Verdacht auf Thrombose

21. Januar

Anke, die Hospizdienstchefin, ruft mich an und erzählt mir, dass Birgit im Krankenhaus liegt. Verdacht auf Thrombose. Auch das noch. Bevor ich mich mit Palliativbegleitung auseinandergesetzt habe, war mir überhaupt nicht klar, dass Krebs viel mehr als nur Krebs bedeutet. Die ganzen Folgeerscheinungen sind unheimlich gefährlich. Birgit schläft viel und ist zu schwach, um mehr als nur ein paar Schritte zu gehen. Wahrscheinlich kommt die Thrombose davon. Zum Glück scheint die Patientin außer Gefahr zu sein, im Krankenhaus ist sie sicher gut aufgehoben. Ich erfahre, dass Birgit sich freuen würde, wenn ich sie besuche und deshalb fahre ich am Freitagmorgen zum Klinikum im Idar-Obersteiner Stadtteil Göttschied. Anke ist schon da und Birgit strahlt, als sie mich sieht. Ich umarme sie und gebe ihr eine Illustrierte, die ich am Krankenhauskiosk für sie gekauft habe. Manchmal sind Klatschgeschichten gut für die Seele. Birgit erzählt mir, dass sie wahrscheinlich doch keine Thrombose hatte. Ihre Füße sind aber zur Sicherheit in Thrombosestrümpfen eingepackt und sie bekommt Heparin-Spritzen zur Blutverdünnung. Sie hat ihre Rommeekarten dabei und als Yalda eintrudelt, verwandeln wir den kleinen Krankenzimmertisch in einen Spieltisch. Doch vorher möchte Birgit noch eine Zigarette rauchen und Yalda und ich helfen ihr in ihre Jacke und fahren sie durch die langen Krankenhausflure mit dem Rollstuhl nach draußen in den eiskalten Januarmorgen. Es erschreckt mich, wie schwach Birgit inzwischen ist. Sie sollte nicht zu lange in der Kälte bleiben.

Als wir wieder am Spieltisch sitzen, kommt eine Krankenschwester ins Zimmer: Es ist Zeit fürs Mittagessen. Doch sie hat den Warmhaltedeckel über der Suppe noch nicht ganz gelüftet, als Birgit schon das Gesicht verzieht und abwinkt. Essen ist für sie inzwischen zu einer Art Feind geworden, schon der Geruch löst bei ihr Übelkeit aus. „Schmerzen hast du aber keine, oder?“, frage ich beiläufig und lege ein paar Karten auf den Tisch. „Doch, hab ich“, sagt sie. Yalda blickt alarmiert von ihren Karten auf und macht sich auf den Weg, um eine Schwester zu suchen. Eine der wichtigsten Aufgaben des Hospizdienstes ist es, dafür zu sorgen, dass die Patienten niemals Schmerzen haben. „Du musst es uns immer sagen, wenn dir etwas wehtut“, sagt Yalda zu Birgit, als sie wieder ins Zimmer kommt und Birgit liefert die Begründung für ihr Schweigen: „Ich wollte keinem zur Last fallen.“ Es ist wirklich nicht zu fassen, dass eine Krebspatientin im Endstadium keinen einzigen Klagelaut von sich gibt. Ich schäme mich, wenn ich daran denke, wie miesepetrig ich bin, wenn ich Halsschmerzen oder Schnupfen habe. Ich werde mich nie wieder beschweren.

Schließlich kommt eine Krankenschwester ins Zimmer. Sie hat eine Morphiumspritze dabei und pikst Birgit die Nadel in den Bauch, der schon ganz zerstochen ist. Ich will wissen, ob das Morphium auch die Psyche verändert, aber Yalda sagt, dass die Dosis noch zu gering ist, um Halluzinationen auszulösen. Das Schmerzmittel wirkt schnell, schon nach wenigen Minuten entspannt sich Birgits Gesicht. Sie wird jetzt müde. Ihre Augen kann sie kaum noch offen halten und sie verwechselt unsere Namen. Sie möchte noch eine rauchen, bevor sie sich hinlegt, und wir fahren sie wieder durch die endlosen Korridore nach draußen. Ich verabschiede mich und verspreche, in der nächsten Woche wieder vorbeizukommen.

Silke Bauer

Ein Gedanke zu „Verdacht auf Thrombose

  1. Gregor

    Liebe Frau Bauer,
    Ich habe den Artikel in deren Nahezietung gelesen und finde, dass Sie entgegen ihrem Blog den Artikel sehr verändert darstellen. Ich habe Frau Schumann von der Erstdiagnosen bis zum Tod ebenfalls begleitet.
    Die Chemotherapie ist immer nur ein Gedanke im Moment der aufgetretenen Metastasen, kein Beschluss. Weder die Ärzte noch die Patientin wollten eine Therapie durchführen. Das war nicht angemessen. Dazu kommt, dass wir nie über Lebenszeiten reden. Mag sein das Frau Schumann es so verstanden hat, aber wir sagen nie, wie lange ein Mensch “ noch zu leben hat“
    Auch dieser Umstand sollte in dem Artikel berichtigt werden.
    Ansonsten vielen Dank für den Artikel, die Würdigung, die Begleitung der Patientin und Berichte über den Hospizdienst, der mir sehr wichtig ist. Ich schätze deren Arbeit als wichtigstes Bindeglied zwischen Patienten, deren Familien und uns Mitarbeitern im Krankenhaus. Es ist eine schöne Erinnerung wo doch so viele Menschen bei uns sterben, teils lange bekannt, teils nahezu anonym, da wir sie nicht lange kennenlernen konnten.
    Herzliche Grüße aus IO von
    Sebastian Gregor

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