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SWR löscht kommentarlos sein Dementi zur Nürburgring-Pleite

Der SWR hat wenige Stunden nach dem Bericht der Rhein-Zeitung zur bevorstehenden Insolvenz der Nürburgring GmbH ein Dementi veröffentlicht: Demnach sei noch nichts entschieden gewesen.

Am Mittwoch trat Ministerpräsident Kurt Beck vor die Presse – und kündigte bekanntlich die Insolvenz an.

Und so geht der SWR mit seiner Dementi-Nachricht um, die einige andere Medien übernahmen und unsere Arbeit als voreilig erscheinen ließ. Weiterlesen

Marcus Schwarze

Politik chancenlos bei Trash-TV – Die Fernbedienung ist des Zuschauers stärkste Waffe

Medienwächter sehen kaum Chancen, umstrittene Reality-Formate der Privatsender wie „Schwer verliebt“ zu verbieten. Das berichtet das landespolitische Fernsehmagazin „zur Sache Rheinland-Pfalz!“ am Donnerstag. [Update: Die Sendung ist nun auch in der SWR-Mediathek zu sehen.] Weiterlesen

Auf Sarahs Seite

Ein Moment auf 180: Wie ich mal von Günter Wallraff verfolgt wurde

Die Digitalanzeige wird zunehmend beunruhigender: 163, 164, 165… immer höher geht der Tacho. Warum gibt es eigentlich noch die analogen Tachoscheiben, frage ich mich unpassenderweise, es kann nur ästhetische Gründe haben. Einen Sinn haben sie jedenfalls nicht mehr, wenn doch die digitale Anzeige viel genauer ist. Ich blicke in den Rückspiegel, in dem grell die Lichter des hinter mir her rasenden Audis aufblitzen. Das massige, schwarze Auto fährt bedrohlich dicht auf, drängelt, schiebt. Ich fühle mich gehetzt, verfolgt, angetrieben. So müssen sich McDonalds, die BILD-Zeitung oder der Stromberger Brötchenfabrikant fühlen. In dem Audi sitzt Günter Wallraff und er ist mir dicht auf den Fersen. Der Tacho geht auf die 180 zu. Schweiß an den Händen.

Zwei Stunden vorher war alles noch ganz entspannt. Da sitze ich mit den Kollegen der Redaktion Bad Kreuznach zusammen, gemeinsam mit Günter Wallraff . Er erzählt uns, wie er sich auf seine UndercoverEinsätze, wie den in der Stromberger Brötchenfabrik, vorbereitet, wie er an seine falschen Identitäten kommt und in welchen Momenten er Todesangst verspürt hat. Das hört sich an wie eine Mischung aus Jack London und Jack Bauer. Abenteuer- und Agentengeschichten aus einer anderen Welt des Journalismus. Hat dieser alte Mann wirklich im griechischen Folterknast gelitten? Auch die älteren Kollegen hängen an seinen Lippen und geben offen zu: “Sie motivieren uns hier ganz schön.” Steckt in jedem von uns ein kleiner Wallraff, den es nur zu wecken gilt? Wallraff sagt: „Ja!“ und fordert uns auf, viel häufiger investigativ zu recherchieren. Kopfkino: Mitternacht, ein Autobahnparkplatz, ein Mann im Trenchcoat: „Hier sind die falschen Papiere“. Und ich so: „Hier sind die zwei Riesen.“ Äh, nein, zu viel der Pate geguckt in letzter Zeit.

Nach zwei Stunden packt Wallraff seine Sachen, es geht schon weiter für ihn: Um 14:30 wird er in Mainz beim SWR erwartet. Ob jemand nach Mainz fährt?, fragt er in die Runde (Notiz: Wallraff hat kein Navi). Sie können hinter mir her fahren, biete ich ihm an. Und schon geht’s los, es ist halb zwei, eine Stunde für die Strecke Kreuznach-Mainz, das sollte reichen. “Ich muss noch tanken”, sagt Wallraff. Kein Problem. Kein Problem? An der Tanke sprintet Wallraff an mein Fenster: “Meine Aktentasche liegt noch in der Redaktion.” Unfassbar! Günter! Wallraff! Vergisst! Seine! Aktentasche! Vermutlich das Gralstagebuch des Journalismus und jetzt liegt das Ding irgendwo, herrenlos, den Nazischergen ausgeliefert… Stop! Zu viel Spielberg. Ein Anruf klärt die Lage, alles noch da, also zurück durchs Labyrinth des Kreuznacher Verkehrs.  Aber jetzt tickt die Uhr. Es ist 14 Uhr, wir sind immer noch in Kreuznach. Um 14.30 Uhr soll Wallraff in Mainz beim SWR sein. Nur der bußfertige Mann wird bestehen.

Zum Glück zieht jetzt ein Auto vor mir links rüber, um einen Lkw zu überholen. Das gibt mir einen Grund vom Gas zu gehen. Aber dann macht der Vordermann Platz. Wallraff tritt aufs Gas, ich auch.  Was werde ich den Polizisten sagen? „Hinter mir fährt Günter Wallraff, sie wissen schon, DER Wallraff. Wenn wir nicht in zehn Minuten da sind, fliegt seine Tarnung auf, bitte, er ist da an was Großem dran.“ Zum Glück bleibt mir diese Peinlichkeit erspart. Um 14.40 rollen wir beim SWR vor. Wallraff biegt ab auf den Hof, ich fahre weiter. Im Rückspiegel sehe ich ihn noch kurz winken, dann ist er aus meinem Blickfeld verschwunden. Der Tacho zeigt 38 Stundenilometer.

Moritz Meyer

Ein Sündenfall meines Lieblings-Radios oder: Koblenzer Wahlkampf mit Klassik garniert

studioklein

Unter den Sendungen, die das Radio auf den (immer noch) vielen Kultur-Wellen bereithält, gibt es eine, die für mich zum Samstagvormittag ein absolutes Muss darstellt: Der SWR2-Treffpunkt Klassik extra ist für mich das Bonbon am Wochenende. Ein gar nicht neues, aber immer wieder schönes Format: Kulturmenschen aller Couleur bringen als Studiogäste ihre Lieblingsmusik mit und reden über ihre Arbeit, ihre Kunst, ihr Leben. Das Ganze meist sehr kenntnisreich und hörenswert moderiert – und angereichert mit der oft überraschenden Musik, die die Gäste mitgebracht haben.

Kultverdächtig etwa vor gar nicht langer Zeit die Sendung mit Geiger und Dirigent Reinhard Goebel, der mit seinem Urteil über Kollegen nicht hinterm Berg hielt und auch ansonsten die anderthalb  Stunden sehr unterhaltsam bestritt. Oder auch die Sendung mit der bei Koblenz lebenden Sopranistin Simone Kermes, die neben ihrer gewohnt frischen Art auch Musik von Rammstein mitbrachte. Brachiales Tanzmetall, das auf dem Kultursender sonst sicher nicht oft anzutreffen ist und womöglich manche treue Hörer erschreckt haben dürfte.

Und jetzt das: Beim Treffpunkt Klassik extra am vergangenen Samstag präsentierte Moderatorin Sabine Fallenstein als Gast den rheinland-pfälzischen Kulturstaatssekretär Joachim Hofmann-Göttig. Ein Mann, der allerhand zum Thema Kultur zu erzählen hat und dazu auch reichlich Sendeplatz bekam. Diesen allerdings zur Unzeit: Was denkt sich der SWR dabei, solch ein Porträt so kurz vor der Koblenzer OB-Wahl zu senden, zu der Hofmann-Göttig bekanntermaßen antritt? Knappe 70 Minuten lang wurde diese Tatsache nicht einmal erwähnt, bekam der Vorgestellte Sendeminute um Minute zur Verfügung, seine unbestreitbaren Dienste um die (mit dem SWR institutionell eng verwobene) Landesstiftung Villa Musica, seine Arbeit als Kulturstaatssekretär und Welterbebeauftragter umfänglich darzustellen.

Als die Katze – das Thema Wahlantritt in Koblenz – dann aus dem Sack war, durfte dann noch einmal ganz offen Wahlkampf gemacht werden  („Ich kann Gutes für diese Stadt tun.“).

Dass ein Wahlkämpfer ordentlich Gas gibt und alle sich bietenden Podien nutzt, ist alles andere als verwerflich. Und hier bieten sich dem Kulturstaatssekretär schon qua Amt unzählige Möglichkeiten. Da kann er als Vorstandsvorsitzender der Villa Musica beim Open-Air vor Schloss Engers die Sängerin Gitte herzen, im Welterbe über Rheinsteig und Brückenpläne parlieren, als etikettierter OB-Bewerber die Chancen der BUGA 2011 einschätzen oder meinetwegen Blumentöpfe bemalen.

Ein Sendeformat des SWR zur Selbstdarstellung so kurz vor der Wahl – das hätte sich der Sender verkneifen müssen. Nicht, dass Hofmann-Göttig hier nichts zu sagen hätte. Aber wenn, dann mit offenem Visier, mit klarer Ansage, mit kritischen Fragen. Und nicht im wohlwollenden Porträt, das alle Reibungspunkte höflich ausklammert und einen roten Teppich auslegt. Der Sendezeitpunkt ist für mich klar ein Sündenfall des SWR – Wahlkampf garniert mit Klassik, ein unnötiger und ärgerlicher Freundschaftsdienst im OB-Wahlkampf.

Claus Ambrosius