Von sechs Zeilen zum Dönhoff-Preis
06. Dezember, 2009 von Christian Lindner
Freude und auch Stolz bei der Rhein-Zeitung: Unsere junge Kollegin Denise Bergfeld, eine unserer Volontärinnen, hat einen der hochrangigsten Journalistenpreise in Deutschland gewonnen: Die Robert Bosch Stiftung (Stuttgart) hat ihr den Marion-Dönhoff-Förderpreis zuerkannt.
Die große „Zeit“-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff gab noch zu Lebzeiten ihren Namen für den Preis, den die Robert Bosch Stiftung gestiftet hat – für junge Journalisten bei Zeitungen oder Zeitschriften, die hervorragende Medienbeiträge zum Thema „Bürgerschaftliches Engagement“ geschrieben haben. Der Preis, der an Journalisten bis 30 Jahre verliehen wird, ist mit 5000 Euro dotiert.
Preisträgerin Denise Bergfeld hat an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg in St. Augustin Technikjournalismus studiert. Seit 2008 volontiert die Diplom-Journalistin/FH in Koblenz bei der Rhein-Zeitung. Der Beitrag, für den sie an diesem Samstag in Stuttgart den namhaften Preis entgegennehmen konnte, war eine lange, einfühlsame Reportage über das Wirken des Koblenzer Vereins Tecum. Diese im Stillen arbeitende Initiative begleitet seit vielen Jahren Menschen, die einen Suizidversuch hinter sich haben oder daran denken, sich das Leben zu nehmen. Tecum hilft aber auch Menschen, die jemand Nahestehenden durch Suizid verloren oder wegen Suizidgefahr Angst um Angehörige, Freunde, Kollegen oder Mitschüler haben.

Die preisgekrönte Seite von Denise Bergfeld.
Wir bei der Rhein-Zeitung freuen uns auch deshalb sehr mit unserer begabten Kollegin, weil damit indirekt gleich mehrere Aspekte unserer redaktionellen Arbeit anerkannt werden. So stehen auch jungen Kolleginnen und Kollegen unserer Redaktion die prominentesten Plätze unserer Zeitung offen. Einzige Voraussetzung: Ihr Thema und ihr Text müssen gut sein. So erschien die Reportage von Denise Bergfeld mit dem Titel „Marthes langer Weg zurück ins Leben“ im Mai auf der ersten Seite unseres Wochenend-Journals – unserem besten und wichtigsten Platz für Reportagen zu relevanten Themen.
Noch mehr Freude bereitet uns der Preis, weil die ausgezeichnete Geschichte von Denise Bergfeld einer ganz besonderen Form von Ausbildung entsprang. Meine Kollegin Regina Theunissen, die sich seit vielen Jahren um die Ausbildung unserer Volontäre kümmert, hatte unserer Lehrredaktion einige Wochen vor der Veröffentlichung der bewegenden Geschichte von Marthe eine spannende Aufgabe gestellt: Unsere 18 Volontäre hatten bei einem internen Workshop zum Aufspüren von lohnenden Reportagethemen eine unserer Lokalausgaben zu durchforsten. Das Gespür von Denise Bergfeld bestätigte dabei die These unserer Volontärsausbilderin, dass in jeder Lokalausgabe Dutzende von vertiefenden Themenansätzen stecken – wenn man nur mit journalistischem Blick hinschaut. Alle Volontäre wurden in diesem Sinne fündig – Denise Bergfeld sogar an einem Platz der Zeitung, der dafür auf den ersten Blick eher unergiebig erscheint: In der Rubrik „Hilfe & Notfall“ auf Seite 2 des Lokalteils Cochem weckten sechs dürre Zeilen ihr Interesse. „Tecum, Verein zur Betreuung selbstmordgefährdeter Menschen: Gesprächsangebot…“ stand da. Einige karge Zeitangaben und eine Koblenzer Telefonnummer folgten diesen spärlichen Angaben, mehr nicht.

Die Rubrik von Tecum in der Rhein-Zeitung.
Die sechs Zeilen reichten aber aus, um das Interesse von Denise Bergfeld zu wecken. Sie wollte wissen, was es mit Tecum auf sich hatte. Neben ihrem guten Gespür aber war auch ihr langer Atem gefragt: Erst nach mehreren Gesprächen mit Vertretern des Vereins hatte sie dessen Vertrauen erworben, und erst dann ermöglichte ihr Tecum ein Treffen mit Marthe – einer jungen Frau, deren Schwester sich mit 15 Jahren das Leben genommen hatte und die dadurch selbst in eine tiefe Krise gestürzt war. Auch zu Marthe musste Denise Bergfeld erst Vertrauen aufbauen, bevor sie sich ihr öffnete – und das erzählte, was unsere damals 28 Jahre junge Kollegin dann zu einem Text verwob, der erst uns und nun auch die Jury des Marion-Dönhoff-Förderpreis „tief beeindruckte“ (Jury-Vorsitzender Gerd Appenzeller, Redaktionsdirektor des Berliner „Tagesspiegel“).
Wir freuen uns mit Denise Bergfeld – und werten den Preis auch als Auszeichnung für eine gute Volontärs-Ausbildung, die begabten jungen Journalisten wichtige Plätze in unserer Zeitung wie auch Chancen in unserer Redaktion eröffnet. Mehr noch: Wir sehen in dem Marion-Dönhoff-Förderpreis auch eine Bestätigung für die These, dass Lokalredaktionen und Regionalzeitungen unverändert ein hervorragender Ort sind, um guten Journalismus zu lernen – vorausgesetzt, Ausbildung hat dort den nötigen Stellenwert.
Post Scriptum: Das Volontariat von Denise Bergfeld endet mit Ablauf dieses Monats. Die Rhein-Zeitung wird sie als Redakteurin übernehmen – wie auch andere junge Journalisten ihres Volontärsjahrganges, auf den wir insgesamt stolz sind.
06 Dezember 2009 um 22:46 Uhr
Herzlichen Glückwunsch an die junge Kollegin Denise Bergfeld, aber auch an die Chefredaktion und Regina Theunissen. Hier ist hervorragende Arbeit mit einem renommierten Preis belohnt worden. Der preisgekrönte Beitrag ist ein Beispiel dafür, was guten Lokaljournalismus ausmacht: nachfragen, die Sorgen und Nöte der Menschen aufgreifen, aufklären und helfen. Freut mich total für die RZ. Weiter so.
07 Dezember 2009 um 07:49 Uhr
Ja – endlich mal jemand, der etwas in die Tiefe geht.
Wo doch so viel halligalli ist.
07 Dezember 2009 um 11:06 Uhr
@Stefan: Ich wage mal die These, dass in (fast) jeder deutschen Regionalzeitung mehr Tiefgehendes steckt, als gemeinhin angenommen wird. Kann aber sein, dass wir Regionalzeitungsmacher diesen Tiefgang besser betonen oder die Menge des Flachen reduzieren müssen.
07 Dezember 2009 um 12:18 Uhr
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Christian Lindner, Rhein-Zeitung/Kultur erwähnt. Rhein-Zeitung/Kultur sagte: RT @rheinzeitung: Wer wissen will, wie aus sechs Zeilen ein #Journalistenpreis werden kann: @RZChefredakteur erklärt´s: http://bit.ly/4zOIJs [...]
07 Dezember 2009 um 12:42 Uhr
Gratulation an Frau Bergfeld und ihr Gespür für Menschlichkeit, an Frau Theunissen und ihr Gespür für gute Journalisten-Ausbildung, an Christian Lindner und sein Gespür für Zukunft mit Tiefgang. Tolles Team. Tolle Rhein-Zeitung.
07 Dezember 2009 um 13:12 Uhr
Social comments and analytics for this post…
This post was mentioned on Twitter by RZChefredakteur: Gebloggt: Wie aus 6 Zeilen Standard ein Journalistenpreis werden kann: http://ow.ly/Js4U #Volontariat #Lehrredaktion…
07 Dezember 2009 um 16:51 Uhr
@Christian:
Ich denke, dass die Regionalzeitungen am Tiefgang mehr arbeiten müssen als Spiegel und Co. Oft werden ja die Texte den Redaktionen schon vorgeschrieben!
Und hier in Mainz ist es (auch) bei der MRZ besonders problematisch – weshalb ja auch die Zahl der verkauften Auflage in den letzten Jahren von 12.000 auf 8.000 zurückging.
07 Dezember 2009 um 16:54 Uhr
???????????????
Heute Mittag stand hier ein Interview mit der neuen Familienministerin????????????
Und wo ist das nun????????????
Ist da die freie Presse wieder einmal eingeknickt???????
Oder gibt es juristische Gründe – und warum hat der Autor Lindner die vorher nicht beachtet????????
Oder oder??????
07 Dezember 2009 um 16:59 Uhr
Zum verschwundenen Köhlerinterview:
Es ging da wohl nicht um das geschönte offizielle Interview
http://rhein-zeitung.de/on/09/12/07/newstt3/t/rzo647295.html
sondern um das Interview wie es ursprünglich gegeben wurde.
Aber noch ohne Autorisierung??
Ich warte auf ein Blog dazu von Herrn Lindner!
07 Dezember 2009 um 17:03 Uhr
Zurück zur Volontärin.
Hier auch ein Lob:
http://rhein-zeitung.de/forum/read.php?f=3378&i=24&t=2
08 Dezember 2009 um 11:37 Uhr
@Lindner:
Ich (und wir?) warte(n) noch auf Rückmeldung in Sachen Interviewabdruckcancelling Köhler.
Und wenn Sie mir den gecancellten Beitrag bzw. das Urinterview bitte senden können an bigstefan2@gmx.net.
Herzlichen Dank
der mit dem Usernamen Stefan
08 Dezember 2009 um 16:28 Uhr
Hallo lieber Herr Lindner – bitte kurze Rückmeldung!
08 Dezember 2009 um 20:38 Uhr
@Lindner:
Und wenn Sie nur sagen dass Sie nix sagen dürfen, wollen, können. Aber ich bzw. wir würden uns schon über eine Rückmeldung freuen. Es geht hier wohl um Pressefreiheit (und Parteiendemokratur)!
09 Dezember 2009 um 13:45 Uhr
@Stefan: Ich bitte noch um etwas Geduld. Ich habe ein Zeitproblem.
09 Dezember 2009 um 13:53 Uhr
@Lindner:
Danke herzlich für die Zwischeninfo!
13 Dezember 2009 um 12:32 Uhr
Auch am Wochenende ein Zeitproblem?
Was bin ich froh dass ich nicht Chefredakteur bin.
Bis die Tage.
14 Dezember 2009 um 11:10 Uhr
ich habe bereits mehrere Beiträge von Denise Bergfeld gelesen. Ich fand die Beiträge immer gut recherchiert und und von sehr guter journalistischer Qualität. Daher herzlichen Glückwunsch zu der Auszeichnung, vor allem weil der Artikel der prämiert wurde, auch mich sehr berührt hat. Leider muss ich feststellen, dass seit einiger Zeit keine Artikel von Frau Bergfeld mehr veröffentlicht werden und hoffe daher, dass bald wieder die sehr guten Reportagen von Frau Bergfeld in Ihrer Zeitung erscheinen werden.
18 Dezember 2009 um 07:38 Uhr
@Lindner:
Ich warte noch auf Erklärung, warum ein Interview mit Frau Minister Köhler hier entfernt wurde.
Ansonsten arbeitsreichen Tag.
18 Dezember 2009 um 14:58 Uhr
Ich warte auf Antwort warum keine Beiträge mehr von Denise Bergfeld erscheinen.
Bis dann
18 Dezember 2009 um 15:18 Uhr
@Berger:
wohl zu teuer geworden.