So klingen gute Nachrichten: “Die Rauchverbote in Kneipen und öffentlichen Gebäuden haben zu einem unerwartet deutlichen Rückgang von Herzinfarkten geführt. In Europa und Nordamerika ging die Zahl der Infarkte um bis zu ein Drittel zurück, wie aus zwei Studien hervorgeht.” Eine britische Nachrichtenagentur verbreitete diese Meldung, dpa schickte sie der deutschen Presse auf den Ticker.

Die Entfernung des Suchtzentrums nach der Methode Hieronymus Bosch.

Die Entfernung des Suchtzentrums nach der Methode Hieronymus Bosch, ausgeführt von Schwester Sabine.

In den Studien wird behauptet, das allgemeine Rauchverbot habe in Irland, Schottland und in einigen US-Städten zu einem Rückgang der Herzinfarkte durch Passivrauchen von 11 bis annähernd 50 Prozent geführt. Schon nach drei Monaten Rauchverboten (”smoking bans”) ließen sich positive Trends nachweisen, nach einem Jahr sogar deutliche Effekte. Ein Mediziner versteigt sich zu der  Behauptung, schon geringste Mengen Rauch in der Luft könnten Herzinfarkte auslösen. Er spricht sich daher für Rauchverbote in öffentlichen Parks aus. Überspitzt gefragt: Lässt der Anblick einer qualmenden Zigarette manchen Nichtraucher tot umfallen?

Ich hatte nach dem Lesen erhebliche Zweifel und habe versucht, kritische Stimmen zu den Untersuchungen zu finden. Das war schwierig. Zwar haben dutzende Zeitungen und Onlinedienste die Meldung veröffentlicht, aber nirgends findet sich eine kritische Anmerkung, niemand hat sie hinterfragt oder nachrecherchiert. Erst nach etlichen Stunden fand ich eine kritische Analyse  ähnlicher Studien aus den Vorjahren: im Web-Auftritt des “Netzwerk Rauchen e.V.“  Der Verein “will insbesondere sicherstellen, dass der Umgang mit Tabakrauch im Lichte korrekter, sachlicher und glaubwürdiger Informationen erfolgt”, heisst es in der Selbstdarstellung. Dort steht auch, man  nehme keine Spenden der Tabakindustrie an. Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen. Aber ich sehe interessante Fakten, die sich nachprüfen lassen.

Paradebeispiel der Verteidiger qualmfreier Luft ist Irland. Dort wurde der “Smoking Ban” bereits am 29. März 2004 wirksam. Auch die Bundesdrogenbeauftrage, Sabine Bätzing, behauptete, “so hat die Zahl der Herzinfarkte in Irland seit dem Rauchverbot um elf Prozent abgenommen.” Da hat sie Recht, bloß: dieser Abwärtstrend bestand bereits vor dem Rauchverbot!

coronar_scotland_irland

Tot durch Herzinfarkt in Schottland und Irland

Die Daten für das nebenstehende Diagramm habe ich aus Zahlen der amtlichen Statistik des “Central Statistics Office Ireland” (blau) bzw. der schottischen “Information Services Division” (rot) hergestellt. Sie stellen die Todesfälle durch Herzinfarkte dar und entsprechen übrigens genau den Zahlen des “Netzwerks Rauchen”. Sie zeigen einen deutlichen Abwärtstrend bei der Zahl der Herzinfarkt-Toten in Irland und Schottland auf. Sie zeigen auch: Nach Einführung der Rauchverbote änderte sich: gar nichts!

Eine der beiden sensationellen neuen Studien ist bereits im Original veröffentlicht und kann (für 15 US-$) eingesehen werden. In ihr kommt Irland nur am Rande vor. Schottland wird dagegen als Musterfall bezeichnet. Man wertete eine Untersuchung aus, die Herzinfarkte zehn Monate vor dem dortigen Rauchverbot im März 2006 und zehn Monate danach erfasst. Danach sind die Infarkte um 17% zurückgegangen, Nichtraucher sollen stärker (21%) profitiert haben als Ex- (19%) und aktive Raucher (14%). Weil das vom Körper aufgenommene Nikotin als Stoffwechselprodukt “Cotinin” im Blut gemessen werden kann und dessen Serum-Spiegel bei den Patienten im gleichen Zeitraum um 18% sank, spricht die Studie von einer 98%igen Übereinstimmung und schließt auf die Gefährlichkeit des Passivrauches.

Die amtlichen Fallzahlen akuter Infarke aus Schottland

Die amtlichen Fallzahlen akuter Infarke aus Schottland

Aber warum spiegeln die offiziellen Zahlen diese Raten nicht wider? Lügen die amtlichen Statistiker oder mogeln die Forscher der neuen Studien? Es wäre vermessen, das hier beurteilen zu wollen. Aber Ungereimtheiten sind sichtbar: Die schottische Untersuchung behauptet, etwa zwei Drittel aller Infarkte-Vorfälle im genannten Zeitraum zu umfassen. Diese Zahlen, 3235 Fälle in den zehn Monaten vor und 2684 in zehn Monaten nach dem Rauchbann, stimmen aber nicht mit der amtlichen Statistik überein. Die amtliche Fallstatistik zählte im Jahr 2006  ca. 11.000 Vorfälle und zeigt sich unbeeindruckt vom Rauchverbot: Die Fallzahl sinkt vor dem März 2006 genauso stark wie nachher.

Die Studie erwähnt nur in wenigen Sätzen mögliche biochemische Ursachen für die vehement behauptete Schädigung der Passivraucher. Die betreffenden Referenzen sind alt, die meisten stammen aus den 1980er und 90er Jahren. Deswegen müssen sie natürlich nicht falsch sein, aber noch heute gehen die meisten Mediziner davon aus, dass Raucher ihre Gesundheit langsam (aber sicher) zu Grunde richten und nicht in wenigen Monaten.

Dass sogar ganz geringe Dosen Nikotin beim Passivraucher einen Spontaninfarkt auslösen, mag man kaum glauben, wenn man langjährige Raucher beobachten, die sich täglich ihre Megadosis “einpfeifen”. Nun wäre das nicht der erste Fall, wo wie Wissenschaft zu besseren Ergebnissen kommt, als der “gesunde Menschenverstand”. Mir scheint aber die Beweislage aus drei Gründen zu dünn:

  1. Wie oben an den Fällen Schottland und Irland gezeigt, zeigen die amtlichen Statistiken keinen Effekt des Raucherbanns. In anderen zitierten Fällen scheint mir die statistische Basis sehr spärlich zu sein.
  2. Nichtraucher waren schon einige Jahren vor dem Rauchverbot nur noch an wenigen Orten ihres  Alltagslebens dem Blauen Dunst ausgesetzt: vor allen Dingen in Kneipen und Restaurants, wo die meisten Menschen nur einen kleinen Teil ihres Lebens verbringen. Die Zeiten, wo überall ständig “gequarzt” werden konnte, sind nämlich (zum Glück) schon länger vorbei. Öffentliche Verkehrsmittel, Behörden und andere öffentliche Gebäude waren schon vor dem Generalverbot Tabu, von Raucherzonen abgesehen, wo man Nichtraucher nicht erwartet.  Tatsächlich zeigen die Statistiken auch einen stetigen Rückgang der Infarkte,  wohl aus dem Grund, dass die beiden Hauptursachen (1) überhöhte Blutfettwerte und (2) Rauchen – nicht erst seit gestern konsequent bekämpft werden.
  3. Die beiden Sensations-Studien sind nur “Meta-Studien”. Die Herren Doktoren haben lediglich andere Untersuchungen “zusammengegoogelt”, sie statistisch normalisiert, verrührt und verrechnet und gewichtet. Medizinisch geforscht haben sie selbst nicht. So gesehen, gab es viel neuen Zahlensalat aus altem Gemüse.

Ich lasse mich erst überzeugen, wenn die biochemischen Ursachen dieses “homöopathischen” Phänomens gefunden worden sind.

Tags:, , ,