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Wir wissen nicht viel und doch genug von Mark in „Nettetal/Germany“, der sich in Twitter @JO31DH nennt. Mark gibt es tausendfach in Deutschland, und es wird ihn bald millionenfach in unserem Land geben.

„Mark“ kann jeder Mensch sein, der einen PC oder etwa ein iPhone hat, mit dem Internet verbunden ist und diese Technik nicht nur für Wiki, ebay & Co. nutzt, sondern damit einen Status erlangt, der bis vor wenigen Jahren nach einem oft zitierten Wort des Publizisten Paul Sehte von 1965 noch die Freiheit von „zweihundert reichen Leuten“ war: „Meinung verbreiten“. Sich dabei auf Pressefreiheit berufen. Senden.

Mark braucht keine millionenteuren Rotationsmaschinen oder schwer zu ergatternden Sendelizenzen. Mark braucht nur das Internet. Mark hat einen Blog namens JO31DH | 2009 („Mein ganz eigener Blick in die Welt“). Und er twittert unter dem Account @JO31DH. Mark sendet. In alle Welt. An jeden, der seine Aussendungen empfangen will. Von keinem beraten, von keinem begleitet, von keinem kontrolliert. So ist das heute halt, so ist Web2.0. Millionen von Menschen, die jahrzehntelang immer nur Empfänger von Botschaften waren, können jetzt selber Sender werden. Können sich verbreiten. Können die lange so elitäre Pressefreiheit auch für sich reklamieren. Und keine Macht der Erde wird sie mehr daran hindern können.

Doch keine Bange, Sittenwächter: Marks Blog muss, wie so viele seiner Gattung, niemanden beunruhigen. Mark macht Baustellen-Fotos vom „Umbau in Lobberich“ und stellt diese in flickr. Er bekennt sich dazu, Fan von Borussia Mönchengladbach zu sein. Oder er teilt der Welt am 17. August mit, dass er die die erste Morningshow von „Giel“ aus dem Studio von 3FM in Hilversum als Podcast gehört hat.

In Twitter wird Mark am 26. Juni diesen Jahres aktiv – auch hier als @JO31DH. Mark ist nämlich, wie er der WWWelt in seinem Blog offenbart, Amateurfunker. Und bei JO31DH handelt es sich um einen „Locator“, mit dem sich Funker verorten.

Der erste Tweet von @JO31DH wird, wie fast alle ersten Tweets, eher nicht in die Mediengeschichte eingehen: „Auf Deluxe Music TV läuft gerade ein Michael Jackson Spezial!“, teilt uns Mark am 26. Juli um 8.54 Uhr mit. Danach regiert bei @JO31DH eher Normalität als Ausnahmezustand. Am 10. August sendet Mark: „Das ICQ ist mal wieder ausgefallen. Ich kann nicht connecten.“ Am 15. August kommt Mark „zuürck aus Bad Honnef mit Sonnenbrand und über 35° Hitze. Puhhh“. Einen Tag später immerhin „FKK Sonnen auf dem Balkon…auch ne schöne Sache. Allerdings ohne Bierchen“. Ein paar Stunden später setzt der twitternde Funker folgende Nachricht in die Welt: „Scheisse Kein Bier im Haus und ich Brand“.

Am 18. August aber bekommt @JO31DH ganz anderes zu senden. Schon morgens Ungewöhnliches: Er bringt noch vor Morgengrauen Freunde „am Düsseldorfer Flughafen zum Flieger“. Zuhause bloggt Mark, „wie toll die Gebäude ausgeleuchtet sind“ und dass er „nicht viel geschlafen“ hat. *gähn* heißt es in Marks Blog, in Twitter informiert er rund 70 Follower: „Ich bin feddisch und Müde. Gleich gibts Salat!“, „ich muss jetzt dringend Schlaf nachholen von Heute Nacht.“.

Doch zum Schlafen kommt Mark an diesem Tag nicht. Stattdessen schreibt er ungewollt ein kleines, schmutziges Kapitel Mediengeschichte. In vielen Fortsetzungen. Das kann er, weil am Nachmittag im 15 Kilometer entfernten niederrheinischen Schwalmtal ein in Scheidung lebender Familienvater (das war der unzutreffende Nachrichtenstand am Tat-Abend) 71-Jähriger durchdreht und im Haus seiner Tochter, das wegen Scheidung verkauft werden soll, um sich schießt – und JO31DH dem Geschehen von Nettetal aus via Polizeifunk folgt.

Solches Beobachten an sich ist nicht neu: Seit Jahrzehnten verfolgen Funkvoyeure vielerlei Gattungen die Banalitäten und Ausnahmelagen der Polizei auf diesem Weg – auch bei Medien. Neu aber ist, was Menschen wie Mark mit den Instrumenten des Web2.0 daraus machen: @JO31DH stenografiert den abgehörten Polizeieinsatz via Twitter gleichsam mit – für alle Welt abruf- und verfolgbar.

Mark ist dabei, wenn man nur den Zeitfaktor bewertet, richtig gut. Er ist schneller als dpa. Vor allen Medienprofis twittert er: „Gerade auf dem Polizeifunk: Täter mit Schusswaffe vor einem Haus. Polizei rollt!“ dpa bestätigt Marks Nachricht um 18.22 Uhr per Eilmeldung mit Prio 2: „Amoklauf am Niederrhein – vermutlich mehrere Opfer“. dpa nennt auch den Tatort Schwalmtal – und setzt damit einen Prozess in Gang, der in solchen Fällen in der Medienbranche wie in der Twitterszene Standard geworden ist: Suche in Twitter nach dem Ort eines spektakulären Geschehens – und du findest dazu etwas. Immer.

Wer am frühen Abend des 18. August nach Schwalmtal sucht, landet schnell bei @JO31DH – der nun nicht mehr über Balkon-FKK, Biermangel und Müdigkeit twittern muss, sondern Aufregendes verkünden kann. Im Minutentakt macht er öffentlich, was die Polizei intern bespricht, um das Leben der Menschen zu retten, die von einem verzweifelten Bewaffneten bedroht werden. @JO31DH schießt seine Tweets wie in einem Live-Ticker im Dutzend ab: „Polizei gibt im Amoklauf Notvarianten 1 und 2 Frei | 1. Toter im Amoklauf bestätigt | Das SEK ist eingetroffen am Einsatzort. | Die Kräftesammelstädte wird verlager in die hermmann-Löh-Str. in Amern | Der Hubschrauber wird auf dem Pletschweg landen N24 der Nachichtensender ist auch jetzt in Schwalmtal.“

Der Amateurfunker aus Nettetal/Germany wird damit zum Star im Warhol’schen Sinne – deutlich länger als 15 Minuten. Viele Medien, darunter auch die Rhein-Zeitung, werden via Twitter auf die fast minütlich perlenden Tweets von @JO31DH aufmerksam. @rheinzeitung twittert ebenso früh wie neutral: „Es gibt jemanden, der vermeintlich (? – überprüfen können wir das ja nicht) von dort twittert: @JO31DH“, @DerWesten gibt die Meldung weiter: „@JO31DH scheint aus Schwalmtal zu twittern. (via @rheinzeitung)“. Meine Redaktion will die Quelle bewerten können, wir kontakten @JO31DH. Der teilt bereitwillig mit: „ich bin am Funk gebe gerne Infos auch per Telefon“. Währenddessen wird die von ihm ausgelöste Twitter-Lawine immer größer. @haz verbreitet: „Wir lesen interessiert, was @JO31DH über seine angeblichen Beobachtungen in Schwalmtal schreibt“, @weltkompakt leitet diesen Tweet weiter. Zehntausende Empfänger der Tweets dieser Medien wissen jetzt vom Drama in Schwalmtal – und dem beklemmenden Live-Ticker des twitternden Amateurfunkers aus Nettetal.

Bemerkenswert rasch reflektiert „der Schwarm“ der vielen Mitleser das Nachrichtenschleudern des Twitterers @JO31DH. Ein @DennisSchaeffer von der Uni Bielefeld etwa postet umgehend: „Jeder bekommt irgendwann sein 15min Ruhm: @JO31DH aus dem Schwalmtal #Amoklauf #live“. @teutoburger, ein Journalist aus München, schüttelt es: „Jetzt sind schon die Twitterer mediengeil.“ @Lexy85 twittert @JO31DH zu: „Du weißt das das Abhören und vor allem Weitergeben von Infos des POL-Funkes den Staatsanwalt auf den Plan ruft?“, schiebt wenig später den Tipp nach: „Nur mal so als Anmerkung….noch kannste Tweets löschen!“. @lucky1306, „SAP’ler und Iphoniac“, ätzt ins 140-Zeichen-Feld: „So ne Sensationsgier widert mich an! Also gibt’s die #Gaffer auch bei #Twitter“. @timschlueter (Twitter-Bio: „Liest und schreibt über Journalismus- u. Medienentwicklung 1.0 – 2.0“) überlässt dem Empfänger das Urteil: „Neue Öffentlichkeit: Eine #Geiselnahme in #Schwalmtal sieht dann so aus: @JO31DH (werten Sie selbst)“.

Wiederum parallel dazu versuchen Medien, auf die Amateurfunker-Sendeanstalt in Nettetal einzuwirken. Als erster gibt @PhilippOstrop von den Ruhr-Nachrichten zu bedenken; „Falls in #Schwalmtal wirklich eine Geiselnahme läuft, kann der Täter bei @JO31DH mitlesen, was die Polizei gerade tut. Ob das wohl gut ist?“. Desk-Kollegen meiner Zeitung appellieren an @JO31DH via Twitter, „mit evtl. einsatztaktischen Dingen via Twitter zurückhaltender zu sein.“

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@JO31DH hört derweil weiter Polizeifunk – und twittert anfangs trotzig unvermindert: „es werden keine tweets gelöscht ich werde weiterhin live berichten!!“. Wenn der Täter die Tweets mitlesen könnte, wäre das „mist aber ich sehe mich nicht in der Verantwortung.“ Den „Liebe Zweifler Medienfreiheit contra Polizeieinsatz“ twittert er zu: Schaut erst mal zu den Teams vor Ort. Die machem mehr Mist…“. Wenig später aber zeigt sich @JO31DH doch einsichtig: „um das Leben der Geiseln nicht zu gefährden werd ich ab sofort keine maßnahmen der polizei bekannt geben”, erfahren die immer mehr werdenden Mitleser.

Sendeschluss ist in Nettetal aber noch lange nicht. Erst bringt @JO31DH die Polizeiaktion zu Ende: „SEK hat Teilerfolg in der geiselnahme. Täter hat Fenster geöffnet“, „so mal für alle die geiselnahme ist beendet es gab 3 tote ich klink mich aus danke fürs interesse.“ Doch von Ausklinken kann für Mark mit dem „Locator“-Namen keine Rede sein: Wie im Web2.0 in solchen Fällen üblich, schwillt dort rasch eine harsche Debatte über den Live-Tweet des Polizeifunk-Abhörers an. Manche Twitterer stellen Fragen, andere verurteilen Mark, viele diskutieren ohne @JO31DH über @JO31DH. Der verfolgt die Diskussion, wirft sich wieder in den Twitterstrom – und verrät dabei entlarvend viel über sich und sein Selbstverständnis: „Mich interessert es nicht ob ich Polizeifunk hören darf oder nicht ich bin Presse ich nehm mir die Freiheit. | ich tituliere mich als Presse. Reicht doch…und jetzt Maul zu | ich werde weiterhin Polizei und Notruf Funk Illegal abhören und hier posten und wer was dagegen hat bekommt auf die Fresse! | egal ich hab meine 770 Besucher. Alles andere ist egal“.

Doch offenbar überfordert die digitale Welle den selbstbewussten Sendungsbewussten: Als ein junger Twitterer ihn peinlich nennt und jeden journalistischen Anspruch abspricht, schießt der Berichterstatter über den Schusswaffeneinsatz in Schwalmtal brutal zurück: „Geh sterben.“jemue

Der junge Kritiker wird nicht sterben, und der Amateurfunker aus Nettetal wird ganz gewiss nicht „Presse“ werden. In Medienblogs in den nächsten Tagen (so Philipp Ostrop bereits in seinem Ostrop-Blog) und auf Medienforen in den nächsten Monaten aber wird @JO31DH weiter Thema sein. An den Desks von Zeitungen und Onlineredaktionen wird er gar Stammgast werden – kurz unter diesem, auf Sicht mit ganz anderen, immer wieder neuen Namen: Als Typus eines neuen Mitspielers bei zunehmend mehr medialen Anlässen.

Die Zeiten, in denen nur ausgebildete Journalisten über Ausnahmefälle wie Geiselnahmen und Amokläufe, aber auch über Wahlkämpfe und Skandale berichteten, sind vorbei. Jeder Empfänger kann senden – alles und an immer mehr. Der Amateur, der sich für Presse hält und nach seiner ganz persönlichen Lesart wie Presse verhält, wird zum alltäglichen Begleiter jedes öffentlichen Geschehens werden. Und auch zum Begleiter vieler Medienschaffender. Als Korrektiv, als Konkurrent, als Ansporn, als Quelle. Aber auch als wechselseitiges Unterscheidungsmerkmal. Vielleicht sogar als Beleg dafür, dass Qualitätsmedien Geld kosten müssen. Und ihren Preis wert sind.

Das Familiendrama in Schwalmtal wie seine mediale Begleitung im Web haben einmal mehr gezeigt: Jede Form von Publizieren – seien es nun Tweets eines Solisten oder komplexe Organisationen wie eine Zeitung oder ein Online-Auftritt eines Medienhauses – braucht eben mehr als nur Technik, die das Verbreiten von Texten und Bildern ermöglicht. Gesunder Menschenverstand bleibt Basis für Berichterstattung. Ausbildung wird noch wichtiger für Journalismus werden. Das Justieren jeden Publizierens war, ist und bleibt eh unverändert erforderlich. Und Wertmaßstäbe für das Publizieren werden immer unverzichtbar sein – jenseits aller Übertragungsraten, Clickraten, Auflagenentwicklungen und Followerzahlen.



Post Scriptum (1):

Heute Nacht hat der Amateurfunker aus Nettetal seinen Twitteraccount @JO31DH gelöscht. Seiner Tweets zu dem Amoklauf indes werden wegen der vielen Retweets und Kommentierungen für immer im Netz bleiben.

Post Scriptum (2):

Mehrere Journalisten und / oder Beobachter der Medienszene haben ebenfalls zeitnah über das Polizeifunk-Twittern des Amateurfunkers aus Nettetal zum Amoklauf in Schwalmtal gebloggt.

Marcus Schwarze, Journalist bei der Hannoverschen Allgemein Zeitung, in Twitter unter @homofaber und auch für @haz aktiv, beschreibt in seinem Blog homofaber.com „Das Dilemma“ der Journalisten in solchen Fällen.

Philipp Ostrop, Regiodesk-Chef bei den Ruhr-Nachrichten und unter @PhilippOstrop intensiver Twitterer, verdichtet die Thematik in seinem Ostroplog unter der fragenden Zeile „Gladbeck reloaded?“

Tim Schlüter, TV- und Event-Moderator sowie Trainer, in Twitter @timschlueter, nennt den Fall in seinem Blog namens Tim Schlüter ein „Lehrstück Geiselnahme“ – und nennt „drei Dinge, die wir von Live-Twitterer @JO31DH lernen können“.

Post Scriptum (3):

RP Online meldet am 21. August: „Die Polizei hat inzwischen den Mann geortet und identifiziert, der während des SEK-Einsatzes in Amern den Polizeifunk abgehört und Funksprüche umgehend im Internet über das Medium Twitter veröffentlich hatte. Gegen den Nettetaler wird nun ein Strafverfahren eingeleitet. Laut Polizei habe der Mann den Zugriff allerdings nicht gefährdet, weil das SEK über abhörsichere Handys kommuniziere.”

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