März 2015: Rhein-Zeitung.de mit 43 Prozent Minus. Fühlt sich dennoch gut an

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Seitdem wir bei der Rhein-Zeitung unser Paygate verschärft haben, ist das Interesse in unserer Branche groß: Wie wirkt sich die Reduzierung auf nur noch null Freiartikel im Monat auf unsere Zahlen aus? Lesen Sie hier das Update unserer Erfahrungen aus dem zweiten Monat: März 2015.

Zur Erinnerung:

  • Im August 2013 haben wir auf Rhein-Zeitung.de eine Paywall eingeführt, so dass man bei intensiver Nutzung unseres Internetangebots nur noch als Abonnent oder Käufer Artikel bis zum Schluss lesen konnte.
  • Im November 2014 sind wir von vormals zehn Freiartikeln pro Monat auf zwei heruntergegangen.
  • Ende Januar 2015 reduzierten wir die Zahl der freien Artikel abermals: Seitdem können unsere Artikel nur noch von jenen gelesen werden, die entweder unsere Abonnenten sind oder einen Zugangspass kaufen. Davon ausgenommen sind Kurzmeldungen, die Startseite und einzelne Übersichtsseiten sowie Texte in eigener Sache.

Folgendermaßen hat sich das Paygate auf unsere Visits (= Besuche von Internet-Lesern) ausgewirkt:

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Nicht erfasst sind in dieser Grafik Nutzer unserer beiden Apps, der E-Paper-App und der RZmobil-App. Im Detail liegen wir, wie die folgende Grafik zeigt, mit 2,0 Millionen Visits im März 2015 in einer Größenordnung der Zugriffe wie vor drei Jahren – freilich mit dem Unterschied, dass wir seinerzeit wie nahezu die gesamte Branche die Inhalte kostenlos, ohne Einschränkungen, im Internet bereitstellten. Das ist heute anders.

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Während die Veränderung von zehn auf zwei Freiartikel ein eher geringes Minus bei den Visits bewirkte (in der Grafik unten in der Zeile „Visits stationär und mobil“ sichtbar in der rot umrandeten Zeile „gegenüber Vorjahresmonat“), verzeichnen wir seit Februar durchaus ein kräftiges Minus. 43 Prozent Abzug im Vergleich zum Vorjahresmonat würden andernorts vermutlich zum Abbruch des Osterurlaubs seitens des Digitalchefs führen.

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Nicht so bei der Rhein-Zeitung. Denn hier in Koblenz erproben wir, was manch einer wie Thomas Koch pointiert als „Koblenzer Manifest“ für die Branche bezeichnet: die vollständige Umwidmung unserer digitalen Veröffentlichungen auf unsere Abonnenten und Käufer. (Die Besonderheiten im Jahresvergleich unserer monatlichen Zugriffszahlen lasse ich hier einfach mal weg. Sie würden unseren Absturz bei den Visits zwar erklären und damit mildern, aber darum geht es nicht mehr.)

Man muss dieses Konzept nicht über den grünen Klee loben. Sehr wahrscheinlich ist es für überregionale oder weltweit agierende Medien weniger gut geeignet. Das unterstrich beispielsweise Wolfgang Blau, Digitalchef des “Guardian” in London. Zuvor war er Chef bei „Zeit Online“.

Wir probieren es halt aus. Und so sehen unsere aktuellen Zahlen für den März aus:

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Was auffällt:

  • Von unseren 170.000 Abonnenten holen sich Monat für Monat um die 1500 weitere Leser eine Registrierung für die im Abo enthaltene Nutzung unseres Web-Angebot.
  • Die Zahl der Monatspässe, Jahres-Abos Web und Einzelpässe steigert sich um zweistellige Prozentzahlen – von null kommend. Wir hatten ja nichts.
  • Die Steigerungen bei den Jahres-Abos Web finden auf kleiner Basis statt. 369 Jahres-Web-Abos sind im Vergleich zu 170.000 Print-Abos gering. Allerdings darf man bei der Bewertung dieser Zahl nicht vergessen, dass sich auch 34.100 Abonnenten für unser Webangebot freigeschaltet haben.

Diese Entwicklung fühlt sich, für mich als verantwortlicher Redakteur für diese Zahlen, insgesamt gut an. Wir wissen jetzt viel besser als früher, für wen wir im Digitalen arbeiten: für unsere Abonnenten und Käufer. Ein spektakuläres zweites Unfallvideo von einem Vorfall auf dem Nürburgring lassen wir schon mal weg in unserer digitalen Berichterstattung, wenn es statt massenhafter Klicks eigentlich keine neuen Erkenntnisse bringt. Mit dem Fokus auf unsere stets eingeloggte Leserschaft aus unserer Region wird sehr viel besser entwickelbar, wie wir Rhein-Zeitung.de inhaltlich, zeitlich, optisch und in der Nutzerführung gestalten müssen.

Was missfällt:

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Die Zweifel an unserer Strategie wie hier vom Kollegen Thomas Knüwer in einem Thread im Facebook-Hinterhof von RZ-Chefredakteur Christian Lindner mögen damit zusammenhängen, dass zuvor kaum ein anderes großes regionales Medienhaus etwas Anderes ausprobiert hat. Die augenscheinlich erfolgreiche Digitalstrategie von Buzzfeed oder Axel Springer mit Bild.de und Welt.de ist kaum vergleichbar mit unserer als Regionalzeitung.

In Teilen sind die Zweifel berechtigt, wenn man sich anschaut, wie wir heute unsere Leser durchs Angebot führen und unser Webangebot bei der Optik und bei der Nutzerführung in die Jahre gekommen ist. Unsere Schranke ist eben noch eine Schranke, kein wirkliches Drehkreuz zum fröhlichen Durchwinken interessierter Leser.

Künftig geht es darum, die Hürden zu senken, die Nutzerführung zu verbessern und die Bereitschaft zur Registrierung, zum schnellen Zahlen zu erhöhen. Wie das geht, zeigen Apple mit der Bezahlung von Apps und neuerdings die Deutsche Bank oder die Postbank beim Einloggen ins Bankkonto: Das gelingt ganz ohne Kennwort, sondern nur mit dem Fingerabdruck.

Unsere derzeitige Seite der Paywall ist noch stark überarbeitungsbedürftig und ähnelt einem SAP-Eingabeformular wie bei einem Katasteramt. Künftig wird das übersichtlicher, wie der folgende Entwurf unseres Webmasters Thorsten Schneiders und unserer Mediengestalterin Ines Linke zeigt:

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Das dürfte zu weiteren Steigerungen bei einzelnen Posten unserer Digitalstrategie führen.

Auch mit solch einem vereinfachten Drehkreuz zu unseren täglichen und nächtlichen Arbeit werden wir nicht auf Anhieb eine vollständige Regionalredaktion finanzieren. Aber wir kommen dem näher. Und mit Hilfe unser Abonnenten, egal ob vom Print kommend oder im Digitalen angeheuert, die diese Monat für Monat verbesserte digitale Umsetzung mehr und mehr wertschätzen, wird es uns gelingen. Wir sind, wie eingangs gesagt, im zweiten Monat. Ganz am Anfang.

Marcus Schwarze

6 Gedanken zu „März 2015: Rhein-Zeitung.de mit 43 Prozent Minus. Fühlt sich dennoch gut an

  1. Walter Reuß

    ich überlege fast täglich, ob ich mir den online Zugang zur Rhein Zeitung weiter leisten will. Mein einziger Vorteil ist der Zugriff auf eine weitere Ausgabe die mich interessiert und die Nutzung während einer Bezugszeit im vergangenen Jahr mit sehr unzuverlässiger Zustellung der Druckausgabe. Ich hatte gehofft regionale Berichte zeitnah online lesen zu können. Aber mein Fazit ist, dass andere örtliche Zeitungen mindestens so schnell kostenlos berichten und werbefrei sind ihre Seiten auch nicht. Wenn sie ihre Unternehmensentscheidung jetzt noch feiern, glaube ich mich doch falsch entschieden zu haben.
    Walter Reuß, Vulkaneifelstraße 32, 56727 Mayen

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    1. Marcus Schwarze Artikelautor

      Sehr geehrter Herr Reuß,

      wo konkret fehlen Ihnen denn unsere Nachrichten? Wo sollten wir besser werden?

      Mit freundlichen Grüßen

      Marcus Schwarze (Rhein-Zeitung)

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  2. Pingback: Drei Gründe, warum ich nicht an den Erfolg von Paywalls glaube - Lousy Pennies

  3. Patrick Frank

    Ich habe da noch eine wichtige Frage. Wird die Rhein-Zeitung in nächsten zwei Jahre ein neues Webdesign erhalten? Ich sehe da noch Verbesserungsbedarf. Gute Beispiele sind: http://www.handelsblatt.com/ und http://www.noz.de/. Beide haben das Webdesign vor kurzen erneuert und das aktuelle flache Webdesign eingeführt, was seit 2014 der Standard bei Webdesign wurde. Auch habe ich das Gefühl, dass die RZ-Seite lange lädt, vielleicht liegt das ja an der großen Werrbung, die mich immer sehr nervt. Auch kann man eure Onlineartikel, nur mit Facebook kommentieren, wenn ich mich richtig erinnere. Auch vermisse ich bei euch ein gutes Kommentar-System, wie das von Disqus, das auch bei Der Welt und die Frankfurter Rundschau genutzt wird. Ein Beispiel sehe bei meinen Blog: http://www.patrickfrank.red/blog/eine-andere-stadtpolitik-fuer-kirchberg-das-auch-den-namen-verdient/#comment-1957928612 Auch kann mit dem Disqus-Kommentarfunktion die meisten Kommentare der Artikel als Leser sehen und erhöht somit auch die Chance, dass die Leute öfter die Artikel auch reichlich als Kommentare diskutieren. Also bezüglich der Benutzerfreundlichkeit sehe ich einiges, aber eurer Weg der Bezahlschranke finde ich gut, wenn neben guten Inhalt auch die Website-Nutzung im Mittelpunkt steht.

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  4. Lars Grasemann

    Lieber Herr Schwarze,

    mich würde interessieren, wie hoch der Anteil des “Karnevals-Traffics” ist. Im Vorjahr war der Rosenmontag am 3. März. Vielleicht liegt hierin ja auch ein Teil der 43% weniger Visits begründet? Im Februar fiel das Minus ja moderater aus und wurde evtl. auch durch “Karnevals-Traffic” aufgefangen?

    Viele Grüße und vielen Dank für die transparenten Erfahrungen!
    Lars Grasemann

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    1. Marcus Schwarze Artikelautor

      Es gab neben dem Karneval ein Sonderereignis im vergangenen März, auf das ich aber nicht tiefer einsteigen wollte. Unser Kollege Lars Wienand hat seinerzeit mehrfach, meines Wissens als erster hierzulande, über die Entdeckung von “Heftig” geschrieben. Die Texte gingen damals durch die Decke. Insofern ist jetzt der Rückgang um 43 Prozent natürlich etwas drastisch. Andererseits hatten wir in diesem März auch ein singuläres Online-Ereignis, den Flugzeugabsturz und den Einzug der Weltmedien in Montabaur. So richtig vergleichen können wird man vermutlich erst nach weiteren 12 Monaten.

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