Schlagwort-Archiv: Strom

Große Forderungen, große Gesten und E10

Unsere Energieversorgung ist sicher. Wie die Rente. Schon wieder tagt ein Gipfel, und unermüdlich wird Verwirrung produziert. Dabei wollen wir doch nur sichere, saubere, bezahlbare Energie.

Unsere Energieversorgung ist sicher. Wie die Rente. Schon wieder tagt ein Gipfel, und unermüdlich wird Verwirrung produziert. Dabei wollen wir doch nur sichere, saubere, bezahlbare Energie.

Noch ein Energiegipfel. Dass die zu diesen Gipfeltreffen noch Energie haben. Mich hat das längst schlapp gemacht. Große Forderungen, große Gesten – und dann E10. Oder es wird nur gut gegessen und getrunken. Damit wenigstens an einer Sache kein Zweifel herrscht: Wir wollen zuverlässig mit Strom, Sprit und Gas versorgt werden, möglichst umweltschonend und preiswert. Nicht unbedingt billig. Qualität hat ihren Preis. Das verstehen wir. Und Qualität bei Energie – das sind saubere, sichere Quellen. Ganz sicher. Sonst zahlt man halt nachträglich – wie die Japaner für Fukushima und wir für Asse und Gorleben. Oder die Folgen des Klimawandels.

Am liebsten ist es uns, wenn man uns offen und ehrlich ins Gesicht sagt, was zu tun ist. Und was es kostet. Brauchen wir die ganzen neuen Leitungen quer durchs Land? Müssen Kohlekraftwerke gebaut werden als Brücke, wenn die alte Atom-Brücke abgerissen wird? Und was kostet das wirklich? Und so weiter.

Was da bisher von allen Seiten zu hören war, ist zumindest verwirrend. Mal geht es nicht ohne Atom, dann aber doch. Mal kostet importierter Strom einen Haufen Geld, dann ist er billiger als deutscher Kohlestrom. Hier wollen die Bürgerinitiativen mehr Windenergie, da streiten sie gegen Pumpspeicher. Hier bricht das Netz zusammen, weil der Wind so kräftig bläst, da gehen die Lichter völlig aus. Alle würden ja liebend gerne die neuen Hochspannungsleitungen unter die Erde verlegen, aber das ist viel zu teuer – hat uns mal jemand gefragt?

Überhaupt. Fragen. Wenn man uns gefragt hätte, wäre die Bio-Plörre E10 erst gar nicht in die Zapfsäulen gekommen. Das kostet einige Hundert Millionen Euro – rin in die Tanks, raus aus den Tanks. Macht die Lebensmittel teurer und hilft dem Klima nicht. Und dass in der ganzen Sprit-Verwirrung jetzt noch die Preise aus dem Ruder laufen, wundert auch keinen (wer sonst soll den E10-Irrsinn denn bezahlen?). Vor Ostern wird es da sicher nur noch in eine Richtung gehen. Sogar die Tankwarte beobachten staunend bis ungläubig, was ihnen die Zentrale in Ganzweitweg so auf die Preistafeln zaubert.

Die üben nur. Demnächst soll es ja auch beim Diesel nageln. Zumindest kann sich da schon mal Berlin raus reden. Schuld ist Brüssel. Als würde die EU machen, was sie will. Ohne Parlament, deutsche Kommissare und deutsche Beamte.

Ach ja: Nehmen wir Ehrlichkeit für diesen Energiegipfel auf Position eins der Tagesordnung. Die währt bekanntlich am längsten. Dann kriegen wir auch Sicherheit, Umweltschutz und Preis auf die Reihe.

Joachim Türk

Statt Kernkraft: Leitungen bis zum Mond

Hoch hinaus müssen die Monteure, die neue Höchstspannungsleitungen verlegen - wie hier Anfang des Jahres in Richtung Weißenthurm. Demnächst soll gebaggert werden: Erdkabel sind angesagt, weil: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Hoch hinaus müssen die Monteure, die neue Höchstspannungsleitungen verlegen - wie hier Anfang des Jahres in Richtung Weißenthurm. Demnächst soll gebaggert werden: Erdkabel sind angesagt, weil: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Auf einmal soll alles ganz schnell gehen. Noch schneller noch mehr Strom aus erneuerbaren Energien erzeugen, damit der Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Kernenergie gelingt. Den festen Willen dazu hat die Kernschmelze in der Bundesregierung als politische Kettenreaktion freigesetzt. Vergessen wir einfach mal, dass auch mehr Kohle- und Gaskraftwerke gebaut, und unsere Häuser besser isoliert werden müssen – dann hängt tatsächlich alles nur noch an den Leitungen. Schauen wir da mal genauer hin – über unser Bundesland hinaus. Denn Rheinland-Pfalz hat seinen Beitrag schon ohne Verzögerungen geleistet: Die neuen, dickeren Leitungen durch Eifel und Westerwald sind in den vergangenen Monaten bereits gezogen worden.

Stromleitungen zu bauen, das ist ansonsten in Deutschland nicht ganz einfach. Die dazu nötigen Verfahren ziehen sich lange hin – und in der Regel regt sich heftiger Widerstand. Die einen befürchten den Verfall der Grundstückspreise, andere weisen auf Eingriffe in die Natur hin, wieder andere haben Angst vor den elektrischen Feldern – so richtig willkommen sind die Trassen nirgends. Der Beweis: Schon 2005 hat die Deutsche Energie-Agentur (Dena) ermittelt, wie die ganze Windenergie ins Netz zu schaffen ist (20 % Anteil Erneuerbare bis 2015). Das Ergebnis: 850 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen, Ausbau auf 400 km. Kosten: 1,1 Milliarden. So weit der schöne Plan. Tatsächlich neu gebaut bis 2010: 90 km. Man sieht: ein zähes Geschäft.

Deshalb dauert es nicht lange, bis man auf die Idee kommt, die Höchstspannungsleitungen besser nicht an kirchturmhohe Masten zu hängen, sondern in der Erde zu verbuddeln. Das ist zwar mehrfach teurer, wie jeder nachvollziehen kann, der den alten Begriff „Überlandleitung“ kaufmännisch in „Untergrundleitung“ uminterpretiert. Aber mit den Trassen verschwinden auch Ärger und Widerstand. Denkt man. Deshalb hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie schon vor dem GAU in Japan das Energieleitungsausbaugesetz (EnLAG) – das gibt es wirklich – ändern lassen.

Und schon bekommen Erdkabel bei vier Neubauten Vorrang – im Hohen Norden, an der niederländischen Grenze, in Nordhessen und Thüringen. Da müssen die Bauherren auf Verlangen der Genehmigungsbehörde (!) ihre Trassen begraben (und ihre Kalkulationen). Die Mehrkosten werden gleichmäßig auf alle verteilt (und dann natürlich auf die Stromkunden umgelegt).

Die Stromversorger rechnen damit, dass Erdkabel viermal so viel kosten wie Freileitungen. Die Trasse ist 10 bis 15 Meter breit, sie darf weder bebaut noch mit tief wurzelnden Pflanzen bepflanzt werden. Der Boden ist wahrscheinlich eh zu trocken, weil das Kabelbett viel Wasser ableitet und die Kabel bis zu 70 Grad heiß werden. Ob das ungeteilten Beifall findet?

Aus diesem Fundement wächst ein 60 Meter hoher Mast - quer durch den Ahrkreis nach Weißenturm führt eine neue Höchstspannungsleitung.

Aus diesem Fundement wächst ein 60 Meter hoher Mast - quer durch den Ahrkreis nach Weißenturm führt eine neue Höchstspannungsleitung.

Die Erfahrungen aus den Erdkabelprojekten kommen für zwei neue Höchstspannungsleitungen in Rheinland-Pfalz zu spät. Die hängen nämlich schon an den um die 60 Meter hohen Masten: Die Trasse von Dauersberg (bei Betzdorf, Kreis Altenkirchen) quer über den Hohen Westerwald nach Hünfelden (zwischen Limburg und Wiesbaden) sowie von Rommerskirchen in NRW durch die Eifel nach Weißenthurm bei Koblenz. Hier wird jeweils eine schwächere Leitung durch eine Strecke mit 380.000 Volt ersetzt.

Damit sind zwar die Neubauten in RLP aus dem aktuellen EnLAG abgearbeitet. Aber genügen wird das nicht, um all den Strom aus Nord- und Ostsee-Windparks gen Süden zu transportieren, den die erneuerbare Zukunft benötigt. Schon gibt es weitere Pläne, die Trassen ins Land und darüber hinweg führen – etwa quer durch den Westerwald nach Koblenz.

Pläne mit Verfallsdatum. Denn wie kräftig das Netz ausgebaut werden muss, ist unklar. Das hängt davon ab, mit welchem Anteil der Erneuerbaren zu rechnen ist. Die Bundesregierung möchte bis 2020 gut 35 Prozent erreichen; derzeit liegt der Anteil bei knapp 17 Prozent. Dazu, so kalkuliert die Dena, sind sagenhafte 3600 Kilometer zusätzliche Höchstspannungsleitungen nötig – Kostenpunkt: knapp zehn Milliarden Euro.

War es das? Halt! Halt! rufen die Versorgungsunternehmen. Denn die müssen den ganzen Strom – zum Beispiel von den vielen neuen Photovoltaik-Anlagen – über ihr Verteilnetz einsammeln und abtransportieren (also gegen den Strom – im Sinne des Wortes). Dazu sind nicht eben nur im oberen Bereich, sondern auch auf der so genannten “letzten Meile” Investitionen erforderlich, verkündet der Lobby-Verband der Energie- und Wasserwirtschaft, BDEW.

Und nicht zu knapp. Wenn das Energiekonzept der Bundesregierung wahr wird, sind 2020 in Deutschland Photovoltaik-Anlagen mit einer installierten Leistung von 33,3 Gigawatt im Einsatz. Dann müssen die Verteilnetze mit einem Aufwand von bis zu 13 Milliarden Euro aufgerüstet werden – auf einer Länge von sage und schreibe 195.000 Kilometer – das entspricht gut dem halben Weg zum Mond. Wenn allerdings das Bundesumweltministerium Recht hat (das sich wohl dem Energiekonzept seiner Kanzlerin in diesem Punkt nicht anschließt), sind 2020 im Land Photovoltaik-Anlagen mit einer Leistung von 51,8 Gigawatt installiert. Dann brauchen wir 27 Milliarden Euro und ausgebaute Strecken bis ganz zum Mond: 380.000 Kilometer.

Damit das alles passiert, fordern die Netzbetreiber schon mal anständige Renditen ein („marktadäquat“) – die Investitionen sollen sich ja lohnen (die Großen denken da nicht anders als wir Sparbuchbesitzer). Und da ist der Bund gefragt: Denn die Kosten dürfen nur nach Genehmigung der Bundesnetzagentur in die Preise einfließen. Und die will verhindern, dass – passend zur Länge – Mondpreise verlangt werden.

Fest steht: Wenn keine neuen Leitungen gebaut werden, weil sie an Protesten scheitern oder an fehlenden Kapitalgebern, findet die energetische Revolution nicht statt. In einigen Teilen Deutschlands wird es Stromausfälle geben, weil die Netze an lauen, aber windigen Feiertagen mangels Abnehmern durch Wind- und Sonnenstrom überlastet werden, in anderen Teilen wird es an windstillen, regendunklen Werktagen einen Mangel geben. Was den Wählern auch nicht passt. Also wird die Bundesregierung vor den dann folgenden wichtigen Wahlen den Vierfach-Salto vollziehen, den Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Kernenergie. Ein politischer Super-GAU.

Joachim Türk

Alles auf den Dax – oder doch ins Grüne?

Ob das die Zukunft von EnBW, dem Atomkonzern, ist? Die Landtagswahl entscheidet auch über die Zukunft des Konzerns.

Ob das die Zukunft von EnBW, dem Atomkonzern, ist? Die Landtagswahl entscheidet auch über die Zukunft des Konzerns.

Verstaatlichung! Ausgerechnet eine schwarz-gelbe Koalition kauft den Energieriesen EnBW zurück und macht ihn zum Staatskonzern. Dieser Überraschungs-Deal krönt eine Entwicklung, die zunächst von der Krise beflügelt wurde – und die ein zähes Leben haben dürfte. Am Anfang waren es Not leidende Banken, die sich in staatliche Hand begeben mussten, um den Untergang zu vermeiden – wie die Commerzbank. Die Landesbanken sind zwar fast durch die Bank frei von belastbaren Geschäftsmodellen, aber sie bieten ausreichend Jobs für verdiente Klienten und sichern so ihr Überleben als Staatsunternehmen.

Als sei ein Damm gebrochen, wird von Privatisierung überhaupt nicht mehr gesprochen. Im Gegenteil. Die kommunalen Spitzenverbände in NRW klagen tatsächlich über „massive Wettbewerbsnachteile“ und fordern „mehr wirtschaftliche Handlungsspielräume“. Bitte? Habe ich da irgendwas überhört? Oder gilt nicht immer noch der Grundsatz, dass die Öffentliche Hand ihre Finger aus Geschäften lassen muss – bis sie nachweist, dass sie etwas aus einem dringenden öffentlichen Zweck heraus unternimmt. Da bleibt nicht viel übrig für Bund, Länder und Gemeinden.

Könnte man meinen. Aber besonders in der Energieversorgung ist eine Wende eingeläutet worden. Immer häufiger versagen die Kommunen den etablierten Versorgern die Konzessionen und sprechen die Netze ihren eigenen Stadtwerken zu (die sie dann natürlich kaufen und meist vor Gericht über den gerechten Preis streiten müssen).

Und jetzt kauft Baden-Württemberg 45 Prozent der Anteile am drittgrößten Energiekonzern Deutschlands. Die Freude darüber ist nicht nur beim kommunalen Zweckverband OEW groß, der ebenfalls 45 Prozent hält. So kurz vor der Landtagswahl klatschen auch die politischen Gegner Beifall – dabei will jeder was anderes mit EnBW. Was eindrucksvoll belegt, dass Staatskonzerne zu Recht auf der Roten Liste stehen und ausgestorben sein müssten.

Die schwarz-gelbe Landesregierung verspricht, die frisch erworbenen Anteile an die Börse zu bringen. Fraglich, ob sie das schafft, ohne beim Kaufpreis Federn zu lassen. Die französische (ebenfalls staatlich dominierte) EDF hat ihren Anteil ja nicht verkauft, weil Herr Mappus nach Stuttgart 21 ein Erfolgserlebnis brauchte, sondern weil sie die Zukunft von EnBW pessimistisch einschätzt. Das Unternehmen erzeugt 57 Prozent seines Stromes aus Kernkraft – was angesichts der Brennelementesteuer kein so richtig tolles Geschäft mehr ist. Steigende Preise für CO2-Emissionsrechte verderben auch die Laune, wenn man – wie EnBW nur 10,6 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnt.

Da müsste wohl richtig Geld ausgegeben werden; aber als Investor kommt das Land nicht. Es will den Börsengang. Erst danach wird mit Schwarz-Gelb abgerechnet und nachgezählt, ob die Steuerzahler wirklich ungeschoren davon kommen. Auch wenn das Geschäft über drei Ecken abgewickelt wird: Am Ende haftet das Land mit der Gemeinschaft seiner Bürgerinnen und Bürger.

Eine ganz andere Vision dürfte die Grünen und ihren eventuellen Juniorpartner SPD beflügeln. Nach einem Sieg bei der Landtagswahl könnten sie zeigen, wie Ernst es ihnen mit der Energiewende ist – und dem Staatsunternehmen Milliardeninvestitionen in Erneuerbare befehlen. Und vielleicht sogar den Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg.

Joachim Türk

Her mit der Ökoauto-Umlage auf den Spritpreis

solarflächenJetzt streiten sie wieder, die Lobbyisten. Über die Anschubkosten für Atomstrom, über Endlager und die CO2-Belastung durch Kohlekraftwerke. Alles Ablenkungsmanöver. Die wichtige Botschaft heißt: Klimaschutz kostet eine Menge Geld. Aber sie ist wieder nicht zu hören. Und die Rechnung zahlen wir alle. Wir Stromkunden. Und sie steigt rasant: Die Ökostrom-Umlage springt im kommenden Jahr von heute 2,05 Cent pro Kilowattstunde auf 3,5 Cent. Knapp 71 Prozent mehr. Bis zu 10 Euro im Monat, 120 Euro im Jahr zusätzlich für eine Familie. Jetzt ist es raus. Nur jetzt, in diesem einen Moment, wird die Öko-Last sichtbar. Dann geht sie wieder unter: Für die unvermeidbare Erhöhung der Strompreise (um ungefähr 10 Prozent) werden später die Energieversorger als Abzocker die Prügel beziehen. Denn keiner sagt: Die Mehrkosten sind gewollt. Keiner sagt: Ohne die Milliarden aus den Cent-Beträgen der Umlage wären keine Windräder in Massen gebaut, Solarzellen in Hülle und Fülle auf Dächer und Felder gepflastert worden. Wenn Umweltpolitik so deutlich sichtbar an den Geldbeutel geht, bleibt Politik besser in Deckung. Und überlässt den Interessensverbänden und ihren Nebelmaschinen die Bühne. Schade. Vertrauen gewinnt man anders.

Energiepolitik ist ein Minenfeld. Zwischen den Fronten Kernkraft und Photovoltaik wurden die Stellungen der Öko-Profiteure, der Stromriesen, der romantischen Naturfreunde und Wirtschaftsliberalen betoniert.

Ausgerechnet der Staat liefert den Beton. Zuletzt im neuen Energiekonzept haben die Bundesbehörden genau festgelegt, wer wann welchen Strom herstellen, verbrauchen und sparen soll, um das Klima zu entlasten und den Anteil an Erneuerbaren Energien auszubauen. Damit das auch alles so passiert, wird gelockt. Mit Zuschüssen und anderen Förder-Varianten.

Darin haben wir Übung – nicht erst seit der Erfindung des EEG, des Erneuerbare-Energien-Gesetzes vor zehn Jahren. Seit 2000 zahlen die Stromversorger festgelegte Preise für Strom aus Wind, Sonne, Biomasse, Erdwärme, Wasser u.s.w. Und diese Preise sind deutlich höher als beim Kohlekraftwerk um die Ecke. Die Differenz wird einmal im Jahr für ganz Deutschland festgestellt, durch den Verbrauch geteilt und auf die Kilowattstunde umgelegt. Jeder Stromkunde zahlt auf diese Weise für umweltfreundliche Projekte (mit sicheren Renditen weit über dem Sparbuchzins). Ob die Förderung am Ende zu dem gewünschten Ziel führt, steht auf einem anderen Papier. Denn bis die Erkenntnis reift, das Geld der Steuerzahler und Stromkunden sei anderweitig vielleicht doch sinnvoller angelegt, hat sich an den Fördertöpfen bereits eine ansehnliche Industrie breit gemacht. Und die will weiter gefüttert werden (und droht mit dem Verlust von Arbeitsplätzen).

Marktwirtschaft geht anders. Durch weniger Regeln. Träumen wir mal davon, auf jede Energie würde eine Umweltabgabe erhoben, die ihrem Ausstoß von CO2 entspricht. Also keine staatliche Einmischung, keine Fördertöpfe, nur eine CO2-Abgabe. Dann müssten sich doch automatisch die Öko-Energien durchsetzen. Im Wettbewerb. Weil sie kein oder kaum CO2 freisetzen. Die beste Technik würde die sauberste Energie und die höchsten Gewinne produzieren. Und jeder könnte mit dem Taschenrechner ermitteln, wann es sich lohnt, Ökostrom zu kaufen, auf Biosprit umzustellen, Haus oder Wohnung zu sanieren.

Gut möglich, dass das wahre Utopie ist. Oder dass einfache Lösungen in einer – sagen wir mal – „komplexen“ Politik keine Chance haben. Schade. Denn schon stehen die Autohersteller Schlange und verlangen, dass Elektro-Autos mit Kaufanreizen gefördert werden. Vielleicht lässt sich der dann entstehende neue Fördermoloch mit einer Ökoauto-Umlage auf Igitt-Sprit finanzieren. Einmal im Jahr wäre dann Kassensturz, wenn die Höhe der Umlage pro Liter ausgerechnet wird. Dann gehen (bis auf E-Hersteller und Mineralölkonzerne) alle in Deckung, und die Prügel für die Preiserhöhung stecken die Tankwarte ein. Wäre doch praktisch. (Hinweis: Die Aussagen zu einer Ökoauto-Umlage sind pure Ironie. Aber wahrscheinlich werden sie trotzdem in Berlin auf Interesse stoßen.)

Joachim Türk

Laufzeit der Atomdebatte abkürzen

Das Atomkraftwerk Biblis. Wie lange dürfen solche Meiler noch über den bisher vereinbarten Ausstieg am Netz bleiben? Ein Gutachten sagt: Längere Laufzeiten sind nicht zwingend nötig. Ob das die Laufzeit des Streits abkürzt?

Das Atomkraftwerk Biblis. Wie lange dürfen solche Meiler noch über den bisher vereinbarten Ausstieg am Netz bleiben? Ein Gutachten sagt: Längere Laufzeiten sind nicht zwingend nötig. Ob das die Laufzeit des Streits abkürzt?

Noch nicht einmal auf die Experten, die man selbst bezahlt, ist Verlass. Ihre eigene Energie-Studie sagt der Bundesregierung, dass die Kernkraftwerke nicht unbedingt länger laufen müssen als bisher geplant – also nur bis ungefähr 2022. Trotz des Ausstiegs wird der Strom nicht teurer, bleiben die Lichter an, steht in dem Papier. Diese Aussage könnte eine herrliche Grundlage sein für das Energiekonzept, das in wenigen Wochen vorliegen soll. Und für den Ausstieg aus der peinlichen Laufzeit-Debatte. Aber die Regierung wird weiter streiten. Und verlängern.

Wir wollen verlässlich mit Strom versorgt werden; er soll so preiswert sein, dass Privathaushalte nicht stöhnen müssen und Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben; seine Herstellung soll die Umwelt weder verdrecken noch auslaugen. Das ist der jedem geläufige Rahmen für das Energiekonzept.

Aber in den vergangenen Wochen wird nur über eines diskutiert: längere Laufzeiten für Atomkraftwerke. Leider geht es da meist nicht um Versorgungssicherheit, Preis und Ökologie, sondern um Glaubensfragen, Klientelpolitik und Sparpaket. Sonst wäre es doch einfach: Energieexperten können die Fragen beantworten, ob die 17 Meiler noch länger gebraucht werden. Wie sie ersetzt werden können. Was das kostet – und welche Politik nötig ist, dieses Ziel zu erreichen.

Gestritten wird aber über völlig andere Fragen – dummerweise quer durch die Regierungsparteien: Länder mit Kernkraftwerken (Steuereinnahmen, Arbeitsplätze, starke Lobby) gegen Länder mit Windrädern und Solarfabriken (Steuereinnahmen, Arbeitsplätze, starke Lobby). In einem politischen Glaubenskrieg verteidigen traditionell den Energieriesen verbundene Politiker alte Weisheiten gegen die Unions-Ökos und deren Mantras – wobei das eine nicht per se konservativ und das andere nicht automatisch innovativ ist. Der Finanzminister möchte seine Kasse aufbessern, der Wirtschaftsminister verteidigt die traditionellen Wirtschaftsministerthesen, der Umweltminister will Parteikarriere machen und mehr Milliarden, die er nicht hat, in die Förderung alternativer Energien stecken, und die Kanzlerin will durchregieren – und dafür lassen sie sich auch auf anrüchige Deals ein. Das erweckt den Anschein, dass die Bundesregierung mit vier Unternehmen darüber verhandelt, für welche Summe sie sich eine Gesetzesänderung abkaufen lässt.

Wir sollten die Laufzeit der Debatte nicht verlängern. Jetzt bietet sich die bisher beste Gelegenheit zum Einstieg in sachliches Nachdenken. Ein unabhängiges (naja: so unabhängig wie möglich) Gutachten liegt auf dem Tisch. Es sagt nicht nur, dass die Kernkraftwerke wie geplant abgeschaltet werden können, sondern auch, was dazu erforderlich ist.

Einfach „klick“, und wir sind alle „öko“ – so geht das nicht. Hier setzt Gestaltung ein. Vergessen wir also mal die Windrad-, Solar-, Atom-, Stadtwerke-, Öko-, Kohle-, Gas-, Klimapanik-, Das-war-schon-immer-so-Lobby und halten uns an Betriebswirtschaft und Physik.

Das könnte ein solches Energiekonzept hervorbringen: Längere Laufzeiten gibt es für maximal vier Kernkraftwerke (um den Importanteil zu verringern), sie sind auf zehn Jahre befristet und an höhere Sicherheitsauflagen gebunden. Die alternativen Stromquellen müssen ausgebaut werden Irrwege wie die Photovoltaik werden erkannt und verlassen. Die Stromnetze, die sich bisher an den Standorten von Kernkraftwerken und Kohlegruben orientieren, müssen sich nach dem Wind richten – das kostet Milliarden und politischen Mut gegen den Widerstand jener Teile der Bevölkerung, die jedes Kraftwerk und jeden Stromleitungsmast ablehnen. Wir brauchen Speicher, die die Kraft windiger Tage konservieren, und neue Kohlekraftwerke modernster Technik, die verlässlich genehmigt werden. Wir stimmen uns eng mit den europäischen Nachbarn ab – vor allem beim Einkauf von Energieträgern und bei Großprojekten. Förderschwerpunkte sind Kraftwerke nah an den Verbrauchern, Energie-Effizienz, Forschung und Entwicklung.

Jener Teil der Energiewirtschaft, der schon heute Milliardengewinne aus der Nutzung abgeschriebener Kernkraftwerke zieht, wird mit einer Sondersteuer belegt. Diese Einnahmen dienen nicht der Haushaltskonsolidierung – dazu sind Sparprogramme da –, sondern dem Umbau der Versorgung. Außerdem werden die Verursacher deutlich an den Kosten der Atommüll-Entsorgung beteiligt.

So einfach könnte das aussehen, wenn man Intrige, Vetternwirtschaft und Glaubensfragen außer Acht ließe. Mal sehen, wie die Berliner Lösung aussieht.

Joachim Türk

Immer wieder Ärger mit dem Strom

Von unserem USA-Korrepsondenten Frank Herrmann

Fällt heute der Strom wieder aus? Wer Washington nur von seiner pompösen Seite kennt – Kapitol, Weißes Haus, Präsidentenhubschrauber –, der wird sich wundern über so eine Frage. Aber so ist es nun mal, Mythos steht gegen Realität.

Teils liegt es am Sommer in diesem Jahr. Der ist nicht nur rekordverdächtig heiß, tropisch schwül sowieso, sondern auch voller Gewitter. Noch nie habe ich so oft auf den Weather Channel geschaltet, einen Fernsehkanal, der über nichts anderes berichtet als übers Wetter, und das rund um die Uhr. „Stormwatch for D.C.“, heißt es dort oft, wobei die Stimme der Moderatorin so routiniert klingt, als läse sie eine Wasserstandsmeldung vor. Sturmwarnungen für den District of Columbia, den Hauptstadtbezirk, sind nichts Besonderes. Meist wollen die Meteorologen damit nur sagen, dass es gleich heftig donnern wird, Orkanböen, Tornados und dergleichen freilich nicht ausgeschlossen. Und dass mit einiger Wahrscheinlichkeit Bäume umstürzen werden. Meine Frau ist jedenfalls der Meinung, dass man beim Wort „Stormwatch“ umgehend den Keller aufsuchen sollte. Und das Handy mitnehmen, für den Fall, dass ein Baumstamm den Weg nach draußen und oben versperrt und der Notruf gewählt werden muss. Wahrscheinlich hat sie Recht. Frauen sind sowieso klüger.

Washington ist stolz auf den Beinamen, die Stadt der Bäume zu sein, „the City of Trees“. Bäume, die die zweistöckigen Häuschen, aus denen die Stadt zu großen Teilen besteht, überragen wie grüne Riesen ein Legobaukastendorf. Schon Thomas Jefferson kümmerte sich höchstpersönlich ums Pflanzen von Lombardei-Pappeln an der Pennsylvania Avenue. Klingt alles romantisch, ist aber riskant. Kaum ein Sturm, bei dem nicht irgendeiner dieser Riesen auf irgendeine Stromleitung stürzt. Dann gehen regelmäßig die Lichter aus. Mal sind es dreißigtausend, mal fünfzigtausend, mal dreihunderttausend Menschen, die plötzlich im Dunkeln sitzen.

Es ärgert mich jedes Mal. Neulich mussten wir den halben Kühlschrankinhalt wegwerfen, weil Pepco drei Tage brauchte, um das kaputte Netz zu flicken. Wenn die Laptop-Batterie fast leer ist, setze ich mich ins Auto, stöpsele einen Adapter namens „Pocket Power Source Inverter“ in den Zigarettenanzünder und schreibe weiter. Manchmal fahre ich auch zum nächsten Café, das noch Strom hat, manchmal meilenweit. Nur muss man Glück haben. Plätze in Steckdosennähe sind heiß begehrt, gerade an stürmischen Tagen. Was mich ärgert, ist nicht das Improvisieren-Müssen, das hält ja irgendwie frisch. Es ist die Mischung aus orientalischem Fatalismus und schnöder Gewinnsucht, mit der Pepco die Misere hinnimmt.

Pepco ist Washingtons Stromversorger. Ein Monopolist. Der Unternehmenschef, ein gewisser Joseph Rigby, hat neulich laut darüber nachgedacht, dass man Stromkabel eigentlich auch in die Erde legen könnte. „Aber bedenken Sie, was das kostet und welche Unannehmlichkeiten es macht“, hat er schnell hinzugefügt. Nein, lieber würde er sämtliche Bäume in der Nähe von Stromleitungen fällen lassen. Typisch Pepco: Statt einmal richtig zu investieren, wurschtelt man sich irgendwie durch.

Zum Glück für Rigby gibt es Menschen, die es noch immer mit Humor nehmen. „Danke, Pepco, durch euch bin ich drei Tage lang zur Besinnung gekommen“, schrieb Reshma Yaqub in einem Leserbrief an die „Washington Post“. Drei Tage ohne Strom: Erst wusste sie nicht, wie sie ihre Söhne bei Laune halten sollte. Dann lief es sehr harmonisch, Brettspiel folgte auf Brettspiel, Kindheitserinnerungen kamen auf. Als sie klein war und ihre Verwandten in Pakistan besuchte, schrieb Reshma Yaqub, sei der Strom auch alle naselang ausgefallen. „Danke, Pepco. Jetzt weiß ich wieder, wie es ist, in der Dritten Welt zu leben.“

Längere Laufzeiten: Am Ende strahlen alle

Hoffnungsträger und Irrweg: Die Umwandlung von Sonnenenergie in Strom treibt die Preise, spielt aber im Energiemix nur eine kleine Rolle. Außer Spesen? Ein Energiekonzept für die nächsten Jahrzehnte muss auch darauf Antworten finden.

Hoffnungsträger und Irrweg: Die Umwandlung von Sonnenenergie in Strom treibt die Preise, spielt aber im Energiemix nur eine kleine Rolle. Außer Spesen? Ein Energiekonzept für die nächsten Jahrzehnte muss auch darauf Antworten finden.

Im Vergleich zu den Verhandlungen über längere Laufzeiten für Atomkraftwerke war der legendäre Streit der Kesselflicker ein kuscheliges Kaffeekränzchen. In der Kernfrage wird gespalten, Druck gemacht und manche Nebelkerze gezündet. Aber am Ende strahlen alle. Gestritten wird auch fürs Publikum – es soll ja nicht nach einem Deal hinter den Kulissen aussehen (den es aber geben wird). Und weil es sich lohnt zu streiten. Immerhin geht es um viele Milliarden Euro. Leider ist die Bundesregierung in einer schwachen Position. Sie ist erpressbar, weil es um dringend erforderliche Investitionen und Arbeitsplätze geht. Sie hat kein fertiges Energiekonzept, das Jahrzehnte trägt. Sie hat nicht mal eine einheitliche Meinung. Deshalb wird sie jetzt nicht nur von den Interessen einer mächtigen Lobby getrieben, sondern auch von Parteitaktik. Sachentscheidungen sehen anders aus.

Seien wir realistisch: Ohne Kernenergie kommen wir heute nicht klar und in der nahen Zukunft auch nicht. Was diese Kraftwerke leisten, ist nicht von heute auf morgen zu ersetzen durch Wind, Wasser und Sonne. Eher (zumindest vorübergehend) durch Kohle und Gas. Aber die hat auch keiner lieb, und der Finanzminister sät zusätzliche Unsicherheit durch Spekulationen über eine Sondersteuer auf Kohlestrom (was ruckzuck wieder kassiert und ins Sommerloch geschmissen wurde).

Die Frage kann nicht sein, OB Atomstrom eine Brücke in bessere (= ökologisch korrekte) Zeiten ist, sondern wie lang diese Brücke sein muss. Und was am anderen Ende auf uns wartet. Beides gehört in ein Energiekonzept, das weit über das heiße Thema Laufzeiten hinaus gehen muss und nicht nur deutsche, sondern auch europäische Interessen berücksichtigt. Aber das ist noch nicht erkennbar (obwohl für den Spätsommer zugesagt).

Die Basis für ein solches Konzept lässt sich heute leichter legen als vor einigen Jahren. Manchmal lösen sich Probleme durch langes Liegen. Und Erkenntnisse, auch wenn sie auf der Hand liegen, brauchen Zeit zu reifen. Erkenntnisse wie diese: Wir müssen weg von fossilen Energieträgern, weil sie knapp und knapper werden und unser Klima kaputt machen – auch wenn außer Versicherungen kaum ein Wissenschaftler die aktuellen Brände, Dürren und Überschwemmungen mit dem Klimawandel in Verbindung bringt. Wir müssen los kommen von unsicheren Lieferanten – auch von den Russen, deren Zuverlässigkeit und Neutralität zweifelhaft bleiben. Und wir müssen über Ländergrenzen hinweg planen: Kraftwerke, Fördermaßnahmen und Netze.

Hier lässt sich Strom ernten. Aber wie kommt er nach Baden-Württemberg? Und was treibt Mercedes, wenn Flaute herrscht?

Hier lässt sich Strom ernten. Aber wie kommt er nach Baden-Württemberg? Und was treibt Mercedes, wenn Flaute herrscht?

Die Zukunft liegt aus heutiger Sicht in den erneuerbaren Energien, die uns die Sonne schenkt. Aber sie zu bergen ist viel schwieriger als die bloße Addition von Windrad-Leistung. Das Wetter ist launisch, aber die Stromversorgung muss absolut verlässlich sein. Das bedeutet: Milliarden in neue Stromnetze investieren (und den Investoren dafür Sicherheit und Rendite geben). Weitere Milliarden in Haushalte und Unternehmen investieren, um die Energienutzung intelligent zu gestalten – keine Ahnung, wer das finanzieren soll. Und weitere Milliarden ausgeben für kluge Stromspeicher, aber hier sind wir über Gedankenspiele und tiefes Bedauern, dass Pumpspeicher in Deutschland ausgereizt sind, noch nicht hinaus. Und Kohle? Die werden wir noch Jahrzehnte verfeuern müssen, um Strom zu haben, wenn kein Wind weht. Das sollte die Politik auch jenen sagen, die in Deutschland grundsätzlich alle neuen Industrieanlagen attackieren.

Das alles muss sauber in ein für 20, 30 Jahre gültiges Konzept eingebaut werden. Damit verbunden sind kluge Förderprogramme, die flexibler nur einen Anschub finanzieren und weit weniger lobby-abhängig sind als der Solar-Wahnsinn, der uns alle einen Haufen Geld kostet und nur kleinsten Nutzen bringt (außer den Solaranlagenbetreibern und –herstellern von Bayern bis China).

Mir wäre es ohnehin lieber, dass sich der Fokus von der Förderung auf die Forschung bewegt. Mal ehrlich: Es kann doch nicht sein, dass 150 Meter hohe Windrad-Spargel-Felder, Sonnenzellen auf unseren Dächern, Mais im Tank und zentnerweise Batterien im Kofferraum die klügsten Antworten der Menschheit auf ihr größtes Problem sind.

Das wäre doch eine richtig gute Gelegenheit, die Milliardengewinne der Stromriesen zu investieren, die aus der längeren Laufzeit resultieren. Jedes zusätzliche Jahr ist nach Expertenmeinung fünf bis sechs Milliarden Euro wert. Der Finanzminister wollte davon 2,3 Milliarden abschöpfen. Wollte. Jetzt scheint mal wieder die ebenso brutal wie perfekt arbeitende Stromer-Lobby zu dominieren, die eine Einmalzahlung bevorzugt: 30 Milliarden in einen Fonds. Und dann in Ruhe gelassen werden. Grandios. Bleiben nur noch eher unwesentliche Fragen wie die nach der Endlagerung des strahlenden Mülls, um deren Beantwortung sich schon Bundesregierungs-Generationen drücken. Oder die kleinliche Frage, wer die Atommüll-Deponie bezahlt.

Aber das sind ja nur kleinliche Mäkeleien. Hauptsache, die Laufzeit wird verlängert, Herr Röttgen, Herr Brüderle und Frau Merkel kommen ohne Gesichtsverlust aus den Verhandlungen, alle können strahlen, und es sieht trotzdem nicht nach Mauschelei aus. Ein Hoch auf die Kesselflicker.

Joachim Türk

Solartechnik baut auf Sand ganz sicher

Grandiose Terminwahl: Während in Deutschland mal wieder der Glaube an die Sicherheit alter Atomkraftwerke erschüttert wird – mal wieder von den Betreibern selbst –, präsentiert die Energie-Lobby gleich zwei Projekte, die unsere Stromversorgung in Zukunft sicherer und sauberer machen sollen. Die Erdgas-Pipeline Nabucco wird uns aus der Gefangenschaft russischen Großmannsgebahrens befreien, weil sie die Energie-Zaren links liegen lässt. Und noch besser: Stromkonzerne wollen in der Sahara die Sonne anzapfen. Diesen Plan haben wir vor wenigen Jahren noch – als er vom „Club of Rome“ vorgelegt wurde – als recht spinnerte Vision abgehakt. Jetzt könnte „Desertec“ tatsächlich Leben aus der Wüste saugen. Die Technik passt: Weil die Hitze gespeichert werden kann, wird auch nachts Strom erzeugt. Und der Stromtransport über weite Strecken birgt auch keine unüberwindbaren Probleme. Im Gegensatz zu den spärlicher sprudelnden Ölquellen ist die Sonne unerschöpflich: Die Wüsten der Erde empfangen in sechs Stunden mehr Energie von der Sonne, als die Menschheit in einem ganzen Jahr verbraucht. Dass die Sonnenkraftwerke und die Transportleitungen teilweise in unsicheren Weltgegenden gebaut werden müssen, ist nicht neu: Ölquellen und Pipelines führen ja auch durch Krisengebiete. Bleiben die enormen Kosten und die Tatsache, dass die Bauherren das Projekt nicht als Weltenretter betreiben, sondern um Gewinne zu erwirtschaften. Naja: Dass heutzutage in Deutschland Strom aus Sonnenlicht erzeugt, teuer eingespeist wird und unseren Strompreis treibt, ist auch nicht klüger, als eine Hochspannungsleitung in die Sahara zu bauen.

Joachim Türk

Störfall verleiht SPD neue Strahlkraft

Störfall = Vattenfall = Wahlkampfmunition. Die SPD sollte sich beim Betreiber des Atomkraftwerks Krümmel herzlich bedanken für ein Thema, das den ebenso müden wie scheinbar aussichtslosen Wahlkampf der Partei mit Energie versorgt. Was polarisiert mehr als die Kernkraft? Ein Störfall mit Strahlkraft. Zum Glück für die Freunde einfacher Botschaften sind Technik und Faktenlage so komplex, dass der Ausfall einer eher simplen Umspannanlage – im Verbund mit chaotischem Kommunikationsgebaren des Betreibers – die Gretchenfrage auslöst: Wie hältst Du’s mit Atom? Aber ganz so schlicht, wie es der Bundesumweltminister am liebsten darstellt, ist die Antwort darauf leider nicht. Natürlich würden wir gerne morgen auf die gefährliche und (weil politisch zum Auslaufmodell gewandelte) überalternde Technik abschalten. Das ist dann „nur noch“ eine Frage des (Strom-)Preises. Bleibt aber eine Kleinigkeit: Woher beziehen wir dann unseren Strom? Die Kernkraftwerke liefern uns immer noch die Hälfte der Grundversorgung. Neue Kohlekraftwerke sind kaum durchsetzbar. Und wer würde sich schon alleine auf ein Windrad im Garten verlassen, das sich mal munter dreht – und mal nicht (ganz ehrlich)? Wer aus der Kernenergie aussteigen will, muss Versorgungsfragen beantworten – aber das ist viel zu kompliziert für den Wahlkampf.

Joachim Türk