Es volobloggt Stefanie Helsper

“Für mich ist es nicht immer angenehm, 29 Jahre alt zu sein, eine Frau und Politikjournalistin“, schreibt Stern-Reporterin Laura Himmelreich in ihrem Porträt über Rainer Brüderle.

Auch ich bin 29, eine Frau und Journalistin. Und ich muss sagen:  Das ist meistens ziemlich angenehm.

Nun hatte ich bisher nicht das Vergnügen, nachts  mit Rainer Brüderle an der Hotelbar zu stehen. Aber auch ich treffe natürlich ständig Politiker, Funktionäre – und Männer im Allgemeinen.

Sprüche und kleine Schmeicheleien bleiben da nicht aus, ich kann sie aber ganz gut ab. Ich schäkere sogar für mein Leben gern. Wenn dabei einer die Grenze des guten Geschmacks übersieht, zumal beschwipst und zu fortgeschrittener Stunde,  bitte, ich kann damit leben – solange mein Gegenüber mir dabei nicht zu nahe kommt.  Wenn es zu dicke kommt,  kann ich mich wehren, Avancen zurückweisen und  deutlich sagen, wenn ich mich in meiner Professionalität nicht ernst genommen fühle.

Aus solchen, wenn auch unangenehmen oder lästigen, Situationen aber zu schließen, dass ich als Frau häufig respektlos behandelt oder auf meine weiblichen Qualitäten reduziert würde, ist falsch.

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Flossen weg! So deutlich ist Sexismus oft gar nicht. Es geht viel perfider. (dpa)

Das viel größere Problem ist, wenn es um Sexismus geht, für mich ein anderes. Schwierig und besonders unangenehm wird es dann, wenn es um Abhängigkeitsverhältnisse geht.  Einige Beispiele aus Jahren, in denen ich eine noch jüngere Journalistin war:

Da erzählt mir der Redakteur in meinem Praktikum nach Feierabend beim Bier freudig, ich habe ihn doch „anmachen“ wollen, als ich mich über den Schreibtisch beugte. Da fragt mich der Uni-Dozent via SMS – die Nummer hat er sich wohl am Institut besorgt – „Wollen wir unsere anregende Unterhaltung nicht unter vier Augen fortsetzen?“  Und derselbe Dozent benotet später meine Hausarbeit, nachdem ich ihm nach weiteren SMS in seiner Sprechstunde zu verstehen gegeben habe, dass er mich in Ruhe lassen soll. Da macht der betrunkene Vorgesetzte mir beim Betriebsfest Komplimente und legt mir schließlich seine Hand auf den Oberschenkel.

Dann ist es nicht mehr angenehm, eine junge berufstätige Frau zu sein.

Es geht für mich nicht um Altherrenwitze, denn  denen fühle ich mich emanzipatorisch gewachsen, und ich konnte mich bislang stets darüber hinweg setzen. Es geht um Belästigungen, die in einem Machtverhältnis geschehen und die Frauen in die Lage bringen, die Dinge irgendwie über sich ergehen lassen zu müssen – oder schlimmer: durch die Frauen Nachteile fürchten oder verspüren, wenn sie sich wehren. Darüber zu reden, ist wichtig und längst überfällig.

Was aber hat die Stern-Reporterin von Rainer Brüderle, der für seine Weinköniginnen-Küsse fast berühmter ist als für seine Steuerpolitik, erwartet? Ist die Rollenverteilung wirklich so: Er der Machtpolitiker, sie das junge Opfer?  Alte Männer, die sich im Flirten mit jungen Frauen versuchen, sind meistens einfach peinlich und hoffentlich nur selten wirklich zudringlich.

Die Stern-Kollegin, sie konnte gehen, ihre Fragen am nächsten Tag stellen und ihren Job trotzdem gut machen. Es gibt also aus meiner Sicht Schlimmeres. Aber weil das Gott sei Dank nicht jeden Tag passiert, sondern ganz viele Kollegen und Gesprächspartner mir mit Respekt begegnen, ist es meistens ziemlich angenehm, 29 Jahre, Frau und Journalistin zu sein.