E10, gar nicht superIch stehe also an dieser Zapfsäule und spreche mit Silvia Obermayr über den neuen Bio-Sprit E10. “Ich weigere mich, das zu tanken”, wütet sie in mein Mikrofon und in diesem Moment wird mir klar, dass mal wieder einiges schief gelaufen ist im Land der Wutbürger. Lieber Herr Röttgen, lieber Herr Brüderle, liebe EU, liebe Politiker: Lasst euch das auf der Zunge zergehen: Eine Frau in Deutschland weigert sich, ein Produkt zu kaufen, das Bio sein soll UND knapp zehn Cent billiger ist als die Konkurrenzprodukte. Nichts wird im Moment mehr gepredigt als der nachhaltige, gesunde, umweltverträgliche Lebenswandel. Fleisch ist böse, Strom soll nur aus Wind, Wasser und Sonne kommen und wehe, in meinen Kartoffeln sind Gene drin! Einziges Problem: Das gute Gewissen muss im Regelfall teuer erkauft werden. Im Geiz-ist-Geil!-Billiger-geht-so!-Kleine-Preise-Deutschland ein riesiges Problem. Und jetzt kommt dieser günstige Öko-Sprit nach Deutschland und floppt in geradezu spektakulärer Weise. Entschuldigung, aber: Wie unfähig muss man sein, damit ein solches Produkt so dermaßen in die Hose gehen kann?

Ich hab ja mal studiert. Publizistik, Kommunikationswissenschaft, ein “Aha? Und was macht man damit?”-Fach. Eine oft gewählte Option: Man geht in die Werbung. Grundlagen in PR und Marketing sind ein Teil des Studiums. Aber mal ehrlich: Um E10 einzuführen hätte ich kein Studium gebraucht. Die dafür nötige Kampagne hätte man auch von einem Schülerprojekt entwerfen lassen können. Warum habe ich keine Werbung gesehen, in der eine glückliche, vierköpfige Familie mit dem Auto eine von grünen Wiesen und Wäldern gesäumte Landstraße entlang fährt und irgendwann beseelt E10 in ihren SUV pumpt? Warum gab es keine Plakate, auf denen eine hippe 30-Jährige auf dem Weg zum Yogakurs noch schnell ihren Mini mit dem neuen Wunderkraftstoff abfüllt? Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass es den Mineralölkonzernen dafür an Geld gemangelt hat. Und wäre es nicht Aufgabe des Umweltministers gewesen, eine solche Kampagne für das von ihm gewollte Benzin zu forcieren?

Versteht mich nicht falsch: Ich bin kein Autofreak. Mein RZMobil tankt Diesel und ohnehin glaube ich, dass dieses E10 eine weitere, von Euch verordnete Mogelpackung ist. Bio-Sprit, das ist doch schon ein Widerspruch in sich. Als wenn ein Fast Food-Konzern mir weismachen wollte, es gäbe jetzt einen Diät-Burger, mit dem man zehn Kilo in fünf Wochen abnimmt. Ich glaube nicht, dass es der Umwelt nur einen Deut besser geht, wenn wir jetzt mit zehn statt fünf Prozent Ethanol im Tank herumfahren.

Was mich ärgert, ist einfach die maßlose Unfähigkeit von Euch Politikern, eine Entscheidung den Bürgern so zu erklären, dass sie sie auch verstehen. Es mag ja gute Gründe für E10 geben, aber ich kenne keinen einzigen. Was habt ihr gedacht? Dass die Kunden das Benzin schon schlucken werden? Klar, die tanken ja auch irgendwelche Fuel-V-Power-Safe-Magermilch in ihre Karren, wenn es Shell und Aral so wollen. Ja, aber die machen auch WERBUNG DAFÜR! Früher packte man den Tiger in den Tank, warum jetzt nicht den Eisbären? Wäre es so schwer gewesen, Knut in einem Bio-Sprit Auto über eine Eisscholle brettern zu lassen? Ihr Politiker erklärt nichts mehr, ja, schlimmer noch Ihr versucht es schon gar nicht mehr. Ich war es ja gewohnt, dass wirklich wichtige Sachen wie ein gerechter Hartz-IV-Satz für Kinder völlig vermurkst werden, ohne dass einer von Euch glaubt, das mal erklären zu müssen. Aber jetzt kriegt ihr es schon nicht mehr hin, Eure vermurksten Entscheidungen so zu verkaufen, als wären sie der Stein der Weisen. Das war mal eure Paradedisziplin. Ihr benutzt doch so gerne Fußballerfloskeln. Hier ist eine für euch: Einen billigen Ökosprit auf den Markt zu bringen, das ist doch ein Elfmeter. Aufs leere Tor. Und was passiert? Ihr schießt den Ball aus dem Stadion wie Uli Hoeneß in Belgrad, 1976. Und da wundert Ihr Euch, dass die Leute die Nase voll von Euch haben und einen des Betrugs verdächtigen “Minister Klartext” anhimmeln und einen Bankvorstand mit zweifelhaften Ansichten über Ausländer verehren?

Ich meine, nehmen wir doch noch mal diesen Diät-Burger. Da geht dann der Konzernchef zu seinem besten Mann und sagt: “Sie sind dafür verantwortlich, dass das Ding ein Erfolg wird. Das ist Ihre Chance, versauen Sie es nicht.” Und nach drei Wochen ist das einzige, was die Leute von dem Burger wissen, dass man Haarausfall bekommen kann, wenn man zuviel davon isst. Was würde der Chef mit diesem Mitarbeiter wohl tun? Ich weiß nicht, ob Sie Herr Röttgen, Sie Herr Brüderle oder von mir aus die Kanzlerin oder gleich die ganze EU für diese Zapfsäulen-Chaos verantwortlich sind. Es ist mir auch egal. Aber wenn ich so was sehe, dann denke ich mir echt, dass ein paar von Euch besser Cheeseburger braten gehen sollten, als weiterhin in Berlin Käse zu produzieren.

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