkret Hausaufgabenhilfe zu erhalten. Klassen schließen sich auf Facebook oder WhatsApp zu Gruppen zusammen. Das ermöglicht Gespräche, die jeder aus der Klasse verfolgen und gestalten kann. Außerdem lassen sich hier prima Dokumente austauschen oder sogar mit Fotos der Tafelbilder der Unterricht dokumentieren – zum Beispiel für jene Schüler, die gerade krank sind.

Von zu Hause aus lassen sich außerdem Dokumente gemeinsam bearbeiten – so ist eine neue Form der produktiven Gruppenarbeit möglich. Nicht zuletzt haben Jugendliche keine Hemmungen, sich schnell über Social Media mit „Experten“ zu einem Thema zu vernetzen, um ihnen Fragen zu stellen. All dies passiert bereits täglich.

Tipps für Lehrer: Facebook, Blogs und Wikis in der Schule. Ein Social-Media-Leitfaden

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Im Lebensraum Schule treffen Jugendliche trotzdem nicht selten auf Lehrer, die im besten Fall „Digital Immigrants“, im schlechtesten Falle aber digitale Verweigerer sind. Philippe Wampfler, der als Lehrer in der Schweiz arbeitet, versucht mit seinem Buch „Facebook, Blogs und Wikis in der Schule. Ein Social-Media-Leitfaden“ Lehrpersonal und Erziehungsberechtigten eine Chance im Digitalen aufzuzeigen.

Er räumt ein, dass Social Media in der Schule ein Störfaktor sein kann. Seine Vision ist aber die Zusammenarbeit und nicht das Verbot im Unterricht: Lehrer könnten demnach als „unwissende Lehrmeister“ ihre Schülern zu ihrem Umgang mit Social Media fragen: „Was siehst du?“, „Was denkst du darüber?“ und „Was machst du damit?“. Das Ziel ist ein Lernprozess, in dem beide Parteien ihr Wissen einbringen.

Wampfler meint: „Die Digital Natives haben ein konkretes Fachwissen, ihre erwachsenen Bezugspersonen helfen ihnen mit ihrer Fähigkeit zur Orientierung und Kontextualisierung, dieses Fachwissen in bestimmten Kontexten zu reflektieren und zu erweitern.“

Daneben geht es auch darum, wie mithilfe von Social Media Unterricht gestaltet werden kann – vor allem ab Kapitel vier bringt Wampfler viele konkrete Beispiele. Im Anhang finden Leser nützliche Unterrichtsmaterialien wie zum Beispiel einzelne Unterrichtseinheiten zu Blogs oder dem gemeinsamen Bearbeiten von Dokumenten sowie Beispiele für Guidelines zum Umgang mit Social Media an Schulen, zu Lehrerprofilen oder dem Umgang mit Mobilgeräten im Unterricht.

Philippe Wampfler: Facebook, Blogs und Wikis in der Schule: Ein Social-Media-Leitfaden, 
174 Seiten, Vandenhoeck & 
Ruprecht
Sandra Elgaß

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